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Sinan
Samil Sam
vs.
Luan Krasniqi
- Der Vorbericht
Von Jens Lüders
Anders als in vielen anderen Sportarten geht es im Boxen oft um alles
oder nichts. Im Tennis oder Fußball gehören Niederlagen zum
täglichen Geschäft. So mancher Berufskicker, der allenfalls
durch schlechte sportliche Leistungen und/oder eine ungenügende Einstellung
zu seinem Beruf zu überzeugen weiß, betätigt sich als
Hüter der Reservebank und partizipiert zu einem späteren Zeitpunkt
wieder an der Jagd nach der runden Kugel. Auch im Tennis kann man sich
Niederlagen erlauben. Profis nehmen jedes Jahr an Dutzenden von Turnieren
teil und wenn ein Top-Ten-Spieler zahlreiche Erstrundenniederlagen vorzuweisen
hat, so ist dies auch nicht weiter tragisch.
Boxen ist da anders. In den meisten Kämpfen geht es um sehr viel.
Niederlagen können einen einschneidenden Karriereknick darstellen.
Bei schweren Niederlagen ist der Substanzverlust mitunter so groß,
dass so mancher zuvor noch erfolgreiche Boxer hinterher nie wieder der
alte war. Oft erleidet auch das Vertrauen in die eigene Stärke eine
nachhaltige Schädigung.
Am
kommenden Samstag kommt es in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle in Stuttgart
zur Europameisterschaft im Schwergewicht zwischen dem Titelhalter Sinan
Samil Sam und dem ehemaligen Titelträger Luan
Krasniqi (Foto). Insbesondere eine Niederlage des Herausforderers
könnte dessen Sportlerlaufbahn in Ermangelung weiterer sportlicher
Perspektiven beenden. Auch für den Titelverteidiger geht es um sehr
viel. Ohne einen überzeugenden Sieg dürfte er seine Ambitionen
auf einen Weltmeisterschaftskampf in der ferneren Zukunft wohl endgültig
begraben.
Genug der Vorrede, auf zur Analyse des bevorstehenden Kampfes.
Stärken/Schwächen-Analyse
Der Herausforderer:
Krasniqi ist ein technisch sehr gut ausgebildeter Boxer, der die längere
Distanz bevorzugt. Nach Aktionen, in denen er in den Mann hineingeht,
löst er sich und stellt wieder die Distanz her. Er verfügt über
feine und flüssige Bewegungsabläufe. Seine Beinarbeit ist überdurchschnittlich
gut. Daneben hat er über ein gutes Auge und ein gutes Timing. Seine
Aktionen sind insbesondere in den ersten Runden schnell und präzise.
So weit, so gut, nun zu den Schwächen.
Der "Rottweiler" hat nicht die körperliche Konstitution
eines Schwergewichtlers heutiger Tage. Seine Schlagkraft ist nur als durchschnittlich
einzustufen. Die größte Schwäche des 32-Jährigen
ist seine Kondition. In der EM-Titelverteidigung gegen den schwachen Polen
Przemyslaw
Saleta warf der gebürtige Albaner, nach Punkten haushoch
führend, in bester Roberto Duran-Manier (No Mas) das
Handtuch. Spätere Interviews, in denen Krasniqi behauptete, sich
die Gründe für die Aufgabe selber nicht erklären zu können,
dürften wohl kaum den Tatsachen entsprechen. Vielmehr hatte sich
der gebürtige Kosovo-Albaner zu diesem Zeitpunkt bereits so verausgabt,
dass er selber wohl keine Chance mehr sah, über die Runden zu kommen
und einer schweren KO-Niederlage vorzubeugen versuchte. Zwar war dies
legitim, jedoch erschien die Aufgabe verfrüht, zumal Saleta bis dahin
kaum nennenswerte Treffer anbringen konnte.
Dies war nicht der einzige Kampf, in dem der damalige Titelhalter einen
konditionell nicht restlos überzeugenden Eindruck hinterließ.
Seine körperliche Widerstandsfähigkeit lassen zumindest Zweifel,
ob er gegen einen starken Gegner überhaupt in der Lage ist, über
die volle Distanz von zwölf Runden zu boxen.
Sollte sich Krasniqi am Samstag nicht in einer bisher noch nicht gezeigten
körperlichen Verfassung befinden, so könnte ihm ein neuerliches
Debakel bevorstehen. Krasniqi braucht eine gute Kondition, um sich seinen
kommenden Gegner konsequent vom Leibe zu halten. Zudem stellt der boxerisch
limitiertere Deutsch-Türke den mit Abstand stärksten Kontrahenten
seiner Karriere dar. Die bisherige Gegnerschaft ging über Leute der
zweiten Garnitur kaum hinaus. Einem wirklichen Härtetest unterzog
sich Krasniqi bis heute noch nicht.
Der Titelverteidiger:
Sam
(Foto) ist ein willensstarker und zäher Angriffsboxer, der beständig
nach vorne geht und versucht, seine Gegner unter Druck zu setzen. Er sucht
die Halbdistanz und den Infight, um beidhändig mit seinen Haken zum
Erfolg zu kommen. Dabei ist er nicht der schnellste und hinterlässt
einen teilweise behäbigen und schwerfälligen Eindruck, beinahe
so, als ob er einen schweren Rucksack mit sich auf dem Rücken trägt.
Auch seine Kondition ist nicht die allerbeste, wobei er aber in seinen
bisherigen Kämpfen körperlich weniger stark abgebaut hat als
sein Herausforderer. Auch für einen Schwergewichtler macht der "Bulle
vom Bosporus" einen nicht gerade austrainierten Eindruck und wirkt
zu speckig.
Zudem verfügt er nur über begrenzte taktische Variationsmöglichkeiten,
wie seine deutliche Punktniederlage gegen den Kubaner Juan
Carlos Gomez (BP-Nr. 15) gezeigt hat. In diesem Kampf hat
der 29-Jährige aber trotz einer boxerischen Demütigung gezeigt,
dass er das Herz eines echten Champions hat und niemals aufsteckt. Krasniqi
blieb diesen Beweis bisher schuldig. Die Taktik des Titelverteidigers
dürfte somit klar sein. Er muss beständig Druck aufbauen und
die Halbdistanz sowie den Infight suchen. Dabei darf er, insbesondere
in der ersten Phase des Kampfes, nicht die Geduld verlieren, denn boxerisch
ist der Herausforderer, nach dem besagten Kubaner, der bisher beste Gegner
des Champions.
Trotz ordentlicher Nehmerfähigkeiten hatte der in Frankfurt lebende
Titelverteidiger in seinen bisherigen Kämpfen bereits zwei Mal in
der ersten Runde Kontakt mit dem Ringboden. So ist trotz der offensichtlichen
Schlagschwäche des Herausforderers insbesondere zu Beginn des Kampfes
Vorsicht geboten. Mit zunehmender Kampfesdauer sollte der Bulle
vom Bosporus seinen Kampfplan gegen einen konditionell abbauenden
Gegner immer besser umsetzen können.
Die Prognose:
Würde es sich um einen auf drei Runden angesetzten Kampf bei den
Amateuren handeln, dürfte Krasniqi getrost als Favorit angesehen
werden. Boxerisch hat er die Möglichkeiten, den limitierteren Titelverteidiger
auszuboxen. Nur sind Titelkämpfe bei den Profis auf zwölf Runden
angesetzt und hier liegt das Problem des Herausforderers. Sollte sich
das Schema seiner bisherigen Kämpfe am Samstag wiederholen, so dürfte
er sich spätestens ab der zweiten Kampfeshälfte in Schwierigkeiten
wiederfinden. Ein eventuell bis dahin herausgeboxter Punktevorsprung würde
dann auch nicht mehr helfen.
Boxen ist eben nicht wie Tennis oder Fußball. Niederlagen wiegen
weit schwerer und so könnte am Samstag in der Karriere des Boxers
Luan Krasniqi das letzte Stündchen schlagen. Im Boxsport gibt es
meist nur Sieger und Verlierer. Plätze dazwischen werden selten vergeben.
Aber vielleicht wird es auch eine Überraschung geben, denn das Talent
ist bei Krasniqi zweifelsohne vorhanden und Überraschungen kommen
im Boxsport öfters vor. Dann wird es wieder heißen Wie
Phönix aus der Asche stieg er hervor und aus einem vermeintlichen
Verlierer wird ganz schnell ein großer Sieger werden. Bis es soweit
sein kann, bleiben die Kondition und die Willenskraft des Herausforderers
mit einem Fragezeichen behaftet.
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