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Jermain Taylor
vs.
Cory Spinks
- Der Vorbericht


von Sebastian Swiecznik


Am Samstagabend steht das Mittelgewicht im Fokus der Boxwelt. Im Limit bis 160 amerikanische Pfund stehen sich der WBC- und WBO-Mittelgewichtsweltmeister Jermain Taylor (auf Foto oben links) und der IBF-Weltmeister im Superweltergewicht Cory Spinks gegenüber. Im Rahmenprogramm tritt der in Deutschland bestens bekannte kolumbianische KO-Schläger Edison Miranda gegen den ungeschlagenen Amerikaner Kelly Pavlik an – ein Kampf, der nicht minder die Bezeichnung Hauptkampf verdient hätte.

Während sich bei der Paarung Taylor vs. Spinks die meisten Boxfans über den Ausgang einig sind – nämlich KO-Sieg Taylor – ist der zweite Hauptkampf ein so genannter “pick’em Fight”, wie die englischsprachigen Boxfans zu sagen pflegen. Vielen Boxanhängern fällt es schwer, sich hier auf einen Sieger festzulegen. Kelly Pavlik hat 27 seiner 30 Kämpfe vorzeitig beendet, wobei die Gegnerschaft von überschaubarer Qualität war. Jose Luis Zertuche, Fulgencio Zuniga und Bronco McKart sind da noch die klangvollsten Namen. Während der bekannte McKart zum Zeitpunkt des Kampfes weit über seinen Zenit hinaus war, muss man Pavlik allerdings zugute halten, dass sowohl Zertuche als auch Zuniga zwei respektable, hart gesottene und unbequeme Leute mit Schlagkraft sind, die man sicher nicht im Vorbeigehen schlägt. Pavlik besiegte beide vorzeitig, gegen Zuniga gelang ihm sogar ein ansehnliches Comeback: Nachdem er in der ersten Runde auf die Bretter musste, gewann er die folgenden acht Runden, ehe der Kampf aufgrund von Cuts zugunsten Pavliks abgebrochen wurde. Auch gegen Zertuche kamen die Boxfans auf ihre Kosten. Pavlik lieferte sich acht Runden lang einen ansehnlichen Schlagabtausch, in dem er stets die Oberhand behielt und Zertuche letztendlich ausknockte. In beiden Kämpfen zeigte Pavlik sein breites Arsenal an Kombinationen, Qualitäten im Infight und eine hohe Workrate – ungewöhnlich für einen 189 cm großen Mann im Mittelgewicht.

Zu Miranda braucht man nicht viele Worte verlieren. Er dürfte jedem Boxfan in Deutschland noch in bester Erinnerung sein aufgrund seines legendären Kampfes mit Arthur Abraham in Wetzlar Mitte letzten Jahres. Seit der kontroversen Niederlage gegen "King Arthur" besiegte er Willie Gibbs spektakulär durch KO in der ersten Runde sowie den ungeschlagenen und hoch eingeschätzten Allan Green deutlich nach Punkten. In diesem Kampf stellte Miranda eindrucksvoll unter Beweis, aus was für einem Holz er geschnitzt ist. Nachdem er in der achten Runde zu Boden musste, bewies er Herz, kam zurück und ließ Green in der zehnten Runde zweimal die Bretter küssen. Nur der Schlussgong rettete den US-Amerikaner. Miranda hat in beiden Kämpfen bewiesen, dass er sich stetig verbessert und noch nicht sein volles Potential ausgeschöpft hat.

Der Kampf Miranda vs. Pavlik wird für beide Boxer zum bedeutsamen Prüfstein. Zwei junge, hungrige, schlagstarke Boxer, die lieber zwei Schritte vor als einen zurück machen, treten gegeneinander um das Recht an, den Champion fordern zu dürfen. Zwei Gewinner stehen jetzt schon fest: Der Boxsport und der Boxfan.

Kommen wir nun zum Hauptkampf des Abends zwischen Jermain Taylor und Cory Spinks. Vor ein paar Monaten, als der Kampf in trockenen Tüchern war, ging ein Aufschrei der Enttäuschung durch die Reihen der Boxfans. Taylor boxt nach Kassim Ouma den zweiten Superweltergewichtler in Folge, dem man aufgrund seiner physischen Nachteile schon im Vorfeld alle Chancen auf einen Sieg abspricht. Zugegeben, Jermain Taylor hat es wirklich nicht leicht. Seine zwei größten Siege (beide gegen die Ringlegende Bernard Hopkins), waren laut vieler Fans gar keine und sein Unentschieden gegen den unbequemen Winky Wright, der ganz nebenher auch noch zu einem der besten Boxer des Planeten zählt, war eigentlich kein Unentschieden, sondern gar eine Niederlage. Irgendwas muss der Mann an sich haben, was ihm wenig Liebe bei den Boxfans einbringt. Vielleicht ist Taylor einfach zu gewöhnlich? Er führt ein Leben ohne Skandale, steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden, ist stets gut gekleidet und kann sich gepflegt ausdrücken. Aber vielleicht ist es auch etwas anderes. Vielleicht fehlt ihm einfach nur dieser grandiose, deutliche, spektakuläre Sieg, mit dem er ausdrücklich klarstellt: Leute seht her, ich bin der Mann im Mittelgewicht und an mir führt kein Weg vorbei! Ein Sieg dieser Größenordnung würde die kontroversen Urteile der Vergangenheit vergessen machen und ihn womöglich auch in die Herzen der hart gesottenen Boxfans katapultieren. Für einen solchen Sieg jedoch wäre der ehemalige unumstrittene Weltergewichtschampion Cory Spinks der falsche Mann und vielleicht spiegelt sich hier deshalb auch die große Enttäuschung der Boxfans wider. Ein Sieg gegen den kompromisslosen Pavlik oder den wilden Draufgänger Miranda wäre so ein Ausrufezeichen, das Taylor unbedingt nötig hat.

Wenn es nach Cory Spinks geht, dann soll dies Taylor ohnehin versagt werden. Zumindest körperlich lässt Spinks keine Zweifel aufkommen, dass er bereit für die Machtübernahme ist. Beim obligatorischen Wiegen 30 Tage vor dem Kampf präsentierte er sich mit 168 austrainierten amerikanischen Pfund in eindrucksvoller Verfassung. Dem Sohn des ehemaligen Schwergewichtsweltmeisters Leon Spinks ergeht es ähnlich wie Taylor. Auch er wird von den Fans nicht gerade auf Händen getragen. Dies liegt aber weniger an seinen boxerischen Fähigkeiten, die ihm niemand absprechen kann, sondern an seiner Art, diese einzusetzen. Spinks ist ein flinker Konterboxer, ohne Schlagkraft, aber mit schnellen Beinen, guter Defensive und taktischer Cleverness ausgestattet. Nicht gerade Attribute, die den durchschnittlichen amerikanischen Sportfan zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Jedoch sind es sehr wohl Attribute, die Taylor vor ein paar Probleme stellen könnten, wenn es ihm nicht gelingen sollte, seine physischen Vorteile auszuspielen. Spinks ist wie Taylors letzter Gegner Kassim Ouma ein Rechtsausleger. Ouma ist jedoch kleiner und boxerisch schwächer als Spinks, dennoch tat sich der Weltmeister mit ihm schwer.

Sollte Taylor in Gedanken schon beim nächsten großen Zahltag sein, womöglich ein Kampf gegen Roy Jones, Joe Calzaghe oder dem Sieger aus dem oben erwähnten Kampf Pavlik vs. Miranda, dann könnte es Spinks bei günstigem Kampfverlauf vielleicht gelingen, Taylor zu schlagen. Aber da Taylor wie schon erwähnt ein äußerst bodenständiger und smarter Typ ist, wird er Spinks nicht unterschätzen. Auch wenn ihn Spinks womöglich streckenweise schlecht aussehen lässt, dürfte Taylor hier einen glanzlosen, wahrscheinlich vorzeitigen Sieg einfahren, der seinen Rekord mit einem weiteren bekannten Namen schmückt, ihm aber keine zusätzliche Reputation einbringt.
Freitag. 18. Mai 2007


 
     

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