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Thomas Ulrich siegt klar, Daisy Lang umstritten
aus Stuttgart berichtet Dr.
Constantin Hofmann
Die jugendliche
Frische von Thomas
Ulrich (Foto, BP-Nr.17) setzte sich durch: Der 27-jährige
Berliner dominierte den Kampf gegen seinen 12 Jahre älteren Kontrahenten
Graciano
Rocchigiani und siegte klar nach Punkten. Daisy Lang gewann
ihren Fight nur knapp und umstritten nach Punkten gegen Silke Weickenmeier
zum Missfallen des Stuttgarter Publikums. Dies sind die entscheidenden
Ergebnisse des gestrigen Kampfabends in der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle.
Bereits um
18.45 Uhr begann der WBO-Intercontinental-Titelkampf im Superweltergewicht
zwischen Sergej Dzinziruk (20-0-0 (14)) aus Hamburg und Marcelo
Alejandro Rodriguez (22-5-1 (15)) aus Argentinien. Der Argentinier
wurde nach kurzem, aber hartem Kampf in der dritten Runde nach einem Niederschlag,
von dem er sich nicht mehr erholte, ausgezählt. Es sollte der einzige
echte KO des Abends bleiben.
Als zweiter
Universum-Kämpfer des Abends trat der künftige Hoffnungsträger
im Schwergewicht an - der Mann, der laut Promoter Klaus-Peter Kohl
eines Tages die Klitschkos beerben soll. Alexander Dimitrenko (7-0-0
(5)) konnte dieser Rolle aber auch an diesem Abend noch nicht gerecht
werden. Zwar schickte er seinen Gegner Miguel Aquirre (14-20-2
(7)) aus Argentinien in der ersten und dritten Runde zu Boden, vorzeitig
besiegen konnte er ihn jedoch nicht. Der Argentinier ruderte wild mit
den Armen herum, klammerte, lief weg und unternahm zwischendurch spektakuläre
Schwinger. Insgesamt ein derart unorthodoxer Kampfstil, der nur aufs Überleben
oder einen lucky punch ausgerichtet war, dass Dimitrenko seine Probleme
hatte. Zwar dominierte er den Gast deutlich, aber so einen Gegner muss
das hochgehandelte Talent eigentlich KO schlagen.
Im dritten
Kampf des Abends kam dann erstmals der wie immer ruhige und routinierte
Ringrichter Arno Pokrandt zum Einsatz, der die IBF-Junior-Weltmeisterschaft
im Mittelgewicht zwischen Felix Sturm (16-0-0 (8)) aus Hamburg
und Tshepo Mashego (10-2-0 (6)) aus Südafrika leitete. In
dem unspektakulären Kampf erwies sich der Südafrikaner als gleichwertiger
Gegner. Bereits ab der dritten Runde machte sich eine Schwellung über
Sturms linkem Auge bemerkbar. Bis zur neunten Runde, in der sich die beiden
Boxer einen offenen Schlagabtausch lieferten, kam nur einmal Leben ins
Publikum und das war, als Rockröhre Doro Pesch durch die Halle
lief. Die offizielle Punktewertung lautete 100:90, 99:91 und 96:94 für
Sturm. Das Publikum quittierte das Ergebnis mit Pfiffen und Buhrufen.
Er war angesichts des an Höhepunkten armen Kampfes aber auch nicht
recht erkennbar, wieso Mashego den Fight gewonnen haben sollte. Insofern
geht das Ergebnis, wenn auch vielleicht nicht in dieser Höhe, in
Ordnung. Sieger nach Punkten: Felix Sturm. Hinterher hieß es, Sturm
habe sich bereits in der zweiten Runde die Hand gebrochen.
Im vierten
Kampf des Abends trat Faik Inan (10-0-0 (3)) aus Heilbronn, begleitet
von Trainer Detlef Loritz, gegen Marcen Gierke (2-2-1 (0))
aus Berlin im Weltergewicht an. Inan, der Internationale Deutsche Meister
in dieser Gewichtsklasse, gewann verdient mit 58:56, 59:55 und 59:55 Punkten.
Er setzte die häufigeren und klareren Treffer.
Dann
war endlich das mit Spannung erwartete Frauen-Rematch gekommen: Das Publikum
war gespannt, ob das für Daisy "The Lady" Lang (Foto,
16-1-1 (6)) schmeichelhafte Unentschieden im letzten Kampf tatsächlich
nur auf einer Verletzung beruhte oder ob Silke "The Jet"
Weickenmeier (15-2-3 (0)) nicht vielleicht doch die bessere Boxerin
ist. Von letzterem überzeugt waren sicherlich die zahlreichen Weickenmeier-Fans,
die die Speyerin mit Trommeln, Trompeten, Fahnen und großen silbernen
S-I-L-K-E-Buchstaben begleiteten. Von der Lautstärke her wurde dieser
Kampf bereits beim Einmarsch der Boxerinnen zum Höhepunkt, der am
ganzen Abend nicht mehr erreicht wurde, auch beim Hauptkampf nicht. Weickenmeier
wurde über zehn Runden hinweg nonstop bejubelt und kann sich glücklich
schätzen, solche Fans zu haben.
Der Verlauf
der GBU-Weltmeisterschaft im Super-Bantamgewicht war dagegen viel enger,
als man es aufgrund der Zuschauerreaktion während und nach dem Kampf
glauben sollte: Der Kampf war eine wilde, verfahrene Keilerei mit viel
Geklammere, Kopfstößen und unsauberen Schlägen. Ungestüme
Entschlossenheit prägte den Kampf auf beiden Seiten, vor allem bei
Weickenmeier, die den Sieg um jeden Preis suchte und dabei ihre boxerischen
Fähigkeiten manches Mal vergaß. Ringrichter Daniel Van de
Wiele hatte seine liebe Mühe, die beiden Damen zu trennen.
Der wüste
Kampfstil beider Boxerinnen forderte seinen Preis: Lang erlitt bereits
früh im Kampf eine stark blutende Wunde an der linken Kopfseite,
die den Fight nicht nur boxerisch, sondern auch vom ästhetischen
Aspekt her unansehnlich machte. Weickenmeier zog sich einen Cut über
dem linken Auge zu. Bis zur etwa fünften Runde verlief der schwierig
zu wertende Kampf völlig ausgeglichen. Aufgrund der wilden verbissenen
Aktionen im Infight und den kaum zu sehenden klaren Treffern dürfte
es für die Punktrichter sehr schwer gewesen sein, die Runden der
einen oder anderen Boxerin zu geben. BoxingPress sah nach einer ausgeglichenen
ersten Kampfeshälfte die hinteren Runden eher zu Gunsten von Weickenmeier.
Die Punktrichter
werteten am Schluss mit 95:95, 96:94 und 96:94 für Lang - ein Ergebnis,
das nicht recht nachvollzogen werden kann. Selbst wenn man die engen ersten
fünf Runden an Lang gibt - wofür eigentlich kein Grund besteht
-, so dürfte am Ende eigentlich maximal ein Unentschieden herauskommen,
da man die Runden 6-10 wohl an Weickenmeier vergeben musste, die mehr
Treffer setzte. Man darf allerdings nicht den Fehler machen, sich vom
Stuttgarter Publikum und vor allem den zahlreichen Weickenmeier-Fans beeinflussen
zu lassen - der Kampf war eng und blieb es bis zum Schluss. Die Punktrichter
waren nicht zu beneiden. Ausgeglichen sah den Kampf nur Arno Pokrandt
mit 95:95 - durchaus vertretbar und bei so einem engen Kampf wahrscheinlich
die beste Lösung. BoxingPress hatte Weickenmeier am Schluss aufgrund
der ausgeglichenen ersten Kampfeshälfte und ihrer leichten Vorteile
in der zweiten Kampfeshälfte mit vier Punkten vorne, räumt aber
ein, dass man viele enge Runden so oder so werten kann. Möglicherweise
haben die Punktrichter einen Titelträger-Bonus bei Lang gewürdigt,
der am Schluss den Ausschlag gab.
Das
Publikum war mit der Entscheidung zugunsten von Lang völlig unzufrieden
und gab dies durch laute Pfiffe und Buhrufe zu Protokoll. Weickenmeier
(Foto) wurde frenetisch bejubelt und hätte nach Ansicht der
Zuschauer aufgrund ihrer größeren Aggressivität und der
zahlreicheren Aktionen einen knappen Sieg verdient gehabt. Äußerst
unfair war das Publikum allerdings, als es aus Verärgerung über
die Entscheidung Daisy Lang bei ihrer Dankesrede auspfiff und nicht zu
Wort kommen ließ. Dieses unsportliche Verhalten sollten die Weickenmeier-Fans
besser abstellen, denn auch Lang lieferte einen beherzten Kampf und hat
die Punktrichter-Entscheidung sicherlich nicht zu verantworten. Wenn Weickenmeier
als Unterlegene sich bei ihren Fans mit dem Mikrofon bedanken durfte,
sollte man der Siegerin Lang dasselbe Recht zugestehen.
Ein drittes
Duell zwischen den beiden Damen wird es wohl nicht geben, da Lang später
auf der Pressekonferenz erklärte, sich fühle sich in dieser
Gewichtsklasse nicht wohl und habe mühsam für den Kampf zunehmen
müssen. Sie wolle künftig wieder in ihrer angestammten Gewichtsklasse,
dem Bantamgewicht, boxen. Weickenmeier beschwerte sich auf der Pressekonferenz
über Kopfstöße von Lang und sagte, die Reaktion der 8.000
Zuschauer in der Halle sage alles über die wahre Siegerin dieses
Kampfes.
Im sechsten
Kampf des Abends trat der gegen Artur Grigorian betrogene Pole
Matt Zegan (25-1-0 (14)) gegen Manuel Gomes (10-15-1) aus
Angola im Leichtgewicht an. Zegan landete von Anfang an gute Treffer und
schickte Gomes in der dritten Runde das erste Mal zu Boden. In der vierten
Runde rüttelte er den Angolaner mit einem Wirkungstreffer durch,
so dass dieser sich nur noch mühsam auf den Beinen halten konnte.
Nach vier attraktiven Runden, die vom offenen Schlagabtausch geprägt
waren, gab der Angolaner nach der vierten Runde auf und trat zur fünften
nicht mehr an. Eine verständliche Entscheidung, da er die restlichen
vier Runden sicherlich nicht mehr stehend überstanden hätte.
Das offizielle Urteil lautete: Sieger durch technischen KO in der fünften
Runde Matt Zegan. Es bleibt dem angriffslustig boxenden Polen zu wünschen,
dass er ein Rematch mit Grigorian erhält.
Nun
übernahm Karsten Speck den Job des Ringsprechers von Gerhard
Müller, denn es ging an den Hauptkampf. In der Halle waren Fans
von beiden Boxern vertreten, aber die Rocky-Fans waren deutlich in der
Überzahl. Der Kampf begann so, wie man es vermutet hatte: Graciano
Rocchigiani (41-5-1 (19)) boxte in geschlossener Doppeldeckung und
wartete auf seine Chance, Thomas Ulrich (23-1-0 (18)) ging nach
vorne und versuchte, durch zahlreiche Schläge diese Deckung zu öffnen.
Offensichtlich hatte Trainer Fritz Sdunek den zweiten Kampf Rocchigianis
gegen Dariusz Michalczewski sehr genau studiert, denn Ulrich versuchte
vor allem mit Körpertreffern, Rockys Deckung herunterzuziehen und
so zum Kopf zu gelangen. Dies gelang ihm in den ersten zwei Runden auch
bereits ansatzweise. In der dritten und vierten Runde kam dann jedoch
Rocky besser in den Kampf und landete einige schöne Treffer. Es sollten
aber die einzigen Runden bleiben, die Rocky am Schluss auf dem Punktzettel
des Autors dieses Berichts gewann. Denn ab der fünften Runde begann
Ulrich, das Geschehen klar zu dominieren. Der 27-jährige Berliner
präsentierte sich technisch hervorragend: Er war schnell und zeigte
ein sehr variables Schlagrepertoire, so dass es ihm immer öfter gelang,
Rockys Doppeldeckung zu öffnen und mit guten Treffern durchzukommen.
Ab der achten
Runde wurde Ulrichs Überlegenheit dann drückender: Rocky kassierte
einige schwere Treffer, machte jedoch keinerlei Anstalten, zu Boden zu
gehen. Auch die neunte Runde ging klar an Ulrich. In Durchgang zehn schlug
Ulrich zwar viel auf Rockys Deckung, aber von dem Berliner kam so gut
wie nichts mehr zurück. In der elften Runde musste der 39-jährige
Berliner schwere Körpertreffer einstecken, die ihm wohl die Luft
für einen Schlusspurt nahmen. Es war erstaunlich, dass Rocky nicht
zu Boden ging. Während der gesamten 12 Runden blieb der Kampf ausgesprochen
fair, Ringrichter Larry O’Connell musste so gut wie gar nicht einschreiten.
Am
Ende mussten auch die überzeugtesten Rocky-Fans eingestehen, dass
Thomas Ulrich diesen Kampf klar und überzeugend gewonnen hatte. BoxingPress
gab die Runden 3 und 4 an Rocky, die restlichen an Ulrich und wertete
somit 118:110 für Ulrich. Die offiziellen Punktrichter Paolo Scarso
(Italien), Richie Davies (Großbritannien) und Axel
Zielke (Deutschland) sahen das ähnlich und werteten 119:109,
118:110 und 118:111 für Ulrich. Neuer WBC-Intercontinental-Champion
ist daher Thomas Ulrich. Rocky erwies sich als fairer Sportsmann und erkannte
Ulrichs Sieg noch im Ring uneingeschränkt an: "Thomas war
heute 12 Jahre schneller, er hat verdient gewonnen".
Diese Fairness
setzte sich auch auf der Pressekonferenz fort: Rocky gratulierte Ulrich
zu seinem Sieg und meinte, dass die Jugend und Schnelligkeit Ulrichs den
Ausschlag gegeben hätten. Er selber hätte sich in seinem letzten
Kampf lieber mit einem Sieg verabschiedet. Es bleibe aber dabei, dass
er nicht mehr boxen werde. Er trete mit Stolz zurück, trotz vieler
übler Dinge habe ihm das Profiboxen viel Spaß gemacht und er
sei nicht verbittert. Auf die Frage, was Rocky als erstes nach dem Kampf
gedacht habe, antwortete er: "Scheiße, ick habe den Kampf
verloren.". Auf Thomas Ulrich angesprochen meinte Rocky, dass
Ulrich alles habe, das man brauche, um erfolgreich zu sein. Dieser zeigte
Respekt und Hochachtung vor der boxerischen Lebensleistung seines einstigen
Idols und meinte, er habe es kaum glauben können, als er aus der
Kabine ging, dass er nun gegen das Boxidol seiner Kindheit kämpfen
werde. Dies habe ihn im Kampf aber nicht gehemmt. Auf die Frage, was das
Rezept zum Sieg gewesen sei, meinte der sympathische 27-jährige Berliner,
seine Meidbewegungen hätten den Ausschlag gegeben, die Treffer von
Rocky verhindert hätten.
Ralf Rocchigianis
Trainerkarriere wird mit diesem Kampf vermutlich ihr Ende gefunden haben,
denn auf die Frage, ob er künftig andere Boxer trainieren würde,
antwortete er, soviel Zeit würde er wohl nur dann opfern, wenn es
einen Boxer geben würde, der sportlich wie menschlich 100 %ig zu
ihm passe, das sei sehr schwierig.
Auf die Frage
nach Ulrichs weiterer Karriere kündigte Promoter Klaus-Peter Kohl
an, dass Ulrich sicherlich einen WM-Kampf bekommen werde. BoxingPress
meint, dass ein Thomas Ulrich in dieser ausgezeichneten Form wie am Samstagabend
sicherlich das Zeug dazu hat. Ulrich hat an diesem Abend alles richtig
gemacht und sich keine Schwäche geleistet: Technisch hervorragend,
schnell, konditions- und schlagstark ist der gutaussehende Berliner die
neue deutsche Hoffnung im Halbschwergewicht. Respekt aber auch für
Graciano Rocchigiani, der sich zum Ende seiner Karriere noch einmal in
körperliche Top-Form gebracht und sich bis zum Ende der 12. Runde
nie aufgegeben hat.
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