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McCline bezwingt auch Briggs
von Jörg Lüdemann


Im Madison Square Garden in New York verlor Shannon Briggs gegen seinen US-Landsmann Jameel McCline (Foto) einstimmig nach Punkten. Alle drei Punktrichter werteten mit 99:90 für McCline, der gegen den gefährlichen Briggs eine sehr disziplinierte Leistung ablieferte und sich dabei selten zu einem offenen Schlagabtausch provozieren ließ.

In der ersten Runde hatte der 30-jährige Briggs die Initiative übernommen und konnte einige gefährliche Kombinationen zum Kopf von McCline anbringen. Danach gewann Briggs keine einzige Runde mehr. McCline wurde von Runde zu Runde stärker, beherrschte den Kampf mit seiner linken Führhand und vereinzelten 1-2-Kombinationen aus der Distanz.

Während "Big Time" seinen Rhythmus gefunden hatte, ließ die Aktivität von Briggs deutlich nach. Das bisher höchste Kampf-Gewicht seiner Profikarriere hinderte Briggs daran, wie gewohnt die Offensive zu suchen. "Das Gewicht war ein Handicap," gab dieser dann auch im Postfight-Interview zu Protokoll. "Ich werde 30 Pfund verlieren und zurückkommen." Zweifelsohne wäre Briggs besser beraten gewesen, sein Übergewicht vor dem Kampf abzutrainieren und nicht erst danach.

Trotz seiner geringen Aktivität konnte Briggs seinen Gegner einige Male durchrütteln. "Ich wusste, dass er mich anklingeln konnte, wenn er richtig durchkam," sagte McCline später. "Shannon hat mich sechs oder sieben Mal im Kampfverlauf schwer getroffen. Das ist der Grund, warum ich auf Distanz geblieben bin und nicht so offensiv agiert habe, wie er sich wohl gewünscht hätte."

Briggs (Foto) fing sich ein ums andere Mal die Führhande und Kombinationen von McCline ein, der sich den konsequenten Einsatz seiner rechten Schlaghand bis zur sechsten Runde aufsparte. Erst dann landete "Big Time" McCline eine schwere Rechte an den Kopf seines Gegners, gefolgt von einem linken Haken, der Briggs zu Boden schickte. Der US-Amerikaner machte eine Rolle rückwärts, sprang jedoch sofort wieder auf und startete eine beeindruckende Aufholjagd in Runde sechs, an deren Ende er McCline mit einer harten Linken sogar kurzzeitig in Bedrängnis bringen konnte.

"Ich war nicht angeschlagen, es war nur ein leichter Niederschlag," erklärte Briggs danach. "Als ich auf dem Weg nach unten war, habe ich mir gesagt: 'Dafür werde ihm den A.... versohlen'." Doch in den verbleibenden Runden war Jameel McCline der frischere Mann und punktete immer häufiger gegen seinen müde werdenden Widersacher. Am Ende siegte McCline hochverdient über zehn Runden nach Punkten.

Briggs war nach dem Kampf dann auch voll des Lobes über seinen Bezwinger. "Jameel hat getan, was er tun musste," so Briggs. "Er hat mich heute abend ausgeboxt. Er kann auf jeden Fall eine Menge im Schwergewicht erreichen. Jameel ist ein starker Mann und trotz seiner Größe kann er sich gut bewegen. Seine Arme sind wahnsinnig lang, sie sind unglaublich!"

Tatsächlich ist die sportliche Entwicklung von Jameel McCline in den vergangenen zwei Jahren bemerkenswert. Der 30-jährige US-Amerikaner verbessert sich mit jedem Kampf und schreckt dabei nicht vor sportlichen Herausforderungen zurück. Seine letzten drei Kämpfe gewann McCline gegen Michael Grant, Lance Whitaker und nun gegen Briggs. McCline begann spät mit dem Boxen und wurde erst im Alter von 25 Jahren Profi, woraus sich seine frühen Niederlagen erklären. Doch im Sparring mit Schwergewichtlern wie Lennox Lewis, Hasim Rahman, Larry Holmes, Henry Akinwande, Tim Witherspoon, Ray Mercer, Larry Donald und Andrew Golota holte sich der US-Amerikaner das nötige Rüstzeug, um in der Königsklasse bestehen zu können.

Dem entsprechend dankbar zeigt sich McCline heute für diese Trainingseinheiten. "Ich habe mit Lennox Lewis vor seinen Kämpfen Michael Grant und David Tua Sparring betrieben," erzählt der US-Amerikaner. "Und ich habe sehr viel von diesem Mann gelernt. Innerhalb und außerhalb des Rings. Bei Lennox ist alles professionell organisiert, jeder hat einen Job zu erledigen und alles funktioniert reibungslos. Lennox hat mir zeigt, wie man sich professionell auf einen Kampf vorbereitet."

"Boxen ist ein Geschäft," fährt McCline fort. "Ich lebe davon, also muss ich eine gut funktionierende Organisation um mich herum haben. Ich habe drei Trainer für die Bereiche Kraft, Ausdauer und Psyche. Ich bin heute schneller und stärker als je zuvor. Mein Körper ist darauf eingestellt zu kämpfen und ich bin immer noch bereit und fähig, weiter hinzuzulernen."

Auch Trainerlegende Emanuel Steward ist angetan von der Entwicklung McCline's. "Ich bin beeindruckt von Jameel," sagt Steward. "Als Lennox ihn im Camp als Sparringspartner hatte, war er sicher nicht der talentierteste Junge auf der Welt. Er hatte keinerlei Amateur-Erfahrung. Aber im Ring war er viel härter, als ich zunächst angenommen hatte. Er hat sich nie beschwert, hat nie aufgegeben. Wann immer Lennox ein paar weitere Runde boxen wollte, ganz gleich wie erschöpft Jameel war, er sagte immer 'ja'. Er war bescheiden, aber er hatte jede Menge Stolz. Mental ist er sehr stark. Ausserdem ist er nicht ausgebrannt wie viele Boxer in seinem Alter, weil er keine Amateurkämpfe hatte. Er hat die nötige Größe, um mit den hoch gewachsenen Schwergewichtlern mithalten zu können. Und sein Trainer Jimmy Glenn bringt ihn Stück um Stück nach vorn."

Sicherlich fehlt dem US-Amerikaner trotz aller Lobeshymnen noch von allem ein wenig, um auf Dauer ganz oben im Schwergewicht mitmischen zu können. Seine Schlagkraft ist angesichts seiner Körpergröße noch zu gering entwickelt und auch boxerisch muss sich McCline noch steigern. Doch er ist auf einem beachtlichen Weg. "Ich will weiter gegen die besten Leute boxen," sagte Jameel nach dem Kampf gegen Briggs. "Ich will nicht herumsitzen und Spiele spielen. Ich will alle drei oder vier Monate boxen. Ich will einer der aktivsten Boxer in meiner Gewichtsklasse sein."

Für Wladimir Klitschko wäre Jameel McCline derzeit mit Sicherheit ein sinnvoller, wenn nicht gar der sinnvollste Gegner. Viele Top-Schwergewichtler sind aufgrund bevorstehender Titelkämpfe momentan nicht verfügbar - nicht so McCline, der auch vor großen Namen nicht haltmacht. Ein Sieg in den USA über den dortigen Hoffnungsträger McCline wäre für Klitschko die endgültige Eintrittskarte für den amerikanischen Markt.

 

 
     

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