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Markus Beyer holt sich den WM-Titel zurück
von Jörg Lüdemann


Markus Beyer (Foto, BP-Nr.14) ist wieder WBC-Weltmeister im Super-Mittelgewicht. Der 31-Jährige gewann am Samstag in der ARENA in Leipzig vor 6.000 Zuschauern gegen den bisherigen Titelträger Eric Lucas (BP-Nr.3) aus Kanada knapp und umstritten nach Punkten. Am Ende des WM-Kampfes hatten zwei der drei Punktrichter den Herausforderer knapp vorne. Franco Ciminale aus Italien und Chuck Hassett aus den USA werteten mit 116:113 für den Schützling von Coach Ulli Wegner. Der dritte Wertungsrichter John Keane aus England hatte den Kanadier mit 115:114 als Sieger gesehen. Damit holte sich Beyer den WM-Gürtel knapp drei Jahre nach seiner Niederlage gegen den Briten Glenn Catley und dem damit verbundenen Titelverlust wieder zurück. "Die Wertigkeit des Sieges ist höher als bei meinem ersten Titelgewinn. Den WM-Gürtel nach so langer Zeit zurück zu holen, ist wirklich einmalig," sagte der siegreiche Athlet nach seinem Erfolg.

Nach einem starken Beginn in den ersten zwei Runden enttäuschte der hoch eingeschätzte Lucas zunehmend durch viele Schläge ins Leere und seine Einfallslosigkeit gegen die Beweglichkeit und die Rechtsauslage seines Gegners. Lucas war zwar stets der aktivere Mann im Ring, doch Beyer hatte sich gut auf den Kanadier eingestellt und parierte mit zunehmender Kampfesdauer fast alle Angriffe des Weltmeisters erfolgreich. Selbst trug der Deutsche jedoch zu wenig Aktionen vor und agierte insgesamt zu passiv.

Viele Runden waren aus diesem Grund schwer zu werten. Klar an Lucas gingen die Runden eins, zwei und zehn. Beyer konnte die Durchgänge fünf, sieben und elf für sich entscheiden. Die restlichen Runden waren geprägt von dem sehr diffizil zu bewertenden Kampfbild. Lucas befand sich fast immer im Vorwärtsgang und schlug viel, traf dabei jedoch wenig. Der Kanadier fand kaum ein Mittel, um klare Treffer bei Beyer anzubringen. Der Deutsche feuerte zwar bestenfalls ein Drittel der Schläge von Lucas ab, traf in einigen knappen Runden aber häufiger und klarer als der Weltmeister.

Letztlich war es eine Geschmacksfrage der Punktrichter, ob sie die Aggressivität ohne durchschlagenden Erfolg des Weltmeisters oder die Defensivkunst mit vereinzelten Nadelstichen des Herausforderers höher schätzten. Die Deutlichkeit der zwei Wertungen für Beyer mit 116:113 Punkten muss hier jedoch als Fehlurteil bezeichnet werden, denn in diesem Fall vergaben die beiden Punktrichter, neben einer unentschiedenen Runde, von den verbleibenden fünf knappen Runden satte vier an Beyer. Derart deutlich hatte der Deutsche diese engen Durchgänge nicht für sich entscheiden können. Bestenfalls ein 115:114 für Beyer wäre vertretbar gewesen.

Angesichts der Begleitumstände bleibt jedoch ein fader Beigeschmack des Urteils. Es wirkt so, als hätten die Kampfrichter den WM-Bonus des Weltmeisters beinahe gar nicht berücksichtigt. Von einem Herausforderer wird seit Jahrzehnten im Berufsboxen erwartet, sich den Titel zu "erkämpfen", den unbedingten Siegeswillen zu zeigen. Er muss den Titel sichtbar "wollen" und mehr Aktionen bringen, als dies Beyer getan hat. Viele ausländische Herausforderer, die in den letzten Jahren in Deutschland so wie Beyer in Leipzig agierten, wurden hierzulande schon mit deutlichen Punktniederlagen abgefertigt. Diese Tatsache wird von einer Art "Heimbonus" für Beyer nicht aufgewogen. Denn ein solcher dient lediglich dazu, dem heimischen Boxer durch die Anfeuerung des Publikums einen mentalen Vorteil zu verschaffen; nicht aber, um die Punktrichter zu beeinflussen.

"Das war keine faire Entscheidung, wir fühlen uns betrogen und werden Protest einlegen," teilte Lucas' Manager Yvon Michel auf der nächtlichen Pressekonferenz in Leipzig mit. Als Begründung nannte Michel die Tatsache, dass Beyers Team schon während des Kampfes Informationen über den Punktestand erhalten habe. So war in den Rundenpausen in der Beyer-Ecke deutlich zu vernehmen, wie Betreuer Hako Sevecke seinem Schützling die aktuellen Wertungen der Punktrichter mitteilte. Eine Unsitte, denn nicht umsonst sollen diese Wertungen bis zur Urteilsverkündung geheim bleiben. Denn während Beyer davon profitierte, die aktuellen Punktestände zu kennen und seine Taktik danach ausrichten zu können, ahnte Lucas nichts davon, dass er zurücklag und die letzten Runden unbedingt gewinnen musste. Nach dem Schlußgong stürmte das Sauerland-Lager dann in siegessicherer Gewissheit jubelnd in den Ring.

Manager Wilfried Sauerland (Foto) reagierte auf die Vorwürfe gelassen: "Wir wurden anderthalb Jahre hingehalten, bis wir diesen Kampf bekommen haben. Dieses Verhalten passt dazu. Die Reaktion der kanadischen Zuschauer, die immer ruhiger wurden, sagt doch alles." Eine baldige Revanche schloss Sauerland aus: "Schauen Sie sich an, wie die sich hier benehmen. Da wird es kein Rematch geben." Michel hatte sich nach eigenen Angaben bereits telefonisch bei WBC-Präsident Jose Sulaiman beschwert.

Von einem "Skandalurteil" kann nach Ansicht der BoxingPress-Redaktion jedoch keine Rede sein, dazu waren viele Runden zu ausgeglichen. Nach ausführlichem, mehrfachen Studium des Kampfes kann es unserer Ansicht nur ein faires Urteil geben: Ein Unentschieden und ein damit verbundenes Rematch auf kanadischem Boden.

Die BoxingPress-Scorecard
Runden
Lucas
Beyer
1
10
9
2
10
9
3
9
10
4
10
9
5
9
10
6
10
9
7
9
10
8
10
9
9
9
10
10
10
9
11
9
10
12
9
10
Gesamt
114
114

Markus Beyer hat eine boxerisch starke Leistung hingelegt, die ihm viele Experten nicht mehr zugetraut hätten. Seine Konzentration und seine Cleverness waren beeindruckend und ließen Lucas über weite Strecken ratlos agieren. Beyer war dem Weltmeister - zur Überraschung vieler - boxerisch überlegen. Dennoch hat der 31-Jährige insgesamt zu wenig getan, blieb zu defensiv, um als Herausforderer den Titel zu gewinnen. Dabei hätte Beyer diesen Kampf weitaus klarer für sich gestalten und auch nach einhelliger Ansicht gewinnen können. Doch die Angst, sich klare Treffer einzufangen, schien den Deutschen über weite Strecken in der Offensive zu lähmen. Dies mahnte in vielen Rundenpausen auch sein Trainer Ulli Wegner zu Recht an: "Eine gute Aktion pro Runde reicht nicht, du musst mehr machen!" Der symphatische Beyer gab seinem Trainer nach dem Kampf - gewohnt selbstkritisch - in dieser Hinsicht Recht.

Eric Lucas hingegen agierte nach gutem Beginn erschreckend eindimensional und einfallslos, eines Weltmeisters nicht würdig. Sein Distanzgefühl war desaströs, zu viele seiner Angriffe landeten im Nichts oder auf der Deckung seines Herausforderers. Zudem verschwendete der Kanadier seine Kraft in vielen Einzelschlägen und kam nicht damit zurecht, dass ihm Beyer kein statisches Ziel bot. Seine Kondition in der zweiten Kampfeshälfte war mangelhaft. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Wie bereits im BoxingPress-Vorbericht erwähnt, hatte Lucas es bei seinen bisherigen Titelverteidigungen nur mit sehr offensiv orientierten Gegner zu tun. Catley, Thobela, Pazienza und Sheika waren Repräsentanten eines typischen Brawler-Stils, der dem Konterboxer Lucas offensichtlich gut zu liegen scheint. Mit dem Rechtsausleger und Konterboxer Beyer kam der Weltmeister weitaus schlechter zurecht.

Kurzum: Ein Herausforderer kann einen WM-Titel nicht gewinnen, wenn er fast ausschließlich eine hervorragende Defensive mit wenigen offensiven Aktionen anzubieten hat. Genausowenig kann ein Weltmeister seinen Titel verteidigen, wenn er über zehn Runden hinweg fast nur in die Luft oder auf die Deckung schlägt und sich bei seinen Attacken zum Teil boxerisch vorführen lässt. Eric Lucas hat für seine Verhältnisse eine schlechte Leistung geboten, Markus Beyer eine gute. "Gewonnen" im eigentlichen Sinne hat dabei keiner der beiden. Der "Gewinner" des Kampfabends in Leipzig heißt jedoch zweifellos Markus Beyer.

Eine Foto-Galerie zu diesem Kampf liefert der Kölner Express...

 

 
     

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