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Wladimir Klitschko
vs.
Sultan Ibragimov
- Der Vorbericht


von Wolfgang Oswald


Boxfreunde, Boxgegner, Boxskeptiker aufgepasst! Man mag es kaum glauben, in der Königsklasse des Berufsboxens findet endlich wieder eine Titelvereinigung statt, das erste Mal seit 1999. „Stahlhammer“ Dr. Wladimir Klitschko (31, Foto) aus der Ukraine und der Russe Sultan Ibragimov (32) haben sich entschlossen, ihre WM-Gürtel der IBF und der WBO am kommenden Wochenende im altehrwürdigen Madison Square Garden von New York aufs Spiel zu setzen. Angesichts dieser historischen Titelzusammenführung können sich hartgesottene Boxkenner wahrscheinlich mit der obligatorisch überschwänglichen, jedoch boxlaienhaften RTL-Berichterstattung die Nacht um die gequälten Ohren schlagen. Diesmal malträtiert von der oberflächlichen Moderation eines Florian König und von verzückten Superstar-Schwärmereien, die Kai Ebel aus dem üblichen Promi-Gesocks herausschleimt. Ganz zu schweigen vom profunden Expertenwissen des Tobias Drews, von dem man dummerweise in den letzten Boxübertragungen nicht mehr viel erkennen konnte und davon, dass die einstige „deutsche“ Antwort auf Michael Buffer nicht als Ringsprecher auftritt, sondern als ausgewiesener Kenner der US-Boxszene, macht Ringpausenwerbung & Co. auch nicht mehr wett. Aber vielleicht gilt für die angesprochene TV-Übertragung ja Ähnliches wie für die anstehende Auseinandersetzung im Ring: Die besten Momente erlebt man meist immer dann, wenn man sie am wenigsten erwartet.

O-Ton Klitschko: „Ich fühle mich noch nicht als Champion. Ich will auch alle Gürtel vereinigen!“

Eine durchaus löbliche Angelegenheit, obwohl bei dieser Auseinandersetzung die beiden WM-Gürtel von unterschiedlichem Wert sind. Ein Gürtel gehört nämlich der WBO, einem Boxverband, für den allein sich früher niemand der großen Schwergewichtschampions besonders interessierte. Aber egal, bei irgendeinem Boxverband (etwas dubios und fragwürdig sind ja alle) muss einmal ein Anfang gemacht werden. Bezeichnend allerdings, dass ausgerechnet der anspruchsvolle IBF-Weltmeister Wladimir Klitschko sich vollmundig auf diese „kleinere“ WM-Zusammenführung stürzt, frei nach dem Motto: Dieser Weg könnte ein leichter sein, nicht zu steinig und schwer, selbst wenn der smarte Boxschönling offiziell natürlich anderer Meinung ist: „Es ist definitiv schwer, gegen Ibragimov zu boxen, denn er ist schlagfertig, aber auch sehr vorsichtig. Meinen ersten WM-Titel errang ich nach Version der WBO. Nun mache ich alles dafür, diesen zurück zu holen. In diesem Kampf entscheidet das Ergebnis, der Sieger bekommt alles. All or nothing, wie die Amerikaner sagen.“

Um alles oder nichts also

Wahrlich pathetische Worte, jedoch bei vier anerkannten Verbänden (WBA, WBC, IBF, WBO) lediglich Hälfte des Ganzen. Aber von den Klitschkos ist man gewohnt, dass sie in jeder x-beliebigen Situation in Superlativen schwelgen. Da ist immer alles größer, bombastischer und noch nie da gewesen. War der legendäre Rocky Marciano schon berühmt für sein Schlagtraining im Wasser, müssen Klitschko & Co. PR-technisch noch einen draufsetzen. Schlagen gegen den Wasserwiderstand reicht ihnen nicht aus, nein, sie gehen sogar auf Tauchstation und machen Unterwasser-Sparring als bestmögliche Vorbereitung für die alles überragende Titelvereinigung. Die Medien und die Groupies schreien: „Verrückt, so was gab’s noch nie!“ Und wieder einmal hat das Team um Klitschko Altbekanntes neu inszeniert und aufgewärmt. Mit dieser Masche bringt man es auch fertig, die Rückeroberung des WBO-Titels in einem strahlenden Licht erscheinen zu lassen. Doch zugegeben, der Autor dieses Artikels verhält sich ähnlich und sucht immer wieder neue Gründe, um den Klitschko-Kult niederzuschreiben. Leider nehmen die Angriffsflächen stetig ab, der Erfolg des Gespanns Klitschko/Steward lässt sich nicht verhehlen.

In der aktuellen Schwergewichtsszene muss man dem polarisierenden Dr. Klitschko sogar ohne Zweifel den „Nummer eins Status“ zugestehen. Er hat sich 2005 gegen den schlagstarken Samuel Peter das Recht auf einen WM-Fight erkämpft, er hat sich 2006 den IBF-Titel gegen Chris Byrd eindrucksvoll zurückgeholt, diesen gegen Ray Austin und Calvin Brock verteidigt und 2007 gegen „Angstgegner“ Lamon Brewster erfolgreich Revanche genommen. In der Tat ist er inzwischen so etwas wie der „einäugige König“ unter vielen „Blinden“ geworden, selbst wenn seine Leistungen im Ring für sich sprechen und wenig Raum für Kritik bieten. Wladimir Klitschko hat in den letzten Jahren bewiesen, dass er mental gereift ist und gefährliche bzw. brenzlige Situationen meistern kann. Dass die Revanche gegen einen ausgebrannten Brewster eigentlich zu spät kam oder den großen Worten nur selten Taten folgen, ist inzwischen nebensächlich geworden.

Denn Fakt ist, der Mann aus der Ukraine verkörpert gegenwärtig den Champion, den es zu schlagen gilt. Daran führt kein Weg vorbei, auch wenn er, sachlich betrachtet, keine alles überragende Lichtgestalt wie einst Joe Louis, Muhammad Ali oder Mike Tyson ist. Sicher, jeder Weltmeister hat(te) seine Fehler, seine Niederlagen, seine dunklen Stellen im Kampfrekord, Klitschko allerdings fehlt sie noch immer, jene eine atemberaubende Ringvorstellung, jene eine spannungsgeladene Ringschlacht, die einen Boxer sozusagen unsterblich macht und auch die letzten Zweifler verstummen lässt. Und ob Sultan Ibragimov dafür der richtige Gegner ist? Jener Ibragimov (auf Foto links), der gegen Klitschkos ehemaliges Opferlamm Ray Austin nur ein Unentschieden schaffte und seine beiden letzten Oldie-Gegner Evander Holyfield und Shannon Briggs (auf Foto rechts) zwar klar nach Punkten besiegte, dabei aber mehr durch clevere Boxtaktik und nüchternes Kalkül glänzte, als durch seine vielgelobte Schlagkraft und Ring-Aggressivität.

Würdige WM oder maues Mismatch?

Trotz einiger Fragezeichen, die hinter Ibragimovs Boxkönnen, seiner Form (er wirkt meist gedrungen bzw. übergewichtig) und seiner Profierfahrung stehen, wäre es ungerecht, ihn zu einem völlig chancenlosen Außenseiter zu degradieren. Immerhin hat er eine solide Amateurboxausbildung genossen und schaffte es 2000 im Olympiafinale, der Boxlegende Felix Savon einen beherzten Fight zu liefern. Außerdem ist er seit 2007 WBO-Weltmeister und konnte mit Siegen über Briggs und Holyfield beweisen, dass er gegen namhafte Kontrahenten und über die Distanz bestehen kann. Sicher, sein Bodenbesuch gegen Austin und die wenig wirklich ansprechenden Gegner im Rekord lassen Zweifel aufkommen, dass seine Fertigkeiten gegen einen Boxer von der Klasse eines Klitschko ausreichen, aber vielleicht macht gerade seine mögliche Unberechenbarkeit einen Reiz der kommenden WM-Vereinigung aus und es entwickelt sich ein interessantes und spannendes Gefecht.

Viele Boxfans meinen ja noch immer, dass es reicht, wenn man Wladimir Klitschko einfach angreift und einmal voll trifft. Sie belegen ihr Halbwissen vor allem aus seinen vorzeitigen Niederlagen gegen Purrity, Sanders und Brewster und vergessen dabei, dass all diese Bezwinger sich ihren Sieg taktisch und boxerisch erarbeitet haben. Gegen den gewieften Purrity powerte sich Klitschko 1998 übermütig aus, überschätzte seine Kräfte und wurde bestraft. Gegen den schnellen Sanders lief er 2003 angespannt ins offene Messer, wurde ausgekontert und abgeschossen. Und gegen Brewster waren es 2004 nicht die vielzitierten bösen Verschwörungsmächte, sondern vor allem das hohe Tempo, die harten Körpertreffer und der psychische Einbruch nach mehreren „Stresssituationen“ im Ring.

Klitschko verlor seine Kämpfe immer dann, wenn er aufgrund verschiedener Aktionen seiner Kontrahenten den Faden verlor, den Überblick. Und diese Schwäche hat er noch immer. Man konnte sie 2006 in der ersten Runde ansatzweise gegen Chris Byrd erkennen, als er verkrampft und steif wirkte. Man sah sie stellenweise gegen Calvin Brock, der Klitschko zeitweise nicht richtig zur Entfaltung kommen ließ und dessen Kampfrhythmus störte. Aber man konnte auch beobachten, dass Klitschko nun diese Schwächeperioden durch variable Gegenmaßnahmen überstehen und bezwingen kann. Entweder er bewegt sich, sucht die Distanz, seine Linie oder er klammert oder schafft es im richtigen Moment ,den passenden Schlag zu finden und sogar zu landen. Ibragimov darf Klitschko also nicht in den Kampf kommen lassen. Wenn der ukrainische Riese von Runde zu Runde sicherer und selbstbewusster wird, scheint er kaum zu schlagen zu sein.

Ein sog. Mismatch liegt darum durchaus in der Luft, wenn man zusätzlich Ibragimovs bislang gezeigte Ringleistungen analysiert und betrachtet. Er stieß schon gegen einen „klug“ boxenden Ray Austin auf seine Grenzen und gegen Briggs zeigte er eine Spur zuviel Respekt und zuwenig Angriffsliebe. Wie will er dann gegen einen Klitschko bestehen, der von der Boxtechnik und der Schlaghärte sicher noch mehr draufzusetzen hat, ganz zu schweigen von seinen körperlichen Vorteilen, was Größe und Reichweite anbelangt?

Von Schlachtplänen und Waterloos

Ein Schlüssel zum Sieg für Ibragimov liegt darin, dass er den IBF-Weltmeister durcheinander bringen und überraschen muss. Wenn Klitschko merkt, dass sein „Boxplan“ nicht aufgeht oder er auf unerwartete Probleme stößt, wird er nervös und verkrampft. Sanders überraschte ihn mit schnellen Aktionen auf der Innenbahn, Brewster im ersten Aufeinandertreffen mit starken Körpertreffern, Willensstärke und Nehmerfähigkeiten. Und Ibragimov macht immerhin den Eindruck, dass er mehr im Tank hat, als seine bisherigen Fights es vermuten lassen. Zumindest waren seine letzten Leistungen irgendwie überraschend und vor allem unterm Strich erfolgreich. Seine gelegentlichen Deckungslücken, Konditionsmängel, Formtiefen und das Unentschieden gegen Ray Austin lassen zwar einen Titanic-Untergang befürchten, doch eindrucksvolle Siege wie gegen Lance Whitaker geben wenigstens den Anlass zur Hoffnung, dass Ibragimov variabel, steigerungsfähig und eben unberechenbar sein kann.

Wie erwähnt, Klitschko ist trotz seiner Ringerfahrung immer noch verwundbar gegen flinke, überfallartige Angriffe. Und er mag es nicht, wenn der Gegner zum Körper arbeitet und mit schnell vorgetragenen Kombinationen kommt. Wenn es Ibragimov gegen Klitschko gelingt, eine Art Mischform aus seinen Leistungen gegen Whitaker und Holyfield aufzubieten, dann steht den Boxfans ein ausgeglichener Kampf bevor. In früheren Begegnungen hat der WBO-Champ zumindest ansatzweise bewiesen, dass er auch Waffen im Arsenal hat, die einem Boxtechniker wie Klitschko nicht schmecken. Dazu gehören zum Beispiel seine Schlaghand auf der Innenbahn, seine Hakenfertigkeit am Mann, seine rasche Distanzüberbrückung, seine Rechtsauslage und seine Konterfähigkeiten. Doch Klitschko hat dazugelernt und schafft es mittlerweile immer besser, so manch gefährliche Situation durch „Halten“, „Drauflegen“ oder „Distanzrückzug“ zu unterbinden. Auch wenn das bei ihm manchmal unbeholfen und steif aussieht, er ist ausgebuffter geworden, seine Mittel sind effektiv und nur das zählt. Der IBF-Champ setzte außerdem in seinen letzten Auseinandersetzungen viel auf die passende Distanzarbeit, seine wirkungsvolle Führhand, sein Taktikverhalten und wusste sogar durch Überraschungsaktionen mit der rechten langen Schlaghand oder dem linken Haken zu gefallen. Gerade hier lassen Ibragimovs Boxtaten einige Schwachstellen erkennen. Bei Angriffen agierte er in der Vergangenheit manchmal zu offen und unbeweglich, er schien anfällig für rechte Konter oder er baute zu wenig Druck auf. Indizien, die für den körperlich stärkeren Klitschko ein gefundenes Fressen darstellen.

Vergessen wir dennoch nicht: Rechtsausleger Ibragimov ist klein, schnell, er hat einen harten Punch, schlägt und arbeitet zeitweise gut zum Körper. Darum erwarten viele von ihm eine hohe Knockoutquote und spektakuläre Siege. Gegen Evander Holyfield und Shannon Briggs fiel er jedoch mehr durch vorsichtiges und taktisches Agieren auf. Er ging kein unnötiges Risiko, boxte mit Bedacht. Es stellt sich die Frage, ob dieses „Sicherheitsboxen“ und „Punktesammeln“ gegen einen Boxer wie Wladimir Klitschko ausreicht, der während seiner gesamten Boxkarriere nur wenig Runden abgeben musste und überhaupt äußerst selten ausgeboxt wurde? Ob es da eine entscheidende Rolle spielt, dass Klitschko als Profi das erste Mal auf einen Gegner trifft, der ebenfalls die „russische“ Amateurboxschule genossen hat? Aber: Der IBF-Champion ist physisch stärker, größer, schnell, technisch sehr versiert und wenn er merkt, dass er sich auf seine Führhand verlassen kann, wird es schwer, mit ihm boxerisch mitzuhalten, geschweige denn ihn über die volle Distanz auszupunkten. Allerdings hat Ibragimov gegen Holyfield gezeigt, dass er weiß, wie man eine Führhand kalt stellen kann. Manchmal vermeidet er sie durch seine Defensivtechnik ganz geschickt und wenn er dann noch eine passende Gegenaktion in die Führhand hineinstarten kann, erlebt der Mann aus der Ukraine vielleicht erneut ein Waterloo. Einige Dinge hat Ibragimov durchaus drauf. Er muss sie halt zwischen den Seilen umsetzen und zeigen. Alles andere liegt dann im Grunde in den Fäusten von Wladimir Klitschko. Er hat zwar boxerisch mehr Mittel, um den Kampf zu gewinnen, aber wenn er mal ins Wanken gerät, dann kann bei ihm schnell alles kippen. Und wenn dieser Fall eintritt, wird sich der IBF-Champion schwer tun, zu seiner Linie zurückzufinden, auch wenn er das beispielsweise gegen Peter noch ganz gut hingekriegt hat.

Trotz der eindeutigen Favoritenrolle von Klitschko: Vielleicht ist der „Hype“ um diese Titelvereinigung doch nicht so aufgebauscht und übertrieben, wie es die Medien und die Berichterstattung gerne Glauben machen. Recht viel langweiliger bzw. einseitiger als die letzten Schwergewichtshauptkämpfe im deutschen Fernsehen kann diese Titelvereinigung auch nicht sein. Denn Ibragimov ist kein Schlechter, er kann boxen, kontern und Klitschkos steile Kampfkarriere hat in der Vergangenheit bekanntlich schon öfter Knicke bekommen. Vielleicht überrascht nicht nur Ibragimov die Boxanhänger, sondern auch RTL mit einer gelungenen und nachträglich doch ansprechenden Fernsehübertragung im ARD-Stil, die ein weiteres Kapitel der Boxgeschichte schreibt. Ausreichend Sprengstoff ist ja vorhanden, wenn sich zwei „Russen“ auf geheiligtem amerikanischen Boxboden bekriegen und Klitschkos Geheimplan lautet nach seinen Aussagen ja immer noch: „So hole ich mir doch alle vier WM-Gürtel!" Für Spannung ist also gesorgt, denn wie sagte einst „Big Brother“ Vitali: „Wir wollen die ersten Brüder sein, die alle vier Schwergewichtstitel zur gleichen Zeit haben!“ Am kommenden Wochenende macht Wladimir also einen weiteren Schritt in Richtung dieses Ziels und wir werden sehen, ob er auf dem Weg nach oben bleibt oder auf der Hälfte abstürzt.
Mittwoch, 20. Februar 2008


 
     

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