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Vitali Klitschko vs. Corrie Sanders - Der Vorbericht

von Jens Lüders


Gerade einmal ein gutes Jahr ist es her, dass Wladimir Klitschko (BP-Nr. 7), dem jüngeren der beiden Klitschko-Brüder, von den meisten Experten noch einhellig eine rosige Zukunft vorhergesagt wurde. Kurze Zeit später erlebte der aufstrebende Schwergewichtler sein ganz persönliches Waterloo gegen einen der breiteren Öffentlichkeit bis dato weitgehend unbekannten Südafrikaner namens Corrie Sanders (BP-Nr. 6). Der als vermeintlich leichtes KO-Opfer verpflichtete Gegner entpuppte sich als wahrer Alptraum und schickte ihn innerhalb von zwei Runden gleich viermal auf den Ringboden, so dass er hilflos und schwer angeschlagen aus dem Kampf genommen werden musste.

Dabei hatte das Management um Klaus-Peter Kohl doch geglaubt, den richtigen Herausforderer verpflichtet zu haben. Die Gegnerwahl erschien damals zumindest auf den ersten Blick nachvollziehbar. Sanders war zum Zeitpunkt des Kampfes bereits 37 Jahre alt. Er hatte im Zeitraum von drei Jahren gerade mal zwei Kämpfe bestritten und dabei ganze drei Runden im Ring gestanden. Zudem hatte er im Jahr 2000 gegen Hasim Rahman (BP-Nr. 13, Foto) vorzeitig verloren und dabei deutliche konditionelle Schwächen offenbart.

Gerade diese Vorgeschichte und seine konditionelle Schwäche ermöglichten es Sanders überhaupt erst, einen Titelkampf zu erhalten. Aller Ironie zum Trotze befand sich Sanders in den Ranglisten nicht auf vorderen Plätzen und hätte anders als auf dem Wege einer freiwilligen Titelverteidigung seitens Wladimir Klitschkos niemals einen Titelkampf erhalten. Ein jüngerer und gefährlicherer Sanders wäre einige Jahre zuvor wohl niemals für eine freiwillige Titelverteidigung verpflichtet worden.

So war der Sieg des Hobbygolfers und Expolizisten aus Südafrika gegen den großen Hoffnungsträger des Schwergewichts einer jener viel zu seltenen Kämpfe, in denen den wohlfeilen Kalkulationen der Manager und Verbandsfunktionäre durch die boxerische Klasse eines Kämpfers ein Strich durch die monetären Rechnungen gemacht wurde. „Records don’t beat other records“, und so manche Boxer mit klinisch sauberen und eindrucksvollen Kampfrekorden haben nicht selten eine sorgfältig ausgesuchte und handverlesene Gegnerschaft geboxt, die oft ihre besten Tage schon hinter sich hatte und einen passenden Kampfstil aufwies.

In der Nacht auf den kommenden Sonntag kämpft nun Vitali Klitschko (BP-Nr. 1) im Staples Center in Los Angeles gegen eben jenen Corrie Sanders (BP-Nr. 6, auf Foto links) um den vakanten Titel des Verbandes WBC. Dabei wird "Dr. Eisenfaust" den Ring als hoher Favorit betreten. Wie so oft ist die Berichterstattung im Vorfeld des Kampfes von wenig differenzierter und überflüssiger Marktschreierei begleitet. So soll die Niederlage des "kleinen" Bruders gerächt und die Familienehre wiederhergestellt werden. Bei allen Emotionen sollte man nicht vergessen, dass letztendlich nur ein sportlicher Wettkampf bevorsteht, in welchem der bessere Sportler ermittelt werden soll.


Der kommende Kampf:

Taktik V. Klitschko:

Es ist kaum zu erwarten, dass Vitali Klitschko anders boxen wird als in seinen bisherigen Kämpfen. Der Ukrainer ist größer, hat die längere Reichweite und ist physisch deutlich überlegen. Dies wird er auszunutzen versuchen. Er wird im Vorwärtsgang boxen und permanent Druck auf seinen Gegner ausüben wollen, um diesen nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Dabei wird er beständig den harten Jab reinschlagen und die rechte Schlaghand hinterherziehen. Sein Verteidigungsverhalten besteht hauptsächlich in der Wahrung der Distanz, sowie dem Zurücklehnen des Oberkörpers. Diese Taktik hat er in nahezu allen seinen bisherigen Kämpfen mit Erfolg angewandt. Bis zum Kampfabend wird offen bleiben, ob er etwas verhaltener als gewöhnlich an den Kampf herangehen oder gleich zu Beginn versuchen wird, Sanders deutlich unter Druck zu setzen. Für ersteres spricht die Tatsache, dass sein Gegner insbesondere in den ersten Runden sehr gefährlich ist, aber dann mit zunehmender Kampfesdauer körperlich deutlich abbaut. Die Zeit spielt also für den 32-Jährigen. Setzt "Dr. Eisenfaust" seinen Kontrahenten allerdings nicht stark genug unter Druck, so wird dieser seinerseits mehr Zeit haben, eigene Aktionen mit der erforderlichen Präzision vorzubereiten. Außerdem entspricht eine abwartende Taktik nicht dem Temperament des Ukrainers. So erscheint es wahrscheinlicher, dass er versuchen wird, Sanders von der ersten Runde an massiv unter Druck zu setzen. Es besteht dann aber auch eine größere Gefahr, mit Kontern abgefangen zu werden.

Dass Klitschko ein willensstarker Boxer ist und jeden Gegner schlagen kann, müssen nach dem Kampf gegen Lennox Lewis (Foto)auch seine letzen Kritiker anerkennen. Im Juni des letzten Jahres lieferten sich die beiden einen der spannendsten und sehenswertesten Titelkämpfe der letzen Jahre. Bis heute konnte aber nicht endgültig geklärt werden, wie es um die körperliche Erholungsfähigkeit des Ukrainers in einem langen aufreibenden Kampf wirklich bestellt ist. Zieht man die fünfte und sechste Runde aus dem Lewis Kampf oder auch den Zwölfrunder gegen Timo Hoffman zu Rate, so bleiben zumindest leichte Zweifel. Auch der anstehende Kampf wird auf diese Frage keine Antwort liefern, da Sanders konditionell in einer möglichen zweiten Kampfeshälfte wohl nicht mehr viel entgegenzusetzen haben dürfte.


Taktik Sanders:

Schon gegen den Bruder seines jetzigen Gegners trug der Linkshänder einen deutlichen Rettungsring um die Hüften und sah recht pummelig aus. Es ist kaum anzunehmen, dass sich der mittlerweile 38-Jährige seitdem konditionell noch einmal nennenswert verbessert haben könnte. Der Südafrikaner weiß genau, dass seine Chancen am größten sind, wenn er in den ersten Runden den Erfolg sucht. Zumindest muss er Vitali Klitschko möglichst frühzeitig anschlagen oder eine deutliche Cut-Verletzung zuführen. Andernfalls sinken seine Erfolgschancen mit zunehmender Kampfesdauer immer weiter ab. Dies ist einerseits auf seine eher mittelmäßige körperliche Verfassung zurückzuführen, andererseits darauf, dass Sanders in einer Art und Weise boxt, die ein hohes Maß an Konzentrationsfähigkeit erfordert. Sanders wartet auf die Fehler des Gegners und nutzt sie aus. Seine beste Waffe ist dabei seine schwere linke Gerade. Anders als manche Infight-Wühler, die auch noch mit zugeschwollenen Augen ihren Gegner fühlen und wissen, wo sie hinschlagen müssen, ist Sanders weit mehr auf sein gutes Auge und ein exaktes Timing angewiesen. Baut er körperlich ab, so verliert er auch zwangsläufig an der nötigen Konzentrationsfähigkeit, wodurch seine Aktionen deutlich an Präzision verlieren. Zudem hat der Hobbygolfer eine ziemlich löchrige Deckung und wird dann noch anfälliger für Treffer. Sein Verteidigungsverhalten besteht meist darin, Schläge nach Möglichkeit durch Wahrung der Distanz und seitliches Ausweichen zu vermeiden. Dabei hilft ihm seine gute Beinarbeit, die weit besser ist als das schwerfällige und plattfüßige Auftreten zahlreicher anderer Schwergewichtler. Sanders hat nichts zu verlieren. Gewinnt er, dürfte er noch eine lukrative Titelverteidigung machen wollen. Im Falle einer Niederlage wird er seine Karriere beenden, was ihm sicher nicht schwer fallen dürfte.


Fazit:

Schenkt man den zahlreichen, sich im Vorfeld des Kampfes tummelnden Experten Glauben, so wird Klitschko Sanders früher oder später entscheidend bezwingen. Dies ist sicherlich die plausibelste Prognose. Einen anderen Kampfausgang können sich nur wenige vorstellen. Zu wahrscheinlich erscheint es, dass der Favorit seinen Gegner physisch erdrücken wird. Dabei wird neben den richtig erkannten körperlichen Schwächen des Südafrikaners aber oft übersehen, dass Sanders ohne Zweifel ein technisch exzellenter Mann ist. Boxerisch gehört er zu den bisher besten Gegnern des früheren WBO-Weltmeisters. Zudem hat Sanders im Ring bereits Erfahrung mit einem der Klitschkos gesammelt und verfügt bekanntermaßen über eine gute Schlagkraft. In den ersten Runden könnte er sich wieder einmal als äußerst unangenehmer Gegner entpuppen, dessen Kampfstil dem Ukrainer überhaupt nicht liegen könnte. Dass der Kampf kaum über die erste Kampfeshälfte hinausgehen wird, dürfte indes kein großes Geheimnis sein.


Freitag, 23. April 2004

 
     

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