Klitschko vs. Jefferson - Der Vorbericht
von Jörg Lüdemann
"Der
24. März ist ein guter Tag zum Sterben."
Derrick Jefferson
Am morgigen
Samstag (22:00 Uhr live auf PremiereWorld) verteidigt Wladimir
Klitschko seinen WM-Gürtel im Schwergewicht (WBO) zum ersten Mal.
Sein Gegner in der Rudi-Sedlmayr-Halle zu München wird der Amerikaner
Derrick Jefferson sein,
ein Mann, der als einer der aufregendsten Boxer in der Schwergewichts-Szene
gilt. Mit einem klaren Sieg über den 32-jährigen US-Boy kann sich der
jüngere Klitschko auch in Übersee einen guten Namen machen. Ob ihm dies
gelingen wird und was Jefferson dagegenzusetzen hat - dies versucht unser
exklusiver Vorbericht zu klären.
Seit
seinem Titelgewinn im vergangenen Oktober gegen Chris
Byrd war es zuletzt etwas ruhig um Wladimir Klitschko geworden.
Er schloß seine Doktorarbeit in der Ukraine ab, unterstützte seinen Bruder
Vitali bei dessen Kämpfen gegen Timo
Hoffmann und Orlin Norris
und mied ansonsten das Licht der Öffentlichkeit. Fast schon eine ungewöhnliche
Zurückhaltung - schließlich hatte sich der Ukrainer doch kurz zuvor mit
dem Gewinn des WM-Gürtels einen langgehegten Wunsch erfüllen können. Aber
die leisen, moderaten Töne liegen im Naturell der beiden Klitschko-Brüder,
wie sich auch anhand ihrer Vertragsstreitigkeiten mit Universum zeigte.
Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit handelten die beiden über Monate
hinweg einen Folge-Vertrag mit Klaus-Peter Kohl aus, der ihnen
neben höherer Beteiligung an den Kampfbörsen, auch mehr Auftritte in den
USA - dem Mekka des Profi-Boxsports - zusichern soll. Unterschrieben ist
allerdings noch nichts.
Seit einigen
Wochen ist Wladimir nun wieder vermehrt ins Rampenlicht gerückt. Der bevorstehende
Kampf gegen Jefferson und das damit verbundene Ballyhoo haben den 25-jährigen
aus seinem "Winterschlaf" hervorgeholt. Im Vorfeld tat sich insbesondere
Jefferson durch kernige Sprüche hervor. "Klitschkos größte Stärke
ist sein Doktortitel. Seine Schwäche ist, dass er für zu viele Magazine
posiert. Ich dagegen bin ein Boxer. Ich bin hässlich," so der
US-Amerikaner. Klitschko hingegen hielt sich gewohnt zurück: "Ich
werde gewinnen und zwar vorzeitig."
Tatsächlich
würde ein Sieg über den in den USA sehr beliebten und bekannten
Jefferson die internationale Reputation des Universum-Boxers weiter steigern.
Sein Kampf wird zeitversetzt beim US-Sender HBO gezeigt. Sollte
es in diesem Sommer zum Megafight zwischen Lennox
Lewis und Mike Tyson
kommen, werden die Medien danach sicherlich Wladimir Klitschko als nächsten
Gegner für den Sieger fordern - schließlich ist sonst in der
Weltspitze nicht mehr viel Substanz zu finden. Bestenfalls der noch ungetestete
Clifford Etienne, der neue
WBA-Titelträger John Ruiz
und der wie neu geboren auftretende Lance Whitaker dürfen
sich noch Hoffnungen auf eine *berechtigte* Titelchance machen.
Der morgige
Klitschko-Gegner Derrick Jefferson verkörpert den Prototyp des "Punchers",
der ohne Rücksicht auf die eigene Unversehrtheit auf seine Gegner
losgeht. So ließ der Amerikaner denn auch keinen Zweifel an seiner
Taktik im Kampf gegen Klitschko: "Mein Plan ist, zehn Schläge
einzustecken, um einen selbst anzubringen, der ihn ausknocken wird. Ich
brauche nur einen Schlag und der wird hart genug sein, damit ich gewinne."
Mit
dem Boxen begann Jefferson erst im Alter von 25 Jahren. Bis dahin hatte
der Vorzeige-Athlet begeistert Basketball in einem College-Team gespielt,
ehe er 1993 bei einem Ladendiebstahl angeschossen wurde. Sein Bein heilte
nicht wie erhofft und an eine Fortsetzung der Basketball-Karriere war
nicht zu denken. Im Amateurboxen fasste Jefferson schnell Fuß und
gewann bereits ein Jahr später die National Golden Gloves. In seiner
kurzen Amateurzeit sammelte der heute 32-jährige Sieg um Sieg (21-0)
und blieb ungeschlagen. Dabei bezwang er u.a. Michael
Grant und Lawrence Clay-Bey, den späteren Olympiateilnehmer.
Bei seinem
Profi-Debüt im Alter von 27 Jahren widerfuhr Jefferson jedoch Überraschendes:
In Los Angeles schickte ihn der Journeyman Ismail Muhammad nach
kurzer Zeit zu Boden. Doch Jefferson kam zurück und beendete den
Kampf noch in der selben Runde durch KO. In der Folgezeit baute sich der
Mann aus Detroit unter der Führung seines Trainers Claude Strickland
einen perfekten Kampfrekord gegen die "üblichen Verdächtigen"
auf. Der erste nennenswerte Gegner war "Smokin'" Bert Cooper,
den Jefferson in der zweiten Runde besiegen konnte. Mitte des Jahres 1999
landete Derrick einen knappen Punktsieg Obed
Sullivan (30-6-2). Nach einem schwachen Start konnte er die mittleren
und späten Runden dominieren und sich letztlich auf zwei der drei
Punktrichterzettel einen Vorsprung erarbeiten (117-112, 117-113 Jefferson,
115-114 Sullivan).
Weltweites
Aufsehen erregte Derrick Jefferson jedoch bei seinem ersten Auftritt bei
HBO: In Atlantic City bestritt er gegen den langjährigen Lewis-Sparringspartner
Maurice Harris (16-9-2) einen
der spektakulärsten, aufregendsten Schwergewichts-Kämpfe des
vergangenen Jahrzehnts. Derrick konnte Harris bereits in der zweiten Runde
zweimal mit seinem schweren linken Haken zu Boden schicken. Doch als er
den angeschlagenen Gegner finishen wollte, kassierte Jefferson eine knackige
rechte Hand und mußte selbst in den Ringstaub.
Bis
zur sechsten Runde schenkten sich beide Boxer nichts, ehe Derrick einen
weiteren Niederschlag erzielen konnte. Wiederum kam Harris zurück,
rüttelte Jefferson schwer durch und schien das Blatt endgültig
wenden zu können. Doch Jefferson hatte noch eine letzte Antwort parat
- seinen linken Haken. Ein solches Geschoß, beinahe blind geschlagen,
traf genau ins Ziel. Harris' Mundstück wurde in den Orbit befördert
und Maurice selbst fiel wie vom Blitz getroffen zu Boden. Noch während
der Flugphase hatte der eigentlich sehr widerstandsfähige Harris
keine Ahnung mehr, was mit ihm geschah. HBO-Kommentator Larry Merchant
entfuhr daraufhin ein spontanes "Derrick Jefferson - I LOVE YOU!".
Jefferson
hatte damit eine deutliche Duftmarke in der Schwergewichtsszene gesetzt
und seinen nächsten HBO-Termin sicher. Doch bereits bei diesem Erfolg
wurden einige Schwächen sichtbar, die ihm in den folgenden zwei Kämpfen
auch seine ersten beiden Niederlagen einbrachten. Zu Beginn des Jahres,
eigentlich viel zu früh nach seinem kraftraubenden Duell gegen Harris,
boxte Jefferson in New York gegen David
Izon (24-3). Derrick wurde das Opfer seiner fehlenden Deckung,
seiner Unerfahrenheit und seines unbedingten Siegeswillens (welch ein
Widerspruch in sich). Er dominierte die ersten sieben Runden durchweg
und erteilte dem wenig aggressiven Izon eine Lehrstunde. Doch bereits
nach sieben Runden war Jefferson derart ausgepumpt, daß er in der
Folgerunde ohne wirkliche Schlagwirkung zu Boden ging. Nachdem er im weiteren
Verlauf der Runde einen dreiminütigen Schlaghagel von Izon hilflos
über sich ergehen lassen mußte, wurde der Kampf zu Beginn der
neunten Runde vom Ringrichter zu Recht abgebrochen. Zu diesem Zeitpunkt
führte Jefferson auf den Punktzetteln noch immer deutlich (78-72,
78-73, 78-74).
Seine
zweite Niederlage bezog der 32-jährige vier Monate später, als
er sich gegen den Russen Oleg Maskaev
nach einem Niederschlag zu Beginn des Kampfes den Knöchel verdrehte
und dennoch vier Runden lang weiterboxte. Gegen den Rat seiner Trainer
humpelte Jefferson durch den Ring, immer auf der Suche nach dem alles
entscheidenden Schlag. Stattdessen mußte er jedoch selbst mehrmals
zu Boden, ehe der Ringrichter ein Einsehen hatte und das Duell unter heftigstem
Protest Jefferson's abbrach. Nach einer notwendigen Operation bestritt
der Amerikaner dann einen Aufbaukampf, den er problemlos in Runde eins
gewann.
Allein dieser
kurze Rückblick vermittelt ein nahezu komplettes Bild von den Stärken
und Schwächen des Herausforderers von Wladimir Klitschko. Derrick
Jefferson ist ein "Fighter" im wahrsten Sinne des Wortes, er
verfügt über einen bedingungslosen Siegeswillen und beeindruckende
Schlagkraft in beiden Händen. Sein Markenzeichen sind seine linken
und rechten Haken, die er meist eingesprungen ins Ziel zu bringen versucht.
Zudem verfügt Jefferson über alle nötigen Qualitäten
im Infight, er schlägt einen kraftvollen Uppercut und landet harte
Körpertreffer.
Jefferson
ist ein unbarmherziger Offensiv-Boxer, der seine Gegner unentwegt unter
Druck setzt. Er kennt nur eine Richtung und marschiert konsequent nach
vorn, selten wartet er mit einigen schnellen Oberkörperbewegungen
darauf, daß sein Gegner ins Leere schlägt, um ihn dann auszukontern.
Im Laufe seiner Karriere hat sich Derrick zudem als sehr lernfähig
gezeigt. Diese Qualitäten machen ihn zu einem gefährlichen Schwergewichtler,
der insbesondere in den Anfangsrunden brandgefährlich zuschlagen
kann. Er ist deshalb für jeden Schwergewichtler der Welt ein ernstzunehmender
Gegner. Doch all diese Fähigkeiten dürfen nicht darüber
hinwegtäuschen, daß sie zugleich entscheidende Schwächen
bei Jefferson bedeuten bzw. offenlegen.
Der Mann
aus Detroit verfügt praktisch über keine Deckungsarbeit. Er
läßt seine Führungshand hängen und versucht bestenfalls
einmal, den gegnerischen Schlägen mit dem Kopf auszuweichen. Sein
Kinn ist als nicht sehr widerstandsfähig einzuschätzen, schon
zu oft mußte Jefferson im Laufe seiner Karriere zu Boden. Oft *friert*
er bereits bei einem harten Treffer kurzzeitig ein, ehe er dann umso wilder
(und offener) nach einer Möglichkeit zur Revanche sucht. Jefferson
besitzt zudem keine Führhand und schlägt bestenfalls einen Jab
pro Runde.
Für
einen geschulten und schnellen Boxer ist Derrick wegen seines eindimensionalen
Boxstils und der fehlenden Führungsarbeit leicht auszurechnen. Die
gefährlichen Schwinger konnte Jefferson fast nur bei bewegungslosen
Zielen wie Harris oder vor allem Izon anbringen, während ihm dies
bei beweglichen Leuten wie z.B. Obed Sullivan weitaus weniger gelang.
Schließlich folgt das größte Handicap des Herausforderers:
Er verfügt wohl nicht über die notwendige Kondition, um einen
WM-Kampf über die volle Distanz bestreiten zu können. Dazu ist
sein Offensiv-Stil zu kraftraubend und er kann aufgrund der alten Schußverletzung
in der Vorbereitung kein ausgiebiges Konditionstraining betreiben. Hinzu
kommt, daß sich Jefferson nach zwei vorzeitigen Niederlagen und
einer Operation wiederum viel zu früh an eine so große Aufgabe
heranwagt.
Diese Schwächen
sollte sich Wladimir Klitschko zu Nutze machen können. Auch der Ukrainer
hat sich in den letzten Jahren als sehr lernfähig erwiesen. Über
seine Stärken braucht an dieser Stelle nicht viel gesagt werden,
entscheidend wird in diesem Kampf seine Schlagkraft und sein rammender
Jab sein. Interessant ist diese Paarung aber allein schon deshalb, weil
Klitschko mit Jefferson ein Gegner gegenüberstehen wird, der drei
Dinge mitbringt, auf die der Ukrainer in dieser Form noch nicht im Ring
gestossen ist: Jefferson ist ein Puncher aus dem Lehrbuch, er hat einen
schier unglaublichen Siegeswillen und er ist dem Weltmeister körperlich
nahezu ebenbürtig.
Die
Boxingpress-Redaktion ist jedoch der Ansicht, daß Wladimir Klitschko
in der Lage sein wird, mit diesen für ihn neuartigen Aufgaben umzugehen.
Trainerfuchs Fritz Sdunek wird in der Vorbereitung sein Hauptaugenmerk
auf die Deckungsarbeit beim Ukrainer gelegt haben. Der Weltmeister wirkte
in der Vergangenheit zwar immer wieder unbeholfen in der Rückwärtsbewegung
und vor allem sein Kinn ist noch immer nicht getestet, doch gegen den
zu durchschaubaren und zu wilden Jefferson wird sich Klitschko mit ziemlicher
Sicherheit zu helfen wissen. Denn abgesehen von den erwähnten Stärken
ist Derrick Jefferson *wie gemacht* für den "Boxer" in
Wladimir Klitschko.
Der Weltmeister
wird seinen Herausforderer konsequent mit seinem knallharten Jab auf Distanz
halten können und sich auf kein Risiko im Infight einlassen. Bereits
früh im Kampfverlauf wird Klitschko den ungestümen Jefferson
effektiv und nachhaltig auskontern und vielleicht auch rasch zu Boden
schicken können. Einzig die Zurückhaltung und Vorsicht Klitschko's
wird dann darüber entscheiden, ob der Kampf bereits in den ersten
drei Runden, oder bis spätestens in der achten Runde zu seinen Gunsten
beendet sein wird. Die Redaktion ist sich wie fast immer einig und erwartet
einen TKO-Erfolg (TKO deshalb, weil ein Derrick Jefferson niemals
liegen bleibt...) für den jüngeren Klitschko in der ersten
Kampfeshälfte.
Im Vorprogramm
der Veranstaltung fordert der 1,59 Meter große Fliegengewichtler Zoltan
Lunka den WBO-Weltmeister Fernando Montiel (19-0-1, 14KO's)
aus Mexiko heraus. Der 21-jährige Weltmeister ist bislang ausschließlich
in Südamerika in Erscheinung getreten. In seinem letzten Kampf konnte
er die WM-Krone gegen den boxerisch beschlagenen Isidro
Garcia durch KO in Runde sieben gewinnen. Sein einziges Unentschieden
kassierte Montiel gegen Paulino Villalobos, den er jedoch im Rematch
nach Punkten bezwingen konnte. Der Mexikaner ist in der internationalen
Boxszene ein größtenteils unbeschriebenes Blatt. Unseren Informationen
nach soll er ein aggressiver und schlagstarker Mann sein, der zudem über
eine gute boxerische Grundausbildung verfügt. Zoltan Lunka wird es
also bei seiner ersten Titelchance sicher nicht leicht haben.
Der Weltklasse-Amateur
Lunka konnte in seiner bisherigen Profilaufbahn selten überzeugen
und kassierte bereits im sechsten Kampf eine Niederlage gegen den unbekannten
Südafrikaner Charles Mailula. Morgen abend kann und muß
er sein tatsächliches Leistungsvermögen unter Beweis stellen,
denn auch das deutsche Publikum flüchtete bislang panikartig in die
Katakomben, wenn der unspektakuläre Lunka in den Ring stieg. Es bleibt
wohl vor allem zu hoffen, daß es im Falle einer Punktentscheidung
fair zugehen wird.
Premiere
World überträgt ab 22.00 Uhr live. Beide Hauptkämpfe werden
in voller Länge zu sehen sein. Vielleicht bekommt der Fan zudem Ausschnitte
aus den Kämpfen von Jürgen Brähmer und Alexander Petkovic
(gegen den ungeschlagenen Turhan Altunkaya) zu sehen,
Den ausführlichen Bericht von der Veranstaltung in München gibt
es Sonntag im Laufe des Tages auf diesen Seiten.
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