Die
unbekannten Weltverbände
von Andreas Meyer

Welcher
Boxfan kennt sie nicht, die vier "großen" Weltverbände WBA,
WBC, IBF und WBO?
In allen Boxnews tauchen Ergebnisse, Kampfansetzungen und Ranglisten dieser
Organisationen auf. Die übrigen Verbände fristen in den Berichterstattungen
ein Schattendasein, wenn sie denn überhaupt Erwähnung in den
News finden. Dabei gibt es, neben den oben genannten Boxorganisationen,
weitere elf Boxverbände (Stand: 31.12.2000) die Weltmeisterschaften
ausrichten. Im einzelnen sind dies:
IBA (International Boxing Association)
IBC (International Boxing Council)
IBO (International Boxing Organization)
IBU (International Boxing Union)
NBA (National Boxing Association)
PBO (People´s Boxing Organization)
UBF (Universal Boxing Federation)
WAA (World Athletic Association)
WBB (World Boxing Board)
WBF (World Boxing Federation)
WBU (World Boxing Union)
Was wie eine
Inflation anmutet, ist keineswegs eine Erfindung unserer Zeit. Es gab
in der Geschichte des Boxsports noch nie den einen "einzig wahren" Weltverband.
Allenfalls wurde ein Champion von allen Verbänden anerkannt.
Bereits in den 30er Jahren gab es drei Weltverbände. Zum einen die
"National Boxing Association" (NBA), Vorläufer der WBA,
dann die "New York State Athletic Commission" (NYSAC) und die
europäische "International Boxing Union" (IBU), die ebenfalls
einige Jahre auch WM-Kämpfe sanktionierte. Daneben gab es noch die
"British Empire-Titel" (heute Commonwealth-Titel), die in einigen
Regionen der Erde auch als WM-Titel anerkannt wurden.
Neben der
Einführung von Intercontinental-, Continental- und Interimstitel,
führte auch das Erweitern der Gewichtsklassen von ursprünglich
acht auf heute siebzehn Divisionen zur heutigen Titelvielfalt. Bei einigen
Verbänden gibt es bereits die Supercruiserklasse. Motive hierfür
waren u.a., daß viele Fernsehanstalten in den USA immer mehr Titelkämpfe
forderten, um dadurch ihre Übertragungen aufzuwerten.
Was letztlich
das Ansehen eines Weltverbandes ausmacht, ist die sog. "Wertigkeit" seiner
Titel. Diese "Wertigkeit" wird regional unterschiedlich empfunden. Z.B.
wird die WBO in Europa zu den "großen" Verbänden gezählt.
In den USA dagegen nimmt der Verband allenfalls eine gehobene Stellung
unter den "kleinen"
Verbänden ein. Dort zählen allein die Titel der WBA, WBC und
IBF.
In Großbritannien und in Südafrika nehmen IBO, WBU und WBF
immer mehr an Bedeutung zu. Die Situation in Südostasien sah bis
letztes Jahr so aus, daß sich in den "unteren" Gewichtsklassen allein
sieben WBF-Champions aus Thailand wiederfanden.
Bekannte
aktuelle Titelträger der sog. "Zwergverbände" sind u.a. bei
der IBO Lennox Lewis und Roy
Jones, bei der NBA Roberto Duran
und ebenfalls Roy Jones; IBA-Champions sind Shane
Mosley, Diego Corrales
und Johnny Tapia sowie bei der
IBC Hector Camacho und Montell
Griffin sowie bis letztes Jahr der jetzige WBA-Weltmeister Virgil
Hill. Roy Jones verteidigt in seinem anstehenden Kampf gegen Derrick
Harmon fünf WM-Gürtel, neben seinen WBA-, WBC- und IBF-Titel
auch die Gürtel von IBO und NBA.
Deutsche
Titelträger kleinerer Verbände waren bislang Adolf Heuser
(IBU Halbschwer 1938), Rene Weller (WAA Superfeder 1983) sowie
Norbert Nieroba (WBU Supermittel
1998-1999). Rene Hanl unterlag Joseph
Akhasamba aus Kenia letztes Jahr in einem Titelfight um die WBB-WM
im Schwergewicht.
Bei den
kleineren Verbänden sind besonders zwei hervorzuheben, denen es vorrangig
um den Boxsport geht und nicht darum, Kämpfe um jeden Preis zu sanktionieren.
Zum
einen handelt es sich dabei um die National Boxing Association
(NBA), welche Anfang der 90er Jahre (wieder-) gegründet wurde. Der
in Florida, USA ansässige Verband (Präsident Walter Flansburg)
verlangt je sanktioniertem Kampf eine Fixsumme zwischen 1.500 und 4.000
$, zzgl. Gebühren für den Gürtel. Die "großen" Verbände
berechnen ihre Sanktionsgebühren prozentual an den Kampfbörsen.
Die eingenommenen Gebühren werden von der NBA zu karitativen Zwecken
verwendet. Die NBA-Ranglisten unterscheiden sich nicht gravierend von
denen der "großen" Organisationen. Da die meisten Top 10-Boxer aber
nicht um den NBA-Titel kämpfen wollen, bekommen Fighter aus der "2.
Reihe" ihre Chance auf einen Titelkampf. Ausnahmen sind hier lediglich
Roy Jones und Roberto Duran.
Der
andere Verband, die People´s Boxing Organization (PBO), hat nach
Meinung der Boxseite "SecondsOut.com", die objektivsten Ranglisten geführt.
Was somit für diesen Verband spricht, ist für ihn zum Boomerang
geworden. Da sich die PBO weigerte, Kämpfe von Boxern zu sanktionieren,
die nicht von ihr gelistet wurden, andererseits aber kein Weltklassefighter
um den PBO-Titel kämpfen wollte, kam nicht ein einziger PBO-Kampf
zustande. Die tragische Folge war, daß sich die PBO, beheimatet
in North Carolina, USA, letztes Jahr nach 18 Monaten wieder auflöste.
Bei meinen
Kontakten mit den Mini-Organisationen habe ich bislang überwiegend
postive Erfahrungen gemacht. Die meisten Präsidenten dieser Verbände
sind sehr kooperativ, was Ranglisten, News und Hintergrundinformationen
angeht; was daran liegen kann, daß ansonsten wenig Interesse ihren
Verbänden gegenüber gezeigt wird.
Neben diesen
positiven Erlebnissen, gibt es auch einige Kuriositäten am Rande
zu verzeichnen. Über einen Bekannten in den USA versuchte ich an
einen Veband heranzutreten, um dessen Champions in Erfahrung zu bringen.
Der Verband war in keinem Telefonverzeichnis zu finden. Als ich eine Telefonnummer
herausbekam, bat ich meinen Bekannten diese Nummer einmal anzurufen. Nach
mehrmaligen erfolglosen Versuchen, meldete sich
tatsächlich eine Person. Als diese nach dem aktuellen Heavy-Champ
befragt wurde, gab es zunächst einmal keine Antwort. Stattdessen
wurde meinem Bekannten versichert, er erhielte einen Rückruf, sobald
man wüßte, wer der eigene Champ denn nun sei. Einen Rückruf
gab es nicht; weitere Anrufversuche scheiterten, da anscheinend "vor Schreck"
niemand mehr von Seiten des Verbandes ans Telefon gehen wollte.
Ein anderer
Verband, ebenfalls in den USA beheimatet, konnte mir beim besten Willen
nicht mitteilen, wer dessen "Pan-European-Champs" sind. Nach diversen
Nachfragen meinerseits, "erinnerte" sich der Präsident, daß
dieser Titel von einem europäischen Promoter vergeben wird und der
Verband nur seinen Namen dafür hergibt. Nach dieser "Erkenntnis"
erhielt ich noch eine Adresse an die ich mich wenden konnte. Tatsächlich
erhielt ich die dadurch die gewünschten Informationen.
Abschließend
kann man sagen, daß die meisten der weitgehend unbekannten Verbände
von Boxfans geleitet werden, die sich dem Boxsport mit Haut und Haar verschrieben
haben. Daß neben der Begeisterung zum Boxen auch Geld mittels Sanktionsgebühren
erzielt werden soll, ist meiner Meinung nach nicht verwerflich. Die "großen"
Verbände haben die gleichen finanziellen Interessen wie die Mini-Organisationen,
wobei das sportliche Interesse dabei nicht unbedingt größer
ist.
Andreas
Meyer ist enthusiastischer Boxfan und arbeitet in Norddeutschland. Für
Boxingpress Deutsch gibt er exklusiv einen Überblick über das
Zusammenspiel der kleinen Box-Verbände. Der langjährige
Beobachter der deutschen und internationalen Boxszene leitet selbst eine
aufwendige Internetseite: 
Die Meinungen von Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion
wieder.
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