| |
Fabrice Tiozzo
vs.
Dariusz Michalczewski
- Der Vorbericht
von Wolfgang Oswald

Altherrenboxen Die Zweite
Nach der unspektakulären, aber dennoch hochklassigen Boxvorstellung
des vierzigjährigen (Box-)Methusalem Bernard
Hopkins (BP-Nr. 1 im Mittelgewicht) am letzten Wochenende
(BoxingPress berichtete) treffen am 26.02.2005 in der Hamburger Color
Line Arena erneut zwei alte Herren im Ringkäfig aufeinander.
Der Tiger Dariusz
Michalczewski (36) (BP-Nr. 5, Foto oben) gibt sein Comeback
nach mehr als 16monatiger Kampfpause gegen den WBA-Weltmeister im Halbschwergewicht
Fabrice
Tiozzo (35) (BP-Nr. 12) aus Frankreich (das ZDF überträgt
live ab 22.00 Uhr).
1. Die Akteure der Auseinandersetzung
Der Weltmeister:
Fabrice
Tiozzo (BP-Nr. 12, Foto) wurde 1995 erstmals Weltmeister
im Halbschwergewicht durch einen Sieg über Box-Legende Mike
McCallum. 1997 holte sich Tiozzo in Las Vegas auch den WBA-Titel
im Cruisergewicht, als er den Amerikaner Nate
Miller auspunktete. Im Jahr 2000 wurde der Mann aus St. Denis
dagegen kalt erwischt und verlor seinen Titel bei seiner Revanche gegen
Virgil
Hill, der auch schon gegen Henry Maske und Dariusz Michalczewski
in Deutschland im Ring stand, durch technischen Knockout in der ersten
Runde. Danach legte er eine Auszeit ein und startete nach einer längeren
Kampfpause 2003 sein Comeback. Dabei profitierte der Franzose von der
Niederlage seines Landsmannes Mehdi
Shanoune (BP-Nr. 16) im WM-Fight gegen den Italiener Silvio
Branco (BP-Nr. 18). Boxpromotor Michel Acariès
hatte sich im Vorfeld eine Option auf die nächste Titelverteidigung
des Italieners gesichert und bot Tiozzo eine Chance auf den Gürtel
an. Der zweifache Familienvater nutzte sie, nachdem er sich vom Cruiser
wieder ins Halbschwer herunter gehungert hatte, und holte sich 2004 seine
dritte WM.
Der Herausforderer:
Alles
nur eine Sache der Abstammung bei Dariusz
Michalczewski (BP-Nr. 5, Foto): Vater Michalczwski war
Boxer und wollte, dass sein Sohn Dariusz auch in den Ring steigt. So einfach
ist das oder auch nicht. Der Tiger war zwölf, als sein
Vater Bogdan starb und Onkel Josef Baranowski als Trainer den Willen
seines Schwagers erfüllte und den wilden Jungen von der Straße
in den Boxklub Czarni in Danzig (Polen) holte. Schnell wurde der Halbwaise
ein erfolgreicher Amateurboxer in Polen und setzte sich 1988 auf dem Weg
zum Intercup in Karlsruhe von der polnischen Nationalboxstaffel ab. Er
blieb in Deutschland, boxte und arbeitete für Bayer Leverkusen, nahm
die deutsche Staatsbürgerschaft an und wurde 1991 als Amateur für
Deutschland Europameister. Noch im selben Jahr wechselte er zu den Berufsboxern,
brachte es hier zu mehreren Weltmeisterschaftsgürteln und schrieb
Boxgeschichte.
2. Die Geschichte zum Fight
In Beschreibung eines Kämpfers von Herbert Asmodi
steht unter anderem: Schau dich an. Schau wie du aussiehst. Dein
Gesicht hat man dir abgeprügelt. Deine Augen sind ruiniert. Dein
Mund zur Grimasse zerhaut.
Worte, die wahrlich auf die letzten Fights des Tiger gegen
Richard
Hall (BP-Nr. 14), Derrick
Harmon (BP-Nr. 19) und Julio
Cesar Gonzalez (BP-Nr. 4) zutrafen. Wer erinnert sich nicht
an seine denkwürdigen und begeisternden Schlachten, seine vielen
blutigen Cuts, die zugeschwollenen Augen und das Torkeln in die falsche
Ecke zur Rundenpause?
Und weiter bei Asmodi: Die Leute sagen, du hast einen Dachschaden.
Auch die Hölle ist nur eine Sache der Gewöhnung. Auch ein Dachschaden
will zu Ende gelebt sein, wenigstens mit einem gewissen Ehrenstandpunkt.
Ehre? Gibt es überhaupt noch einen Funken Ehre im Tank des
Tigers? Zuviel Schlimmes ist passiert in der Vergangenheit des Exweltmeisters.
Titelverlust, der Scheidungskrieg gegen seine Jugendliebe Dorota,
die Trennung von seinen beiden Söhnen, die neue Frau Patricia
an seiner Seite, dazu der viele Alkohol, die vielen Partys, die vielen
anderen Geschäfte und die vielen, vielleicht falschen
Freunde in seinem Leben?
Für ein paar Runden, dachte er, bin ich immer noch gut. Und
war mit seinen Göttern und sich im Reinen. Nothing for tears. Solange
du stehen kannst, wirst du kämpfen.
Kämpfen? Michalczewski hat lange nachgedacht, ob er überhaupt
noch mal kämpfen soll, ob er es noch einmal schaffen kann. Dafür
hat er, anders als der tragische Verlierer aus der obigen Beschreibung
von Herbert Asmodi, sogar sein Leben neu geordnet. Seit dem Oktober 2004
lebt er für diesen Kampf. Er isst bewusst. Er schläft bewusst.
Er fühlt sich total gereinigt, ist nach eigener Aussage ein völlig
neuer Mensch. Er will es den Fans und vor allem sich selbst beweisen.
Trotz der Kohle, die auf dem Spiel steht, kann man diesen
Worten des Tigers Glauben schenken. Denn er ist ein echter Kämpfer
und das ist die Geschichte dieser Auseinandersetzung. Der amtierende Weltmeister
gerät hier dabei nur zu einer Art Randfigur. Die Weltmeisterschaft
steht und lebt von der Legende und Präsenz des Tigers.
Beinahe unerheblich, dass Tiozzo eine Revanche für seine Niederlage
aus Amateurtagen will. Nebensächlich, dass ausgerechnet der Weltmeister
seinen Titel im Ausland verteidigen muss. In dieser Begegnung dreht sich
alles nur um die Frage: "Zeigt der Tiger Zähne oder hat der
Zahn der Zeit an ihm genagt?" Deshalb hat man tief in den Tasche
gegriffen, um den Champion nach Deutschland zu holen, der am besten zu
Dariusz passt.
3. Die physischen Attribute der Fighter:
Die Boxer nehmen sich hier nicht viel. Sie sind ungefähr gleich groß
und fast gleich alt. Sowohl Tiozzo als auch sein Konkurrent blicken auf
eine lange und erfolgreiche Boxkarriere mit Höhen und Tiefen zurück.
In der Vergangenheit hatten beide gelegentlich Gewichtsprobleme und mussten
für einen Fight abkochen. Bis zu seinem letzten Gewinn
der Weltmeisterschaft boxte der Franzose bereits im Cruiser. In Expertenkreisen
gelten die zwei Kontrahenten als Kämpfer mit großem Herz und
großer Kampfkraft, die viel einstecken, aber auch kräftig
austeilen können. Alles spricht also für eine sehr ausgeglichene
Angelegenheit mit leichten körperlichen Vorteilen für den Champion
hinsichtlich Reichweite und Gewicht.
4. Die Waffen der Fighter im Ring:
Die beste Waffe des Herausforderers ist die linke Führhand. Wenn
diese sicher und gut kommt, setzt er gerne mit der harten rechten Schlaghand
oder dem linken Haken nach. Dazu übt er ständig Druck aus und
versucht die Kontrolle des Kampfes über sein Marschieren
zu gewinnen. Eine sehr gefährliche Mischung, für die man eine
Menge Kondition und Kraft braucht. Beides hat sich Michalczewski in seiner
bisher längsten und intensivsten Vorbereitung auf eine Auseinandersetzung
angeeignet. Er hat abgenommen, den Wodka gegen Wasser eingetauscht. Dennoch
bleibt sein aufrechter Angriffstil riskant, weil der Deutsch-Pole ein
Instinkt-, kein Intelligenz-Boxer ist. Einer, dem manchmal Souveränität
fehlt, der Verteidigungslücken besitzt und unter Druck gelegentlich
in Panik gerät.
Das ist die Chance für Tiozzo. Der Weltmeister ist physisch sehr
stark, abgebrüht und darum nur schwer auszurechnen. Er lullt den
Gegner ein und explodiert plötzlich, wenn dieser nicht damit rechnet.
Er kann gut mit seiner Rechten kontern, geht auch auf den Körper
und besitzt einen scharfen Jab, ein solider Allround-Boxer, der allerdings
wie sein Gegner Schwächen in der Defensive hat und von der Kampfweise
besser zum Tiger passt, als dessen letzter Gegner Julio Gonzalez.
5. Der Kampf im Kopf:
Viele Tiger-Kritiker halten ihn nach seinen letzten Materialschlachten
für alt und shot. Sie bemängeln, dass Michalczewski
zu viele Treffer nimmt und seine Reflexe nachgelassen haben. Allerdings
vergessen sie auch, dass das Nehmen und Einstecken schon immer
zum Stil des Exweltmeisters gehörte. Er ist ein Mann, der ständig
nach vorne geht, Druck aufbaut und seine Vorteile über den Kampf
sucht. Hier lassen sich Treffer nicht so leicht vermeiden und bei dieser
Art zu boxen, muss man einfach mehr Treffer in Kauf nehmen. Dariusz ist
ein Tiger, kein Tänzer. Er steht vor seinem Comeback und ist hochmotiviert.
Die einzige Gefahr ist, dass Dariusz zuviel von sich erwartet und sich
dieser Druck auf seinen Stil negativ auswirkt, ihn verkrampft und das
Punkten mit der linken Hand vergessen lässt. Die letzte Punktniederlage
sollte er dagegen inzwischen verarbeitet haben und sie sollte wegen seiner
Persönlichkeit und psychischen Stärke keine allzu große
Rolle mehr spielen.
Auch Tiozzo ist ein mental starker Mann, der sich nicht leicht einschüchtern
lässt. Der einzige Knackpunkt in seiner Karriere waren vielleicht
die beiden Niederlagen gegen Virgil Hill. Der erste Fight endete 1993
mit einer Punktniederlage des Franzosen und er musste dabei einmal auf
die Bretter. In der Revanche kam es noch schlimmer und Tiozzo musste 2000
noch in der ersten Runde eine vorzeitige Niederlage und einige harte Treffer
von Hill ein- und wegstecken. Wenn überhaupt, dann liegt hier vielleicht
ein psychologischer Vorteil beim Herausforderer, denn bei der Junioren-WM
1986 trafen die beiden Boxer als Amateure bereits aufeinander. Hier besiegte
Michalczewski den Franzosen im Viertelfinale nach Punkten und das kann
ein schlechtes Omen für Tiozzo bedeuten.
6. Die mögliche Kampftaktik der Boxer:
Der Tiger muss wegen seiner Verletzungsanfälligkeit bei
den Augenpartien etwas mehr Wert auf seine Deckungsarbeit legen und vor
allem die linke Führhand oft bringen. Er scheint schneller als Tiozzo
zu sein und sollte aufgrund seiner langen Vorbereitung über die bessere
Kondition verfügen. Er kann auf die Unterstützung des Publikums
hoffen und das sollte sich in seiner Taktik widerspiegeln. Er darf keine
Runde verschenken bzw. verschlafen, muss das nötige Gleichgewicht
zwischen Aktion und Pause finden, um seinen Trumpf, die Kondition, auszuspielen.
Der Weltmeister wird sich dagegen darauf verlassen, dass der Tiger
Aktionen startet und versuchen, hier seine Punkte zu sammeln. Tiozzo kann
mit der Rechten gut kontern, hat die etwas längere Reichweite und
variiert mit seinen Schlägen mehr als sein Herausforderer. Das sind
seine Vorteile und er wird versuchen in die Führhand von Michalczewski
hineinzuschlagen, um seinen Jab zu etablieren.
Allerdings ist Tiozzo nicht so gut auf den Beinen wie der letzte Gegner
des "Tigers". Wenn der Herausforderer hin und wieder an seine
Beinarbeit denkt, gelegentlich mit Abfangschritten arbeitet und an den
berühmten Schritt zurück denkt, kann er vielleicht sogar einen
Knockoutschlag landen, denn der Franzose fällt bei seinen Angriffen
manchmal in den Mann herein.
Im Team von Tiozzo weiß man dagegen Bescheid, dass der Deutsch-Pole
leicht zu bluten beginnt. Der Champ wird diesen Umstand vermutlich in
seiner Kampfweise einbeziehen und Clinch- bzw. Nahkampfsituationen suchen.
Vom Stil her sind sich die zwei Kontrahenten sehr ähnlich und das
lässt auf ein offenes Gefecht schließen, in dem der Champion
boxerisch vielleicht der etwas flexiblere und variablere Mann ist. Allerdings
werden beide mit Ringrost zu kämpfen haben und entsprechend
kann sich das auf die Taktik und Kampfweise niederschlagen. Die ersten
Runden können hier kampfentscheidend werden. Beide Boxen waren in
den letzten Jahren zeitweise inaktiv und sie müssen erst das richtige
Distanzgefühl und ihre "runden" Bewegungen finden.
7. Die Prognose des Autors zum Kampfverlauf
Im Gegensatz zum Tiger hat Tiozzo sein Comeback mit dem Sieg
gegen Branco bereits erfolgreich hinter sich. Michalczwski scheint darum
ein kleines Stück hungriger als der Champion zu sein, was in einem
von beiden offensiv geführten Kampf den Ausschlag geben kann. Denn
es sollte vor allem eine Auseinandersetzung werden, die wegen der Eigenschaften
der Fighter über die Physis und Kraft entschieden wird, weniger über
die Technik und Taktik. Hier sollte der Herausforderer letztendlich mehr
Vorteile haben, denn er galt schon immer als Konditionswunder und Trainingstier.
Aus diesem Grund spricht einiges für einen vorzeitigen Sieg des Deutsch-Polen
in den hinteren Runden.
8. Randnotiz
Im
Rahmenprogramm verteidigt der Ungar Zsolt
Erdei (BP-Nr. 3, Foto) seinen WM-Titel der WBO, ebenfalls
im Halbschwergewicht. Herausforderer ist wieder der bärenstarke Argentinier
Hugo
Hernan Garay (BP-Nr. 15), den Zsolt im vergangenen Jahr
in einer Ringschlacht knapp nach Punkten besiegt hatte. Die WBO-Krone
galt lange als der Tiger-Titel", bis Michalczwski von Gonzalez
nach fast zehnjähriger Regentschaft vom Thron gestoßen wurde.
Erdei nahm anschließend erfolgreich Rache für den Tiger und
holte den Titel in den Profiboxstall Universum Box Promotion zurück.
Freitag,
25. Februar 2005
|
|