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Nikolay Valuev
vs.
Ruslan Chagaev
- Der Vorbericht
von Wolfgang Oswald

Lange wurde
um Details wie Austragungsort und Konditionen gerungen, dann stand fest:
Das WM-Duell zwischen Nikolay
Valuev (Foto oben) und Ruslan
Chagaev steigt am kommenden Wochenende in der Porsche-Arena
Stuttgart. Die Auseinandersetzung um die WBA-Krone in der Königsklasse
ist auch ein Duell zwischen den beiden großen „deutschen“
Boxställen. Riese Valuev (2,13 Meter) klettert für Sauerland-Event
in den Ring, Pflichtherausforderer Chagaev (1,85 Meter) für Universum
Box Promotion (die ARD überträgt live ab ca. 22.40 Uhr).
Nach dem blutigen Abraham-Kieferbruch-Massaker, der überstürzten
Aurino-Ringflucht und dem Knie-Vernichtungsphantomschlag von Valuev gegen
Jameel McCline sollte man bei Sauerland-Veranstaltungen
immer auf Kontroversen gefasst sein. Doch auch die Boxvergangenheit von
Chagaev ist nicht frei von Unstimmigkeiten ( ).
Eine gewisse Brisanz liegt also in der Luft, nicht zuletzt wegen dem direkten
Vergleich der zwei konkurrierenden Boxställe untereinander. Man denke
nur zurück an die hart umkämpften Begegnungen wie z.B.
Luan Krasniqi (UBP) gegen Timo Hoffmann (Sauerland)
oder Alexander Petkovic (UBP) gegen Rüdiger
May (Sauerland). Das waren sehenswerte und dramatische Fights
mit einem ausgeglichenen Ende und einige Punkte lassen darauf schließen,
dass der Kampf um die WBA-Krone ähnlich ausgewogen verläuft.
Die Stärken und Schwächen der Akteure:
Rechtsausleger
Chagaev (auf Foto links) hält zwar nicht ganz so viel, was
sein Kampfname „Weißer Tyson“ verspricht, dennoch ist
er nicht zu unterschätzen. Am Mann kann er schnelle und harte Kombinationen
anbringen. Er geht gerne und gut zum Körper, verfügt über
solide „Nehmerqualitäten“, eine explosive Schlagkraft
und kämpft überwiegend smart und intelligent, wobei er jedoch
hin und wieder zu verhalten und phlegmatisch agiert. Seine Mankos liegen
in der Defensive und der mangelnden Vorbereitung seiner Aktionen. Manchmal
zeigt er sich gerade im Angriff zu eintönig und statisch im Oberkörper.
Seine Beinarbeit lässt gelegentlich ebenfalls zu wünschen übrig
oder er setzt zu sehr auf Einzelschläge oder seine berüchtigten
Haken.
Der typische Box-Stil von Valuev allerdings könnte dem Herausforderer
liegen. Der Weltmeister marschiert meist nach vorne, schlägt für
seine Größe relativ viel und offenbart dabei Deckungslücken
für überfallartige Angriffe, vor allem auf der Innenbahn. Wie
geschaffen eigentlich für Chagaev, der gut innen kontern oder außen
Hakenserien anbringen kann, wobei man den erheblichen Gewichts- und Größennachteil
nicht außer acht lassen sollte. Valuev hat bislang noch jedes Pfund
mehr oder weniger gut weggesteckt, setzt seine gigantischen Ausmaße
in der Offensive sehr geschickt ein und macht es nicht leicht für
seine Gegner, das richtige Maß und Ziel für entsprechende Gegenaktionen
zu finden, zumal sie sich erst einmal gegen seine bollwerkartigen Angriffe
und herausgeschobenen Hände wehren müssen.
Mental stark sind beide Boxer. Valuev hat in seinen letzten Begegnungen
bewiesen, dass er mit Druck umgehen kann. Häme, Spott und Kritik
der Boxfans und Boxexperten scheinen an ihm ohne Wirkung abzuprallen,
wie viele Angriffe seiner Gegner in der Vergangenheit. Er ist daran gewöhnt,
ein Spektakel zu sein und hat es gelernt, trotz einiger Ungerechtigkeiten
hinsichtlich seiner Ausmaße und seiner Boxfertigkeiten damit umzugehen.
Psychisch gefestigt wirkt auch der Herausforderer. In seinem letzten Kampf
gegen John Ruiz, mit dem er zum Pflichtherausforderer
avancierte, zeigte er eine eindrucksvolle Vorstellung und sah dabei besser
aus als viele Ruiz-Gegner vorher, wie zum Beispiel die Exchampions Evander
Holyfield, Hasim Rahman oder eben Nikolay Valuev,
dessen Punktsieg viel schmeichelhafter ausfiel als der von Chagaev. Bereits
als blutjunger Amateur im Alter von 18 Jahren ließ sich Chagaev
selbst von Boxlegende Felix Savon (u.a. dreimaliger Olympiasieger)
nicht ins Bockshorn jagen. Von Nerven keine Spur und der Usbeke zeigte
damals eine couragierte und beherzte Leistung, die ihm niemand zugetraut
hatte. Das spricht und lässt hoffen für den jetzigen Herausforderer.
Die möglichen Taktiken der beiden Kontrahenten:
Die richtige Taktik wird in diesem Kampf vermutlich eine gewichtige Rolle
spielen. In der Vergangenheit stieß Chagaev immer dann an seine
Grenzen, wenn der Gegner ihn mit der Führungshand beschäftigte,
ihn auf Distanz hielt und seine Angriffe im Keim erstickte. In diesen
Fällen verlor der Usbeke oft seine boxerische Linie, wirkte ideenlos,
unvariabel und langsam auf den Beinen. Grund genug für Valuev, zunächst
einmal nicht viel zu riskieren und den Herausforderer kommen zu lassen.
Wenn der Weltmeister viel mit der Führungshand arbeitet, sich mit
seiner Körperfülle auf Chagaev legt, sobald es brenzlig wird,
dürfte es schwer für den Usbeken werden. Sich hier auf Dauer
über die gesamte Distanz mit Sidesteps, explosiven Schlägen
und Konteraktionen zu behaupten kostet gegen einen Giganten wie Valuev
eine Menge Kraft und Kondition. Chagaev sollte daher versuchen, den Russen
zu ziehen und mit optisch gelungenen Treffern das Punktgericht und das
Publikum auf seine Seite zu holen. Bei „David-gegen-Goliath-Vergleichen“
ist es bekannt, dass sich besonders die Zuschauer schnell hinter den vermeintlich
körperlich benachteiligten „Außenseiter“ schlagen.
Ein Umstand, den Chagaev unbedingt nutzen und nicht durch leidenschaftsloses
Boxen oder Unachtsamkeiten in seinem Defensivverhalten herschenken sollte,
denn Valuev nutzt solche Sachen schnell durch „einfache Hände“
und entsprechende Workrate aus. Für den Usbeken gilt es ohnehin,
viel zu probieren, während Valuev es im Grunde „ruhiger“
angehen lassen kann, selbst wenn er es im Ring noch nie mit einem Rechtsausleger
wie Chagaev zu tun hatte und dessen Stil und Kampfweise ihm vielleicht
Probleme bereiten werden.
O-Ton Valuev nach seinem eindrucksvollen Pressetraining: „Ich
habe heute ein wenig Gas gegeben, damit es für die Zuschauer nicht
so langweilig wird. Ich wollte ihnen etwas bieten. Das hat großen
Spaß gemacht.“
Bleibt dem Boxsport zuliebe nur zu hoffen, dass beide Boxer, ganz passend
zur Porsche-Arena, kräftig auf das Gaspedal drücken und zwischen
den Seilen gut in Fahrt kommen. Denn allein wegen der unterschiedlichen
körperlichen Voraussetzungen der Kämpfer und ihrer Art zu fighten,
liegt ein echter Boxkracher oder eben leider auch ein ereignisarmer, unspektakulärer
und langweiliger Kampfverlauf im Bereich des Möglichen. Erst recht,
wenn z.B. der Ringrichter mit seiner Aufgabe überfordert ist, die
Akteure nicht in Griff hat oder nicht objektiv genug bei der Wertung von
„Fouls“ etc. agiert. Nicht nur die Boxer können einen
Kampf „kaputtmachen“, sondern auch der Ringrichter oder andere
Ringoffizielle. Und nach dem von Klitschko zu schnell im Regen stehen
gelassenen Ray Austin, dem „Halmich-Raab-K(r)ampf“
oder der eher altbackenen Revanche zwischen Henry Maske
und Virgil Hill haben die „Hardcore“-Boxfans
doch mal wieder eine richtige Ringschlacht verdient. Wenn ein „David
gegen Goliath-Duell“ dafür nicht mehr prädestiniert ist,
was dann?
Freitag,
13. April 2007
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