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Kelly Pavlik
vs.
Jermain Taylor II
- Der Vorbericht
von Wolfgang Schiffbauer

„And
New“, diese zwei Worte verkündete Ringsprecher-Legende Michael
Buffer am Abend des 29. Septembers 2007 in der Boardwalk Hall
in Atlantic City, New Jersey, USA. Nur wenige Minuten zuvor besiegte der
ungeschlagene Mittelgewichtler Kelly
Pavlik den bis dato ebenfalls unbesiegten Champion
Jermain
Taylor (Foto oben) durch KO in der siebten Runde.
Voraus gegangen war ein exzellenter Kampf, eine wahre Ringschlacht auf
hohem technischem Niveau. Ein Kampf, der dramatischer kaum hätte
sein können. Bereits in Runde zwei musste Pavlik zu Boden, war schwer
angeschlagen. Der 29-jährige Taylor setzte nicht präzise genug
nach, sein Kontrahent schaffte es in die Rundenpause. In den folgenden
Durchgängen konnte keiner der beiden Boxer eine Führung etablieren.
Doch in Runde sechs setzte Pavlik auf einmal harte Treffer, vor allem
mit seiner rechten Geraden.
„In der sechsten Runde wusste ich, dass er müde ist“,
so Pavlik. „Mir war klar, dass es nun nur noch eine Frage der
Zeit wäre, bis ich ihn KO schlagen würde.“
Und so kam es dann auch. In Runde sieben schickte Pavlik seinen Kontrahenten
mit einer brutalen Kombination zu Boden. Taylor sackte in sich zusammen,
Ringrichter Steve Smoger beendete den Kampf, ohne zu
zählen.
„And new middleweight champion of the world, Kelly Pavlik“,
so Michael Buffer am Ende dieses 29. Septembers.
Inzwischen sind fünf Monate vergangen. Weder Taylor noch Pavlik standen
seitdem im Ring. Nun, in der Nacht von Samstag auf Sonntag, werden sich
die beiden Mittelgewichtler erneut gegenüber stehen. Doch diesmal
wird der Kampf nicht im Mittelgewicht stattfinden, so hatte sich Taylor
vor dem ersten Duell eine Rückkampf-Klausel vertraglich zusichern
lassen. Und diese besagt, dass der Rückkampf in einem Gewichtslimit
bis 166 amerikanische Pfund stattfinden wird. Sechs Pfund über dem
Limit des Mittelgewichts. Pavliks WBO- und WBC-Titel stehen somit nicht
auf dem Spiel. Der Mann aus Youngstown, Ohio, bleibt somit auch bei einer
Niederlage Mittelgewichtsweltmeister. Außerdem hat sich der Austragungsort
geändert. So findet der Rückkampf diesmal im berühmten
MGM Grand Casino im Box-Mekka Las Vegas statt.
„Der Titel interessiert mich nicht“, so Taylor. „Ich
will einfach nur diesen Kampf. Mir ist das Gewicht egal, mir sind die
Titel egal. Ich will einfach nur, dass der Kampf beginnt. Ich will mir
das zurückholen, was ich gegen Kelly verloren habe, denn ich weiß,
dass ich ihn besiegen kann.“
Ob Taylor diesmal gewinnen kann? Man weiß es nicht. Die Niederlage
gegen Pavlik war der beste Kampf des Boxers aus Little Rock, Arkansas,
seit Jahren. Weder bei seinem Titelgewinn gegen Bernard Hopkins,
dem darauf folgenden Rückkampf oder bei seinem Kampf gegen
Ronals "Winky" Wright, noch bei seinen zwei anderen
Titelverteidigungen gegen Kassim Ouma und Cory
Spinks konnte der Ex-Weltmeister überzeugen. Er spielte
seine Schnelligkeit selten aus, brachte kaum präzise Schläge,
zeigte wenig Schlagkraft oder Ringintelligenz. Seine Deckung war mangelhaft
und auf die Anweisungen seines Trainers Emanuel Steward
reagierte der US-Amerikaner auch nicht. Mental, so scheint es, war Taylor
schon lange nicht mehr auf der Höhe. Trotzdem gewann er die meisten
dieser Kämpfe, ob umstritten oder nicht, und boxte gegen Wright unentschieden.
Gegen Pavlik zeigte er sich zum ersten Mal seit langem explosiv, aggressiv.
Er zeigte Herz, wich nicht zurück. Und er verlor. Denn viele seiner
Schwächen konnte er im ersten Duell der Beiden nicht abstellen. Er
hatte Pavlik kurz vor dem KO, setzte aber nicht präzise genug nach.
Seine Führhand ließ er in kritischen Situationen vermissen.
Anstatt seinen Kontrahenten damit auf Distanz zu halten und seine Reichweitenvorteile
auszuspielen, stellte er sich seinem schlagstarken Gegner. Trotzdem konnte
Taylor in dieser Nacht einige Fans zurückgewinnen. Und nun will er
sich für die Niederlage revanchieren.
„Jermain verdient diesen Rückkampf“, sagte Pavlik.
„Am Anfang war ich überrascht, dass er sofort diesen Kampf
haben wollte. Aber wenn man sieht, mit wem er schon im Ring gestanden
hat: Mittelgewichtslegende Bernard Hopkins oder auch Winky Wright, der
immer noch zu den besten Boxern der Welt gehört. Eigentlich war es
klar, dass er diesen Kampf will.“
Die Karriere von Kelly Pavlik ist eine wahre Erfolgsstory. Der 25-jährige
Mittelgewichtsweltmeister hat seit seiner Amateurzeit mit Jack
Loew den selben Trainer. Im Jahre 2000 wurde er Profi. Sechs
Jahre später folgten die ersten großen Siege gegen Fulgencio
Zuniga oder Ex-Weltmeister Bronco McKart. Der
Durchbruch folgte dann 2007, gleich drei spektakuläre KO-Siege machten
Pavlik zu einem Kandidaten auf den Titel „Boxer des Jahres“.
Im Januar zerstörte er Jose Luis Zertuche durch
KO in Runde acht, vier Monate später besiegte er als Außenseiter
in einem brutalen Kampf den Kolumbianer Edison Miranda.
Und im September wurde er gegen Taylor Weltmeister. Er gewann alle seine
32 Profikämpfe, davon 29 vorzeitig. Seine beste Waffe ist seine rechte
Gerade. Seine Führhand benutzt er gut, um diese seine Schlaghand
vorzubereiten. Er war bereits am Boden, raffte sich aber immer wieder
auf, zeigte Herz und gewann. Pavlik hat ein gutes Auge für Fehler
des Gegners und nutzt diese häufig zu seinem Vorteil aus. Zudem kann
er sowohl am Mann als auch auf Distanz boxen. Und bleibt immer gefährlich.
Sein Selbstbewusstsein ist groß, er ist sich seiner sicher. Aber
nicht zu sicher. Eine Niederlage steht für ihn nicht zur Debatte.
„Wenn ich ihn wieder in eine Situation wie in der zweiten Runde
bringen kann“, so „Bad Intentions“ Taylor. „Dann
werde ich es beenden. Ich habe damals viele Fehler gemacht, war zu wild.
Das passiert mir nicht noch mal.“
Ein neuer, alter Trainer mit Ozell Nelson, der Taylor
schon im Amateurbereich betreute, das höhere Gewichtslimit, seine
körperlichen Vorteile, seine Schnelligkeit. Es gibt viele Dinge,
die dafür sprechen, dass Taylor im Rückkampf die Nase vorne
haben könnte. Doch seine Psyche ist ein Problem. Er macht zudem noch
viele Fehler, so lässt er seine Hände oft fallen, vernachlässigt
seine Deckung. Seine Schläge kommen oft zu wild und, vor allem, er
nutzt sie zu selten. Oft wartet er nur, schlägt zu wenig.
Pavlik hingegen hat Herz, Schlagkraft und boxerisches Talent. Es spricht
viel für einen erneuten Sieg des Champions. Der Antrieb aus dem Erfolg
im ersten Duell, die Erkenntnis, Taylor KO schlagen zu können oder
auch der berühmt-berüchtigte „Nimbus der Unbesiegbarkeit“.
Aber auch Kelly Pavlik macht Fehler. Er läuft oft in Schläge
hinein, bewegt sich nicht gut genug zur Seite weg. In der Nahdistanz lässt
er häufiges Halten des Gegners zu. Im ersten Duell mit Taylor zeigte
er sich ebenfalls anfällig für Cut-Verletzungen.
Beachtet man Vor- und Nachteile beider Kontrahenten, so wird einem deutlich,
dass es sich um einen engeren Kampf handelt, als es viele Experten voraussagen.
Pavlik wird bei den Wettbüros zu deutlich als Favorit gehandelt.
Taylor sollte man nicht unterschätzen, ohne Talent und boxerische
Fähigkeiten besiegt man keinen Bernard Hopkins.
Der Autor dieses Artikels rechnet trotzdem nicht mit einer erfolgreichen
Revanche. Die höhere Gewichtsklasse dürfte kein Problem für
Pavlik darstellen, der Trainerwechsel nicht einen derart großen
Unterschied bei Jermain Taylor machen. Wenn Pavlik konzentriert zu Werke
geht und manche Fehler aus dem ersten Duell abstellen kann, so denke ich,
dass er auch den Rückkampf gewinnen wird. Ob vorzeitig oder nach
Punkten. Taylor muss sich mehr auf seine boxerischen Fähigkeiten
verlassen, muss in körperlicher Top-Form sein. Wenn er Pavlik in
Bedrängnis hat, darf er ihn diesmal nicht entkommen lassen. Mental
muss er ebenfalls fit sein. Ich glaube vor allem an letzteres nicht. Daher
gewinnt Pavlik meiner Meinung nach durch KO.
Genauso gut kann es aber auch anders kommen. Vielleicht hat Taylor die
Niederlage wirklich gut getan, vielleicht kommt er besser zurück.
Ein Sieg wäre keineswegs eine Überraschung. Nichts desto Trotz
geht er zu Recht als Außenseiter in diesen Kampf.
„An der Vergangenheit kann ich nichts ändern“,
so Taylor. „Alles was jetzt zählt, ist Rache.“
„Ich weiß, dass er in der besten Verfassung seiner Karriere
sein wird. Ich kann mir absolut nicht sicher sein, was mich erwartet“,
sagte „The Ghost“ Pavlik. „Aber ich habe sieben
lange Jahre darauf gewartet, hier hin zu kommen. Das werde ich so schnell
nicht aufgeben. Es wird eine Fortsetzung dieser siebten Runde geben. Egal,
was passiert, ich werde siegen. Ob durch KO oder nach Punkten. Aber ich
werde gewinnen.“
Samstag,
16. Februar 2008
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