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Shane Mosley
vs.
Ronald Wright
- Der Vorbericht


Von Wolfgang Oswald


Am 13. März steigt im Mandalay Bay Casino in Las Vegas, Nevada, der amtierende WBA- und WBC-Champion "Sugar" Shane Mosley (Foto, BP-Nr. 1) gegen den IBF-Weltmeister Ronald "Winky" Wright (BP-Nr. 3) in den Ring (Premiere 1 überträgt live ab 4.00 Uhr). Dabei geht es um die unangefochtene Vorherrschaft im Superweltergewicht. Doch auch der Vorkampf hat es in sich: Hier trifft der Ex-Weltmeister im Cruisergewicht Vassily "Tiger" Jirov (BP-Nr. 1) auf die hoch gehandelte Schwergewichtshoffnung "Baby" Joe Mesi (BP-Nr. 14). Aber das eigentlich Interessante in dieser Boxnacht ist für den Boxexperten diesmal nicht die Auseinandersetzung um Ruhm und Ehre, Geld und Gewinn. Nein, viel interessanter dürfte der Kampf hinter dem Kampf sein, das spannende Duell der boxerischen Gegensätze.

Auf das ungeübte Auge wirken die meisten Boxkämpfe nicht nur barbarisch, sondern schlicht wahnsinnig. Der erfahrene Zuschauer und Boxkenner aber beginnt die komplexen Muster zu sehen, die hinter diesem „Wahnsinn“ stehen. Was wie ein absolut konfuses Durcheinander aussieht, kann begriffen werden und entpuppt sich dann als zusammenhängend und intelligent. Das Muster unter dieser „primitiven“ Oberfläche lässt sich bei den vorgenannten Fights als die alte und ewig faszinierende Auseinandersetzung zwischen dem Boxer und seinem Spiegelbild beschreiben, denn es treffen zweimal ein „Normalausleger“ gegen einen „Rechtsausleger“ zusammen. Als „Rechtsausleger“ (Southpaw) bezeichnet man in der Boxsprache einen Linkshänder, der als „verkorkst“ und „unangenehm zu boxen“ gilt, weil die Bewegungsabläufe spiegelverkehrt sind und es nicht allzu häufig vorkommt, dass man auf einen „Southpaw“ angesetzt wird.

Praktisch sind sie das Spiegelbild eines „Normalauslegers": rechter Fuß nach vorn geschoben, rechte Schulter vorn mit fintierender Rechten. Ihre schlagstärkste Hand ist meist die Linke, und die Zielscheibe dieser Linken ist gerne die Leber des Gegners – eine sehr schmerzhafte Knockoutstelle. Das wiederum liegt darin begründet, dass die Leber eines in Normalauslage boxenden Gegners der schlaggewaltigen Linken des „Rechtsauslegers“ einladend gegenüberliegt. Theoretisch sind die seltenen „Rechtsausleger“ leicht zu bekämpfen. Da sie mit der Linken meist hakenartig angreifen, braucht man im Grunde diesen Angriffen lediglich mit rechten Geraden zuvorzukommen. Da die Gerade hier den kürzeren Weg hat, ist sie früher im Ziel. Wenn man sich dann auch noch nach links von der Schlaghand eines „Southpaw“ wegbewegt und gelegentlich mit einem linken Haken arbeitet, kann der Kampf schon halb gewonnen sein. Überhaupt soll man „Rechtsausleger“ angreifen und sich nicht angreifen lassen, denn eine alte Erfahrung zeigt, dass „Rechtsausleger“, wenn sie angegriffen werden, schnell ihr Konzept verlieren. Soviel zu den bewährten Boxweisheiten. Aber die Wahrheit zwischen den Seilen sieht oft anders aus und darum darf man gespannt sein, wie Mosley und Mesi gegen ihre Gegner, die „Rechtsausleger“ Wright und Jirov, zurechtkommen werden. Auf jeden Fall prallen unterschiedliche Boxcharaktere und Boxstile aufeinander, die zwei packende Fights erwarten lassen.

1. Vassily „Tiger“ Jirov gegen „Baby“ Joe Mesi

Im Vorkampf zur Weltmeisterschaft stehen sich der ehemalige Champion im Cruisergewicht Vassily Jirov (BP-Nr. 1) und die „große weiße Hoffnung im Schwergewicht“ Joe Mesi (Foto, BP-Nr. 14) gegenüber. Die Stärke von „Baby Joe“ sind seine schnellen Hände und die lange, oft reingesprungene rechte Gerade. Und rechte Geraden sind, wie gesagt, das beste Mittel gegen „Rechtsausleger“. Zudem scheint Jirov für solche Aktionen wie geschaffen. Er übt ständig Druck aus, ist ein Angriffsboxer und geht gerne auf den Körper. Dadurch ergeben sich Blößen in der Deckung des "Tigers", der oft ein wenig zu offen und „steif“ agiert. Ein willkommenes Ziel für die Schlaghand auf der Innenbahn für Mesi. Natürlich muss Jirov aufgrund seiner langen und erfolgreichen Amateurboxlaufbahn als der komplettere Fighter der beiden Kontrahenten angesehen werden. Die körperlichen Vorteile jedoch liegen auf der Seite von Mesi. Im Gegensatz zu Jirov ist „Baby Joe“ ein ausgewachsener Schwergewichtler, während der Tiger aus dem Cruisergewicht nach oben gewechselt ist. Auch die Größe und Reichweite sprechen für Mesi, und es wird sehr schwer für Jirov, seinen Stil gegen den Italoamerikaner durchzusetzen. Jirov hat nur eine Chance, wenn er sich auf seine boxerischen Mittel besinnt, beweglich im Oberkörper ist, mit Kombinationen und langen Händen arbeitet und Mesi nicht in die richtige Distanz und in Fahrt kommen lässt.

2. „Sugar“ Shane Mosley gegen Ronald „Winky” Wright

Ganz anders ist die Situation im Hauptkampf. Hier ist es der „Normalausleger“ Shane Mosley (BP-Nr. 1), der von der leichten Gewichtsklasse in die nächst höhere Abteilung gewechselt ist. Mosley ist ein variabler Techniker, der meist mit überfallartigen Angriffen die Treffer setzt und seinen Kampf über die Schnelligkeit mit der Führhand aufbaut. Er hat ausgezeichnete Reflexe, ein gutes Auge, doch seit seinen beiden Niederlagen gegen Vernon Forrest (BP-Nr. 4) konnte er boxerisch nicht mehr so glänzen wie früher als Weltmeister im Leicht- und Weltergewicht. Selbst sein letzter Punktsieg gegen Boxsuperstar Oscar De La Hoya (BP-Nr. 1) war hart umkämpft und teilweise sogar umstritten. Ronald Wright (Foto oben, BP-Nr. 3) dagegen ist im Superweltergewicht daheim und wird als Boxer von den Medien oft unterschätzt. „Winky“ mag zwar als unspektakulärer Fighter gelten, aber seine Boxfähigkeiten sind sehr umfangreich und seine rechte Führhand ist eine sehr gefährliche Waffe. Zudem kann Wright sowohl in der Distanz als auch in der Halbdistanz und im Nahkampf ausgezeichnet agieren. Geschickt benützt er seine Arme oft als variable Deckung und vermeidet Treffer häufig durch Abducken und „Hineingehen“ in den Mann. Für Mosley wird dieser Stil nicht einfach zu „knacken“ sein. „Sugar“ spielt am liebsten seine Schnelligkeit aus, möchte „kontern“ und den Fight mehr über seinen Jab bestimmen und weniger mit seiner rechten Schlaghand auf der Innenbahn. Dafür ist der Taktiker Wright aufgrund seiner Auslage und seiner Art zu kämpfen jedoch überhaupt nicht geeignet. Außerdem musste „Winky“ lange auf einen solch lukrativen Fight und Zahltag warten. Lange stand er im Schatten anderer Weltmeister. Oft boxte er im Ausland und nicht vor heimischen Publikum. Seine Punktniederlagen gegen Fernando Vargas (BP-Nr. 4) und Harry Simon waren kontrovers und diskussionswürdig. Umso mehr ein Beweis seiner Leistungsfähigkeit, dass Wright nach solchen Niederlagen immer wieder zurückkam und sich neue WM-Titel erkämpfte und diese verteidigte. Inzwischen arbeitet sogar der große Roy Jones Jr. (BP-Nr. 1 im Halbschwergwicht) mit ihm zusammen, was sich auch auf das boxerische Können von Wright positiv ausgewirkt haben dürfte.

Auf jeden Fall verspricht Mosley gegen Wright eine offene und ausgeglichene Auseinandersetzung zu werden, die über die gesamte Distanz gehen sollte. Mosley und Wright sind keine Knockouter im üblichen Sinn und beide wissen Treffer und Schläge sehr gut zu vermeiden, während bei Mesi gegen Jirov (Foto rechts) eine vorzeitige Entscheidung in der Luft liegt. Lehrreich und interessant dürfte vor allem auch sein, wie unterschiedlich zwei verschiedene Boxer gegen einen „Rechtsausleger“ antreten werden und „Wer“ sich „Wie“ in den Fights der Gegensätze „besser verkaufen“ wird.
Freitag, 12. März 2004


 
     

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