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Nationale
Kämpfe des Jahres 2006:
| Platz |
Name |
Prozent |
| 1. |
Abraham
vs. Miranda |
43,01
% |
| 2. |
Arslan
vs. Drozd |
16,15
% |
| 3. |
Asikainen
vs. Sylvester |
9,79 % |
| 4. |
Sidorenko
vs. Kratingdaenggym |
9,02
% |
| 5. |
Hoffmann
vs. Koc |
6,92
% |
| 6. |
Veit
vs. Inkin |
6,57 % |
| 7. |
Melkomian
vs. Drozd |
3,08
% |
| 8. |
Dzindziruk
vs. Lujan |
2,24
% |
| 9. |
Bilic
vs. Konecny |
2,17
% |
| 10. |
Sartison
vs. Bilak |
1,05%
|
von
Thorsten Fritsche
Noch nie hatten wir in der Umfrage um den Kampf des Jahres national einen
derart eindeutigen und klaren Sieger wie dieses Jahr mit dem Duell zwischen
Arthur Abraham und Edison Miranda. Damit
sind die eindeutigen und klaren Dinge in Bezug auf diesen Kampf auch schon
ziemlich erschöpft. Selten hat ein Boxkampf in Deutschland derart
hitzige und kontroverse Diskussionen ausgelöst. Aber warum wählen
die Leser einen Kampf, der so umstritten ist und nicht selten als manipuliert
dargestellt wird, zum Kampf des Jahres? Weil er so viel Aufsehen erregt
hat? Weil er so brutal und blutig war? Eher weniger. Vielmehr dürfte
das Drama und die Spannung des Gefechts und alles, was drum herum geschah,
der Grund dafür sein. Denn egal, wie man über den Ausgang denkt,
mitgefiebert hat sicher jeder Boxfan. Aber rollen wir das Feld, wie gewohnt,
erst einmal von hinten auf:
1,05 % der Wählerstimmen und somit Platz zehn der diesjährigen
Umfrage gab es für das Supermittelgewichtsduell zwischen Dimitri
Sartison aus dem Spotlight-Boxing Team und dem SES-Boxer Michal
Bilak vom Mai 2006. Der Tscheche Bilak, der in der Prager Sazka
Arena klaren Heimvorteil beim Publikum genoss, setzte seinem Gegner aus
Kasachstan über vier Runden lang mit druckvollen und aggressiven
Angriffen zu, bis ein Niederschlag im fünften Durchgang die Wende
zugunsten Sartisons brachte. Zwei weitere Bodenbesuche in Runde sieben
überzeugten Bilaks Trainer Werner Kirsch davon, dass es angebracht
war, das Handtuch zu werfen und seinen Schützling aus dem Kampf zu
nehmen.
Auf Rang neun befindet sich gleich ein weiteres Duell zwischen Spotlight
und SES von derselben Veranstaltung. Im damaligen Hauptkampf präsentierten
Ante Bilic und Lukas Konecny technisch
anspruchsvolles Boxen und gute Defensivarbeit. Doch es war die taktische
Überlegenheit des SES-Boxers Konecny, der ihm zum verdienten Punktsieg
in diesem Mittelgewichtskampf verhalf. Während Bilic meist zu abwartend
agierte, zeigte der Tscheche vor allem zum Rundenende immer wieder klare
Aktionen, die ihm die Mehrzahl der Durchgänge sicherten. 2,17 % der
Leser entschieden sich für diesen Kampf.
Platz acht belegt Sergiy Dzinziruks Titelverteidigung
gegen den Argentinier Sebastian Andres Lujan mit 2,24
% der Stimmen. Dabei hatte Dzinziruk, der sich 2005 den WBO-Titel im Superweltergewicht
gegen Daniel Santos sichern konnte und auf Platz fünf dieser Umfrage
landete, mit dem beinahe pausenlos angreifenden Lujan alle Hände
voll zu tun. Von einem unabsichtlichen Kopfstoß am linken Auge früh
im Kampf gezeichnet, musste sich der Ukrainer stets vor den Haken seines
Herausforderers in Acht nehmen. Doch im Laufe des Gefechts stellte er
sich immer besser auf seinen Gegner ein und landete die Mehrzahl der Treffer.
Dies brachte ihm schließlich einen verdienten und einstimmigen Punktsieg
ein, der jedoch zumindest auf zwei Punktrichterzetteln etwas zu deutlich
ausfiel.
Im Januar 2006 lieferten sich die beiden Cruisergewichtler Pavel
Melkomian und Grigory Drozd ein denkwürdiges
Duell. Dabei setzte zunächst der Außenseiter aus dem Boxstall
UBP die besseren Akzente und schlug seinen russischen Landsmann aus dem
Spotlight-Boxing Team sogar in Durchgang zwei zu Boden. Drozd kam jedoch
in der folgenden Runde besser in den Kampf und setzte nun seinerseits
Melkomian zu. Allerdings schien der dritte Mann im Ring, Ringrichter Erich
Stümpfl, etwas dagegen zu haben und bedachte den „Pretty Boy“
mit zwei eher zweifelhaften Punktabzügen für einen angeblichen
Kopfstoß bzw. Tiefschlag. Drozd ließ sich davon jedoch nicht
beeindrucken und schickte seinen Gegner in Runde vier per linkem Haken
zu Boden, bevor er den sehenswerten Kampf eine Runde später beendete,
indem er Melkomian mit einem weiteren linken Haken KO schlug. Für
das Moskauer Stadtduell im Cruisergewicht entschieden sich 3,08 % der
Wähler und verhalfen ihm zu Platz sieben.
Den sechsten Platz belegt mit 6,57 % ein weiterer Kampf zwischen zwei
in Deutschland beheimateten Boxern. Im vergangenen Oktober bekam es Supermittelgewichtler
Mario Veit, der erst im Mai überraschend seinen
Stallgefährten Jürgen Brähmer besiegen konnte, mit dem
Russen Denis Inkin zu tun. Im Gegensatz zum sogenannten
„Jahrhunderttalent“ Brähmer konnte Inkin die Distanz
zum langarmigen Veit besser überbrücken und blieb auch länger
als drei Runden aggressiv. Nach einem guten Start in den ersten zwei Runden
fand Veit zwar ab Durchgang drei besser in den Kampf, aber insgesamt bestimmte
der Mann aus Novosibirsk das Geschehen im Ring. In Runde sieben landete
Inkin drei schnelle Hände zum Kopf seines Gegners und schickte ihn
auf die Bretter. Kaum war der Kampf wieder freigegeben, beendeten ein
Körpertreffer und ein Aufwärtshaken das Gefecht endgültig
zugunsten des Russen.
Es ging um alles oder nichts: „Wenn ich Timo nicht schlagen kann,
ist meine Karriere zu Ende“. Mit diesem Motto ging Cengiz
Koc gegen Timo Hoffmann in das interne Duell
zweier immer wieder enttäuschender Schwergewichtler des Sauerland-Boxstalls.
Hoffmann hatte kurz vor dem Kampf noch das Camp seines Trainer Manfred
Wolke verlassen, nachdem er dort im Sparring offensichtlich Prügel
bezogen hatte und bereitete sich mit seinem neuen Trainer Uwe Schuster
vor. Doch im Ring musste Koc dann feststellen, dass eine deutsche Eiche
so leicht nicht zu fällen ist. Immer wieder verfiel er in die alte
Angewohnheit, sich zwar in den Gegner hineinzubohren, dort aber kaum Schläge
abzufeuern. Zudem fiel es ihm oft schwer, die Distanz zu überbrücken.
Hoffmann, der mit einem beeindruckenden Tempo in den Kampf gestartet war
und seinen Gegner, wenn auch mit dessen unfreiwilliger Unterstützung,
in Runde drei am Boden hatte, verließen zur Mitte des Gefechts sichtbar
die Kräfte. Doch er blieb insgesamt klar überlegen und gewann
das Duell nach zehn boxerisch nicht gerade hochklassigen, aber intensiv
geführten Runden zu Recht über die Punkte. Koc erklärte
nach dem Kampf seine Karriere tatsächlich für beendet. 6,92
% der Wählerstimmen und Platz fünf in dieser Umfrage sind da
nur ein kleiner Trost.
9,02 % und Platz vier gab es für den Weltmeisterschaftskampf der
WBO im Bantamgewicht zwischen Titelverteidiger Wladimir Sidorenko
und seinem Herausforderer Poonsawat Kratingdaenggym aus
Thailand aus dem Juli vergangenen Jahres. In einem mit sehr hohem Tempo
geführten und intensiven Gefecht schenkten sich die beiden Boxer
nichts und feuerten fast pausenlos Schläge ab. Der sympathische Ukrainer
gewann den Kampf verdient nach Punkten, doch das hohe Tempo und die Anzahl
der Aktionen schienen sowohl Punktrichter als auch Zuschauer etwas zu
überfordern, weshalb man sich nicht einig war, ob Sidorenko seinen
Titel nun mit 120:108 eindeutig oder mit 116:112 bzw. 115:113 nur knapp
verteidigt hatte. Sei es drum: Es war auf jeden Fall ein toller Boxkampf.
Rang drei dieser Umfrage belegt mit 9,79 % der spannende und lange Zeit
ausgeglichene Kampf zwischen dem damaligen Europameister im Mittelgewicht
Sebastian Sylvester und dem Finnen Amin Asikainen.
Der Titelverteidiger gewann zwar die ersten zwei Runden dank höherer
Aktivität und der Mehrzahl an Treffern, doch so richtig bekam er
seinen aggressiven Gegner nie in den Griff. Der bisher ungeschlagene Herausforderer
erhöhte in den nächsten beiden Runden sowohl das Tempo als auch
seine Schlagrate und kam wiederholt mit dem linken Haken durch. Sylvester
vernachlässigte seine beste Waffe, den Jab, was Asikainen merklich
zu Gute kam. Erst in den Durchgängen fünf und sechs besann sich
der Greifswalder wieder auf seine Stärken und konnte sich etwas Luft
verschaffen. Eine Cutverlertzung über dem linken Auge des Titelverteidigers
schien Asikainen jedoch noch weiter zu motivieren. In Runde acht hinterließ
er mit seinen Schlägen sichtbare Wirkung bei Sylvester, so dass dieser
die Erholungspause zum neunten Durchgang dringend brauchte. In dieser
Runde war dann endgültig Schluss für Sylvester, als ihn ein
Haken Asikainens auf die Bretter schickte und er nur schwer wankend wieder
auf die Füße kam. Auch wenn der Kampf aus deutscher Sicht verloren
ging, war er absolut sehenswert und mitreißend.
Cruisergewichtler Grigory Drozd findet sich mit einem
weiteren Kampf noch einmal auf Platz zwei wieder, auch wenn ihm das Duell
gegen Firat Arslan, das immerhin 16,15 % der Wählerstimmen
auf sich vereinigen konnte, sicherlich in weniger guter Erinnerung geblieben
ist als sein Sieg über Pavel Melkomian. Dabei ging der „Pretty
Boy“ aus Moskau als Favorit in das Gefecht gegen den neun Jahre
älteren Arslan. Zunächst schien auch alles nach Plan zu laufen,
als der Russe in den ersten zwei Runden mit hoher Schlagfrequenz vor allem
linke Haken zum Körper abfeuerte, um die gewohnt stabile Doppeldeckung
des Rottweilers runter zu ziehen. Leichtfüßig bewegte sich
Drozd dabei um seinen langsam nach vorn marschierenden Gegner herum und
es sah ganz danach aus, als würde Arslan allmählich ausgeboxt.
Erst ab Runde zwei fand der türkisch-stämmige Deutsche das erste
Mal sein Ziel mit der Schlaghand. Doch ab Runde drei wendete sich das
Blatt, als Drozd den Fehler machte, zu viel vor seinem Gegner stehen zu
bleiben und dessen Schläge auspendeln zu wollen. Arslan landete jedoch
Treffer um Treffer, erhöhte den Druck, indem er seinem Widersacher
ständig auf den Füßen stand und trieb ihn so durch den
Ring. Ab Durchgang vier konnte man deutlich erkennen, wie die Kräfte
des Russen schwanden. In Runde fünf ließ er sich dann an den
Seilen stellen und wurde von einem Schlaghagel eingedeckt. Zwar gelang
es ihm, die Mehrzahl der Schläge zu vermeiden, doch zeigte er keinerlei
eigene Aktionen mehr, weshalb ihn Ringrichter Terry O'Connor aus dem Gefecht
nahm. Firat Arslan hatte somit das schnelle und intensiv geführte
Gefecht durch technischen KO gewonnen und einen großen Teil der
Zuschauer überrascht.
Sieger der diesjährigen Umfrage mit einem deutlichen Abstand und
stolzen 43,01 % der Wählerstimmen ist „die Schlacht von Wetzlar“,
in der „Blutboxer“ Arthur Abraham seinen
IBF-Weltmeistergürtel im Mittelgewicht gegen den Pflichtherausforderer
Edison Miranda erfolgreich verteidigte. Diese ebenso
reißerisch wie plump anmutenden Schlagzeilen der Presse machen schon
deutlich, dass dieser Boxkampf kein gewöhnlicher war. Viel ist darüber
diskutiert und auch offen gestritten worden, ob es richtig war, den stark
blutenden und verletzten Weltmeister, der in Runde vier einen zweifachen
Kieferbruch erlitten hatte, noch über sieben Runden lang weiterboxen
zu lassen. Darüber, dass sich Ringarzt Dr. Walter Wagner selbst widersprochen
hatte, indem er Abraham zunächst für kampfunfähig erklärte,
nur um dann seine Meinung zu ändern, als er erfuhr, dass dies einen
technischen KO-Sieg Mirandas zur Folge hätte. Immer wieder wurde
das Verhalten des Trainers Uli Wegner in Frage gestellt, der seinen Schützling
zum Weitermachen antrieb, ja ihm sogar zunächst einreden wollte,
dass es keinen Kieferbuch gab. Auch Ringrichter Randy Neumann wurde heftig
dafür kritisiert, den Kampf nicht abgebrochen zu haben. Dass er Edison
Miranda zu Beginn mehrere Tiefschläge durchgehen ließ und ihm
im weiteren Verlauf des Kampfes, als Abraham ein verzweifeltes Rückzugsgefecht
bestritt, dafür gleich drei Punkte abzog, war ein weiterer Kritikpunkt.
Doch das alles soll hier an dieser Stelle nicht noch einmal durchgekaut
werden. Denn all diese Kontroversen haben dieses Mittelgewichtsduell nicht
zum nationalen Kampf des Jahres 2006 gemacht, sondern die Tatsache, dass
kein anderes Aufeinandertreffen zweier Boxer derart intensiv, dramatisch,
spannend und fesselnd war, wie der Kampf zwischen „König Arthur“
und dem „Panther“. Jeder Zuschauer dürfte mitgefiebert
haben, egal ob er mit den Entscheidungen der Offiziellen, die den Kampf
begleiteten, einverstanden ist oder nicht. Auch wenn man sich vielleicht
fragen kann, ob dieser Kampf wirklich „gut“ war oder boxerisch
der beste des Jahres, so ist er doch auf jeden Fall der denkwürdigste
Kampf und damit verdienter Sieger dieser Rubrik. Bestimmt sieht jeder
Boxfan nur zu gern derart packende Gefechte im Seilgeviert, aber trotzdem
ist eine Wiederholung in dieser Form ganz sicher nicht wünschenswert.
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Mittwoch, 07. Februar 2007
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