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Barashian überrascht Ulrich


von Jörg Dubiel



Am Samstagabend in der Sporthalle Brandberge von Halle (Saale) verlor der Halbschwergewichtler Thomas Ulrich (Foto) in seiner ersten Pflichtverteidigung seinen EM-Titel an den Ukrainer Yuri Barashian. Immer wieder konnte der Herausforderer harte Treffer ins Ziel bringen und schlug Ulrich nach insgesamt vier Niederschlägen durch Leberhaken in der achten Runde KO.

Dabei stieg Ulrich als klarer Favorit in den Ring. Denn Barashian hatte bislang in seiner Karriere kaum stärkere Gegner geboxt. Der bekannteste Name in seinem Rekord dürfte bis dahin Robert Stieglitz gewesen sein, gegen welchen Barashian 2003 einstimmig nach Punkten verlor.

Schon in der ersten Runde versuchte Ulrich das Tempo zu bestimmen. Er arbeitete viel mit der Führhand, welche jedoch zumeist an Barashians Deckung hängen blieb. Doch die Schlaghand Ulrichs fand hin und wieder ins Ziel. Ebenso konnte aber auch der vergleichsweise abwartende Barashian seine linke Schlaghand mehrmals zu passablen Treffern führen.

Auch im Folgenden steckte Ulrich, der einmal mehr mit dem ehemaligen Weltmeister Ralf Rocchigiani einen neuen Trainer präsentierte, mehrere klare Treffer ein. Zwar war Barashian deutlich weniger aktiv als sein Gegenüber, doch es gelang ihm scheinbar ohne große Mühe, die sich präsentierenden Lücken in Ulrichs Deckung zu finden. Der gebürtige Berliner konnte selbst nur vergleichsweise selten, dank der guten Deckung und Meidbewegungen Barashians, solide Treffer landen.

Richtig deutlich wurde der Klassenunterschied in der Defensivarbeit in der dritten Runde, als der vier Jahre jüngere Ukrainer mehrere harte Haken an Ulrichs Kopf manövrierte. Ulrich gab sich große Mühe und erhöhte das Tempo in der vierten Runde weiter. Doch seine Aktionen wirkten oft überhastet und gingen zumeist ins Leere. In der fünften Runde konnte der Titelträger der Europäischen Box Union mit seiner Schlaghand einen guten Treffer landen. Doch der Ukrainer steckte den Treffer weg und rächte sich seinerseits. In der letzten Minute des Durchgangs erzielte er mit einem knackigen Haken seiner Rechten Wirkung bei Ulrich. Dieser versuchte sich seinerseits mit Heumachern zu revanchieren, war dann aber für Barashians Angriffe offen und kassierte weitere harte Hände. Schließlich rettete den wankenden Ulrich nur der Pausengong vor dem drohenden KO - vorerst.

Ulrich kämpfte und versuchte in der sechsten Runde weiterhin, aggressiv zu Treffern zu kommen. Doch er kämpfte scheinbar vergebens gegen den sich anbahnenden Untergang, denn Barashian erzielte weiterhin klare Wirkungstreffer, sowohl zum Kopf als auch zum Körper.

Obwohl Ulrich in der siebten Runde auch den einen oder anderen guten Treffer erzielte, wurde die Luft für ihn dünner. Denn nach gut der Hälfte der Runde schickte ihn Barashian mit einem Leberhaken zu Boden. Ulrich konnte zwar weiter machen, doch abermals brachte Barashian eine Kombination ins Ziel. Schwere Haken mit links und rechts zum Kopf, abgeschlossen mit einem Leberhaken. Ulrich wurde erneut angezählt. Auch das Publikum in Halle, das, den Pfiffen nach zu urteilen, den ersten Niederschlag wohl als Tiefschlag deutete, erkannte nun, dass sich der Titelträger nahe dem Ende befand. Der Berliner machte weiter, doch sein Herausforderer traf ihn mit jedem Schlag und erzwang abermals mit einem Leberhaken einen dritten Bodenbesuch seines Kontrahenten, welcher sich erneut mit dem Gong in die Pause retten konnte.

Ulrich bewies an diesem Abend viel Herz, indem er weitermachte und auch in der achten Runde den Weg zurück in den Kampf suchte. Doch abermals kassierte er einen harten Leberhaken, der ihn gar vor Schmerz aufschreien ließ. Diesmal war sein Wille gebrochen, er schaffte es nicht mehr, sich bis „Zehn“ aufzurichten.

Damit war Sieger durch KO in der achten Runde nach 0:56 Minuten und neuer Europameister: Yuri Barashian.

Thomas Ulrich, der oftmals als „Beau“ oder „Diva“ verschrien wurde, konnte zwar großen Kampfgeist beweisen, doch er offenbarte auch, dass seine Defensive lückenhaft bleibt. Für ihn war es die vierte Niederlage. Schon die Top-Männer Glen Johnson, Tomasz Adamek und Zsolt Erdei konnten ihn klar schlagen. Nun war es erstmals ein „unbeschriebenes Blatt“. Die Zukunft von Ulrichs Karriere steht nun inmitten mehrerer Fragezeichen. Zwar sind seine Kämpfe häufig spektakulär und unterhaltsam, doch seine Erfolgsaussichten schmälern sich.

Das „unbeschriebene Blatt“ ist Yuri Barashian nun gewiss nicht mehr. Der einstige Gewinn eines Regionaltitels der WBA hatte ihm einen guten dritten Platz in der Rangliste dieses Weltverbandes gesichert, trotz seines zuvor mäßigen Rekords. Nun könnte sich dank der vierten Platzierung Ulrichs für den 28-Jährigen beim ältesten der vier Weltverbände eine absolute Spitzenposition oder gar ein WM-Kampf ergeben.

Momentaner Pflichtherausforderer für WBA-Weltmeister Danny Green ist Hugo Garay, welcher dem deutschen Publikum durch seine knappen Punktniederlagen gegen Zsolt Erdei bekannt sein dürfte. Diese beiden Männer, Garay und Erdei, sind es momentan auch, welche Gerüchten zufolge als Gegner Greens für Ende April in Betracht gezogen werden.

Weitere Kämpfe:

Eine solide Leistung bot Cruisergewichtler Alexander Alexeev. Bereits in der ersten Runde schickte der Rechtsausleger seinen Gegner Talmadge Griffis aus den USA zweimal zu Boden. Auch im zweiten Durchgang brachte der frühere Amateurweltmeister seine schnellen Hände ins Ziel und brachte Griffis erneut zum Rundenende ins Wanken. Der Gong rettete Griffis zwar in die Rundenpause, doch noch vor Beginn der dritten Runde brach Ringrichter Paul Thomas den Kampf ab und nahm den US-Amerikaner wohl wegen der zu deutlichen Unterlegenheit aus dem Kampf. Alexeev konnte somit zeigen, dass er derzeit zu Recht als eines der größten aufstrebenden Talente im Cruisergewicht gilt.


Eine starke Darbietung bot auch Dimitri Sartison gegen den Argentinier Pablo Nievas. Ursprünglich war Jürgen Brähmer als Gegner Nievas’ vorgesehen. Doch wegen der taktischen Umstellung aufgrund des Gegnerwechsels (Linksausleger Nievas sprang für den verletzten Rechtsausleger Gusmyl Perdomo ein) und wegen persönlicher Gründe entschied sich Brähmer, seinen Kampf abzusagen. Sartison, der zuvor schon für das Rahmenprogramm eingeplant war, nahm die Herausforderung des nun stärkeren Gegners an. Dabei war der Argentinier, der noch im letzten Jahr im Kampf um den WBA-Titel deutlich gegen Weltmeister Anthony Mundine nach Punkten verlor, zwar der aktivere Boxer, doch Sartison gelang es immer wieder, seine teils weit her geholten Haken an den Kopf des Argentiniers zu bringen. Und so war es auch seine rechte Schlaghand, mit welcher der in Kasachstan geborene Hamburger in der dritten Runde bei seinem Gegner starke Wirkung erzielte. Nievas taumelte in die Ringseile und wurde von Ringrichter Manfred Küchler angezählt. Um Zeit zu gewinnen spuckte Nievas seinen Mundschutz aus, handelte sich damit aber nicht nur Extra-Sekunden zur Erholung, sondern auch einen Punktabzug ein. Das Ende fand der von Sartison dominierte Kampf in der achten Runde, als Nievas weitere harte Hände einsteckte und sich nicht mehr zu verteidigen wusste. Ringrichter Küchler brach daraufhin den ungleich gewordenen Kampf ab.

Ebenfalls aus Argentinien angereist war der Cruisergewichtler Santander Silgado. Er besiegte seinen Aufbaugegner John Anthony durch TKO in der zweiten Runde. Auch drei Boxer des SES-Boxstalls, Lukas Konecny (Foto), Norman Schuster und Oliver Guettel, kamen zum Einsatz. Lokalmatador Schuster hatte mit dem Belgier Lucien Lufulwabo keine Probleme und stoppte ihn in der zweiten Runde. Ebenso gewann auch Konecny im zweiten Durchgang gegen Kimfuta Makussu. Er wartet dabei weiter auf seinen Titelkampf gegen WBO-Weltmeister Sergeii Dzinziruk, dessen Pflichtverteidigung gegen Konecny schon zwei Mal verletzungsbedingt abgesagt werden musste. Weltergewichtler Oliver Güttel feierte seinen zwölften Sieg gegen Juan Martinez Bas, welchen er einstimmig nach Punkten besiegte.

Dienstag, 26. Februar 2008



 
     

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