Die
letzte Chance
des Markus Beyer...
von Jörg Lüdemann
Am
kommenden Samstag (live in der ARD ab 22:25 Uhr) will Markus
Beyer (BP-Nr.14) den Versuch unternehmen, "seinen"
WBC-Weltmeister-Gürtel im Supermittelgewicht zurückzuholen,
den er vor knapp drei Jahren an den Briten Glenn
Catley verlor. Sein Gegner in der ARENA Leipzig ist der amtierende
Champion Eric
Lucas (BP-Nr.3) aus Kanada, ein sehr kompletter Boxer ohne
erkennbare Schwächen. Offenbar eine kaum lösbare Aufgabe für
den Mann aus Erlabrunn.
Wie
Beyer an diese erneute WM-Chance gekommen ist, scheint fragwürdig.
Der gebürtige Erlabrunner hat seit seinem Titelverlust im Jahr 2000
keinen Gegner von internationaler Bedeutung mehr bezwungen. Gegen viele
seiner Aufbaugegner konnte der psychisch als labil geltende 31-Jährige
nur streckenweise überzeugen. Selbst sein beim WBC an Platz drei
geführte Stallkollege Danilo
Häußler konnte in diesem Zeitraum stärkere Gegner besiegen,
inklusive seiner zwei Erfolge über Beyer-Bezwinger Glenn Catley.
Auch die hinter Beyer geführten Antwun
Echols, Omar
Sheika oder Charles
Brewer haben sich für einen WM-Kampf sportlich weitaus
mehr qualifiziert, als der Deutsche.
Doch
das Supermittelgewicht ist jenseits der Top5 derzeit schwach besetzt und
so ist es Beyer scheinbar u.a. gelungen, von den Niederlagen seiner Konkurrenten
zu profitieren. Und als Ex-Weltmeister eilt dem symphatischen Supermittelgewichtler
international noch immer ein guter Ruf voraus. Diesen guten Ruf und die
Tatsache, dass er würdig ist, diesen WM-Kampf zu bestreiten, muss
der Deutsche am Samstag in Leipzig bestätigen. Seit seinem überraschenden
Titelgewinn gegen Richie
Woodhall
in England weiß man jedoch über Markus Beyer, dass dieser an
seinen Aufgaben wachsen kann.
Damals
hatte niemand den Deutschen im englischen Telford auf der Rechnung gehabt.
Zu durchwachsen waren seine vorherigen Leistungen im Ring gewesen. Beyer
hatte gegen unterlegene Gegner oft lethargisch im Ring gewirkt, zögerlich,
ohne den bedingungslosen Siegeswillen. Nicht so jedoch gegen WBC-Champ
Woodhall. Dem Herausforderer Beyer schien die Rolle des Außenseiters
wie auf den Leib geschnitten zu sein. In der "Höhle des Löwen",
einer mit Tausenden Woodhall-Fans prall gefüllten Halle, behielt
Beyer kühlen Kopf und schickte seinen Gegner in den ersten drei Runden
gleich dreimal zu Boden. Am Ende fehlte dem Wegner-Schützling dann
zwar die Luft, doch Beyer rettete sich über die Distanz und durfte
sich zur Belohnung verdientermaßen den WM-Gürtel umlegen.
Bereits
drei Monate später bezwang der frisch gebackene Weltmeister seinen
ersten Herausforderer Leif Keiski durch KO in Runde sieben. Doch
bereits bei dieser ersten Titelverteidigung fiel Beyer zeitweise wieder
in sein altbekanntes Phlegma zurück, agierte zu passiv, kassierte
zu viele klare Treffer. Dank seiner effektiven Körperhaken konnte
Beyer seinen Gegner schließlich aber in die Knie zwingen, was manchen
Reporter sogar zu Superlativen a la "Markus Beyer ist der beste
Konterboxer der Welt" veranlasste...
In
der darauffolgenden Pflichtverteidigung geschah dann das beinahe Unvermeidliche:
Ein sichtlich verkrampfter Beyer fand nie richtig in den Kampf, kassierte
viele klare Treffer und mühte sich mit seinem Gegner, dem Briten
Glenn Catley. Als es in die alles entscheidende zwölfte Runde ging
- je ein Punktrichter hatte den Weltmeister und den Herausforderer vorne
gesehen, der dritte bis zu diesem Zeitpunkt unentschieden gewertet - verlor
Beyer seinen WM-Gürtel in einem Zusammenspiel aus Erschöpfung,
Konzentrationsmangel und Leichtsinnigkeit. Beim Versuch, einen seiner
gefürchteten Leberhaken anzubringen, fing sich der Erlabrunner eine
knallharte Rechte Catleys ein, von der getroffen er schwer zu Boden ging.
Kurz darauf wurde der Kampf abgebrochen. Beyer
war körperlich und mental am Boden, musste behutsam wieder aufgebaut
werden.
Drei
Jahre später ähneln die Voraussetzungen von Leipzig in mancherlei
Hinsicht denen von Telford. Kaum jemand erwartet einen Sieg von Markus
Beyer gegen den hoch eingeschätzten Weltmeister Lucas - wie einst
gegen Richie Woodhall. Beyer hat in seinen vergangenen Aufbaukämpfen
selten geglänzt - wie schon vor einigen Jahren, bevor es zu seiner
Leistungs-Explosion kam. Doch dieses Mal kämpft der Deutsche vor
heimischen Publikum, muss mit dieser Drucksituation zurecht kommen. Des
weiteren ist es seine wohl letzte Chance auf den WM-Titel. Mit 31 Jahren
dürfte die Zeit knapp werden für einen weiteren Anlauf.
Eric
Lucas allerdings ist ein internationaler Klassemann. Seit seinem überzeugenden
KO-Erfolg über Catley im Jahr 2001 hat sich der Kanadier von Kampf
zu Kampf gesteigert und kaum mehr Schwächen gezeigt. Schon zuvor
hatte sich Lucas schon mit starken Gegnern wie Antwun
Echols oder Roy
Jones im Ring gemessen. Aber erst seine WM-Erfolge über
die Ex-Weltmeister Dingaan
Thobela und Vinny
Pazienza, vor allem aber über den brandgefährlichen
Omar
Sheika, katapultierten den von einigen Boxexperten bereits
abgeschriebenen Lucas in die Weltspitze im Supermittelgewicht.
Dabei
beeindruckte der 31-Jährige vor allem durch seine Konstanz, seine
taktische Vielseitigkeit und seinen kaum zu brechenden Kampfeswillen.
Lucas kann sowohl im Rückwärtsgang, als auch im Infight punkten,
schlägt
gefährliche linke und rechte Seitwärtshaken und eine solide linke Führhand.
Außerdem verfügt der Kanadier über ein gutes Auge für
die Deckungslücken seiner Gegner, in die er gezielt seine Haken setzt.
Lucas agiert in jedem Kampf sehr diszipliniert und zermürbt seine
Gegner mit zunehmender Kampfdauer. Dabei mangelt es ihm zwar an der absoluten
Knockout-Power, er kompensiert dies jedoch durch seine boxerische Klasse
und die Präzision in seinen Angriffen. Um das gute Bild perfekt zu
machen, ist Lucas zudem schwer zu treffen, verfügt über eine
stabile Deckung, gute Reflexe und Meidbewegungen.
Kurzum:
Der Weltmeister bietet augenscheinlich wenig negative Ansatzpunkte für
Markus Beyer und seinen gewieften Coach Ulli Wegner. Eric Lucas
muss als klarer Favorit in diesem Kampf gelten. Dennoch könnte Beyer
den Champion vor einige Aufgaben stellen, die dieser in seinen bisherigen
Titelverteidigungen noch nicht lösen musste. Denn betrachtet man
die Gegnerschaft von Lucas seit seinem Titelgewinn, so fällt auf,
dass der Kanadier ausschließlich gegen sehr offensiv orientierte
Gegner angetreten ist und gewonnen hat. Catley, Thobela, Pazienza und
Sheika sind Repräsentanten eines typischen Brawler-Stils, der dem
Konterboxer Lucas offensichtlich zu liegen scheint. Inwieweit der Weltmeister
mit einem Gegner wie Beyer zurecht kommt, der selbst eher abwartend agiert
und als Konterboxer einzustufen ist, bleibt abzuwarten.
Hinzu
kommt die unbequeme Rechtsauslage des Deutschen. Eric Lucas hat in seiner
gesamten Karriere, die immerhin bereits zwölf Jahre andauert, keinen
einzigen starken Rechtsausleger geboxt. Wladimir Klitschko weiß
seit kurzem ein Lied davon zu singen. Das Überraschungsmoment könnte
hier auf Seiten des Außenseiters Markus Beyer liegen. In jedem Fall
hält dieser Kampf dadurch einige spannende Fragen bereit...
Dennoch
geht die BoxingPress-Redaktion von einem Erfolg des kanadischen Weltmeisters
Eric Lucas aus, womöglich sogar vorzeitig in der zweiten Kampfeshälfte.
Basierend auf den konstant guten Leistungen des Weltmeisters in den vergangenen
zwei Jahren und den im Vergleich dazu wenig aussagekräftigen Auftritten
von Markus Beyer in der jüngsten Vergangenheit, erscheint dieser
Kampfausgang am wahrscheinlichsten. Dabei könnte der Deutsche insbesondere
in der ersten Kampfeshälfte in der Lage sein, das Duell überraschend
offen zu gestalten und eine ansprechende Leistung zu bieten. Nach hinten
heraus dürften jedoch die bekannten Konditions- und Konzentrationsschwächen
Beyers und die boxerische Klasse des Weltmeisters den Ausschlag zugunsten
von Lucas geben.
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