Zurück
Forum
Ranglisten
Termine
Ergebnisse
Rekorde
. | ENGLISCH |
 
.
   
 

Die nächste Sensation: Forrest bezwingt Mosley deutlich!
von Jörg Lüdemann



Die Sensationen im internationalen Boxsport nehmen auch im Jahr 2002 scheinbar kein Ende. Im Madison Square Garden Theater in New York bezwang Vernon Forrest (Foto) in der vergangenen Nacht den zuvor ungeschlagenen P4P-König "Sugar" Shane Mosley überdeutlich nach Punkten (115-110, 117-108 und 118-108). Forrest gewann dessen WBC-Titel im Weltergewicht und schockte die versammelten Boxfans weltweit. Dabei beeindruckte nicht nur die Tatsache, *dass* der 31-Jährige US-Amerikaner gewann, sondern vielmehr die Art und Weise seines Sieges. In der zweiten Runde gelangen Forrest zwei schwere Niederschläge gegen Mosley, von denen sich "Sugar" im gesamten Kampfverlauf nicht mehr erholen sollte. Mosley war zuvor in seiner gesamten Amateur- und Profi-Laufbahn nie am Boden gewesen.

Im Vorfeld des Kampfes wurde immer wieder eine Geschichte aus alten Zeiten erzählt, um die nötige Brisanz und Spannung zu erzeugen: In einem olympischen Ausscheidungskampf der US-Staffel hatte Vernon Forrest vor zehn Jahren Shane Mosley auspunkten können. Seither war "Sugar Shane" ungeschlagen geblieben und die Karrieren von Forrest und Mosley hätten unterschiedlicher nicht verlaufen können. Forrest enttäuschte bei den olympischen Spielen und blieb als Profi unauffällig, obgleich er vor einem Jahr Weltmeister wurde. Unterdessen aber schien Mosley's Star schon seit Jahren hell am Boxhimmel. Der brilliante Techniker mit dem Klassepunch hatte sich durch mehrere Gewichtsklassen auf den P4P-Thron aller unabhängigen Ranglisten geboxt - bis sich gestern Nacht die Wege der beiden Boxer erneut kreutzten.

Manche Experten hatten vor dem Kampf bereits gemutmasst, dass Mosley mit dem Größenunterschied und dem unbequemen Stil von Forrest Schwierigkeiten bekommen würde. Man rechnete jedoch nicht damit, dass Forrest am Ende den blitzschnellen Händen und dem permanenten Druck Mosley's gewachsen sein könnte. Und der Beginn des Kampfes schien diesen Erwartungen zu entsprechen - ganze drei Minuten lang.

Nach dem entspannten "Walk-In" beider Boxer begann Mosley gewohnt offensiv und setzte seinen Herausforderer sofort unter Druck. Forrest blieb mit rechten Schlaghänden aus der Distanz erfolglos und bald schien offensichtlich, dass Mosley wieder einmal der deutlich schnellere Mann im Ring sein sollte. Ein harter Treffer von Mosley rüttelte Forrest gegen Ende der Runde merklich durch, dieser taumelte zurück und rettete sich mit heftigem Klammern in die Pause.

Die zweite Runde begann mit einer unglücklichen Szene: Beim Versuch Forrest's einen Körperhaken anzubringen, schlugen die beiden Köpfe der Boxer unabsichtlich aneinander. Forrest verzog sich mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Ecke, an Mosley's Stirn machte sich ein kleiner Cut bemerkbar. Der Weltmeister war sichtlich erbost und lamentierte vor sich hin, bis Referee Steve Smoger den Kampf wieder freigab.

Kurze Zeit später geschah dann das Unfassbare: Vernon Forrest, über dessen Schlagkraft es bislang wenig Aufschluss gegeben hatte, traf den deckungslosen Mosley mit einer knallharten Rechten an der Schläfe, woraufhin der Weltmeister deutlich angeschlagen in die Seile schwankte. Forrest realisierte die sich bietende Gelegenheit sofort und setzte beherzt nach. Nachdem seine ersten Hände noch vorbeiflogen, gelang es Forrest, Mosley an den Seilen zu stellen und schließlich eine lehrbuchhafte Kombination aus rechtem Aufwärtshaken, linkem und rechtem Kopfhaken ins Ziel zu bringen. Mosley's Kopf flog nach hinten und der Weltmeister ging schwer benommen zu Boden.

Mosley rappelte sich mit Mühe wieder auf, doch in seinem Blick war unschwer zu erkennen, wie sehr ihn diese Treffer mitgenommen hatten. In der folgenden Minute suchte Forrest dann die vorzeitige Entscheidung, während Mosley nur noch zu 'überleben' versuchte. Der Champ klammerte so gut es ging, doch er musste im unerbittlichen Schlaghagel von Forrest ein zweites Mal zu Boden und wurde angezählt. Mit großer Willenskraft stand Mosley auch dieses Mal wieder auf - und nur der Gong rettete ihn vor dem sicheren KO in der zweiten Runde. Ein anderer Ringrichter hätte in dieser Situation den Kampf vielleicht abgebrochen - doch die Entscheidung von Smoger erwies sich im Nachhinein als richtig. Immerhin hatte er es hier mit einem der besten Boxer der Welt zu tun und nicht mit einem exzessiv gehypten Pernell-Whitaker-Verschnitt...

Wie sich später herausstellen sollte, hatte sich der Kampf hier bereits entschieden. Mosley war stehend KO und hatte die zweite Runde mit 10:7 Punkten abgeben müssen. Umso erstaunlicher, dass der 30-Jährige schließlich bis zum Schlußgong durchhalten würde. Sein unbändiger Siegeswille hatte jedoch zum Nachteil, dass Mosley in den folgenden zehn Runden die bisher wohl größte Demütigung seines Lebens bezog.

In den Runden drei und vier versuchte Mosley, seine Kräfte im Rückwärtsgang wieder zu sammeln. Er lief an den Ringseilen entlang, ging fast jeder Konfrontation aus dem Weg oder klammerte ausgiebig. Der in dieser Hinsicht unerfahrene Forrest fand zunächst kein Mittel mehr, um Mosley noch einmal in derartige Bedrängnis wie in der zweiten Runde zu bringen. Dennoch gelang es dem Herausforderer immer wieder - scheinbar mühelos - seine rechte Schlaghand ins Ziel zu bringen. Mosley schluckte diese Treffer und hoffte auf bessere Zeiten.

Diese schienen mit dem fünften Durchgang anzubrechen, in dem Mosley langsam in den Kampf zurückfand. Forrest wartete förmlich auf den alles entscheidenden Einzelschlag und vergass dabei, den noch immer mitgenommen wirkenden Mosley weiter unter Druck zu setzen. Dieser klammerte weiterhin, kam in der fünften Runde aber vermehrt mit seiner eigenen Rechten ins Ziel.

Die folgenden zwei Runden zeigten jedoch, dass sich Forrest nur eine kleine Auszeit gegönnt hatte. Dem Normalausleger aus Augusta gelang es nun, seine linke Führhand zu etablieren und den langsam wieder quirliger wirkenden Weltmeister effektiv auf Distanz zu halten. Dessen rechte Hand kam zwar weiterhin vereinzelt durch, doch von der berühmten Explosivität hinter den Schlägen Mosley's war nichts mehr zu spüren. Ganz anders die Treffer von Forrest, der Mosley gegen Rundenende mit knallhart durchgezogenen Kombinationen immer wieder schwer zusetzte.

In den Runden acht und neun hatte Forrest realisiert, dass die unmittelbare Chance eines Knockouts nicht mehr gegeben war und bestritt den Kampf nun vermehrt aus dem Rückwärtsgang. Mosley versuchte, das Geschehen von der Ringmitte aus zu diktieren, doch der Weltmeister fand keinen rechten Weg vorbei an der dichten Deckung seines Gegners. Das Publikum spürte den unbedingten Willen Mosley's und feuerte ihn noch einmal lautstark an, doch trotz seiner zum Teil wieder hergestellten Physis fehltem dem brillianten Techniker die Kraft und die Mittel, um den Kampf noch entscheidend zu seinen Gunsten drehen zu können. Seine rechten Schlaghände absorbierte der zwischenzeitlich etwas erschöpft wirkende Forrest problemlos, obgleich der Herausforderer diese beiden Durchgänge auf den Punktzetteln abgab.

Unterdessen war der Kampf zu einem etwas unansehnlichen Dauerclinch ausgeartet, der jedoch von Steve Smoger immer wieder früh unterbunden wurde. Mosley brauchte diese Pausen dringend, um sich nach seinen eigenen Attacken auszuruhen. Forrest kam der Clinch ebenfalls entgegen, weil er sich für ihn auf den Punktzetteln nicht negativ auswirken konnte.

Doch der 31-Jährige zog in der zehnten Runde das Tempo wieder an und landete gegen Ende der Runde klarste Treffer, die Mosley erneut in schlimme Schwierigkeiten brachten. Man hatte fast Mitleid, den Weltmeister in dieser ausweglosen Situation zu sehen: Mosley taumelte erschöpft durch den Ring und kassierte immer wieder harte Treffer. Dank seiner Erfahrung überstand er auch diese Phase und spuckte sein Mundstück aus, um ein paar Sekunden Erholung zu gewinnen. Die Runde ging mit zwei Punkten Vorsprung an Vernon Forrest.

In den letzten beiden Runden konnte Mosley nicht mehr zulegen und wurde von seinem Herausforderer klar beherrscht. Erstaunlich und aller Ehren wert, dass es der Weltmeister trotzdem bis zum Schlußgong schaffte und sich dabei völlig verausgabte. Doch an diesem Abend war Vernon Forrest der überlegene Mann und der strahlende Sieger nach der Verkündung des deutlichen Punkturteils. Boxingpress wertete den Kampf mit 116:109 für den neuen WBC-Weltmeister.

Die Boxingpress-Scorecard
Runden
Mosley
Forrest
1
10
9
2
7
10
3
9
10
4
9
10
5
10
9
6
9
10
7
9
10
8
10
9
9
10
9
10
8
10
11
9
10
12
9
10
Gesamt
109
116

Vernon Forrest hat mit dieser Leistung eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass seine Vorschußlorbeeren gerechtfertigt waren. Der US-Amerikaner ist ein sehr gut ausgebildeter Boxer mit einem starken Punch und der Fähigkeit, eine Taktik konsequent über die gesamte Distanz zu verfolgen. Rückblickend betrachtet ist es eine traurige Tatsache, dass Forrest über acht Jahre hinweg sportlich kaum gefordert wurde. Viele gute Jahre hat der frisch gebackene Weltmeister mit unbedeutenden Kämpfen verschenkt. Ob man ihn nach dem Sieg über Mosley nun gleich zur neuen Nr.1 in den P4P-Ranglisten erheben sollte, bleibt dahingestellt. Ein einzelner Sieg kann auch immer eine Eintagsfliege sein.

Shane Mosley hat sich von den schweren Niederschlägen in der zweiten Runde nie mehr richtig erholt. Aber auch ohne diese Bodenbesuche hätte der Weltmeister mit dem Stil und den Größenvorteilen von Forrest wohl ernsthafte Schwierigkeiten bekommen. Mosley wirkte gegen den sieben Zentimeter größeren Mann schlichtweg zu klein und konnte die Distanz selten effektiv überbrücken. Gegen den stochernden Jab von Forrest fand Mosley, der zugegebenermaßen nicht mehr im Vollbesitz seiner Kräfte war, kein probates Gegenmittel. Stattdessen kassierte er selbst immer wieder die schwere rechte Schlaghand des neuen Weltmeisters.

Im Post-Fight-Interview präsentierte sich ein sehr symphatisch und bescheiden wirkender Vernon Forrest, der zunächst Gott und seinen Teammitgliedern dankte. "Ich habe es euch allen gesagt, dass es mein Schicksal war, heute zu gewinnen," ergänzte der 31-Jährige. "Mosley ist schnell, aber ich weiß, wie man einen schnellen Fighter schlägt - mit meinem Jab." Kurz darauf bot Forrest seinem unterlegenen Kontrahenten ohne Wenn-und-Aber ein sofortiges Rematch an.

Mosley zeigte sich im Interview sehr gefasst: "Ich habe immer gesagt, wer nach oben kommt, muss irgendwann wieder runterkommen - und heute ist der Tag, an dem ich das erste Mal verloren habe. Vernon ist ein großartiger Boxer, er hat meinen Respekt." Das Rematch-Angebot seines Kontrahenten nahm Shane Mosley dankbar an. Ein solcher Rückkampf wäre zweifellos ein weiteres Box-Highlight des Jahres - und einen Mosley sollte man so schnell nicht abschreiben.

Im Rahmenprogramm des Kampfabends in New York traf Arturo Gatti in einem mit Spannung erwarteten Comeback-Kampf auf Terronn Millett. Beide Boxer waren früh auf ein vorzeitiges Ende aus, wirkten dabei außerordentlich fit und austrainiert. Gatti agierte - wohl dank seines neuen Trainers Buddy McGirt - beinahe über den gesamten Kampfverlauf hinweg sehr kontrolliert. Selbstverständlich suchte der Kanadier wie gewohnt die Offensive, überraschte dabei jedoch mit vielen guten Rechten und seiner Beinarbeit.

Gatti's Deckung war wie immer sehr lückenhaft, wurde an diesem Abend allerdings von seinem Gegner noch übertroffen. Terronn Millett war offen wie ein Scheunentor und schien keinen Respekt vor der Schlagkraft Gatti's zu haben. Trotzdem begann Millett eher abwartend und wollte Gatti auskontern, wurde dabei aber von seinem Gegner förmlich überrannt.

Lediglich die guten Nehmerfähigkeiten des US-Amerikaners verhinderten ein ganz frühes Debakel. Millett hatte die beiden Anfangsrunden u.a. mit seinem schlechten Timing bei den eigenen Schlägen verschenkt. In der dritten Runde war er gerade im Begriff, in den Kampf zu finden, als ihn Gatti das erste Mal mit einem krachenden linken Haken voll erwischte und zu Boden schickte. Millett kam wieder auf die Beine und Gatti agierte danach im Nachsetzen zu stürmisch und fast alle seiner Schläge landeten im Nichts.

In der vierten Runde startete Gatti wieder kontrolliert und profitierte schon bald erneut von der überheblichen Deckungsarbeit seines Gegners. Millett nahm seine Hände einfach nicht nach oben und liess sich von Gatti jetzt nach Belieben treffen - noch immer auf den entscheidenden Kontertreffer lauernd. Doch eine brutale Rechte des Kanadiers schickte Millett kurze Zeit später das zweite Mal schwer zu Boden und leitete das Ende ein. Der US-Amerikaner stolperte fortan durch den Ring und eine weitere Kombination Gatti's setzte dem Kampf ein deutliches Ende.

Ein überzeugender KO-Erfolg für Arturo "Thunder" Gatti, mit dem im Superleichtgewicht wohl fortan wieder zu rechnen sein wird. Besonders bemerkenswert: Der Mann, dem man nachsagt, er bekomme bereits Schwellungen beim Bandagieren in der Kabine und den ersten Cut beim Walk-in zum Ring, blieb am gestrigen Abend ohne jegliche Cutverletzung. Als nächstes stehen für den Kanadier vielversprechende Fights gegen Mickey Ward oder Jesse James Leija im Raum.

 

 
     

BoxingPress.de - Alle Rechte vorbehalten
© 2002 - Alle Elemente sowie das Layout dieser Seiten unterliegen den Copyrightbestimmungen nach deutschem Recht. Kein Teil dieser Seiten darf in irgendeiner Form an anderer Stelle ohne die ausdrückliche Erlaubnis von BoxingPress.com veröffentlicht werden.
Jeder Verstoß gegen diese Bestimmungen ist urheberrechtswidrig und daher strafbar.
GOWEBCounter by INLINE