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Mayweather vs. Corrales - Der Vorbericht
von Steffen Kuhnt

Am kommenden Samstag wird ein Traum vieler Boxfans in aller Welt in Erfüllung gehen, kommt es doch zu einer der mit Abstand besten Kampfpaarungen, die in der aktuellen Boxszene überhaupt möglich sind. Zwei ungeschlagene Fighter auf oder nahe dem Höhepunkt ihrer jeweiligen Karrieren, die darüber hinaus beide zu den im Augenblick besten Boxern in allen Gewichtsklassen zählen, werden in einem Fight aufeinandertreffen, der mit einem reißerisch klingenden, aber in diesem Falle gar nicht so unpassenden Titel verkauft wird: "The War".

Und in der Tat scheint es so, als ob Floyd Mayweather, amtierender WBC-Champion im Superfedergewicht, und Diego Corrales, seines Zeichens Ex-Champion der IBF, keinerlei Sympathien füreinander verspüren - und keiner der beiden macht irgend ein Hehl aus dieser Tatsache. Während Mayweather verspricht, seinen Gegner "im Namen aller mißhandelten Frauen dieser Welt zu verprügeln" (womit er auf ein schwebendes Verfahren anspielt, im Rahmen dessen Corrales beschuldigt wird, seine schwangere Frau geschlagen zu haben), prangt in Corrales' Trainingscamp ein Poster seines Gegners mit dem Schriftzug "Kill Floyd".

Aber auch, wenn man die persönlichen Spannungen zwischen beiden Kontrahenten außen vor läßt, verspricht dieses Match einen hochinteressanten und möglicherweise explosiven Cocktail mit nahezu allen Zutaten, die das Herz eines Boxfans höher schlagen lassen: gänzlich unterschiedliche Stile der Fighter, hohes boxerisches Niveau und eine sehr große Bedeutung nicht nur für die Karrieren der Fighter, sondern auch für die gesamte Szene.

Auf der einen Seite haben wir Floyd Mayweather, der schon von Beginn seiner Karriere an als kommender Star gehandelt wurde. Der selbst ernannte "Pretty Boy" ist ein Stilist im besten Sinne des Wortes, ein Boxer mit einem guten Auge und glänzenden Reflexen. Mayweathers Speed macht es für seinen Gegner sehr schwer, ihn zu treffen. Seine Hände mögen nicht die größte Schlaghärte besitzen, sind aber blitzschnell und daher auch gegen defensiv starke Boxer eine ernst zu nehmende Waffe.

Dennoch ist der Boxer Mayweather keinesfalls so brillant und makellos, wie er sich selbst gern sieht. Zwar mögen seine Bewegungsabläufe etwas für die Augen eines Boxästheten sein, jedoch schien in vielen seiner vergangenen Matches seine Offensivarbeit unter seinem Hauptziel - selbst nicht getroffen zu werden - zu leiden. Wohl aus diesem Grunde versuchte sein ihn mittlerweile trainierender Onkel Roger Mayweather, selbst ein recht erfolgreicher Ex-Profi, an der Offensivarbeit von "Little Floyd" zu arbeiten. Dies zeigte sich bei Mayweathers letztem Auftritt gegen Journeyman Emanuel Burton, mit dem der Champion häufiger in den Schlagabtausch ging als gewohnt - mit dem Ergebnis, daß er von einem formal technisch völlig unterlegenen Gegenüber häufiger als nötig getroffen wurde und sich selbst eine blutige Nase zuzog.

Die größten Gefahren für Karriere und Erfolg von Mayweather liegen allerdings außerhalb des Rings. Alles begann damit, daß Mayweather seinen Marktwert zu hoch einschätzte und offenbar Talent, genutzt oder ungenutzt, mit der Fähigkeit verwechselte, Tickets zu verkaufen. Aus diesem Grund lehnte er einen Multimillionenvertrag, der ihm von PayTV-Sender HBO angeboten wurde ab und bezeichnete ihn als "Sklavenhändlerpakt". Kurz darauf legte er seine Karriere in die Hände von James Prince, einem Rapper, dem sehr gute Kontakte zur Drogenszene nachgesagt werden. Darüber hinaus wurden die Arroganz und die Selbstüberschätzung des jungen Weltmeisters von Tag zu Tag größer, was ihm mit Sicherheit einige Sympathiepunkte bei den Fans gekostet habe dürfte.

Im Vergleich zu Mayweather ist Diego Corrales nicht nur ein komplett anderer Typ eines Boxers, sondern auch eine Person mit einem vollkommen unterschiedlichen Charakter, der jedoch in ein schlechtes Licht gerückt ist, seitdem die Anschuldigungen bezüglich der angeblichen Mißhandlung seiner schwangeren Frau in den Medien auftauchten. Da in dieser Sache weder wirkliche Beweise noch Entscheidungen vorliegen, soll jener Aspekt an dieser Stelle auch außer acht gelassen werden.

Im Ring ist "Chico" ein Fighter im wahrsten Sinne des Wortes. Für sein Gewichtslimit sind seine physischen Attribute wie Größe und Reichweite sowie seine Schlagkraft wahrhaft überwältigend. Hinzu kommt ein "triff und werde getroffen"-Stil, denn Corrales' Defensive basiert zu einem nicht unerheblichen Teil auf seiner Fähigkeit, Treffer seiner Gegner unbeeindruckt wegstecken zu können. Oft kann sich sein Gegenüber jedoch nicht lange an der Tatsache erfreuen, Corrales zu treffen, denn wenn dieser einmal in Fahrt gekommen ist, ist er ein Meister darin, seinen Gegner unter Druck zu setzen, den Ring abzuschneiden und sein "Opfer" systematisch auseinanderzunehmen. Seine technischen Fähigkeiten werden unterschätzt, vor allem seine für seine Körpergröße ungewöhnliche Stärke in der Nahdistanz, in der er in der Vergangenheit oft äußerst wirkungsvolle Aufwärtshaken anbringen konnte.

Bei der Suche nach einer möglichst exakten Prognose, was Verlauf und Ausgang des Matches angeht, stößt man auf zwei äußerst interessante Quervergleiche: Angel Manfredy und Justin Juuko, die gegen beide Gegner jeweils vorzeitig unterlagen. Sein Kampf gegen Angel Manfredy brachte Floyd Mayweather den Titel "Fighter des Jahres" ein, konnte er doch seinen hoch eingestuften Gegner bereits im zweiten Durchgang stoppen. Dabei gerät jedoch nur allzu leicht in Vergessenheit, daß bis zu einem Überraschungstreffer und dem darauf folgenden vorzeitigen Kampfabbruch das Match relativ ausgeglichen verlaufen war - Manfredy schien zu diesem Zeitpunkt sogar langsam ins Rollen gekommen zu sein. Dies gelang ihm gegen Corrales nicht, der gegen "El Diablo" eine Demonstration ablieferte, wie man einen starken Gegner konsequent zerstört, und nach knapp 8 Minuten, in denen Manfredy Prügel bezog, war das Ende für ihn gekommen.

Justin Juuko hingegen sah eine ganze Zeit lang durchaus gut gegen Corrales aus und bewies, daß gut geschulte Boxer mit einem guten Jab durchaus in der Lage sind, den US-Amerikaner in Schwierigkeiten zu bringen. "Chico" nahm einige gute Treffer, zu Juukos Pech beeindruckten diese seinen Gegner jedoch kaum, und sobald Corrales selbst gut in Ziel kam, wendete sich das Blatt sehr schnell und Juuko unterlag vorzeitig in Runde 10. Eine Runde früher konnte sich Mayweather Juukos entledigen, wobei jedoch in Betracht gezogen muß, daß dieser nur wenige Tage zuvor von seiner Titelchance gegen den "Pretty Boy" erfahren hatte. Immerhin dominierte Mayweather das Match über weite Strecken, Juuko erwies sich jedoch auch hier als würdiger Gegner und war bis zum KO in Runde 9 eigentlich nie in wirklich ernsthaften Schwierigkeiten.

Richtig interessant wird eine Analyse dieser Begegnung jedoch, wenn man den Werdegang beider Boxer im Verlauf des letzten Jahres betrachtet. Hätte das Match vor einem Jahr stattgefunden, hätte kaum jemand auf Corrales gesetzt - heute hat "Chico" gewaltig an Boden gewonnen, und das Match gilt als weitestgehend ausgeglichen. Aufgrund persönlicher Querelen, unter anderem dem Disput mit seinem Ex-Trainer und Vater Floyd Sr., war Mayweather in dieser Zeit weitgehend inaktiv, was besonders für einen Boxer mit seinen Attributen verhängnisvoll sein kann, wenn er auf einen annähernd gleichstarken Gegner trifft. Während dieser Zeit war im Gegensatz dazu Diego Corrales regelmäßig im Ring - und zwar gegen gute Gegner wie John Brown, Derrick Gainer, Angel Manfredy oder eben Justin Juuko.

Am Samstag wird sehr viel davon abhängen, wie Floyd Mayweathers taktische Marschroute aussieht. Wenn er den Kampf sucht, vielleicht auch aus Gründen des Prestiges oder der persönlichen Abneigung gegen seinen Gegner, dann spricht vieles für einen Sieg des physisch stärkeren Corrales, der wiederum vermutlich von einem Boxer mit den Qualitäten Mayweathers ausgeboxt werden kann, wenn dieser beweglich bleibt und den Infight und die Seile meidet. Wichtig wird auch sein, inwiefern Mayweathers Treffer Corrales beeindrucken können. Es ist durchaus denkbar, daß der "Pretty Boy" eine böse Überraschung erleben könnte, wenn Corrales nämlich feststellt, daß sein Gegner ihn nicht beeindrucken kann. Wenn dies passiert, dann wird es ein harter Abend für den Champion. Mayweather würde es sehr schwerfallen, den nach eigenen Angaben hochmotivierten und heißen Corrales aufzuhalten, denn eines steht fest - kommt "Chico" mit seinen Aktionen gut ins Ziel, *wird* Mayweather Schwierigkeiten bekommen.

Einige Experten, die sich für den 5-8-Außenseiter Corrales entschieden haben, führen auch als Begründung an, daß dieser der "hungrigere" Fighter sei, was gerade in engen Matches wie diesem oftmals den Ausschlag geben kann.

Das Team von BoxingPress hat sich diesmal mit seiner Prognose - Punktsieg Mayweather - sehr schwer getan, da eben auch einiges für einen Sieg von Corrales spricht. Womöglich wird am Ende die boxerische Überlegenheit von Mayweather den Ausschlag geben. Der wirkliche Ausgang dieser Begegnung hängt, wie oben beschrieben, von sehr vielen Faktoren ab - aber gerade diese Tatsache macht dieses Match so spannend, weswegen auch fast alle wahren Boxfans weltweit am Samstag an den Bildschirmen zu finden sein werden. "Fast alle" deswegen, weil die deutschen Fans wieder einmal nur in die sprichwörtliche Röhre schauen werden, da Premiere World, wie schon beim Megafight zwischen Felix Trinidad und Fernando Vargas, nicht live vor Ort sein wird - und auch eine Aufzeichnung aus der Konserve erscheint nach den Erfahrungen mit dem "Boxsender #1" eher fraglich. Mittlerweile ist es kaum noch übertrieben, von einer "Schande" zu sprechen.

 

 
     

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