Norris kassiert ab - Kovacs bezwingt Diaz vorzeitig
von Jörg Lüdemann
Das Erfreuliche
an diesem Boxabend vorneweg - Istvan
Kovacs ist neuer WBO-Weltmeister im Federgewicht. In einem mitreißenden
und hochklassigen Kampf konnte der Ungar vor 8000 Zuschauern in der ausverkauften
Münchner Rudi-Sedlmayer-Halle seinen Gegner Antonio "Chelo" Diaz
in der zwölften und letzten Runde durch technischen KO bezwingen.
Der Dominikaner
Diaz präsentierte sich gut austrainiert und entschlossen, seine WM-Chance
zu nutzen. Er marschierte konsequent nach vorn und versuchte, das Geschehen
von der Ringmitte aus zu diktieren. Häufig jedoch wurde Diaz mitten in
seinen Aktionen durch einen Haken von Kovacs abgekontert und eine Vielzahl
seiner eigenen Schläge ging durch die schnellen Meidbewegungen des Ungarn
ins Leere.
Kovacs, der
spielerisch um seinen Gegner tanzte und immer wieder erfolgreich mit Kombinationen
(linke Gerade, rechter Haken) durchkam, frustrierte den enorm kampfstarken
und hoch motivierten Dominikaner zunehmend. Daran konnte ihn auch eine
Cutverletzung, die ihm - Zitat Kovacs - Trainer Sdunek nach der vierten
Runde *zugefügt* hatte, nicht hindern. Diaz blieb zwar über
die gesamte Distanz gefährlich, doch mit zunehmender Dauer des Kampfes
wurden seine Aktionen unkoordinierter und eine Menge wilder Schwinger
gingen über den Kopf des Ungarn hinweg.
In der sechsten
und elften Runde bekam Diaz jeweils einen Punkt wegen Tiefschlagens und
Haltens abgezogen. In Runde elf schwandem dem Dominikaner endgültig
die Kräfte und schließlich mußte er zum ersten Mal nach einer
schönen Kombination von Kovacs zu boden. Das gleiche Schicksal ereilte
ihn in der Schlussrunde nach einem linken Haken, den Kovacs präzise am
Kinn seines Gegners platzierte. Diaz kam zwar wieder auf die Beine, war
aber so erschöpft, daß Ringrichter Samuel Viruet das
Duell eine Minute vor dem Ende der zwölften Runde abbrach.
Daraufhin
brach grenzenloser Jubel im Kovacs-Lager und unter den Zuschauern, darunter
1000 Ungarn, aus. Der neue WBO-Weltmeister trat mit seinem 20. Profisieg
die Nachfolge des Briten Naseem Hamed
an, der den WM-Gürtel der WBO im Oktober nach 15 erfolgreichen Titelverteidigungen
niedergelegt hatte. Dabei stellte Kovacs einmal mehr seine hervorragenden
boxerischen Fähigkeiten unter Beweis. Auch in Sachen Schlagkraft
scheint der kleine Ungar zugelegt zu haben - fünf seiner letzten
sechs Kämpfe beendete er vorzeitig. Und zum ersten Mal gelang es
Kovacs, das Publikum und sicherlich auch viele Fernsehzuschauer zu Begeisterungsstürmen
hinzureißen.
Auf
einem Kampf gegen Naseem Hamed sollte der geneigte Boxfan jedoch nicht
allzu sehr hoffen. Dies allerdings nicht, weil Hamed sich vor Kovacs *drückt*
- wie gestern abend ja wieder einmal der Eindruck erweckt werden sollte.
Inzwischen scheint es ja in "Mode gekommen" zu sein, daß
sich amerikanische und britische Weltklasse-Leute vor den Fightern aus
dem Universum-Stall *drücken*. Es wird nicht mehr lange dauern, bis
auch über Lennox Lewis verbreitet wird, er würde vor Wladimir
Klitschko kneifen. Das Schlimme daran ist, daß sich solche hanebüchenen
Aussagen wie ein Lauffeuer über die Medien verbreiten und von der
breiten Masse für wahr genommen werden. Um es noch einmal zu verdeutlichen:
Hamed und die amerikanischen Fernseh-Verantwortlichen haben kein Interesse
an einem Fight gegen Kovacs, da dieser in den USA kaum bekannt ist und
schon gar nicht so etwas wie Popularität genießt. Hamed kann
mit Kämpfen gegen Boxer wie Marco
Antonio Barrera oder Erik
Morales, die sich einen Kampf gegen ihn ohnehin um ein Vielfaches
mehr *verdient* haben, wesentlich mehr Geld und internationales Ansehen
verdienen.
Der eher
unerfreuliche Teil des Abends war der KO-Sieg von Vitali
Klitschko in der ersten Runde über den US-Amerikaner Orlin
Norris. Dabei klingt das Ergebnis von der Papierform her durchaus
beeindruckend - leider trug Norris den Hauptteil zum frühen Ende
des Kampfes bei. Es hatte den Anschein, als sei der Amerikaner nur nach
München gekommen, um sich seine Börse abzuholen. Nach zwei Niederschlägen
ohne sichtbare Schlagwirkung entschied Norris, daß er genug gesehen
hatte und blieb trotz klarem Bewußtsein auf dem Boden. Norris behauptete
später, beim zweiten Niederschlag im Nacken getroffen worden zu sein.
Zudem war zu hören, daß der Box-Veteran im Vorfeld gesundheitliche
Probleme hatte, was jedoch vom Ringarzt nicht bestätigt werden konnte.
Fast zwangsläufig wurden Erinnerungen an Norris' letzten Kampf gegen
Mike Tyson wach, als er ebenfalls
die Möglichkeit zu einem frühzeitigen Ausstieg nutzte.
"Unter
aller Sau", bezeichnete Ex-Profi Axel Schulz gegenüber Premiere
World die Vorstellung des 35-Jährigen, womit er den Nagel auf den Kopf
traf. An dieser Stelle dem Universum-Camp einen Vorwurf zu machen, wäre
allerdings völlig ungerechtfertigt. Niemand konnte ahnen, daß
Orlin Norris anscheinend mit seiner Profi-Karriere weitestgehend abgeschlossen
hat. Mit dieser Vorstellung dürfte es der Veteran jedenfalls schwer
haben, noch ein weiteres Mal als ernsthafter Gegner verpflichtet zu werden.
Fakt ist, daß dieser Mann sicherlich zu einer besseren Leistung
als am gestrigen Abend fähig ist.
Die Zuschauer
quittierten das unwürdige Ende mit lautstarken Buhrufen. Als Norris
den Ring fast fluchtartig verließ, wurde er mit Bierbechern und
anderen Dingen beworfen. Vitali Klitschko zeigte sich nach dem Kampf sehr
unglücklich über den Ausgang: "Ich hatte kein Weihnachtsfest. Ich habe
mich hart vorbereitet, weil ich von Norris wusste dass er ein starker
Gegner ist. Meiner Meinung nach hat er gekniffen...". Man kann den
Ukrainer in diesem Fall nur bemitleiden, denn daß auf zwei eher
schwache Vorstellungen nun die dritte Enttäuschung folgte, dafür
kann Vitali Klitschko selbst wohl am wenigsten. Er konnte nichts beweisen
und sollte nun nach einer kurzen Ruhephase schnellstmöglich wieder
in den Ring steigen.
Im zweiten
WM-Kampf des Abends verteidigte Daisy
Lang ihren Titel im Juniorbantamgewicht durch einen Punktsieg
über zehn Runden gegen die starke Französin Nadia Debras. Nach
zehn Runden und einem aktionsreichen Kampf erklärten die Punktrichter
Lang mit 96:94, 98:93 und 99:92 zur Siegerin. Dieses Ergebnis wurde von
Beobachtern am Ring als deutlich zu hoch eingeschätzt. Mittelgewichtler
Felix Sturm alias Adnan Catic feierte ein erfolgreiches
Profidebut. Er schlug Antonio Ribeiro aus Angola über vier Runden deutlich
nach Punkten. Im Vorprogramm besiegte Halbschwergewichtler Stipe Drews
den Ungarn Tamas Elekes durch Abbruch nach vier Runden. Schwergewichtler
Balu Sauer hatte gegen den zuvor in 13 Kämpfen ungeschlagenen
Adewale Abe aus Nigeria leichtes Spiel. Nach einer Runde gab sein
Gegner wegen einer Augenverletzung auf. Der Ungar Zsolt Erdei bezwang
den US-Amerikaner Dennis McKinney über vier Runden nach Punkten.
In einem hoch attraktiven Kampf zermürbte der Münchner Lokalmatador
Levent Cukur den Berliner Marcel Kemnitz und gewann den Internationalen
Deutschen Meistertitel im Leichtgewicht.
SAT1
zeigt heute in "Ran am Ring" von 18:05 - 19:00 Uhr eine ausführliche
Zusammenfassung des Kampfabends.
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