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Fabrice Tiozzo zu stark für Michalczewski

Von Jörg Lüdemann

Am Samstagabend kam es in der Hamburger Color Line Arena zum mit großer Spannung erwarteten Comeback des "Tigers" Dariusz Michalczewski (BP-Nr. 5) gegen den WBA-Weltmeister im Halbschwergewicht, Fabrice Tiozzo (BP-Nr. 12, Foto) aus Frankreich. Nach seiner Niederlage gegen Julio Cesar Gonzalez (BP-Nr. 4) und der anschließenden Kampfpause von 16 Monaten stellten sich Fans und Experten die Frage, in welcher Verfassung Michalczewski in den Ring zurückkehren würde. Nach der Überzeugung der meisten Beobachter sollte der französische Weltmeister für den Deutsch-Polen wie maßgeschneidert sein.

Beide Boxer hatten in der Vorbereitung diesmal alles Erdenkliche getan, um sich in dieser Hinsicht im Nachhinein nichts vorwerfen lassen zu müssen. Mit seinen 36 Jahren präsentierte sich der "Tiger" körperlich so austrainiert wie lange nicht mehr. Doch auch sein Gegner brachte mit 35 Jahren das Gewicht mühelos und das, obgleich sich der Franzose vor wenigen Jahren noch bis ins Schwergewicht hochgefuttert hatte.

Der Kampfbeginn verlief dann wie eine Kopie der letzten Kämpfe Michalczewskis vor seiner Niederlage gegen Gonzalez. Der "Tiger" agierte zu Beginn wieder einmal sehr abwartend. Tiozzo hingegen diktierte sofort das Tempo und deckte seinen Herausforderer mit seinem sehr variablen Schlagrepertoire ein. Der Weltmeister kam gleich mit einigen gelungenen Aufwärtshaken ins Ziel. Derweil zeigte Dariusz Michalczewksi bereits erste Rötungen um die Augenpartien herum.

Nach zwei Minuten der zweiten Runde entschloss sich Michalczewski zu einer ersten ernsthaften Attacke gegen den bis dahin klar dominierenden Tiozzo. Dennoch reichte die Schlagsalve des Herausforderers nicht zum Rundengewinn, da der 35-jährige Champion eine beachtliche Workrate vorlegte und Michalczewski unentwegt beschäftigte. Der "Tiger" stand zu diesem Zeitpunkt noch zu nah am Mann und brachte seine gefürchtete linke Führhand viel zu selten. Stattdessen versuchte er es mit bei ihm selten gesehenen Aufwärtshaken, mit denen er auch teilweise traf, wenngleich ohne durchschlagenden Erfolg. Somit gab der Herausforderer aufgrund der deutlich höheren Aktivität seines Gegners auch die dritte Runde ab.

In Runde vier gelang es dem Deutsch-Polen erstmals, die richtige Distanz für seine linke Führhand herzustellen und damit klare Treffer zu landen. Die Attacken Tiozzos zu Körper und Kopf wusste Dariusz jetzt gut mit den Armen abzublocken und gewann die Runde deutlich. Es schien, als hätte sich der "Tiger" wie so oft allmählich von seinem Gegner "warmprügeln" lassen. Lediglich die zunehmende Schwellung der Augenpartien des 36-Jährigen verriet in diesem Durchgang, dass der Franzose weiterhin klare Kopftreffer, insbesondere kurze Seitwärtshaken, ins Ziel brachte.

Zur Überraschung aller Zuschauer konnte Michalczewski in der folgenden Runde nicht an seine Leistungssteigerung anknüpfen. Der Ex-Champ wirkte nun wieder ähnlich zögerlich und fahrig wie schon bei seiner Punktniederlage vor 16 Monaten. Obwohl ihm Tiozzo immer wieder offene Trefferflächen anbot, verstand es der "Tiger" nicht, diese zu erkennen und auszunutzen. Seine Führhand hatte den Betrieb wieder eingestellt, die rechte Schlaghand flog selten und dann meist vorbei. Auch die wiederentdeckten Aufwärtshaken zeigten keinen Erfolg mehr. Tiozzo dagegen wirkte entschlossen und brachte vermehrt ganze Schlagserien aus der Halbdistanz ins Ziel.

In der sechsten Runde kam dann das überraschende Kampfende. Ein ansatzlos geschlagener, rechter Seitwärtshaken des Weltmeisters traf Michalczewski direkt an der Schläfe und ließ seinen Kopf zur Seite wegknicken. Derartige Treffer rufen oft Schlagwirkung hervor und so zog es auch dem Herausforderer den Boden unter den Füßen weg. Zwar landete Tiozzo noch zwei weitere Treffer, ehe Michalczewski endgültig zu Boden ging, aber der erste Haken war ausschlaggebend für das baldige Kampfende. Der im Kopf klare, aber auf den Beinen wackelige Deutsch-Pole rappelte sich zwar noch einmal auf, doch dem folgenden Ansturm hatte Michalczewski nichts mehr entgegen zu setzen. Gleich nach dem nächsten Treffer von Tiozzo drehte der Herausforderer ab und entzog sich damit einer weiteren Bestrafung. Ringrichter Stanley Christodoulou brach den Kampf daraufhin völlig zu Recht ab.

Die Enttäuschung über den Kampfausgang stand dem deutschen Lager im Anschluss ins Gesicht geschrieben. Schließlich hatte im Vorfeld vieles für eine erfolgreiche Rückkehr des Ex-Weltmeisters gesprochen. Doch es hat den Anschein, als ob Dariusz Michalczewski nicht mehr genug körperliche und geistige Substanz für Kämpfe auf internationalem Niveau hat zurückgewinnen können. Zwar gab es bis zum abrupten Kampfende auch einige gute Ansätze zu sehen, aber der entscheidende Treffer war nicht derart desaströs, dass sich ein Michalczewski in früherer Form nicht mehr davon erholt hätte. Der Tiger schien zwar im Kopf noch klar, doch die Beine versagten ihm den Dienst, er war hilflos.

Es ist jetzt zweifellos die richtige Zeit für seinen Rücktritt. Mit seinen spektakulären und mitreißenden Kämpfen hat der Deutsch-Pole den deutschen Boxfans in den vergangenen zehn Jahren viel gegeben und den Boxsport hierzulande zusammen mit Henry Maske ganz weit nach vorn gebracht. Der Aufstieg des Universum-Boxstalls ist untrennbar mit seinem Namen verbunden. Es bleibt zu hoffen, dass er jetzt die richtigen Ratschläge erhält und auch annimmt.

Für Fabrice Tiozzo hingegen stehen im Spätherbst seiner Karriere noch einmal alle Türen offen. Der Franzose präsentierte sich in Hamburg so austrainiert und fokussiert wie lange nicht mehr. Der 35-Jährige war nach dem Kampf völlig ungezeichnet und machte den Eindruck, gerade bestenfalls ein gutes Sparring hinter sich gebracht zu haben. Offenbar hat Tiozzo im Halbschwergewicht die Motivation wiedergefunden, die ihm fast zeitgleich mit seinem Titelverlust im Cruisergewicht im Jahr 2000 gegen Virgil Hill abhanden gekommen war. Konsequenterweise sollte der Franzose sich jetzt weiterhin ausschließlich gute Gegner für seine Titelverteidigungen auswählen.


Im Rahmenprogramm des Kampfabends in Hamburg kam es zu zwei weiteren interessanten Weltmeisterschaftskämpfen. Dabei gelang es Zsolt Erdei (BP-Nr. 3, Foto), seinen WBO-Titel im Halbschwergewicht gegen den bärenstarken Argentinier Hugo Hernan Garay (BP-Nr. 15) erneut nach Punkten zu verteidigen. In einem verbissen geführten Duell, in dem der Herausforderer deutlich aggressiver und entschlossener boxte als der Titelträger aus Ungarn, entschieden sich zwei der drei Punktrichter am Ende mit 115:113 und 116:112 für Erdei, während der dritte mit 118:110 für Garay votierte. Ähnlich knapp verlief das Bantamgewichtsduell um die WBA-Krone des amtierenden Champions Julio Zarate (BP-Nr. 11) aus Mexiko, der von Wladimir Sidorenko (BP-Nr. 10) herausgefordert wurde. Trotz seines erheblichen Reichweitenvorteils gelang es Zarate dabei nicht, sich den bissigen und konzentrierten Ukrainer vom Leib zu halten. So gewann der boxerisch überlegene Sidorenko schließlich einstimmig über zwölf Runden nach Punkten (117:112, 118:111, 116:114).

Sonntag, 27. Februar 2005


 
     

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