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Michalczewski müht sich gegen Lakatus zum KO-Erfolg
Aus Braunschweig berichtet Jörg Lüdemann



Dariusz Michalczewski bleibt WBO-Weltmeister im Halbschwergewicht. An seinem 33. Geburtstag verteidigte er am Samstag in der Braunschweiger Volkswagen-Halle seinen Titel gegen den in Spanien lebenden Rumänen Venti Alejandro Lakatus durch K.o. in der neunten Runde. Vor 8500 begeisterten Zuschauern hatte Michalczewski jedoch mehr Mühe als erwartet und musste schwere Treffer hinnehmen. Doch dazu später mehr...

Im Vorprogramm der Universum-Veranstaltung tat sich diesmal Bemerkenswertes. Ganz im Gegensatz zu den üblicherweise chancenlosen Aufbaugegnern der Universum-Schützlinge wurde in Braunschweig eine recht widerstandsfähige und oft siegeshungrige Gegnerschaft verpflichtet. Da Boxingpress in diesem Zusammenhang oft kritische Töne anklingen ließ, soll diese positive Erfahrung auch einmal ausdrücklich Erwähnung finden. Doch im Einzelnen:

Ibrahim Vural (14-0, 3 KO's), der türkische Heißsporn im Superfedergewicht, erzielte einen Punktsieg über sechs Runden gegen den Ungarn Bela Sandor. Dabei wurde wieder einmal offensichtlich, daß es Vural an der entscheidenden Schlagkraft mangelt. Sandor hielt zwar tapfer mit, doch Vural war jederzeit der Herr im Ring.

Es folgte ein Halbschwergewichts-Kampf zwischen Pavel Melkomian (8-0, 4 KO's) und dem Slowaken Jaroslav Cepicky. Melkomian, der einst von Dariusz Michalczewski in dessen polnischer Heimat entdeckt und dem Universum-Stall empfohlen wurde, landete gleich zu Beginn schwere Hände, die jedoch bei Cepicky keine sichtbare Wirkung hinterließen. Der Slowake trug zwar einige Rettungsringe im Bauchbereich, suchte aber sein Heil zunehmend in der Offensive. Melkomian wirkte dagegen oftmals einfallslos und brachte selten sein ganzes Körpergewicht hinter seine Schläge. Am Ende stand ein mühsam erkämpfter, aber verdienter Punktsieg über vier Runden. Offensichtlich braucht der junge talentierte Boxer noch einige Zeit, um auch nur annähernd in die Fußstapfen seines berühmten Förderers zu treten.

Alexander Petkovic (18-0-2, 8 KO's) boxte im Anschluß gegen den Brasilianer Manuel Eduardo Da Franca. Der deutsche Cruisergewichtler stagniert seit geraumer Zeit in seiner Entwicklung und konnte den anfänglichen Vorschußlorbeeren der vergangenen Jahre zuletzt kaum noch gerecht werden. So auch in Braunschweig. Gegen den sehr unorthodox boxenden Brasilianer, der seinen Oberkörper weit zurück lehnte, um so den Schlägen von Petkovic auszuweichen, fand der Universum-Boxer selten ein überzeugendes Mittel. Der kleine Franca hielt mutig mit wilden Schlaghänden dagegen und zog sich gegen den zu zögerlichen Deutschen sehr achtbar aus der Affäre. Der Kampf war angesichts der wenigen klaren Aktionen schwer zu werten, die Punktrichter sahen am Ende Petkovic einstimmig über sechs Runden vorn.

Der ungeschlagene Turhan Altunkaya (12-0-2, 3 KO's) präsentierte sich in Braunschweig in sehr guter Verfassung. Würde es dem 25-jährigen Cruisergewichtler nicht an Schlagkraft mangeln, wäre er auch international ein vielversprechender Hoffnungsträger. Altunkaya verfügt über eine saubere, sehr variable Technik und sehr schnelle Meidbewegungen. Gegen den zähen Algerier Mohammed Bouraoui demonstrierte der Türke dies über die gesamte Distanz von sechs Runden. So stand am Ende ein klarer Punktsieg für Altunkaya, den man weiterhin im Auge behalten sollte.

Die Überraschung des Abends gelang dem Ungarn Zoltan Beres, der den Duisburger Halbschwergewichtler Ahmet Öner (15-3-1, 11 KO's) über sechs Runden knapp nach Punkten besiegen konnte. Die beiden Boxer lieferten sich über die gesamte Distanz einen offenen Schlagabtausch, der Kampf wogte hin und her. Öner versuchte, im Infight klare Haken zu landen, was ihm auch vielfach gelang. Beres nahm diese Treffer jedoch scheinbar völlig unbeeindruckt, um seinerseits einige Schlagserien zu Körper und Kopf ins Ziel zu bringen. Zeitweise boxte der Ungar völlig ohne Deckung, doch Öner vermochte daraus kein Kapital zu schlagen. Die Entscheidung fiel in der sechsten Runde, als ein vorwärts marschierender Öner in einen Konter seines Gegners lief und schwer getroffen zu Boden sackte. Der Türke berappelte sich noch einmal und überstand die Runde auf äußerst wackligen Beinen. Das Publikum staunte schließlich nicht schlecht, als bei der Urteilsverkündung tatsächlich der Gast-Boxer den Sieg zugesprochen bekam.

Amateur-Weltmeister Sinan Samil Sam (8-0, 4KO's), der als Schwergewichtler noch immer eine Menge Übergewicht mit sich herumschleppt, nutzte die erste Deckungslücke seines französischen Gegners Denis Edwige, um einen harten Aufwärtshaken ins Ziel zu bringen. Edwige mußte zu Boden und kam nicht mehr rechtzeitig auf die Beine. Über den Wert dieses Erstrunden-KO's braucht nicht weiter diskutiert zu werden, Sam jedenfalls hat noch einen weiten Weg vor sich, um als Profi seine Amateur-Erfolge wiederholen zu können.

Der hochgewachsene Kroate Stipe Drews (14-0, 8 KO's) erzielte einen Punktsieg über sechs Runden gegen den Slowaken Julius Gal. In den ersten Runden versuchte Gal sein Bestes, doch die Reichweitenvorteile von Drews gaben ihm kaum die Möglichkeit, klare Treffer zu setzen. Allein wegen seiner enormen Körpergröße müsste man den Kroaten in Zukunft auf der Rechnung haben, doch sind gewisse Parallelen zu dem kürzlich von Joe Calzaghe entblößten Mario Veit unübersehbar. Beide Boxer sind für ihre Gewichtsklasse ungewöhnlich groß, pflegen aber einen eher amateur-lastigen Stil und wirken recht steif im Oberkörper.

Felix Sturm alias Adnan Catic (4-0, 2 KO's) machte im folgenden Kampf kurzen Prozeß mit dem Berliner Ramdane Kaouane. Nach zwei Niederschlägen nahm der Ringrichter den überforderten Gegner aus dem Kampf.

Ähnlich erging es dem US-Amerikaner George Ray Klinesmith (8-3-1, 4KO's), der als Gegner (Opfer?) für das deutsche Super-Talent Jürgen Brähmer (17-0, 14KO's) auserkoren worden war. Trotz seines soliden Rekordes stand der 35-jährige Amerikaner sofort auf verlorenem Posten gegen den permanenten Druck des Junioren-Weltmeister von 1996. Zwei harte Niederschläge in der Eröffnungsrunde bedeuteten das vorzeitige Ende des Kampfes. Offensichtlich scheint es schwer, geeignete Gegner für Brähmer zu finden, die bereit sind, ihren guten Rekord gegen einen internationalen "Nobody" aus Deutschland auf's Spiel zu setzen.

Schließlich war es soweit - der Hauptkampf des Abends stand unmittelbar bevor. Der "Tiger" wollte seinen Geburtstag mit einem deutlichen Erfolg gegen den international völlig unbekannten Alejandro Lakatus feiern. Es wurde zwar am Ende ein rauschendes Fest, doch der Weg dahin war für den WBO-Weltmeister unerwartet mühsam. So viele Schläge hatte Michalczewski bei einem WM-Kampf schon lange nicht mehr einstecken müssen.

Nach einer größtenteils ereignisarmen Auftaktrunde mit leichten Vorteilen für den Weltmeister, stockte den Zuschauern in der zweiten und dritten Runde mehrfach der Atem, als der in Spanien lebende Rumäne Lakatus dem Jubilar an dessen 33. Geburtstag schmerzhafte "Geschenke" überbrachte. Der Herausforderer agierte recht unorthodox, aber auch technisch wesentlich variabler, als dies von allen Experten erwartet worden war. Lakatus rannte nicht mit wilden Schwingern in seinen Gegner, sondern landete aus einer anfangs noch soliden Deckung heraus schnelle Kombinationen aus Führhanden und Aufwärtshaken.

Michalczewski wirkte beinahe im gesamten Kampfverlauf statisch und unkonzentriert, nahm eine schwere Hand nach der nächsten, ohne sich aus der Halb- und Nahdistanz zu entfernen. Das Publikum spürte die Schwierigkeiten des Deutschen und feuerte ihn in diesen Schwächephasen lautstark an. Ab der vierten Runde gelang es dem Weltmeister dann allmählich, besser in den Kampf zu finden, doch noch immer traf sein sonst so zuverlässiger linker Jab kaum ins Ziel. Lakatus ließ ein wenig nach, blieb jedoch stets gefährlich und wirkte auch in der Rückwärtsbewegung nicht unbeholfen. Die ersten spürbar harten Treffer des Weltmeister steckte er völlig unbeeindruckt weg.

In der sechsten Runde hatte Michalczewski endgültig den Herausforderer in den Griff bekommen, so schien es jedenfalls. Doch in der Folgerunde drehte ein harter Kopfstoß von Lakatus den Kampf noch einmal kurzzeitig um. Der Eisenschädel des Rumänen traf den Weltmeister direkt am Kinn - Dariusz wirkte angeschlagen und nahm die folgende Schlagsalve von Lakatus völlig deckunglos, ehe der Ringrichter den Kampf kurzzeitig unterbrach. Nach einer kurzen Erholungspause mühte sich Michalczewski den Rest der Runde über die Zeit und musste weitere harte Treffer einstecken. Doch spätestens jetzt war eines klar geworden: Der Herausforderer schlug zwar hart, aber sicherlich nicht so hart "wie ein Pferd", wie Trainer Fritz Sdunek im Vorfeld verkündet hatte. Wäre dies tatsächlich so gewesen, so hätte der Weltmeister die zahlreichen Treffer aus der Anfangsphase und der siebten Runde nicht derart unbeeindruckt absorbieren können.

Ab der achten Runde wurde dann offensichlich, daß Lakatus sein Pulver endgültig verschossen hatte. Michalczewski spielte jetzt seine überragende Kondition und seine boxerische Überlegenheit aus und trieb den Herausforderer fast nach Belieben durch den Ring. Lakatus nahm einen schweren Haken nach dem anderen, doch zu Boden ging er nicht. Noch nicht...

Denn in der neunten Runde fand sich der mutige Herausforderer schließlich erstmals im Ringstaub wieder. Lakatus stand schnell wieder auf den Beinen und wurde vom Ringrichter wieder in den Kampf gelassen. Doch noch benommen von der Schlagwirkung wurde er wenige Sekunden später von einer krachenden Linken Michalczewski's so schwer am Kinn getroffen, dass er wie ein gefällter Baum umklappte und dabei mit dem Hinterkopf aufschlug. Die Ringärzte mussten sich mehrere Minuten bemühen, um Lakatus wieder auf die Beine zu stellen.

Der Weltmeister feierte inzwischen ausgelassen seinen Arbeits-Sieg und seinen Geburtstag. Doch Michalczewski sparte wie so oft nicht an Selbstkritik: "Ich war zu statisch, zu verkrampft, habe zu sehr auf Sicherheit geboxt. Mir fehlte das Distanzgefühl, deshalb ist mein Jab nicht gekommen," so schätzte der Halbschwergewichts-Weltmeister seine 19. erfolgreiche Titelverteidigung selbst als nicht zufriedenstellend ein. "Ich wollte an meinem Geburtstag super aussehen. Das hat nicht geklappt." Auch der ungarische Stallgefährte und WBO-Federgewichts-Weltmeister Istvan Kovacs staunte über Michalczewskis lange praktizierte Zurückhaltung: "So kenne ich ihn gar nicht. Aber das Ende war schön."

Die Boxingpress-Scorecard
Runden
Michalczewski
Lakatus
1
10
9
2
9
10
3
9
10
4
10
9
5
10
9
6
10
9
7
9
10
8
10
9
9
Abbruch
---
Gesamt
77
75

Offenbar hatte der Titelverteidiger in der Vorbereitung bereits andere Dinge, wie seinen Geburtstag oder einen möglichen Kampf gegen Roy Jones, im Hinterkopf und unterschätzte seinen ungeschlagenen Herausforderer. Ob er sich mit seinen jetzt 33 Jahren bereits über dem berühmten "Zenit" befindet, kann der gestrige Kampf sicher nicht beantworten. "Das war ein bisschen viel Stress mit seinem Geburtstag. Er war nicht richtig bei der Sache", kritisierte Trainer Sdunek seinen Schützling. Der Coach, gestand Michalczewski, habe ihn nach der dritte Runde gerüttelt und gefragt: "Was machst du da?"

"Mir fehlt noch die Erfahrung", sagte der 27 Jahre alte Lakatus im Anschluß, der in seinem 17. Profi-Kampf die erste Niederlage hinnehmen musste. "Ich bin noch nie so zu Boden gegangen." Michalczewskis Promoter Klaus-Peter Kohl kündigte später in Bezug auf einen Kampf gegen Roy Jones an, daß er noch nichts konkretes in der Hand habe, "aber bis Ende des Jahres wird es was," da sei er sicher. Die deutschen Boxfans werden ihn beim Wort nehmen, auch im Hinblick auf die kürzlich veröffentlichten Pläne des Universum-Bosses in diesem Jahr (Mike Tyson diesmal nicht im Volkspark-Stadion, sondern in der Schalke-Arena)...

 

 

 
     

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