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Andreas Sidon - Das Portrait
von Arne Leyenberg



Der 4. Februar 1999 hatte für Andreas Sidon eine ganz besondere Bedeutung. An diesem Tage wurde er 36 Jahre alt. Und trotz aller Glückwünsche und Feierlichkeiten konnte er seinen Geburtstag nicht recht genießen. Denn dieser Tag bedeutete gleichzeitig das Ende seiner Karriere als Amateurboxer. Die Statuten des Deutschen Amateur Boxverbandes (DABV) verbieten jeglichen weiteren Ringauftritt in diesem fortgeschrittenen Alter.

Doch jetzt auf einmal aufhören? Von heute auf morgen? Obwohl sich nichts geändert hat? Das wollte der Vater von vier Kindern nicht mit sich machen lassen. "Boxen machte einfach viel zu viel Spaß. Auch meine Entwicklung war noch lange nicht beendet." Mit 30 Jahren hatte Sidon erst den Weg zum Boxen gefunden. "Da gab es noch viel zu lernen und zu diesem Zeitpunkt wurde ich immer besser." Gerade hatte er mit dem BC Magdeburg in der Ersten Bundesliga die Mannschaftsmeisterschaft errungen, sowie die Silbermedaille beim renommierten Chemie-Pokal in Halle erkämpft. Und nun sollte er nicht mehr in den Ring dürfen?

"Da wurde ich eben Profi", beschreibt Andreas Sidon seinen Schritt nüchtern. Der Weg zum Boxen führte für den in Wuppertal geborenen und heute im hessischen Gießen lebenden Sidon über die Kampfsportarten Thai- und Kickboxen. Denn früh spürte er, "dass ich zum Kämpfen geboren bin." So prädestinierten ihn die Umstände seiner Jugend und sein Schicksal für den Kampf Mann gegen Mann. Im Alter von zehn Jahren verlor er bei einem Autounfall seine Eltern, musste sich fortan alleine, untergebracht in verschiedenen Kinderheimen, durchs Leben schlagen.

"Dort, im Heim und auf der Straße, musste ich mich immer behaupten." Er sei "aggressiv" gewesen, ein ums andere Mal verlor er jegliche Unterkunft. Seine einzigen Erfolgserlebnisse hatte er im Sport. Im Fußball spielte er sich bis in die Bezirksliga hoch, auch in den Sportarten Handball, Tischtennis und Schwimmen war er aktiv. Doch keinesfalls wollte er sich in sein Schicksal ergeben, sondern vielmehr das Glück in die eigenen Hände nehmen. So war sein großes Berufsziel Lehrer, natürlich am liebsten für Sport. Aber das Fachabitur reichte nicht für einen Gang an die Universität. Es folgte eine Lehre als Landschaftsgärtner. Doch Sidon wurde sich schnell bewusst, "so möchte ich nicht mein ganzes Leben verbringen."

Ein Freund brachte ihn schließlich mit 25 Jahren zu den asiatischen Kampfsportarten. Sie lernten zusammen, und als der eine mit einer Sportschule dem anderen Erfolg, finanziellen wie gesellschaftlichen, vorlebte, wollte dieser ihm in nichts nachstehen. Doch er wollte es besser als alle anderen, "authentischer" machen. So entschied sich Andreas Sidon zur Eröffnung einer Schule für Thaiboxen. Dazu wollte er zunächst nach Thailand gehen, das "richtige Thaiboxen" lernen, um dann als einer der "einzigen Deutschen mit Thailanderfahrung" zu lehren.

Doch der Weg nach Asien war noch lange nicht gesichert. Es mangelte schlichtweg an den finanziellen Mitteln. So reiste er auf die Balearen, "um dort als Kellner das Geld zusammenzukriegen." Doch dort angekommen, war die Saison bereits zu Ende. Anstellung fand er schließlich als Verkäufer einer "time-sharing"-Agentur. Der als kurzfristig geplante Arbeitsabstecher in das Ferienparadies wurde zu einem Aufenthalt auf Zeit. Erst nach fast zwei Jahren hatte er das nötige Geld für eine Weiterreise nach Thailand zusammen.

Dort angekommen war es so schnell wieder weg, wie es hart erarbeitet wurde. Einige Monate konnte er vom Ersparten in einer Thaibox-Schule leben und lernen, danach mussten seine neu gewonnen Kenntnisse und Fähigkeiten für den Erwerb des Lebensunterhaltes herhalten. In Strandbars kämpfte er für "eine handvoll Dollar" gegen eine Einheimische und Touristen. In Duellen mit Einheimischen, "die teilweise mehr als 300 Kämpfe Erfahrung" hatten, ging er durch eine harte Schule. Die Auseinandersetzungen mit Ausländern waren "dagegen meist Erholung." Nicht einmal die muskelbepackten amerikanischen Soldaten, die mit den Flugzeugträgern in den Häfen Thailands einliefen und ihr monatelanges Muskeltraining auf die Probe stellen wollten, bereiteten Sidon größere Probleme.

Dies tat vielmehr die geplante Rückkehr nach Deutschland. Denn mittlerweile hatte er auch für seine schwangere Freundin zu sorgen, wollte "sie natürlich nicht einfach dort zurücklassen." Lange, bis 1991, dauerte es, bis die Flugtickets erspart waren und es zurück in die Heimat ging. Auch die Eröffnung einer Sportschule erfordert ein üppiges Startkapital, so dass Sidon die neu gewonnenen Fertigkeiten erst einmal auf die Probe stellen musste. "Im Handumdrehen" wurde er deutscher Meister und Europameister im Kickboxen. Doch bei einem Turnier in den Niederlanden zeigten ihm die Gegner "meine Grenzen auf. Ich wurde klassisch ausgeboxt."

Dieser schmerzhaften Erfahrung folgte die Einsicht, Boxen lernen zu müssen. Sidon erinnerte sich an einen gewissen Manfred Jassmann aus Korbach. Der ehemalige deutsche Meister der Berufsboxer im Halbschwer- und Schwergewicht wurde sein erster Boxtrainer. Er brachte ihm das Faustfechten bei und vermittelte ihm in Amateurkämpfen für den CSC Frankfurt oder den BC Kassel die nötige Kampfehrfahrung. Sidon fand schnellen Gefallen an der neuen Sportart, "so ganz nebenbei" wurde er Weltmeister im Kickboxen, sowie Vizeweltmeister der Thaiboxer. Doch sein Augenmerk richtete er "mehr und mehr auf das Boxen."

Sechs mal in Folge wurde er Hessen- sowie Südwestdeutscher Meister im Amateurboxen, danach rief die Erste Bundesliga. "Keiner traute mir das zu, aber ich hatte Spaß am Sport und wollte sehen, wie weit ich gehen kann." In Flensburg, dort zusammen mit Sven Ottke, und in Magdeburg startete er mit Erfolg in der höchsten deutschen Klasse. Und dann auf einmal, wie aus heiterem Himmel, kam der ominöse 4. Februar 1999. "Ich war gerade mittendrin, so konnte ich nicht aufhören." So wechselte er ins Lager der Berufsboxer.

Zehn Kämpfe waren sein anfängliches Ziel, als "Aushängeschild und Erfahrung für die Sportschule." Ohne Manager, ohne Promoter und ohne Trainer wurde er Profi. Er trainierte im Keller des Familienhauses in Gießen, zu Kämpfen reiste er mit dem Auto quer durch Europa. Schon in seinem zweiten Kampf akzeptierte Sidon den Russen Nikolai Valouev (Foto links). In einem alten Theater am Prager Wenzelsplatz lieferte er dem 2,17 Meter großen ungeschlagenen Valouev einen tollen Kampf. Als der Ringrichter in der dritten Runde den Kampf abbrach, Sidon nach einer Rechten vollkommen unnötig für kampfunfähig erklärte, einigten sich die beiden Kontrahenten auf eine Fortsetzung des Kampfes. Die Zuschauer brüllten vor Begeisterung, der Ringrichter verließ resignierend das Seilgeviert.

Sidon und Valouev boxten die angesetzten sechs Runden zu Ende, das Duell ging als "no contest" in ihre Kampfrekorde ein. Nach mehreren Kämpfen Sidons in Frankreich und Finnland, fand der Einzelkämpfer und Selfmademan in Detlef Loritz vom Koblenzer FLP-Team einen Trainer und Manager. "Seitdem ging es nur noch bergauf", blickt der Boxer zurück. Zusammen erkämpften sie in Polen mit einem einstimmigen Punktsieg über Lokalmatador Piotr Jurczyk die internationale österreichische Meisterschaft im Schwergewicht. Nach weiteren eindrucksvollen K.o.-Siegen in Deutschland, unter anderem gegen Frank Böhme und Serdar Uysal, wurden auch die Verantwortlichen des Bundes Deutscher Berufsboxer auf den Giessener aufmerksam. Sie erklärten ihn zum offiziellen Herausforderer um die internationale deutsche Meisterschaft.

Nachdem Rene Monse sich verletzungsbedingt nicht imstande sah, seinen deutschen Meister-Titel zu verteidigen, steht der Kampf um seine Nachfolge nun endlich fest. Am 5. Mai boxen Andreas Sidon und der Berliner Ralf Packheiser in Gießen um Meisterehren. Doch dass der Meistergürtel danach in einer Sportschule an der Wand hängt und verstaubt, kann sich beim Lebenskünstler Andreas Sidon wohl niemand so recht vorstellen. Und auch er selbst kündigt mit vielversprechendem Lächeln an: "Danach geht es für die deutsche Antwort auf George Foreman erst richtig los!"

 

In der nächsten Woche führt Boxingpress.com ein exklusives Interview mit Andreas Sidon. Weitere Infos und Fragen zum Thema Andreas Sidon: Worldofboxing@aol.com

 

 
     

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