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Rahman entthront Lewis!
von Jörg Lüdemann

"Im Nachhinein sagten viele, daß der Champion es selbst herausgefordert habe. Es sollte sozusagen eine Titelverteidigung unter vielen werden, eine Show im Ausland, leicht verdientes Geld. Der Gegner - ein krasser Außenseiter, kein schlechter Mann, aber jemand, der unter normalen Umständen niemals eine Chance gegen den Besten von allen haben würde. In solchen Situationen fällt es in der Tat schwer, sich als unbestrittener Schwergewichtsweltmeister auf seine Vorbereitung zu konzentrieren, anstatt sich den angenehmeren und verlockenderen Dingen des Lebens zu widmen. Doch nur kurze Zeit später muß sich der entthronte Champion eingestehen, daß er selbst seine Krone und einige gute Zahltage leichtfertig verschenkt hat, daß seine Karriere eine schmerzhafte und unerwartete Wendung genommen hat, für die er nur sich allein Vorwürfe machen kann.

Genau dies geschah vor mehr als 10 Jahren, als der von vielen für unbesiegbar gehaltene Mike Tyson gegen den 42:1-Außenseiter James "Buster" Douglas vorzeitig verlor."

So begann der Boxingpress-Vorbericht zu Lewis/Rahman. Doch die Redaktion gestand Lennox Lewis, dem 36-jährigen Weltmeister, zu, daß er nicht den gleichen Fehler wie damals Mike Tyson begehen würde. Schließlich hatte Lewis selbst vor Jahren gegen Oliver McCall eine solch schmerzhafte Erfahrung gemacht. Doch die Überheblichkeit, mit der Lewis an seine Titelverteidigung gegen den amerikanischen Herausforderer Hasim Rahman heranging, sollte sich mehr als rächen...

Am Sonntagmorgen hat Rahman in Johannesburg den britischen Weltmeister entthront. Der 20:1-Außenseiter schlug den 36-jährigen Titelverteidiger sensationell nach 2:32 Minuten der fünften Runde KO. Rahman ist damit neuer Doppel-Weltmeister im Schwergewicht und wurde von den afrikanischen Fans frenetisch bejubelt. "Es war nicht zu fassen, unbeschreibbar," strahlte Rahman. "Lennox war ein großer Weltmeister, aber alle guten Dinge haben irgendwann ein Ende." Der Weltmeister ist seine Gürtel los.

Dabei sah es zu Beginn des Kampfes gar nicht einmal nach einer "Sensation" aus. Rahman zeigte sich, entgegen seiner Ankündigungen im Vorfeld, sehr zurückhaltend und mit sichtbarem Respekt vor der Schlagkraft des Weltmeisters. Seinen Jab, mit dem er Lewis "ausboxen" wollte, brachte er immer wieder nur als Doublette zum Körper. Das freilich beeindruckte Lewis kaum. Er versuchte, das richtige Distanzgefühl zu bekommen und seine schwere rechte Schlaghand ins Ziel zu bringen.

In der zweiten Runde hatte Lewis das Heft bereits in die Hand genommen und war der deutlich aktivere Mann. Der Brite konnte Rahman scheinbar mühelos kontrollieren, doch wenige Beobachter erkannten bereits hier, daß Lewis schwer zu atmen begann. Die darauffolgende Runde gestaltete Rahman wieder offener und suchte vermehrt die Halbdistanz, um dort den Weltmeister mit linken und rechten Haken einzudecken. Stellenweise gelangen dem US-Boy bereits hier einige Treffer. Lewis versuchte seinerseits, den Herausforderer mit Aufwärtshaken abzufangen, doch hatte damit wenig Erfolg. Am Ende der dritten Runde schlug der Brite eine schöne Kombination zu Körper und Kopf von Rahman, der kurz beeindruckt schien, doch vom anschließenden Pausengong vor einem Nachsetzen des Weltmeisters verschont wurde.

Die vierte Runde lieferte bereits deutlichere Anzeichen dafür, daß es kein leichter Abend für Lewis werden sollte. Rahman boxte immer flüssiger und hatte weiterhin Erfolg, wenn er in die Halbdistanz kam. Lewis quittierte diese Treffer mit der ihm angeborenen Lässigkeit, konnte jedoch selbst immer weniger Hände ins Ziel bringen. Diese Runde ging als erste an den Herausforderer, von dem man nun den Eindruck hatte, daß ihn die enorme körperliche Präsenz von Lewis nicht mehr zu bekümmern schien.

In der fünften Runde des "Donners von Afrika" schlug schließlich der Blitz ein. Nach einem zunächst unveränderten Kampfbild landete Rahman eine schwere Rechts-Links-Kombination am Kinn des Weltmeisters, der daraufhin leicht angeschlagen wirkte. Rahman entging dies jedoch, zeigte er doch hatte keine Absicht, direkt nachzusetzen. Wenig später traf Rahman den Weltmeister mit mehreren aufeinanderfolgenden Führhänden. Der nach etwas Erholung suchende Lewis blieb daraufhin an den Seilen stehen und lächelte Rahman höhnisch an, als dieser eine fürchterliche Rechte abfeuerte. Der Schlag traf bei Lewis voll ins Schwarze, sein Lächeln gefror. Der Weltmeister sackte schwer zu Boden und sein Hinterkopf schlug hart auf der Ringmatte auf. Zu keinem Zeitpunkt wirkte Lewis so, als ob er sich von diesem Niederschlag erholen könnte. Ringrichter Daniel van de Wiele brach daraufhin den Kampf zu Recht ab.

Damit war die Sensation perfekt. Hasim Rahman erhielt den verdienten Lohn für die sicherlich härteste Vorbereitung seiner Profi-Karriere. Sein Mut und seine Gewissenhaftigkeit, mit der er in seinen ersten Titelkampf ging, zahlten sich im wahrsten Sinne des Wortes doppelt aus. Ihm dürfte zumindest ein weiterer großer Zahltag bevorstehen. Der überglückliche Rahman sagte im Post-Fight-Interview: "Ich wusste immer, dass ich diesen Kampf gewinnen kann. Ich war zu keinem Zeitpunkt nervös - niemals! Jetzt bin ich der Champion. Ich habe alles in diesen einen Schlag gelegt, Allah hat meine Gebete erhört. Kein Lewis gegen Tyson. Jetzt kämpfe ich gegen Mike Tyson. Auch Lewis bekommt sein Rematch, er ist noch immer ein großer Champion."

Dieses vertraglich zugesicherte Rematch wird auch Lennox Lewis kaum erwarten können. Auch wenn damit die anvisierten "Big Fights" gegen Mike Tyson oder Wladimir Klitschko für den Briten in weite Ferne gerückt sein dürften. Ganz besonders dürfte sich darüber der junge Ukrainer ärgern, der wohl so nah wie noch nie (und vielleicht auch nie wieder) vor einem Duell mit Lewis stand. "Nun können wir uns unseren nächsten Kampf aussuchen", freute sich Rahmans Trainer Stan Hoffman nach dem Coup. Sein Schützling forderte die Box-Welt heraus: "Ich kämpfe gegen Lewis, Tyson, die Klitschkos, wen auch immer. Ein zweiter Kampf gegen Lewis wird genauso ausgehen wie dieser."

Im Nachhinein führte der geschlagene Weltmeister den Kampfausgang einzig auf einen "lucky punch" zurück. Seine überhebliche Vorbereitung habe keinen Einfluss auf die Niederlage gehabt: "So ist eben Schwergewichts-Boxen. Sein Schlag kam voll durch, ich nicht mehr rechtzeitig hoch - so einfach ist das. Es war eine starke Rechte, und ich stand in dem Moment mit dem Rücken zu den Seilen. Ich habe mich eigentlich gut gefühlt im Kampf. Aber ich habe nicht getroffen und er dagegen schon - fertig! Ich will das Rematch und dann liegt Rahman auf dem Boden!" so Lewis.

Damit verliert die britische Boxszene nun schon den zweiten, als unschlagbar geltenden Weltmeister in ihren Reihen. Nach der klaren Niederlage von Naseem Hamed und dem Desaster von Südafrika richten sich nun die Blicke gespannt nach Cardiff. Am kommenden Samstag verteidigt dort Joe Calzaghe seinen WBO-Titel gegen Mario Veit. Letzterem gestehen auch die wenigsten Experten eine nennenswerte Siegchance zu, doch in dieser Zeit scheint fast alles möglich. Insbesondere, weil Calzaghe's Promoter Frank Warren eine katastrophale Bilanz gegen in Deutschland promotete Boxer vorzuweisen hat.

Doch zurück ins Schwergewicht, das seit den Ereignissen der heutigen Nacht eine selten gesehene Titelsituation aufweist: Mit John Ruiz und Hasim Rahman halten zwei Boxer drei Gürtel inne, die bisher im internationalen Vergleich mit viel Wohlwollen unter die besten zehn Schwergewichtler einzustufen waren. Erinnerungen an die lange Durststrecke nach der Regentschaft von Larry Holmes Mitte der 80er Jahre werden wach, als sich reihenweise Boxer wie Tim Witherspoon, Pinklon Thomas, Trevor Berbick, Gerrie Coetzee, Greg Page, Michael Dokes, Tony Tubbs, James Smith oder Tony Tucker den WM-Gürtel umlegen durften.

Gehört auch Hasim Rahman in diese Kategorie? In den vergangenen Jahren galt der US-Boy als talentierter Boxer mit einem erheblichen Phlegma, daß ihm mehrfach zum Verhängnis wurde. Kann sich Rahman nur für einen Gegner vom Format eines Lennox Lewis motivieren und entsprechend vorbereiten? Wird er seinen Triumph besser verarbeiten als James Douglas, der sich wenige Monate nach dem Sieg über Tyson als verfetteter Weltmeister von Evander Holyfield ausknocken ließ? Die nächsten Monate (vielleicht auch Jahre) werden es zeigen...

 

 
     

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