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Krasniqi bezwingt Monse knapp nach Punkten, Grigorian bleibt Weltmeister
von Jörg Lüdemann



Luan Krasniqi und Rene Monse (Foto) lieferten sich vor rund 6000 Zuschauern in der Magdeburger Bördelandhalle einen dramatischen und teils hochklassigen Kampf um den vakanten EM-Titel im Schwergewicht. Der 30-jährige Krasniqi behielt nach 12 Runden knapp nach Punkten die Oberhand und wurde damit Deutschlands erster Europameister im Schwergewicht seit 30 Jahren. Der letzte deutsche Titelträger war der Hamburger Jürgen Blin, der im Juni 1972 den Spanier Jose Manuel Urtain nach Punkten bezwang.

Der im Kosovo geborene und in Deutschland aufgewachsene Modellathlet Krasniqi hatte gegen den 33-jährigen Lokalmatadoren Monse allerdings mehr Mühe als erwartet und vermochte gegen seinen ersten Gegner von internationalem Format kaum zu überzeugen. Ganz offensichtlich hatte Krasniqi den ehemaligen deutschen Meister, gegen den er als Amateur zweimal gewonnen und einmal verloren hatte, völlig unterschätzt. Der exzellente Techniker aus Rottweil schien von Anfang an nur auf den entscheidenden Einzelschlag zu warten, vernachlässigte dabei seine Deckung und wirkte nervös und verkrampft.

Monse agierte aus einer sicheren Deckung heraus und war mit seiner linken Schlaghand stets brandgefährlich. Eine linke Gerade des Magdeburgers schickte Krasniqi dann in der zweiten Runde sogar kurzzeitig auf die Bretter. Der Deutsche erholte sich von dem Niederschlag jedoch schnell, ehe es in die Rundenpause ging. In den folgenden Runden agierte Krasniqi teilweise ungestüm im Vorwärtsgang und enttäuschte mit seiner Zögerlichkeit und Passivität zu Beginn jeder Runde. Zudem schluckte er in regelmässigen Abständen die Haken von Monse, der für seine Verhältnisse recht offensiv agierte.

Lediglich in der letzten Minute jeder Runde drehte Krasniqi auf und landete dabei zahlreiche Treffer, insbesondere seine lehrbuchhaften Aufwärtshaken. Monse absorbierte diese Schläge jedoch ohne sichtbare Wirkung und blieb mit seinen Kontern gefährlich, weil Krasniqi seine eigenen Attacken meist deckungslos, teilweise fast überheblich durchführte. In den weiteren Rundenpausen ließ sein Trainer Michael Timm eine Standpauke auf die nächste folgen, bis Krasniqi den Kampf zunehmend in den Griff bekam. "Ich musste Luan wach rütteln, denn Monse hatte nach Punkten geführt," berichtete der sichtlich erschöpfte Coach später.

Letztlich war die Kampf-Entscheidung eine Frage der besseren Kondition. Rene Monse, der deutlich abgespeckt hatte, wirkte ab der zweiten Kampfeshälfte erschöpfter und baute in den letzten drei Runden immer deutlicher ab. Krasniqi gestaltete die Durchgänge jetzt klarer für sich, insbesondere seine Aufwärtshaken setzten dem Magdeburger zu. Doch Monse ging bis ans Limit und wehrte sich nach besten Kräften. Mit 115:112, 115:113 und 114:114 Punkten setzte sich Krasniqi am Ende knapp, aber letztlich verdient durch.

Die Boxingpress-Scorecard
Runden
Krasniqi
Monse
1
9
10
2
8
10
3
10
9
4
10
9
5
9
10
6
9
10
7
10
9
8
10
9
9
10
9
10
10
9
11
10
9
12
10
9
Gesamt
115
112

"Ich bin froh, dass ich noch gewonnen habe. Diese Leistung hatte ich Rene Monse nicht zugetraut," sagte Krasniqi nach dem Kampf. In der Tat schien der 30-Jährige mit einer gehörigen Portion Überheblichkeit in den Ring gestiegen zu sein. Auch während der späteren Runden liess sich Krasniqi zu arroganten Gesten im Ring gegenüber Monse hinreißen, die angesichts seiner eher mässigen Leistung nicht nur unsportlich, sondern auch völlig überflüssig waren. Die Deckung des "best kept secret" im Schwergewicht (laut Ring Magazine) war erschreckend schwach, seine Führhand setzte Krasniqi fast überhaupt nicht ein und gegen die solide Deckung Monse's wirkte der neue Europameister größtenteils ideenlos. Um in einem WM-Kampf bestehen zu können, werden der Rottweiler und sein Trainer Michael Timm noch eine Menge Arbeit vor sich haben.

Monse, dem man eine solche Leistung nach seinen teils schmeichelhaften Siegen in den letzten Jahren nicht zugetraut hatte, zeigte sich als fairer Verlierer: "Das Urteil geht in Ordnung. In den letzten drei Runden habe ich den Kampf verloren." Sein Trainer Werner Kirsch bemängelte, dass Rene nicht entschlossen nachgesetzt habe. "Aber er hat sich ein Rematch verdient," meinte Kirsch, der seinen Schützling "noch nie so stark gesehen" hatte.

Krasniqis Manager Klaus-Peter Kohl stellte dem Verlierer dann auch einen Revanche-Kampf in Aussicht und erteilte Timo Hoffmann, der als nächster Herausforderer gehandelt wird, für einen EM-Fight gegen den neuen Titelträger vorerst eine Absage: "Er hat sich mit seinen abwertenden Äußerungen über die beiden EM-Fighter erst einmal selbst disqualifiziert." Monse will erst nach einem längeren Urlaub entscheiden, ob er das Angebot annimmt. "Ich werde ihn dazu überreden," sagt Trainer Kirsch.

Der zweite Hauptkampf des Abends verlief sehr einseitig. Der in Hamburg lebende usbekische WBO-Weltmeister Artur Grigorian hatte es bei seiner 15. Titelverteidigung im Leichtgewicht mit dem 31-jährigen Mexikaner Rocky Martinez zu tun. Letzterer bewies zwar Kämpferherz und steckte auch reihenweise harte Schläge weg, doch schon nach kurzer Zeit war offensichtlich, dass Martinez rein gar nichts in einem WM-Kampf zu suchen hatte.

Für den das dritte Mal einen Anlauf auf einen WM-Titel startenden Martinez begann der Kampf denkbar schlecht. Bereits ab der 2. Runde behinderte den Boxer aus Acapulco ein Cut über dem rechten Auge. Der sehr bewegliche Grigorian war ihm in jederlei Hinsicht überlegen und zeigte sein ganzes boxerisches Können, weil der Herausforderer über keinerlei Gegenmittel verfügte. Ein genauer Blick in den Kampfrekord des Mexikaners offenbart, dass er seine bis dato fünf Niederlagen allesamt gegen Klasse-Gegner bezog - seine 36 Siege hingegen entstanden fast ausschließlich gegen ausgesuchte Verlierer. Wirklich mehr als schleierhaft, was diesen Mann für einen WM-Kampf qualifiziert hatte.

Nach einer Reihe von klaren Treffern in der 8. Runde brach Ringrichter Paul Thomas den Kampf ab. Verfrüht aus Sicht der meisten Beobachter, denn Martinez war weder angeschlagen, noch hätte ihn die Cut-Verletzung derartig behindert bzw. gefährdet. Der Herausforderer war bis dahin zwar chancenlos, doch gerade für einen Mexikaner ist es nicht unüblich, eine Reihe von Treffern zu kassieren, um am Ende doch noch den entscheidenden Schlag anbringen zu können. Doch dazu wäre es aller Wahrscheinlichkeit nach auch in den verbleibenden vier Runden nicht mehr gekommen, zu drückend war die Überlegenheit des Weltmeisters. "Zwei Jahre kann ich bestimmt noch auf diesem Niveau boxen. Erst dann werde ich zurücktreten," sagte der 34-jährige Grigorian nach dem Kampf.

Die weiteren Ergebnisse des Abends: Andreas Kotelnik TKO2 Vlado Varheghyi (Leichtgewicht), Konstantin Onofrei KO4 Daniel Jerling (Schwergewicht), Bert Schenk TKO3 Stefan Stanko (Mittelgewicht), Malik Dziarra KO5 Justin Ganiza, Robert Stieglitz TKO2 Terence Paliso, Lukas Konecny W6 Ashley Calvin, Dirk Dzemski KO2 Gabor Balogh

 

 
     

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