Zurück
Forum
Ranglisten
Termine
Ergebnisse
Rekorde
. | ENGLISCH |
 
.
   
 

Sven Ottke vs. Byron Mitchell - Der Vorbericht
Artikel von M. Kurt Saygin und Jörg Lüdemann,
Fotos von M. Kurt Saygin

Am kommenden Samstag (ab 22.20 Uhr live in der ARD) bestreitet der ungeschlagene IBF-Weltmeister Sven Ottke (BP-Nr.2) seinen 18. WM-Kampf in Folge. In der Berliner Max-Schmeling-Halle will der gebürtige Berliner seine Karriere mit dem Sieg über WBA-Weltmeister Byron Mitchell (Foto, BP-Nr.9) krönen. Der sechs Jahre ältere Ottke geht als Favorit in diesen Kampf, doch Mitchell ist ein schlag- und willensstarker Gegner. Das Duell der beiden Weltmeister muss zweifellos als sportlicher Höhepunkt des bisherigen Boxjahres gelten, liegt der letzte Titel-Vereinigungskampf auf deutschem Boden mittlerweile bereits fast fünf Jahre zurück. Grund genug für BoxingPress, einen Blick auf die Vorbereitung und die Siegchancen der beiden Kontrahenten zu werfen.


Byron Mitchell:

Trotz hermetischer Abriegelung des WBA-Champions und Ottke-Herausforderers gegen Presse und neugierige Zuschauer, gelang es BoxingPress, sich Eintritt in die Trainingsräume zu verschaffen, einen Überblick über die Verfassung des Sportlers zu gewinnen, sowie das eine oder andere Wort mit dem WBA-Weltmeister und seinem Team zu wechseln.

Nach kurzfristiger Umdisponierung zogen es der WBA-Champ und sein Team vor, statt in dem für die letzten Trainingswochen ursprünglich vorgesehenen Gym des Berliner Profitrainers Werner Papke, in den Hallen von Berlins schillerndster Persönlichkeit im Profiboxsport, Promoterin Eva Rolle, zu trainieren.

Die Stimmung im Gym war konzentriert, jedoch keineswegs überhastet. Seine Trainer Harris und Al Bonnani beobachteten aufmerksam jede Bewegung ihres Schützlings bei den Trainingseinheiten. Mitchell selbst befindet sich offenbar in einer hervorragenden Verfassung. Im Sparring überraschte er mit einem Handspeed und Meidbewegungen, die keiner der letzten Gegner des IBF-Weltmeisters im Kampf zeigen konnten. Auch Konditionsschwächen waren während des Trainings nicht erkennbar. Im Sparring gegen den Italiener Michèle Orlando, der sichtlich versuchte, Ottkes Stil zu kopieren, wurden verschiedene Situationen und Herangehensweisen geübt.

Trainer Bonnani antwortete gelassen auf die Frage von BoxingPress, ob man sich angesichts der letzten, kontrovers diskutierten Punktrichterentscheidungen vor unfairer Behandlung fürchte. "Keiner der Kampfrichter wird ein Deutscher sein, und selbst wenn, wäre mir das egal," sagte der erfahrene Coach.

Der sympathische und gut aufgelegte Mitchell genießt seinen siebten Aufenthalt in Deutschland, das er unter anderem durch seine Sparringseinsätze in Hamburg mit WBO-Champion Dariusz Michalczewski bestens kennt. Der US-Boy hat sich, laut eigener Aussage, gut auf Ottkes Stil, insbesondere den manchmal doch etwas sehr tiefen Kopf, vorbereitet. "Wir haben uns genug Videos angesehen. Wir wissen, wie er reagiert, wenn er unter Druck ist. Mit Kopfsenken, in den Mann gehen und Klammern wird er bei mir keine Chance haben," so der breit grinsende WBA-Champion. In den Wochen zuvor hatte Mitchell jedoch die Fähigkeiten seines Gegners anerkannt: "Ich habe großen Respekt vor Sven Ottke. Er hat sich im Vorfeld sehr positiv über mich geäußert, meine Leistungen anerkannt. Ottke ist ein sehr beweglicher Boxer und ein guter Techniker," so der US-Amerikaner. Und Trainer Al Bonanni ergänzte: "Wir werden am Samstag zwei der besten Kämpfer der Welt sehen."

Mit Byron Mitchell hat Ottke nun also einen aktuellen Weltmeister vor den Fäusten, wie er es bereits vor über einem Jahr ankündigte. Jedoch handelt es sich bei dem WBA-Champ um den als am schwächsten eingestuften Weltmeister der drei verbleibenden großen Verbände, zu deren beiden anderen Weltmeistern Eric Lucas (BP-Nr.3) und Joe Calzaghe (BP-Nr.1) noch ein qualitativer Unterschied besteht. Dennoch ist zu erwarten, dass Mitchell mit weit mehr Erfahrung den Ring betreten wird, als beispielsweise ein Rudy Markussen oder ein Anthony Mundine, gegen die Ottke gerade in den ersten Runden nicht immer gut aussah.

Auch an Siegeswillen wird es dem US-Amerikaner nicht mangeln, auf den ebenfalls größere Zahltage warten, sollte es für ihn zu Doppel-Titelverteidigungen kommen. Man darf gespannt, wie sich Mitchell am Samstag im Ring präsentieren wird.


Sven Ottke:

Die Vorbereitung auf das Aufeinandertreffen lief nach Worten des 35-Jährigen wie immer ausgezeichnet. "Ich bin sehr zufrieden. Wir hatten im Trainingslager in Kienbaum optimale Voraussetzungen. Man kann sich dort hervorragend konzentrieren," sagte der als sehr trainingsfleissig bekannte IBF-Weltmeister. Für Sven Ottke geht mit dem IBF-/WBA-Vereinigungskampf ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. "Ich habe immer gesagt, dass es nicht drei Weltmeister der großen Verbände in einer Gewichtsklasse geben kann und förmlich um einen Vereinigungskampf gebettelt, um meine Position an der Weltspitze noch deutlicher zu machen. Ich freue mich deshalb sehr auf diesen Kampf. Es hat zwar ein bisschen gedauert, aber besser spät als nie," so der Super-Mittelgewichtler. Dabei unterschlägt Ottke gern WBO-Weltmeister Joe Calzaghe, der von vielen Fachleuten als der derzeit beste Supermittelgewichtler der Welt eingeschätzt wird.

Seinen Gegner schätzt Ottke vor allem körperlich hoch ein. "Mitchell ist physisch sehr stark. Es wird brutal werden, denn er ballert aus allen Lagen," so der Weltmeister. Damit hat Ottke zweifellos Recht, denn der US-Amerikaner hat seine Stärken eindeutig in der Offensive. Mitchell schlägt schnell und viel, befindet sich fast immer im Vorwärtsgang und sucht die vorzeitige Entscheidung. Ein klassischer Knockouter ist der 29-Jährige dabei jedoch nicht, vielmehr erreicht er sein Ziel durch die Vielzahl von Schlägen.

Ottke kennt diesen Stil durch seine Kämpfe gegen US-Brawler wie Charles Brewer, Thomas Tate und James Butler in- und auswendig. Mitentscheidend wird sein, wie es mittlerweile um die Reflexe des 35-Jährigen bestellt ist. In seinen letzten Kämpfen gegen (im Verhältnis zu Mitchell) schwächere Gegner wie Joe Gatti und Rudy Markussen musste Ottke ungewohnt viele Treffer nehmen. Andererseits ist der Deutsche dafür bekannt, an seinen Gegnern zu wachsen bzw. vermeintlich schwächere Gegner etwas zu unterschätzen. In bezug auf Byron Mitchell dürfte Ottke daher wohl keinerlei Motivationsprobleme haben.

Sein Gegner bietet dem IBF-Weltmeister ja auch einiges an Angriffsfläche. Die Defensiv-Arbeit von Mitchell ist seine große Schwäche, der US-Amerikaner musste schon mehrfach in seiner Karriere zu Boden. Gerade in seinen letzten Kämpfen gegen durchschnittliche Gegner wie Julio Cesar Green und Manny Siaca stand Mitchell aufgrund seiner mangelnden Deckungsarbeit und durchwachsener Nehmerfähigkeiten kurz vor einer Niederlage. Auch in seinen WM-Fights gegen Bruno Girard und Frankie Liles wusste der WBA-Champ nicht restlos zu überzeugen. Bei seinem Titelgewinn gegen Liles lag Mitchell klar nach Punkten zurück, ehe er den damaligen Weltmeister vorzeitig in Runde elf besiegte.

Auch wenn daher vieles für einen Erfolg für Sven Ottke spricht, muss die überraschende Niederlage Wladimir Klitschkos gegen den Südafrikaner Corrie Sanders am vergangenen Wochenende eine Warnung für den Deutschen sein. Ein harter Puncher kann einen Kampf jederzeit entscheiden. Ottke-Trainer Ulli Wegner machte daher auch in einem Fernsehinterview in der ARD klar, dass man die Klitschko-Niederlage durchaus als zusätzlichen Ansporn für Ottkes Training genommen hat. Vor Überraschungen sei man nie gefeit und die Konzentration müsse über die gesamte Kampfdistanz aufrecht erhalten werden.

Ottke sieht das genauso. "Mitchell ist auch konditionell topfit. Aufgrund des Video-Studiums seiner Kämpfe kann ich ausschließen, dass er in den letzten Runden einbricht. Ich muss das Hauptaugenmerk darauf haben, von ihm nicht hart getroffen zu werden. Von meinen boxerischen Möglichkeiten her, müsste ich ihm eigentlich überlegen sein und sollte deshalb den Kampf gewinnen können."

Das Vorgeplänkel:

Von Interesse sollte sein, dass der US-Amerikaner Mitchell von Promoterkönig Don King betreut wird, dessen "positiver Einfluss" auf die Punktrichter einen etwaigen Heimbonus von Ottke zunichte machen könnte. Wilfried Sauerland, Manager von Sven Ottke, musste für den Titelvereinigungskampf gegen den King-Schützling Mitchell schriftlich zugestehen, King im Falle eines Ottke-Sieges an den nächsten drei Titelverteidigungen finanziell zu beteiligen. Die Forderung Kings nach einer Privataudienz bei Bundeskanzler Gerhard Schröder konnte Sauerland allerdings nicht erfüllen.

Vielleicht war dies letztlich auch einer der Gründe dafür, dass King (Foto) am Samstag nicht in Berlin am Ring sitzen wird. "Es tut mir leid, dass mich geschäftliche Gründe daran hindern, nach Berlin zu kommen," teilte King mit. "Es gibt keinen Platz auf der Welt, wo ich in dieser Woche lieber gewesen wäre und wo wir Bier und die großartige deutsche Wurst genossen und gemeinsam Geschichte geschrieben hätten. Ich bin gedanklich in Berlin – ich bin ein Berliner. Ich liebe das wunderschöne Berlin mit seinem großartigen Essen, Getränken und der reichen Tradition. Ich werde richtig aufgeregt, wenn ich darüber nachdenke." King mag nicht mehr der allmächtige Promoter im Boxsport sein - dass Klappern zum Handwerk gehört, hat er anscheinend aber nicht verlernt.

Der Kampf um die IBF-/WBA-Weltmeisterschaft wird von Ringrichter Stan Christodolou geleitet. Der Südafrikaner gilt als sehr erfahrener und sportlich fairer Referee. Unterstützt wird er von den Punktrichtern Samuel Conde Lopez (Puerto Rico), Manuel Maritxalar (Spanien) und Derik Milham (Australien). Bleibt zu hoffen, dass diese Herren eine gerechte sportliche Entscheidung treffen, sollte der Kampf über die Runden gehen.

Manager Sauerland teilte mit, dass aufgrund der großen Nachfrage noch kurzfristig 500 Stehplatzkarten in den Verkauf gegeben worden sind. "Am Samstag werden dann in der Max-Schmeling-Halle über 10.000 Menschen sein," kündigte der langjährige Promoter an, dem es damit wieder einmal gelungen ist, einen Mega-Fight mit einem seiner Boxer zu realisieren. Umso mehr hofft Sauerland, dass dieses Mal sein Schützling auch siegreich sein wird.

"Wenn Sven Ottke den Kampf gegen Mitchell gewinnen sollte, könnte er Boxgeschichte schreiben. Denn Ottke wäre der erste gebürtige Deutsche, der dann zwei der drei Titel der größten Boxverbände halten würde," so Sauerland (Foto). Aus dem Sauerland-Team hatte dies Halbschwergewichtler und Ex-IBF-Weltmeister Henry Maske zuletzt versucht, der 1996 WBA-Weltmeister Virgil Hill den Titel abnehmen und mit seinem vereinigen wollte, jedoch im letzten Kampf seiner Karriere an diesem Vorhaben scheiterte. Im Anschluss daran hatte WBO-Champ Dariusz Michalczewski gleich alle drei WM-Titel mit einem Sieg über Hill abgegriffen. "Ich hoffe, dass Sven Ottke ein glücklicheres Händchen als Maske hat," sagte Sauerland, "er wird alles geben müssen, um sich diesen Traum verwirklichen zu können."

Einen Sieg über Mitchell vorausgesetzt, hat Ottke noch weitere sportliche Ziele, über die der Deutsche aber noch nicht zu viel verraten will: "Ich habe da etwas ganz konkret vor Augen. Darüber möchte ich aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts sagen. Nur soviel: Ich habe keinerlei Motivationsprobleme, denn das Training macht mir nach wie vor großen Spaß. Und ich mache meinen Job wirklich gerne."

Prognose:

Sollte es Sven Ottke gelingen, wie gewohnt sein taktisches Konzept und seinen Stil konzentriert durchzusetzen, wird es Byron Mitchell schwer haben. Ottkes Stärken - seine überfallartig und schnell vorgetragenen Angriffe, seine Beinarbeit und sein unorthodoxer Stil - dürften dem offensiv-ausgerichteten US-Amerikaner genausowenig schmecken, wie bislang vielen anderen Herausforderern des Deutschen. Dennoch wird Ottke nicht jünger und muss beweisen, dass es um seine Reflexe und seine Schnelligkeit immer noch gut bestellt ist. Andernfalls wäre ein vorzeitiger Erfolg von Mitchell sehr wohl denkbar - wie übrigens auch ein vorzeitiger Sieg von Ottke, der bei seinen vermeintlich schwersten Kämpfen oft besonders überzeugend auftrumpfen konnte. Schließlich ist, angesichts der Beteiligung von Don King, auch ein (womöglich unverdienter) Punktsieg von Mitchell vorstellbar.

Die BoxingPress-Redaktion geht jedoch von einem ungefährdeten Punktsieg des Deutschen aus. Wenn Ottke seine Möglichkeiten ausschöpft, sollte ihm der Stil und die Defensivschwäche seines Herausforderers liegen. Angemerkt sei jedoch, dass sich Überraschungen im Boxsport zeitlich oft häufen. Kaum auszudenken wäre der berechtigte Katzenjammer bei Sauerland und Universum, wenn die beiden Boxställe innerhalb kürzester Zeit ihre zwei Vorzeige-Athleten als Weltmeister verlieren würden. Für genügend Spannung ist also gesorgt...

 

 

 

 
     


BoxingPress.de - Alle Rechte vorbehalten
© 2003 - Alle Elemente sowie das Layout dieser Seiten unterliegen den Copyrightbestimmungen nach deutschem Recht. Kein Teil dieser Seiten darf in irgendeiner Form an anderer Stelle ohne die ausdrückliche Erlaubnis von BoxingPress.de veröffentlicht werden.


All photos ALLSPORT / AFP / ROGER WILLIAMS / SECONDSOUT.COM / KURT SAYGIN - BoxingPress ist um vollständigen Urhebernachweis auf seinen Internetseiten bemüht. Sollte sich auf einer unserer Seiten dennoch eine ungekennzeichnete, aber durch Copyright eines Dritten geschützte Graphik befinden, so konnte das Copyright von uns nicht festgestellt werden. Sollte Bildmaterial einmal nicht mit einem entsprechenden Urhebernachweis ausgezeichnet sein, bitten wir den Betreffenden, sich bei der Redaktion zu melden. Im Falle einer solchen unbeabsichtigten Copyrightverletzung werden wir das entsprechende Objekt nach Benachrichtigung aus der Internetseite entfernen bzw. mit dem entsprechenden Copyright kenntlich machen.
GOWEBCounter by INLINE