Interview mit Andreas Sidon
von Arne Leyenberg
Andreas
Sidon wird am 5. Mai in Giessen gegen den Berliner Ralf Packheiser
um die internationale deutsche Meisterschaft im Schwergewicht boxen. Dieser
Kampf ist der vorläufige Höhepunkt der Karriere von Sidon als
Profiboxer. Im Vorfeld des Kampfes nimmt der gebürtige Wuppertaler
wie gewohnt kein Blatt vor den Mund.
Arne Leyenberg
führte das folgende Gespräch mit Sidon exklusiv für Boxingpress.
Boxingpress:
Herr Sidon, wie läuft die Vorbereitung auf die Internationale
Deutsche Meisterschaft am fünften Mai?
Sidon:
Sehr gut, die heiße Phase hat bereits begonnen. Ich will natürlich
nicht allzu viel verraten, aber das Training läuft bestens und verletzungsfrei.
Ralf Packheiser wird spätestens in der dritten Runde K.o. gehen.
Er ist ein Weichei. Ich benötige keine Cutverletzung wie Rene Monse,
um zu gewinnen. Wie bei meinem letzten Kampf in Magdeburg werde ich in
den Ring steigen und sofort mit harten Schlägen loslegen. Das wird
eine deutliche Angelegenheit.
Boxingpress:
Wie soll es für Sie nach dem Kampf weitergehen, im Falle eines
Sieges, aber auch bei einer Niederlage?
Sidon:
Eine Niederlage gibt es für mich in puncto Packheiser nicht. Nach
dem Gewinn des Titels werden wir einen Gegner aus den Top-Ten der Europarangliste
verpflichten, damit ich mich dort platzieren kann. Mein Veranstalter plant
fest, demnächst eine Europameisterschaft auszurichten.
Boxingpress:
Sie sind ja immerhin schon 38 Jahre alt. Woher nimmt man die Motivation
zu Boxen, woher die erforderliche Energie?
Sidon:
Mein Antrieb ist immer noch meine geplante Sportschule. Ich habe ja mit
30 Jahren angefangen zu boxen, um Erfahrungen für die Schule zu sammeln.
Ich habe gemerkt, dass mein Niveau für die deutsche Spitze ausreicht.
Und Erfolg ebnet den Weg zur Schule, daher nehme ich auch heute noch die
Kraft. Und außerdem habe ich aufgrund meiner Vergangenheit einen
ausgeprägten inneren Antrieb auf mein Leben, mein bewegtes Leben,
aufmerksam zu machen. Boxen ist dafür bestens geeignet.
Boxingpress:
Die Medien stellten Sie oft als "Lebenskünstler, Einzelkämpfer
und selfmademan" dar. Sehen Sie sich auch so?
Sidon:
Es wird wohl so sein. Ich habe mein Leben natürlich nicht so geführt,
um derart gesehen zu werden. Ich war immer auf mich alleine gestellt,
habe mich stets alleine aus dem Sumpf ziehen müssen. Wenn ein solcher
Mensch ein "selfmademan" ist, o.k. dann bin ich einer.
Boxingpress:
Wie waren Leben und Training in Thailand?
Sidon:
Zwei Jahre Thailand waren schön. Aber trotzdem waren sie keine prägende
Erfahrung. Ich bin durch das harte Leben, die harte Schule in Deutschland
bereits geprägt worden. So war ich prädestiniert dafür,
in Thailand zurechtzukommen. Genauso wie im Kampfsport. Mein Thailand-Aufenthalt
gab mir den letzten Schliff für den Überlebenskampf. Denn dort
ist das Leben natürlich viel härter als in Deutschland. Ich
lernte Deutschland wieder lieben. Wer in Thailand zurecht kommt, weiß,
dass ihm, komme was wolle, nichts mehr passieren kann.
Boxingpress:
Was ist für Sie der Reiz, die Faszination des Boxens, des Duells
Mann gegen Mann?
Sidon:
Im Boxen kann man mit Erfolg viel erreichen. Man bekommt Einfluss, wird
von Medien beachtet und findet Zuhörer. Man weckt ein öffentliches
Interesse an seiner Person. Man bekommt den Applaus der Zuschauer nur
für sportliche Aktivität. Denn Boxen ist Sport. Im Vergleich
dazu ist Thaiboxen Mord.
Boxingpress:
Verspüren Sie keine Frustration vom Boxbusiness und seinen "Machenschaften?"
Denn Sie waren lange Zeit ohne Trainer oder Manager und haben bei Auslandsveranstaltungen
umstrittene Punktniederlagen hinnehmen müssen.
Sidon:
Frustration kann ich mir nicht erlauben. Diese geht einher mit negativer
Energie. In meinem Alter ist es schwer genug seine Leistung zu optimieren,
Frust wirkt in die entgegengesetzte Richtung. Ich beobachte mit Interesse
gegen was für Mächte und Lobbys ich zu kämpfen habe. Ich
trete nicht nur gegen Gegner im Ring an, sondern auch gegen Lobbys, die
Punktrichter beeinflussen. Doch durch meine Auslandskämpfe fühle
ich mich bestens gerüstet. Außerdem lerne ich aus dem Beobachten.
Ich werde immer stärker, erkenne wie die Welt funktioniert. Jede
Gegenenergie reizt mich, motiviert mich, dient meiner Entwicklung.
Boxingpress:
Dient Ihnen George Foreman, der ja bekanntlich mit mehr als 40 Jahren
noch Weltmeister wurde, als Vorbild?
Sidon:
Der Weg von George Foreman, Larry Holmes und anderen, die mit 45 Jahren
und mehr noch Erfolg im Ring hatten, hat mit dazu beigetragen, mich zu
motivieren. Außerdem habe ich im Alter von 35 Jahren die Konditionsschule
und Trainingslehre der ehemaligen DDR kennen gelernt. Foreman wurde nochmals
Weltmeister ohne dieses Wissen. Er war einige Zeit weg vom Fenster und
hat sich gehen lassen. Dann kam er wieder mit 42 Jahren und rund 140 Kilogramm.
Das bekommt man in dem Alter natürlich nicht mehr runter. Ich dagegen
bin ständig im Training, lege keine Pausen ein. Aber in gewisser
Weise ist Foreman schon ein Vorbild.
Boxingpress:
In Ihrem zweiten Profikampf trafen Sie auf den 2, 17 Meter großen
ungeschlagenen Koloss Nikolai Valouev. Wie war es mit ihm im Ring, hat
es viel Überwindung gekostet?
Sidon: Größe
alleine erschreckt mich nicht. Ich wusste, dass ich seine Länge in
einen Nachteil für ihn und in einen Vorteil für mich ummünzen
musste. Er ist natürlich wahnsinnig schwer zu boxen. Nur mit meiner
Thaiboxerfahrung konnte ich bestehen. Im Infight habe ich seine langen
Arme müde geclincht, habe Zieharmonika-Boxen praktiziert. Welcher
andere Boxer kann denn so was? Aber Überwindung hat es nicht allzu
viel gekostet. Es war schon hart. Aber beim Thaiboxen habe ich gegen die
Legende Peter Aerts gekämpft. Der Niederländer war zu dem Zeitpunkt
zehn Jahre lang ungeschlagener Weltmeister. Er hatte von 60 Duellen 54
durch schwere K.o.`s gewonnen. Ich trat mit nur vier Wochen Vorbereitung
an, in denen ich noch dreimal als Amateurboxer in der Ersten Bundesliga
ran musste. Vor Aerts war mir schummriger als vor Valouev. Bei ihm brauchte
ich nur auf die Arme zu achten. Treten konnte er mich ja nicht.
Boxingpress:
Wie schätzen Sie Valouev im internationalen Vergleich ein und
warum ist er noch nicht Spitze durchgedrungen?
Sidon:
Ich zähle Nikolai Valouev zu den zehn, wenn nicht sogar fünf,
besten Boxern der Welt. Ich bin überzeugt davon, dass beispielsweise
beide Klitschkos gegen ihn spätestens in der dritten Runde fallen
würden. Dass er noch nicht ganz oben steht liegt an seinem Wesen.
Er lernt gerade mal richtig Russisch zu sprechen, über seinen St.
Petersburg-Dialekt hinaus. Er beherrscht keine Fremdsprache. Durch seinen
Instinkt traut er niemandem aus der westlichen Welt. Aber ohne Vertrag
mit Promotern oder Managern aus dem Westen läuft heute nichts. Ich
hoffe aber, dass die Welt bald auf ihn aufmerksam wird.
Boxingpress:
Wann gibt es die Neuauflage Sidon-Valouev?
Sidon:
Das müssen wir machen. Wenn er will. Aber ich möchte noch ein
wenig warten, bis er bekannter ist. Mit ihm zu kämpfen ist schon
hart, das ist Mord. Vor allen Dingen wird er immer besser. Je älter
er wird, desto mehr wächst er in seinen Körper hinein.
Boxingpress:
Wie beurteilen Sie insgesamt die internationale Schwergewichts-Szene?
Wo sehen Sie Wladimir Klitschko?
Sidon:
Klitschko sehe ich hinter Lewis und Tyson. Auch Holyfield und Rahman sind
noch vor ihm. Ebenso bin ich überzeugt davon, dass Maskaev und Tua
ihn schlagen würden. Ihm fehlen einfach noch die Fähigkeiten
im Infight. Er hat zu lange Arme. Er schlägt nur weite Haken und
lange Schläge, bekommt Probleme wenn es Kopf an Kopf und Fuß
an Fuß geht. Da muss er noch lernen. Aber wenn er weiter motiviert
bleibt und trainiert, kann er in zwei bis drei Jahren nach Lewis die Szene
beherrschen. Ihm kann die Zukunft gehören, er ist auf dem besten
Wege dahin.
Boxingpress:
Noch ein Wort zu den deutschen Schwergewichten. Sie sparren regelmäßig
mit Timo Hoffmann und Cengiz Koc. Auch mit Luan Krasniqi standen Sie schon
mehrfach im Ring.
Sidon:
Koc kann ein Großer werden. Aber er muss noch lernen. Hoffmann und
Krasniqi sind Angstboxer, genauso wie Rene Monse.
Boxingpress:
Wen wünschen Sie sich als Gegner, wen möchten Sie vor die
Fäuste bekommen?
Sidon:
Den schwächeren der Klitschko-Brüder, also Vitali. Wenn ich
anstelle von Timo Hoffmann mit Vitali in Hannover im Ring gestanden hätte,
wäre er an diesem Abend spätestens in der achten oder neunten
Runde K.o. gegangen. Er hatte zwölf Runden lang nicht eine Hand zur
Deckung oben, und das im Schwergewicht. Das war nur möglich, weil
Timo lediglich auf seine Doppeldeckung bedacht war.
Boxingpress:
Herr Sidon, vielen Dank für das offene Gespräch. Alles Gute
für den Kampf am fünften Mai und für die Zukunft.
|