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Wem die Stunde schlägt

Aufstieg und Fall von Hector Camacho


Von Wolfgang Oswald



Welche Stunde hat geschlagen? Die des Macho!“ - Das sagte der frühere und mehrmalige Profiboxweltmeister Hector „Macho Man“ Camacho auf dem Höhepunkt seiner Boxkarriere. Doch fast 20 Jahre nach seinem grandiosen Sieg gegen Jose Luis Ramirez und dem Gewinn der WBC-Weltmeisterschaft im Leichtgewicht hat für Camacho (42) schon vor seinem nächsten Fight, der Ende Januar 2005 in Biloxi stattfinden sollte, der Gong zur letzten Runde geschlagen.

Denn vor wenigen Wochen wurde er wegen Drogenbesitz, Diebstahl und Sachbeschädigung verhaftet und inzwischen gegen Kaution wieder freigelassen. Seine nächste Straftat? Nur eine Frage der Zeit! Der „Macho Man“ steht vor den Trümmern seines Lebens. Die Millionen, die er als Boxer verdient hat, sind weg und er ist wieder das, was er mit 15 Jahren gewesen war: ein Krimineller und gegenwärtig alles andere als ein Vorbild für seine Kinder und sein Enkelkind!

Von akuten Geldproblemen getrieben, stahl er in Biloxi aus dem ZDI Computer Center mehrere Geräte. Aber nicht nur das. Im Drogenrausch verwüstete er das Ladengeschäft, zerstörte die Einrichtung und urinierte auf den Boden. Eine sinnlose Tat, die beispielhaft für sein vergeudetes Talent und seine Verschwendungssucht steht.

Mit 17 Jahren machte Camacho das erste Mal zwischen den Seilen auf sich aufmerksam. Als „Harlem Heckler“ gewann der Junge aus dem Ghetto die Goldenen Handschuhe von New York und wechselte 1980 zu den Berufsboxern. Es dauerte kein Jahr und Camacho erboxte sich den ersten Meisterschaftstitel. In eindrucksvoller und abgebrühter Manier zeigte er schon damals eine hohe Boxkunst. Der Rechtsausleger aus Puerto Rico hatte ein glänzendes Auge, schnelle Hände und fantastische Reflexe. Ein Techniker par excellence. Drei Jahre nach seinem Profidebüt konnte er sich 1983 seinen ersten Weltmeisterschaftsgürtel umschnallen und spätestens nach seinem Sieg über Ramirez im August 1985 galt er in den Staaten als neuer Boxsuperstar.

Aber Genie und Wahnsinn liegen gefährlich nahe beieinander. So berichtet ein Trainingspartner: „Camacho war der Champ und bereitete sich im Gleason Gym auf die Titelverteidigung gegen Rosario vor. Da winkte er einen jungen Amateurboxer, der vielleicht gerade 16 oder 17 Jahre alt war, zum Schattenboxen zu sich. Die beiden stellten sich gegenüber auf und plötzlich krümmte der Junge sich am Boden. Camacho hatte ihn mit einem Körpertreffer ausgeknockt und lachte sich schlapp. Das war Camacho!

Die Quittung bekam der Weltmeister im Ring. Gegen seinen Landsmann Edwin Rosario sammelte er mit seinem Jab Punkt um Punkt. Es schien ein leichter Abend für Camacho zu werden, als er von einem harten linken Haken erwischt wurde und sich der Kampf drehte. Am Ende sahen zwei Punktrichter den Weltmeister vorne, einer dagegen Rosario. Dennoch: Der Treffer und die kontroverse Entscheidung hatten „Machos“ Ego und Stolz angekratzt und der Abstieg auf Raten begann. Von diesem Zeitpunkt an schien er ängstlicher zu boxen, wenn es zwischen den Seilen hart auf hart kam. Auch wenn Camacho vor der Öffentlichkeit nie Schwächen zeigte, Siege über Ray Mancini, Vinny Pazienza, Greg Haugen, Roberto Duran oder Sugar Ray Leonard einfuhr oder sein Machismo respektlos auslebte, die Angst in seinem Inneren wuchs mit jeder Auseinandersetzung und er betäubte sie mit Drogen und Alkohol.

1999 trat er in seinem Heimatland gegen den „Journeyman“ Jorge Vaca an. Nur wenige Stunden vor dem Kampf feierte und zechte Camacho mit Freunden und Frauen und verwüstete dabei sein Hotelzimmer derart, dass der Sicherheitsdienst einschreiten musste. Im Ring selbst machte es kurze Zeit später den Anschein, als wäre Camacho noch immer unter Drogeneinfluss. Er befand sich auf der Verliererstraße, als er mit einem absichtlichen Kopfstoß ein klares Foul beging und der Kampf mit einem technischen Unentschieden beendet wurde. Zurück im Hotel feierte Camacho sofort wieder mit Sex, Drogen und Alkohol und abermals musste der Sicherheitsdienst gerufen werden.

Ron Lipton, der ehemalige Box-Referee, erinnert sich: „Camacho kämpfte auf der Undercard der Weltmeisterschaft zwischen Evander Holyfield und Ray Mercer in Atlantic City, den ich leitete. In den Umkleidekabinen gab ich Mercer und Holyfield die letzten Instruktionen und traf dort auch auf Camacho. Er war widerlich. Er behandelte alle ohne Respekt, schrie und grölte herum. Mit seinen Anhängern führte er sich wie ein Wilder auf und sein Benehmen war eine Beleidigung gegenüber den anwesenden Kämpfern wie Holyfield, Mercer und David Tua. Camacho ist und war ein Clown!

In der Tat: Camacho gehört zu jener Sorte Preiskämpfer, für die sich anständige Boxer schämen, weil sie ihren Beruf in Verruf bringen. Doch gleichzeitig bringen Leute wie Camacho auch das Geld in den Sport. Denn der Großteil der Boxzuschauer lechzt nach dem Bösen, dem Tier. Das war schon in der Bibel so, als man den Verbrecher Barrabas dem "Guten" namens Jesus vorzog. Ein Teufelskreis für Boxer mit Machismo. Im Ring werden sie für ihre Macho-Taten bejubelt, im Leben beschimpft.

Oft schon hat der Mann aus Puerto Rico Besserung gelobt. Der neue Glaube an Gott, die Liebe zu seiner Frau oder die Geburt seiner Enkelin. Immer wieder nahm man es ihm ab, verzieh ihm seine Eskapaden oder sah darüber hinweg, weil die tiefen Abgründe in einer Seele faszinierend und abstoßend zugleich sind. Dabei machte er ständig nur das, was ein guter Boxer unbedingt beherrschen muss. Lügen und verdrängen!

Und heute? Auch für sein letztes Vergehen hat Camacho eine Menge Ausreden parat und verweist auf seine vielen gemeinnützigen Hilfetaten. Er leugnet den Drogenkonsum, spielt den Diebstahl herunter und sucht nach Entschuldigungen. Doch wie Mike Tyson, der als Jugendlicher selbst vor einem Überfall auf eine alte Großmutter nicht zurückschreckte, fehlen leider auch dem Ausnahmeboxer aus Puerto Rico Dinge wie Ehre, Anstand und Disziplin. Dinge, die selbst in Ghettos und Gefängnissen noch ungeschriebene Gesetze sind und die nicht wenige „Bad Boys“ im Gegensatz zu einem Tyson, Butler oder Ayala sich trotz schlechter Kindheit und Herkunft bewahrt haben. Aus einem letzten Funken von Respekt und Würde!

Sicher, der Spruch „Du kannst einen Jungen aus der Gosse kriegen, aber die Gosse niemals aus dem Mann.“ trifft bisweilen zu. Nur vergessen wir nicht: Es ist nicht so ungewöhnlich und erstaunlich, dass viele Boxer, die von der Straße kommen, am Ende immer wieder auf der Straße landen. Viel ungewöhnlicher und erstaunlicher ist es, dass es so viele große Boxer gab und gibt, die dieses Vorurteil widerlegen: Floyd Patterson, Jose Torres, George Foreman, Larry Holmes, Bernard Hopkins und viele mehr. Das gibt Anlass zur Hoffnung.

Im Fall Camacho bedeutet Hoffnung lediglich, dass es gelingt, den Mann vorzeitig zu stoppen, bevor er völlig Amok läuft und noch Schlimmeres passiert. Die Chancen jedoch stehen schlecht. Im Ring wurde der große Hector „Macho“ Camacho jedenfalls noch nie vorzeitig besiegt. Ein schlechtes Omen?

- Fortsetzung folgt -

Donnerstag, 13. Januar 2005 

 
     

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