Ottke besiegt Mitchell, gewinnt zweiten WM-Gürtel
Bericht und Fotos von M. Kurt Saygin
Der neue
Weltmeister der World Boxing Association und der International Boxing
Federation im Supermittelgewicht heißt Sven
Ottke (Foto, BP-Nr.2). Der Deutsche besiegte im
Vereinigungskampf der beiden Organisationen den ehemaligen WBA-Champ Byron
Mitchell (BP-Nr.9) in einer restlos ausverkauften
und bereits zum ersten Vorkampf prall gefüllten Max-Schmeling-Halle
knapp nach Punkten. Über die kompletten zwölf Runden lieferten sich die
beiden Kämpfer einen spannenden Kampf, bei dem klare Treffer jedoch Mangelware
blieben. Zu keinem Zeitpunkt konnte sich einer der Kontrahenten einen
größeren Vorsprung erboxen, viele Durchgänge verliefen sehr knapp.
Lediglich in der letzten Runde landete Mitchell einige klare Treffer,
die Ottke sichtlich mitnahmen. Am Ende siegte Ottke knapp nach Punkten.
Ein Richter hatte den Amerikaner mit 116:112 vorne gesehen. Die anderen
beiden Ringrichter sahen Ottke mit 115:113 und 116:114 im Vorteil.
Die Karten
im nationalen Boxsport sind damit wieder neu gemischt. Nachdem es in letzter
Zeit weit besser für Universum-Chef Klaus-Peter Kohl ausgesehen
hatte, musste dieser genau vor sieben Tagen eine starke Schlappe hinnehmen:
Wladimir
Klitschko (BP-Nr.7), sein Vorzeigeboxer mit Ambitionen
auf den Schwergewichts-Titel der großen drei Verbände, verlor
desaströs durch KO in der zweiten Runde gegen den als weit schwächer
eingestuften Corrie
Sanders (BP-Nr.6). Zu einem direkten Rückkampf
wird es jedoch nicht kommen. Sanders hat eine freiwillige Titelverteidigung
offen, erst danach muss der Südafrikaner gegen einen von Kohl zu
bestimmenden Universum-Schwergewichtler antreten.
Wilfried
Sauerland hingegen gelang am vergangenen Samstag das, was einem deutschem
Promoter noch nie zuvor gelang: Er hat mit Sven Ottke seit gestern Nacht
den ersten deutschen Boxer in seinem Stall, der die Herausforderung eines
Titelvereinigungs-Kampfes erfolgreich meistern konnte, nachdem zuletzt
Henry Maske daran gescheitert war.
Die Kampfergebnisse
im Einzelnen:
1. Kampf:
Ali Yildirim vs. Jürgen Hartenstein, Supermittelgewicht, angesetzt
auf 8 Runden
Ali
Yildirim (4-1-0, 4 KO`s) trat an diesem Abend sicherheitshalber
ohne seinen Kampfnamen "Tyson" an. BoxingPress erkannte
bereits bei seinem Profidebüt im letzten Jahr das Talent des vom
Berliner Boxpromoter Ralf Reiser gemanagten erfolgreichen Amateurs
und prophezeite, dass dieser Boxer noch von sich hören lassen würde.
Dieser klopft jetzt, nachdem er sich vom Cruiser- bis ins Supermittelgewicht
heruntergehungert hat, an die Tür des amtierenden Deutschen Meisters
im Supermittelgewicht Andy Liebing an. Der ehemalige Deutsche Meister
und Rechtsausleger Jürgen Hartenstein (11-8-1, 2 KO`s), der
Liebing zweimal nach Punkten unterlag, wurde vom Berliner Türken
über vier Runden vorgeführt und schließlich in einem Schlaghagel
derart schwer verwundet, dass sich der Ringrichter Arno Pokrandt zu
Recht gezwungen sah, den Kampf abzubrechen.
Yildirim
boxte dieses Mal – untypisch für den schnellen Knock-Outer, der oftmals
Konditionsprobleme in den hinteren Runden zeigte – sehr technisch und
vorsichtig und zeigte damit seine gute Amateurschule. Sollte sich der
Türke weiterhin so entwickeln, wird er im Supermittelgewicht bestimmt
noch für die eine oder andere Überraschung sorgen können.
Offizielles
Urteil: Sieger durch TKO nach 2:37 der vierten Runde Ali "Tyson"
Yildirim
2. Kampf:
Evgenji Rakk vs. Kai Kurzawa, Halbschwergewicht, angesetzt auf 6 Runden
Mit
dem gebürtigen Russen Evgenji Rakk (2-3-1, 1 KO) war am gestrigen
Abend der zweite Mann von Ralf Reiser am Start, der sich allerdings
gegen Kai
Kurzawa (7-0-0, 6 KO`s) nur wenig ernsthafte Chancen ausrechnen
konnte. Rakk, der auf Berliner Kleinringveranstaltungen durchaus auch
schon durch einen intelligenten Boxstil auffiel, war dem Sauerland-Profi
hoffnungslos unterlegen. Im
von Ringrichter Arno Pokrandt geführten Kampf musste der Berliner
bereits in der ersten Runde schwere Kopf- und Körperhaken einstecken
und ging in Runde zwei das erste Mal zu Boden. Nach zwei schweren Niederschlägen
in der dritten Runde flog aus der Ecke des Russen – vollkommen zu Recht
- das Handtuch, um schlimmeres zu vermeiden.
Offizielles
Urteil: Sieger durch TKO nach 1:38 der dritten Runde Kai Kurzawa
2. Kampf:
Richel Hersisia vs. Wojciech "Wolle" Bartnik, Schwergewicht,
angesetzt auf 8 Runden
Der von Olaf
Schröder gemanagte Richel
Hersisia (17-0-0, 14 KO`s) hatte gerade in den Auftaktrunden deutliche
Probleme mit dem unbequemen polnischen Rechtsausleger Wojciech Bartnik
(9-2-1, 5 KO`s) und musste bereits in Runde drei zu Boden. Hersisia
behielt jedoch, taktisch richtig angewiesen durch seinen Manager und Betreuer
Schröder (IBF-European Matchmaker of the year 2002) die Nerven, ruhte
sich in der vierten Runde noch etwas aus und wurde ab der fünften
Runde stärker. In Runde sechs erfolgte ein Punktabzug wegen Kopfstoßens
für den Polen. Hersisia konnte in der zweiten Hälfte des Kampfes
jede Runde klar auf seinem Konto verbuchen und zeigte damit, wie man trotz
eines schlechten Auftaktes einen Kampf noch klar herumreißen kann
und bleibt damit auch in seinem 18. Profikampf ungeschlagen.
Offizielles
Urteil: Sieger nach Punkten Richel Hersisia
3. Kampf:
Thomas Williams vs. Cengiz "Khan" Koc, Schwergewicht, angesetzt
auf 8 Runden
Vor
dem Kampf wurde Cengiz
Koc als gutes Omen vom WKA-(World Kickboxing and Karate Association)
Vizepräsidenten Klaus Nonnemacher der dritte Dan (Meistergrad)
für seine Leistungen im Kickboxsport überreicht. Auch sonst
wurde ein ungewohntes Brimborium um den Schwergewichtler gemacht, wie
z.B. die von den Rappern "Dirty-D" live gesungene und
eigens für den Kämpfer komponierten Einmarschhymne. Es scheint,
als setze man seitens Sauerland große Hoffnungen in den Berliner
Türken.
Es
war der zweite Achtrunder, den der sympathische Sauerland-Boxer bestreiten
sollte, aber auch diesmal ging Koc nicht über die volle Rundenzahl.
Ein Novum jedoch, dass für Koc (14-0-0, 10 KO`s) endlich einmal ein
Gegner verpflichtet wurde, der größer und schwerer ist als
er selbst, was von seinen Fans und Box-Experten schon seit längerem
gefordert wurde. Der mit 41 Profikämpfen erfahrene farbige US-Amerikaner
Thomas Williams (27-14-0, 18 KO`s) wirkte rein optisch durchaus
überlegen, konnte dies aber im Kampf nicht umsetzen. Im von Ringrichter
Arno Pokrandt geleiteten Kampf bewies Koc, dass er sowohl an seiner
Deckung, wie auch an seinem Handspeed gut gearbeitet hat. Er hatte keinerlei
Schwierigkeiten, den Schlägen des physisch überlegenen Amerikaners
auszuweichen und sofort in die Lücken zu schlagen. Bereits in der
zweiten Runde schwoll das Auge des Amerikaners so zu, dass er nichts mehr
sehen konnte und zur dritten Runde nicht mehr antrat. Der
Sauerland-Boxer bewies damit, dass er durchaus auch mit größeren
und schwereren Gegnern mithalten kann.
Offizielles
Urteil: Sieger duch TKO in der dritten Runde Cengiz Koc
4. Kampf:
Don Steele vs. Timo "The Body" Hoffmann, Schwergewicht, angesetzt
auf 8 Runden
Es
folgte der Auftritt von Kultfigur Timo
Hoffmann (Foto), von dem zu hören war, er habe
Richel Hersisia im Sparring windelweich geprügelt. Ein lautes Raunen
ging durch die 10.000 Zuschauer, als der Kampfrekord des US-amerikanischen
Gegners von Ringsprecher Waldemar "Waldi" Hartmann vorgelesen
wurde. "50 Kämpfe, 46 Siege und davon 45 durch KO!",
hieß es und nicht wenige bangten jetzt womöglich um "Die
Deutsche Eiche", die mit einem Rekord von 26-2-0 und 15 KO`s weit
weniger imposant wirkte. Den Ring betrat mit Don Steele jedoch
ein wenig furchteinflößender und vor allem deutlich kleinerer
Schwergewichtler, der so gar nicht den Eindruck eines "Killers"
machte.
Auch
im Kampf spiegelte sich der glanzvolle Rekord des Amerikaners keinesfalls
wieder. Die Schläge waren – wie er selbst – viel zu langsam und schwerfällig,
als dass sie den Sauerland-Boxer ernsthaft gefährden könnten.
Teilweise stolperte der etwas tollpatschig wirkende Amerikaner seinen
Schlägen sogar hinterher. Bereits in der ersten Runde wurde Steele,
der nach einem krachenden rechten Kopfhaken zu wanken begann, vom Referee
stehend angezählt und dann sogar vom nachsetzenden Hoffmann zu Boden
geschlagen. Die erste Runde ging somit mit 10:7 an den Deutschen. Schon
am Anfang der zweiten Runde brachte "Der Körper" den Gastboxer
mit einer Links-Rechts-Kombination zum Wanken und schickte ihn mit einer
nachgesetzten rechten Geraden zum zweiten Mal auf die Bretter, woraufhin
der Referee Walfried Rollert den ungleichen Kampf zu Recht abbrach.
Offizielles
Urteil: Sieger durch TKO nach 0:54 der zweiten Runde Timo Hoffmann
Hoffmann,
der am 3. Mai gegen Henry Akinwande kämpfen wird, präsentierte
sich gegen einen schwachen Gegner in guter Form. Ob der gealterte Akinwande
es ihm allerdings ebenfalls so leicht machen wird, ist zu bezweifeln.
5. Kampf:
Frederic Serrat vs. Rüdiger May, Leichtschwergewicht, EU-Meisterschaft
angesetzt auf 10 Runden
Nach Lee
Manuel Osie vs. Oliver Beard wurde mit diesem Kampf die zweite
EU-Meisterschaft in Berlin ausgetragen. Offenbar scheint dieser von der
EBU neu kreierte Titel allmählich in Mode zu kommen. Laut Annonce
in der Halle ist ein EU-Titelträger offizieller Herausforderer des
EM-Titelträgers. Diese Behauptung erscheint in ihrer Absolutheit
äußerst fraglich, denn einerseits wäre dann die Titelträgerfluktuation
des EU-Titels übermäßig hoch und andererseits wäre
es ein Novum, einen offiziellen "Challenger-Titelgürtel"
zu verleihen. Der Sinn eines Titels, der per Definition schon nur eine
Durchgangsstation sein soll, ist nicht erschließbar, zumal sich
auch rechtliche Probleme mit Rematch-Klauseln ergeben dürften. Sollte
nämlich ein Europameister einen Titelverteidigungskampf verlieren
und im Kampfvertrag eine Rematch-Klausel enthalten sein, müsste der
Verlierer automatisch zum EU-Titelträger ernannt werden.
Frederic
Serrat (20-1-0, 9 KO`s) machte schon beim Spielen der Nationalhymnen
einen konzentrierten und kampfeswilligen Eindruck. Rüdiger
May (35-2-1, 8 KO`s) hatte trotz leichter Reichweitenvorteile
Schwierigkeiten, sich den quirligen Franzosen vom Hals zu halten. Serrat
hatte keinerlei Probleme, die Distanz zu überbrücken und immer
wieder gute Kopf- und Körperhaken anzubringen. Der Gastboxer hatte
sich gut auf den Rückwärtsboxer May eingestellt, zeigte ein
hervorragendes Ring-Cutting, stellte den Deutschen mehrmals an den Seilen
und setzte den Ex-IDM schwer unter Druck.
Am
Ende der ersten Runde stellte sich leider das altbekannte Problem der
May-Brüder ein: Es öffnete sich nach einem schweren rechten
Kopfhaken seitens des Franzosen ein Cut über dem linken Auge Mays.
In der Rundenpause wurde als Grund des Cuts ein "Accidental Headbutt"
angegeben, was schon darauf schließen ließ, dass es im weiteren
Kampfverlauf entweder zu einer No-Decision oder zu einer technischen Entscheidung
kommen würde. Der Weltklasse-Cutman Danny Mancini machte jedoch
seine Sache wieder mal erstaunlich gut und bekam den schweren Cut so unter
Kontrolle, dass an der Reinheit der zu verwendenden Vaseline-Adrenalin-Mischung
leichte Zweifel erlaubt sein dürfen. Dies ist allerdings eine der
wirklich wenigen regelwidrigen Verhaltensweisen, die Boxfans durchaus
nicht ungern in Kauf nehmen. Im Boxsport entscheiden eben auch gute Ecken
über Sieg und Niederlage.
Auch in den
folgenden zwei Runden hatte der von seinem Bruder Thorsten May gecoachte
Sauerland-Boxer mit dem aggressiv nachsetzenden Franzosen einerseits und
dem angeschlagenen Auge andererseits zu kämpfen. Die Schläge
des Franzosen hinterließen weit mehr Schlagwirkung als die Konter
des Deutschen, der seine Körperdeckung oft sträflich vernachlässigte.
Schon in der zweiten Runde wurde der Ringarzt das erste Mal konsultiert.
Die ersten beiden Runden gingen klar, die dritte Runde mit leichten Punktvorteilen
auf das Konto des Frazosen, der jedoch taktisch nicht klug boxte und eine
No-Decision förmlich provozierte.
Ab
der vierten Runde boxte der Deutsche aggressiver und konnte trotz des
wieder stark blutenden Cuts die klareren Treffer und die erste Runde auf
seinem Konto verbuchen. In der fünften und sechsten Runde wirkte
der Franzose zunehmend ideenloser, May verlegte sich aufs Konterboxen
aus dem Rückwärtsgang und konnte endlich seine Reichweitenvorteile
ausnutzen. Am Ende der sechsten Runde stand es auf dem BP-Punktezettel
unentschieden. In der siebten Runde wurde der Kampf schließlich
aufgrund des immer stärker blutenden Cuts auf Anraten des Ringarztes
abgebrochen und eine technische Entscheidung gefällt. Auf dem BP-Punktezettel
ging diese Runde ebenfalls an May, der somit äußerst knapp
führte.
Die Punktrichter
punkteten wie folgt:
Franco
Ciminale (Italien): 69:65 für May
Arno Pokrandt
(Deutschland) 69:64 für May
Francisco
Vasquez Marcos (Spanien) 69:64 für May
Als das Ergebnis
verlesen wurde, begann ein gellendes Pfeifkonzert und Buh-Rufe von fast
allen der 10.000 Zuschauer. Teile der französischen Ecke begannen
zu weinen, der Trainer schrie hysterisch in die Menge und Serrat selber
hatte Tränen in den Augen und verließ den Ring, als Rüdiger
May den Kranz umgehängt bekam.
Das Publikum
jedoch war klar auf der Seite des Franzosen. Jegliches Faust-Hochstrecken
Mays wurde sofort mit einem erneuten Aufwallen der Buh-Rufe und Pfiffe
bestraft. Der Franzose hingegen betrat erneut den Ring und ließ
sich von den Zuschauern lautstark bejubeln.
Der bemitleidenswerte,
weil am Punktrichterurteil unschuldige Rüdiger May verließ
mit hängendem Kopf und umhängendem Siegerkranz den Ring und
wurde bis zum Ausgang durch Pfiffe begleitet. Schade eigentlich, denn
der Punktsieg ging durchaus in Ordnung, wenn auch bei weitem nicht in
dieser Höhe. Die Überreaktion des bekanntermaßen äußerst
kritischen Berliner Publikums ist wohl eher den Punktrichtern als den
Kämpfern zuzuschreiben.
Offizielles
Urteil: Sieger nach Punkten nach technischer Entscheidung in der siebten
Runde Rüdiger May
6. Kampf:
Denis Lebedev vs. Berry Lee Butler, Halbschwergewicht, angesetzt auf 8
Runden
Berry
Lee Butler (12-9-0, 10 KO`s) überraschte schon mehrmals unangenehm
auf Sauerland-Veranstaltungen. Z.B. als er vor zwei Jahren in Köln
Norbert Nieroba in der zweiten Runde ausknockte, anstatt einfach
- wie eingeplant - zu verlieren. Diesmal jedoch war der glänzende
Techniker als Sparringspartner für Sven Ottke in Deutschland
und bereitete ihn auf seinen Gegner des heutigen Abends, Byron Mitchell,
vor.
Butler, der
in seiner Boxkarriere leider weit unter seinen Möglichkeiten geblieben
und dem trotz seines großen Talents nie ein großer Wurf gelungen
ist, präsentierte sich am heutigen Abend so schlecht wie noch nie.
Es lässt sich vermuten, dass er entweder erkältet war, oder
dass ihn das lange Sparringstraining mit Ottke einfach müde gemacht
hatte. Sein Gegner, der ungeschlagene Russe Denis
Lebedev, wusste dies auszunutzen.
In
Runde eins konnte Butler zwar - nur für Sekunden aufblitzend – seine
technische Überlegenheit unter Beweis stellen, ansonsten stand er
statisch in der Schlaglinie des Russen und musste so die ersten drei Runden
unnötigerweise abgeben. Butler boxte ungewohnt passiv und machte
früh einen erschöpften Eindruck. In der vierten Runde fand sich
der US-Amerikaner dann das erste Mal auf dem Ringboden wieder, kämpfte
jedoch nach dem Eight-Count weiter und wurde sofort wieder so hart getroffen,
dass die Max-Schmeling Halle einen der schwersten KO`s der letzten Jahre
in Deutschland erlebte. Butler verblieb minutenlang am Boden liegen und
wurde trotz pausenloser Aufweckversuche immer wieder ohnmächtig,
verdrehte die Augen und war kurz vorm Erbrechen, wie man am Würgen
und den entsprechenden Körperzuckungen erkennen konnte. Sein Trainer,
der auf den Russen losgehen wollte, wurde von zwei Männern der Security
gewaltsam aus der Halle geschliffen. Nach mehreren Minuten kam Butler
langsam wieder zu sich und wurde nicht auf der bereits bereitgestellten
Trage, sondern vom Rest seiner Betreuer langsam und unter Beifall des
Publikums aus der Halle gebracht.
Offizielles
Urteil: Sieger durch KO nach 2:48 der vierten Runde Denis Lebedev
7. Kampf:
Sven Ottke vs. Byron Mitchell, Supermittelgewicht, IBF-WBA-Weltmeisterschafts-Titelvereinigungskampf,
angesetzt auf 12 Runden
Ein selten
gesehenes Donnerwetter brach beim Walk-In der beiden Boxer los. Ein lange
und mit viel Spannung erwarteter Kampf sollte endlich stattfinden. An
diesem Abend sollte ein deutscher Boxer die Chance erhalten, Doppelweltmeister
zu werden und die Prognosen standen gar nicht einmal schlecht. Einzig
die interne Nachricht aus dem Sauerland-Team, Sven
Ottke (29-0-0, 6 KO`s) sei am Morgen des Kampftages erkältet
gewesen, schockierte die anwesenden Journalisten. Davon jedoch war im
Kampf nichts zu spüren und es wurde ein Fight, der eines Vereinigungskampfes
würdig war.
Bereits der
Walk-In von Ottke - mit Feuer, Rauch, Pyrotechnik und dem von Sarah
Connor live gesungenen Lied "He`s unbelievable" - erzeugte
eine bombastische Stimmung in der Halle. Die Nationalhymnen wurden live
von einem von der Decke herabschwebenden Streichquartett gespielt. Bezüglich
der Showtechnik hatte man sich in der Tat nicht lumpen lassen. Der Kampf
konnte also beginnen.
Verliefen
die ersten Sekunden noch recht verhalten, gewann der Kampf bereits ab
Mitte der ersten Runde an Tempo. Die beiden von Hause aus schnellen Boxer
schlugen und trafen oft gleichzeitig oder so dicht hintereinander, dass
schwer zu entscheiden war, wer den Kampf führte. Ab der zweiten Runde
befand sich Byron
Mitchell (25-1-1, 18 KO`s) zwar im Vorwärtsgang und
kam besonders über die Innenbahn vereinzelt ins Ziel, wurde aber
von Ottke immer wieder mit kurzen Haken abgefangen. Das Publikum tobte
und man hörte in Anlehnung an den legendären "Rumble in
the Jungle" von Muhammad Ali "Ottke, boma ye!"-Sprechchöre
("Ottke, bring ihn um!").
In der dritten
Runde kam der US-Amerikaner und Schützling von Don Kings Sohn
Carl King zum ersten Mal mit schweren Kopfhaken durch, die der
IBF-Weltmeister jedoch locker wegsteckte. In der vierten Runde kam es
zu mehreren offenen Schlagabtäuschen bei denen der WBA-Weltmeister
die besseren Treffer anbringen konnte. Nach zwei schweren rechten Kopfhaken
des Gastboxers kam Ottke das erste Mal ins Wanken und konnte sich von
der Schlagkraft des US-Amerikaners überzeugen. In der fünften
Runde konnte der Deutsche einen gewaltigen rechten Kopfhaken des Amerikaners
mit der linken Deckungshand gerade noch abwehren. Hätte dieser Schlag
gesessen, hätte es für den IBF-Weltmeister womöglich übel
ausgesehen.
In den Pausen
fiel auf, dass die beiden Boxer bis zur letzten Sekunde auf den Hockern
saßen, die ihnen erst beim Aufstehen nach dem Gong unter den Hintern
weggezogen wurden. Dies schien jedoch mehr eine Demonstration des Teamworks
zu sein, als tatsächlich taktischen Sinn zu machen.
In der zweiten
Hälfte des Kampfes wurde auch Ottke aggressiver und bewegte sich
gelegentlich selbst nach vorne. Schon in Runde sechs wurde diese Taktik
von Erfolg gekrönt und nach mehreren Kopfhaken sah es kurzfristig
so aus, als würde der WBA-Weltmeister Mitchell einknicken. Ottkes
neuartige Links-Rechts-Vierfachkombinationen hingegen ließen an
Wirkung zu wünschen übrig.
In der siebten
Runde sah es zum wiederholten Male so aus, als würde der Sauerland-Boxer
wanken. Trainer Al Bonnani schrie hysterisch in seiner Ecke "His
legs are gone, his legs are gone!", jedoch konnte sich "Svennie"
wieder fangen und seinerseits wieder gute Treffer anbringen. Am Ende der
siebten Runde gab es einen versehentlichen Nachschlag nach dem Gongs seitens
Mitchells, jedoch war am Gesichtsausdruck klar erkennbar, dass dies keine
Absicht war.
In
der achten Runde öffnete sich ein kleiner Cut am Auge des Deutschen,
der aber in der Rundenpause von Danny Mancini problemlos wieder
unter Kontrolle gebracht werden konnte. Die darauffolgenden Runden verliefen
– wie der gesamte Kampf – extrem wechselhaft und bestanden aus Attacken
und Gegenattacken beider Seiten. Manager Wilfried Sauerland reklamierte
immer wieder auf Kopfstoß, zumal sich der Kopf des Gastboxers oftmals
tatsächlich viel zu tief über dem Boden befand und unter dem
Arm des IBF-Weltmeisters landete. In den letzten Runden vernachlässigte
der US-Amerikaner oft sträflich seine Deckung und verließ sich
auf seine Reflexe, die längst nicht mehr so schnell waren, wie zu
Beginn des Kampfes, was der Schützling von Meistertrainer Ulli
Wegner immer wieder auszunutzen verstand.
Zu Beginn
der zwölften und letzten Runde stand das Publikum auf den Rängen.
Alle bangten und hofften, richtig sicher war sich keiner. Selbst zwischen
den Boxkommentatoren der Printmedien gab es hitzige Debatten, wer nun
vorne läge und es gab genauso viele Meinungen und verschiedene Punktwertungen
wie Teilnehmer an den Diskussionen. Die Punktrichter waren angesichts
dieser knapp verlaufenden Runden wahrlich nicht zu beneiden.
In der letzten
Runde roch es nach einer Sensation. Der 29-jährige US-Amerikaner
traf seinen Kontrahenten bereits in der ersten Hälfte der Runde mehrmals
so hart, dass Ottke kurzfristig wankte und ihm nichts anderes übrig
blieb, als die Distanz zu suchen. Mitchell stürmte hinterher, um
vielleicht doch noch die Entscheidung durch KO herbeizuführen und
traf auch noch mehrmals, doch der Sauerland-Starboxer war Profi genug,
in dieser schwierigen Situation die Nerven zu behalten. Sein Kommentar
zur letzten Runde hinterher: "Die zwölfte Runde war scheisse,
der Rest war geil!"
Nach
Ende des Kampfes stürzten Carl King, Ulli Wegner, Al
Bonnani und Wilfried Sauerland siegessicher in den Ring, um
dort ihren Triumph zu feiern. Doch so richtig siegessicher dürfte
sich wohl niemand gewesen sein. Auf dem BP-Punktezettel stand es 115:113
für Ottke. Gespannt wartete das Publikum auf die Urteilsverkündung.
Die Punktrichter
werteten:
Samuel
Conde Lopez (Puerto Rico): 116:112 für Mitchell
Manuel
Maritxalar (Spanien): 113:115 für Ottke
Derik
Milham (Australien): 114:116 für Ottke
Die Zuschauer
hielt nichts mehr auf den Rängen. Es wurde getanzt und gefeiert wie
selten bei einem Boxevent. Aber wer genau hinhörte, konnte einen
riesengroßen Stein vom Herzen Wilfried Sauerlands fallen
hören, der sich jetzt wohl auf die nächste Runde im Kampf um
die Gunst der deutschen Boxfans freut.
Offizielles
Urteil: Sieger nach Punkten durch Split-Decision Sven Ottke
Auf
der anschließenden Pressekonferenz sah man sowohl einen Al Bonnani
als auch einen Byron Mitchell mit Tränen in den Augen
und einen "keep smiling"- Carl King (Foto), der
mit amerikanischen Fähnchen herumwedelte und bestens aufgelegt war.
Das diplomatische Talent offensichtlich von seinem Vater geerbt, lobte
er Deutschland in den höchsten Tönen. Außerdem ließ
King anklingen, dass Sven Ottke ein großartiger Kämpfer
und ein perfekter Gentleman sei und man auf einen Rückkampf hoffe.
Das alles wurde unterstrichen von Witz, unglaublichem Charme, sympathischem
Auftreten und breitem Grinsen mit makellosen Zähnen. Um den Verlust
einer Don King-Figur aus dem internationalen Boxsport braucht sich also
niemand ernsthafte Sorgen zu machen.
Carl King
antwortete auf die Frage, ob man mit Sven Ottke auch in Amerika Geld verdienen
könnte, da die Amerikaner ja bekanntlich Puncher bevorzugen würden,
gekonnt: "Das
stimmt nicht. Muhammad Ali war kein Puncher, Sugar Ray Leonard auch
nicht und Larry Holmes auch nicht. Das waren alles Boxer, keine
Schläger. Amerika hat diese Leute geliebt und klar kann man mit Ottke
in USA Geld machen. Wenn er kommen und dort kämpfen will, machen
wir das."
Auf die Frage
von BoxingPress an den Ex-WBA-Weltmeister, was er denn bei den
Vorbereitungen zu einem Rematch anders zu machen gedenke, antwortete dieser:
"Man
kann sich nicht auf einen Gegner vorbereiten. Im Zweifelsfall agiert dieser
dann doch anders, als man sich das gedacht hat. Man muss seine eigenen
Schwächen analysieren und abstellen. Man muss seine jeweils letzte
Performance kritisch betrachten und darauf aufbauen."
Aus
der Sicht von BoxingPress ist ein Rückkampf vorerst nicht erforderlich.
Auch, wenn Trainer Al Bonnani von einem Fehlurteil sprach und nicht müde
wurde, zu beteuern, dass der eigentliche Sieger Mitchell heißen
müsste, kann auf keinen Fall von einem Fehlurteil gesprochen werden.
Selbstverständlich darf sich Mitchell bewerben, wie jeder andere
auch, und es liegt im Ermessen vom Sauerland-Management, auf welches Angebot
man eingeht. Mitchell selbst zeigte sich nach dem Fight sachlich und fair.
"Ich denke, ich bin etwas zu spät aufgewacht. Sven war sehr schnell.
Er verhielt sich sehr ausgebufft und weiß genau, was er wann tun muss.
Seine Schläge tun nicht weh, aber seine Blitzserien desorientieren dich.
Er ist ein großer Champion und ein guter Typ."
Mit dem Kampfverlauf
war Sven Ottke dennoch nicht restlos zufrieden: "Meine Blessuren aus
der zwölften Runde ärgern mich. So etwas darf mir einfach nicht passieren.
Ich muss erst einmal verarbeiten, was hier heute passiert ist. Es ist
etwas Großes und Besonderes. Ich bin froh, dass ich es hinter mir habe."
Doch es sind eben nicht nur die Runden, die Ottke mit optischen Vorteilen
für sich entscheiden konnte. Denn der 35-Jährige bewies erneut, dass
er sich geschickt aus der Affäre zu ziehen vermag, wenn es brenzlig wird.
Die "Welt" formulierte es treffend: "In vielen Kämpfen
hat Ottke bewiesen, dass er über kritische Situationen hinwegkommt. Ottkes
wahre Qualität zeigt sich in der Bedrängnis."
Auf Ottke
warten jetzt große Zahltage, denn für seine zukünftigen
Gegner ist die Gelegenheit, mit einem Kampf zwei Gürtel zu bekommen,
natürlich verlockend. Der frisch gebackene Doppelweltmeister bekundete
in diversen Interviews seine Absicht, noch einige Kämpfe zu bestreiten:
"Ich bin glücklich und ziemlich fertig. Ich werde noch nicht aufhören,
meine Karriere geht weiter. Ich möchte der einzig wahre Weltmeister
im Supermittelgewicht sein. Jetzt habe ich zwei Gürtel. Wenn Markus nicht
gewinnt, werde ich nachhaken und um den dritten Gürtel kämpfen. Gegen
Markus selbst werde ich aber nicht antreten, weil wir im gleichen Stall
sind."
Zeitlich
möglich wäre ein solcher Vereinigungskampf, da Ottke derzeit den IBF-
und WBA-Gürtel nicht einzeln pflichtverteidigen muss. Denn sowohl bei
der IBF als auch bei der WBA wird der schlagstarke US-Amerikaner Antwun
Echols als Weltranglisten-Erster und damit als Herausforderer
geführt. Wilfried Sauerland (Foto) deutete bereits gegenüber
"Sport1" an, dass es Überlegungen gibt, als nächstes
im Juni die Pflichtverteidigung gegen Echols über die Bühne
zu bringen. "Mit dem Amerikaner Antwun Echols haben wir erste
Gespräche geführt," so Sauerland. "Echols hat allerdings
Probleme mit seinem Promoter. Die treffen sich am Dienstag kommender Woche
vor Gericht. Ich denke, dass man erst danach konkrete Pläne machen kann."
Zudem besteht für Echols wohl ebenfalls die Möglichkeit,
gegen Ex-Ottke-Gegner Anthony Mundine um den dann vakanten WBA-Titel boxen,
da Ottke wahrscheinlich von der WBA zum "Superchampion" ernannt
werden wird. Sauerland brachte außerdem Bernard
Hopkins, Weltmeister im Mittelgewicht bei WBA, WBC und
IBF, als möglichen Gegner für Ottke ins Gespräch.
Für
einen Vergleich mit Joe
Calzaghe, dem WBO-Weltmeister im Supermittelgewicht, stehen
die Chancen derzeit schlecht. Sauerland: "Ich habe mehrere Angebote
gemacht, nie eine Antwort erhalten. Calzaghe und Manager Frank Warren
waren auch nach Berlin eingeladen, haben aber gekniffen." Diese Aussage
verwundert insofern, als dass es laut Sauerland vor einigen Monaten bereits
ausführliche und fruchtbare Gespräche mit dem Management des
bärenstarken Calzaghe gegeben hatte. Auch Calzaghe selbst hat immer
wieder sein Interesse an einem Kampf gegen Ottke bekundet. Dieser Fight
könnte zweifellos den krönenden Abschluss für eine überaus
erfolgreiche Karriere des Deutschen bilden.
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