boxingpress Boxen · Wetten · Archiv

Weitere Beiträge Beitrag

Interview mit Eva Rolle


Interview mit Eva Rolle

Promoterin Eva Rolle ( Foto ) hat sich über die Grenzen Berlin's hinaus, einen Namen in der deutschen Boxszene gemacht. Die Mit-Gründerin der IFCO -Boxpromotion und der Doppeldeckung e.V. stellte sich in der vergangenen Woche den Fragen von BoxingPress. Rolle nutzte die Gelegenheit, um ihre Pläne für die nähere Zukunft vorzustellen und liefert den Lesern einen Einblick hinter die Kulissen ihres Geschäfts.

Boxingpress : Frau Rolle, was waren Sie, bevor Sie zur schillerndsten Persönlichkeit des Deutschen Boxpromotertums avancierten? Fangen wir doch einfach mit Ihrem eigentlichen Beruf an. Was waren Sie von Beruf?

Eva Rolle : Ich bin gelernte Grafikerin. Ich bin das übrigens auch heute noch. Ich bin keineswegs nur Boxpromoterin, ich habe immer noch meine feste Anstellung bei der Firma ESM. Dort bin ich zwar freigestellt, aber fertige immer noch Entwürfe an, die ich der ESM zukommen lasse und ich verdiene dadurch auch immer noch mein Geld als Grafikerin.

Boxingpress : Aber wo ist denn da die Verbindung zum Boxen?

Rolle : Ich bin zum Boxsport über meinen Grossvater gekommen. Wir haben damals schon auf der Couch gesessen und uns all die grossen Kämpfe angesehen. Angefangen von den Klassikern wie "Rumble in the Jungle" und "Thrilla in Manila" bis zu den Kämpfen mit Norton und Spinks... ich habe sie alle gesehen. "Raumpatrouille Orion" durfte ich damals zwar nicht sehen, aber Boxkämpfe immer. Diesbezüglich hat mich mein Opa eigentlich immer wie einen Jungen behandelt. Wir waren auch zusammmen hier auf deutschen Profi-Boxveranstaltungen, wobei mich die Kämpfe von der anderen Seite des grossen Teiches schon damals immer mehr fasziniert hatten.

Rolle : Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Mein 19-jähriger Sohn Robert wird jetzt sein Abitur machen und will anschliessend Jura studieren. Mein kleiner Sohn Richard ist jetzt 17, will ebenfalls sein Abitur machen und anschliessend Veterinärmedizin studieren. Beide sind begeisterte Boxer, wobei der ältere die Sachte richtig ernst nimmt und auch nebenbei als Profi regelmässig in den Ring steigen möchte.

Boxingpress : Wie kamen Sie zur IFCO (International Fight Club Organisation)? Ist die IFCO ein Kind von Ihnen, oder sind Sie später erst dazugestossen?

Rolle : Die IFCO wurde von Mike Cloth und mir gegründet. Mein kleiner Sohn Richard wollte eines Tages anfangen zu boxen und hat es bei verschiedenen Vereinen ausprobiert. Richtig gefallen hat es ihm aber nirgendwo. Auch ich hatte damals Schwierigkeiten mit den Methoden diverser Boxvereine. Also habe ich kurzerhand selber einen Boxverein - die IFCO - gegründet. Ich musste dann aber später die Vereinsarbeit rein rechtlich von der Profiboxerei trennen. Daher haben wir jetzt die IFCO-Boxpromotion und die Doppeldeckung e.V., mit der ich weiterhin Kinder- und Jugendarbeit betreibe.

Boxingpress : Worum geht es denn bei der Doppeldeckung? Ist das ein gemeinnütziger Verein?

Rolle : Wir leben in einer Stadt, die nicht familien- und kinderfreundlich ist. Man macht sich über die Jugend dieses Landes etwas wenig Gedanken. Die sollen zwar irgendwann mal in die Rentenkassen einzahlen und Verantwortung übernehmen, aber bis zu diesem Zeitpunkt kümmert sich niemand um sie. Es gibt viele Alleinerziehende, gerade in dieser Stadt. Viele Kinder kommen aus kaputten Verhältnissen, wo Väter Alkoholprobleme, Mütter Tablettenprobleme haben oder die finanzielle Situation kurz vor der Katastrophe steht.

Kinder aus solchen Verhältnissen sind oft mit Gewalt - häuslich wie auf der Strasse - konfrontiert. Wer sich keine Nike-Sachen oder andere Markenkleidung kaufen kann, der gehört nicht dazu.

Hier kommt die Doppeldeckung ins Spiel. Wir betreuen momentan 45 Kinder hier. Die können umsonst trainieren, umsonst ihrem Sport nachgehen. Sie bekommen alles gestellt, von Bandagen bis Körper- und Kopfschutz. Nationalität spielt hier keine Rolle und die finanzielle Situation der Eltern auch nicht. Sie müssen sich im Sport, wie auch zwischenmenschlich mit dem anderen auseinandersetzen und lernen, ihn zu respektieren und "menschlich" mit ihm umzugehen. Hier lernen sie, dass sie auch ohne Markenkleidung eine Persönlichkeit haben und dass sie es nicht nötig haben, sich auf der Strasse einen Schwächeren zu suchen.

Wir arbeiten hier sehr eng mit der Polizei zusammen. Ingo Wolf vom Abschnitt 65 bringt uns regelmässig auffällige Kinder vorbei, die klauen und prügeln. Wir hier reden mit den Kindern. Bei uns können sie sich aussprechen. Hier hört ihnen jemand zu. Und wir knacken diese äussere Schale eben am besten über den Sport. Oft kommen Kinder hierher, deren Augen ganz stumpf sind. Aber wenn sie es schaffen, zwei bis drei Monate hierzubleiben, sieht man ganz deutlich, dass sie wieder Glanz in den Augen haben. Wir sind hier wie eine grosse Familie.

Boxingpress : Wie können Sie das alles finanzieren? Allein die Miete und das Material fürs Training muss doch ein Vermögen kosten.

Rolle : Das ist ein trauriges Kapitel und ein ewiger Kampf. Obwohl wir mittlerweile eine anerkannte Beratungsstelle des Jugendamtes sind und sogar Übernachtungseinrichtungen für Notfälle haben, haben wir bis heute keinen Cent vom Staat bekommen. Wir passen in kein typisches Schema F, denn bei uns geht es sowohl "gegen Rechts", als auch um Solidarität mit Ausländern, um Jugendarbeit und um Boxsport. Für so ein Pojekt sind keine Gelder eingeplant und Berlin ist sowieso pleite.

Was mich halt nachdenklich stimmt ist, dass ein Herr Fischer nach dem 11. September, der ganz ohne Frage eine Katastrophe war, nach New York geht und dort 100.000 US-$ spenden kann, aber für die Armut im eigenen Land nichts übrig hat. Das ist ein Missverhältnis. Hier haben viele gesessen und versprochen. Herr Gysi war hier, Herr Steffel war hier, alle haben sie versprochen und keiner hat was gehalten. Herr Wowereit hingegen war noch nicht hier, der treibt sich lieber auf dem Christopher-Street-Day herum. Er möchte offensichtlich wenig mit Problemen konfrontiert sein.

Wir sind auf Spenden und Sponsoren angewiesen und machmal kriege ich wirklich Mahnungen und Zahlungsanweisungen, wo ich beim besten Willen nicht weiss, wie ich die bezahlen soll. Die Kinder Duschen hier, es kostet Strom, Telefon, Heizung, Miete.... Manchmal stand ich kurz vor dem Aus. Als Retter in letzter Not hat sich schon zwei Mal Herr Kohl erwiesen.

Rolle : Ja, Klaus-Peter Kohl von der Universum Boxpromotion. Er hat letztes Jahr und auch dieses Jahr insgesamt zwei mal beträchtliche Beträge gespendet ( Anm.d.Red.: Genaue Zahlen liegen vor ) um das Schlimmste abzuwenden. Dazu hat sich z.B. weder ein Herr Sauerland noch ein Herr Steinfurth herabgelassen. Herr Kohl war hier, hat sich das angesehen, er findet unser Projekt gut und hat uns aus der Patsche geholfen. Dafür haben ihm die Kinder auch Bilder gemalt. Ich fand das eine starke Leistung von ihm.

Boxingpress : Kommen wir zum Boxen und zu Ihren Boxern. Fangen wir mit Danny Thiele an. Wie sehen seine Pläne für die Zukunft aus?

Rolle : Danny ist ein bisschen dabei, seinen alten Beruf zu reaktivieren. Er ist Kfz-Mechaniker und möchte auch irgendwann seinen Meister machen. Wir alle wissen, dass Danny weder ein Jahrhundertboxer ist, noch dass er jemals den Boxolymp besteigen wird. Er ist zwar mit seinem WBB-Titel durchaus gewachsen, aber er hat noch einige Feuerproben zu bestehen. Uns schwebt eine Titelvereinigung zwischen NBA und WBB mit Dirk Dzemski vor. Zwei kleine Verbände, zwei deutsche Boxer, das wäre doch ein schöner Kampf. Jean-Marcel Nartz hat gesagt, dass er sich das durchaus vorstellen kann und wir werden das mal mit dem Uli Steinfurth durchsprechen.

Boxingpress : Kommen wir zum zweiten Boxer: Lee Manuel Osie. Wie kommt ein in Spanien lebender gebürtiger Liberianer zu Eva Rolle nach Berlin?

Rolle : ( lacht ) Die Boxwelt ist nicht besonders gross und es spricht sich alles relativ schnell herum. Kurz vor Weihnachten telefonierte Frank "little Tyson" Oppong, der bei uns boxt, mit Lee, mit dem er eng befreundet ist und hat ihm von unserer "Familie" erzählt. Lee gefiel das alles ganz gut, wollte sich das mal eine Woche ansehen, fühlte sich hier sehr wohl und seitdem ist er bei uns.

In diesem Jahr hat er gewaltige Fortschritte gemacht, was sein Ranking angeht. Wir haben in der kurzen Zeit mit unseren bescheidenen Möglichkeiten mehr für ihn getan als in acht bis neun Jahren in Spanien für ihn getan wurde.

Er ist einer der diszipliniertesten Boxer, die ich je gesehen habe. Er hat ein riesiges Potential. Jetzt nach der WBB-"Weltmeisterschaft" werden wir zusehen, dass er um den EM-Titel der EBU boxt. Wir müssen das OK der EBU aber noch bekommen. Wenn er das schafft, ist er in den Top 10.

Das Ziel für Lee Manuel Osie ist die Herausforderung von Dariusz "die lahme Katze" Michalczewski. Ich habe das auch schon mehrmals im Fernsehen angekündigt.

Boxingpress : "Die lahme Katze"? Das wird Herr Kohl, der immerhin eben noch Ihr "Retter in letzter Not" war, aber bestimmt nicht gerne hören.

Rolle : Herr Kohl ist eine Person, der ich es hoch anrechne und der ich dafür Respekt zolle, dass er die Jugend der Doppeldeckung unterstützt. Das hat mit der IFCO-Boxpromotion nichts zu tun. Dort geht es ums Profiboxen. Das sind zwei Paar Stiefel.

Es ist doch schön, wenn sich zwei Große treffen: Ein Klaus Peter Kohl und eine Eva Rolle, die sich immerhin "Die Highländerin" schimpft. Dariusz Michalczewski hat in Danzig einen Joey De Grandis besiegt, der in der zweiten Runde KO gegangen ist. Dariusz muss auch mal Gegner bekommen, an denen er sich messen kann. Wr wollen doch mal sehen, was passiert, wenn Dariusz gegen Lee Manuel Osie boxt.

Boxingpress : Wie stehts mit der vielzitierten "Keilerei in Dubai"?

Rolle : Wir haben dem Botschafter von Dubai ein Konzept übermittelt, das er direkt an die Königsfamilie in Dubai schicken wird. Wir stehen mit der Familie in enger Zusammenarbeit und ihr Interesse ist bereits bekundet. Es geht nicht nur darum einen einzigen Boxkampf zu veranstalten, sondern es soll dort ein ständiger Austragungsort entstehen. Dort soll auch eine Boxschule gegründet werden, wo lokale Talente ausgebildet werden können. Das geht natürlich nicht alles von heute auf morgen, aber der eigentliche Startpunkt wird die "Keilerei in Dubai" sein. Wir planen aber die Durchführung 2003, also lange wird es nicht mehr dauern.

Boxingpress : Nun hat es ja zwei Zwischenfälle gegeben, die Dubai und die Auswahl Wladimir Klitschko gegen Mike Tyson etwas in Frage stellen. Erstens hat Mike Tyson im Juni gegen Lennox Lewis verloren und zweitens haben einige Religionsministerien islamischer Staaten im Frühling dieses Jahres den Boxsport mit "menschlichen Hahnenkämpfen" verglichen und somit zu einer unislamischen Sportart erklärt. Inwiefern beeinflussen Sie diese beiden Sachverhalte?

Rolle : Dubai scheint sich um die Ächtung des Boxsportes seitens einiger Religionsministerien nicht zu kümmern. Dubai will langfristig seine Beziehungen - politisch wie wirtschaftlich - mit Europa erweitern und stärken. Ausserdem gab es eine Herausforderung von Firat Arslan an Lee Manuel Osie um den WBB-Titel. Der Kampf sollte laut Vorschlag in Istanbul stattfinden. Eine Ächtung des Boxsportes in islamischen Ländern kann ich daher nicht feststellen.

Was die Wahl der Kämpfer betrifft legen wir uns auf diese beiden Namen nicht so fest. Es müssen namenhafte Kontrahenten sein. Wir können jetzt natürlich alle noch nicht wissen, wer im nächsten Jahr an der Weltspitze steht, aber auf jeden Fall soll es eine interessante Paarung sein.

Boxingpress : Man liest immer wieder in den Zeitungen von Ihrer Verbindung zu Graciano Rocchigiani. Wie sieht diese Verbindung genau aus?

Rolle : Frau Kuhnert, seine neue Freundin, hat auf dem letzten Kampfabend für die Kinder der Doppeldeckung gesammelt. Rocky selber hatte sich damals für seinen Kampf gegen den Kanadier hier bei uns vorbereitet. Er ist ein Mensch mit sehr viel Herz und er ist ein phantastischer Vater. Er hat einen hervorragenden Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen hier, wir hatten lange Gespräche und wir werden wohl auch noch in Zukunft das eine oder andere gemeinsam machen.

Ich möchte allerdings nicht sehr viel vorgreifen, denn sobald diese Dinge spruchreif sind, werden wir diesbezüglich eine Pressekonferenz abhalten. Das ist auch schon ziemlich sicher.

Boxingpress : Frau Rolle, ich bedanke mich für dieses Gespräch.


Dieser Beitrag im Archiv

Der Beitrag stammt vom 18. September 2002 und steht in der Rubrik Weitere Beiträge. Sie versammelt 17 Beiträge aus dem Archiv, 6 davon aus demselben Jahr. Der ursprüngliche Beitrag umfasst 1.938 Wörter Fließtext und liegt damit an 3. Stelle des Umfangs innerhalb dieser Rubrik. Die Einordnung folgt der Adresse, unter der er ursprünglich erschienen ist, und nicht einer nachträglichen Bewertung des Inhalts: Eine heute vorgenommene Zuordnung wäre eine Vermutung, und eine falsche Vermutung fiele später niemandem mehr auf.

Zum Beitrag ist eine Originalaufnahme erhalten, sie misst 190 Pixel in der Breite. Das ist die Größe, in der Bilder im Web dieser Jahre ausgeliefert wurden, und sie setzt die Grenze für die Darstellung: Eine Aufnahme wird höchstens auf das Doppelte ihrer eigenen Breite gebracht, weil darüber hinaus nur noch Unschärfe entsteht. Deshalb steht sie klein neben dem Text und nicht über ihm.

In der zeitlichen Folge seiner Rubrik steht der Beitrag an 4. Stelle von 17. Davor liegt Boxing Records Archive aus 2002. Danach folgt BP-Boxbücher: "Literatur für die Runden 1 bis 6" aus 2002. Diese Reihenfolge ist die des Erscheinens und nicht die der Bedeutung; sie eignet sich, um einen Zeitraum am Stück zu lesen, und weniger, um einen einzelnen Namen zu verfolgen. Dafür ist der Boxerindex der kürzere Weg.

In derselben Rubrik stehen unter anderem Boxen - Sport - Boxsport, Boxing Records Archive und Die Boxingpress-P4P-Liste. Der Weg durch das Archiv führt entweder über die Rubrik, wenn ein Zeitraum gesucht wird, oder über den Boxerindex, wenn ein Name gesucht wird. Für die reinen Zahlen einer Karriere sind die Kampfrekorde der kürzeste Weg, und zwei davon lassen sich im Rekord-Vergleich unmittelbar nebeneinanderlegen.

Häufige Fragen zu diesem Beitrag

Wann ist dieser Beitrag erschienen und in welcher Rubrik steht er?

Er trägt das Datum 18. September 2002 und gehört zur Rubrik Weitere Beiträge, die im Archiv 17 Beiträge umfasst. Aus dem Jahr 2002 stammen davon 6.

Ist der Text gegenüber der ursprünglichen Fassung verändert worden?

Inhaltlich nicht. Entfernt wurden Navigation, Werbeflächen und Seitenfuß, hinzugekommen sind die Angaben zu Rubrik, Jahr und Umfang neben dem Text. Der Beitrag selbst gibt den Kenntnisstand von 2002 wieder und wird nicht an spätere Entwicklungen angepasst.

Welche Beiträge stehen im Archiv unmittelbar davor und danach?

Innerhalb der Rubrik Weitere Beiträge steht dieser Beitrag an 4. Stelle von 17. Davor liegt "Boxing Records Archive" aus 2002. Danach folgt "BP-Boxbücher: "Literatur für die Runden 1 bis 6"" aus 2002.

Wie umfangreich war der ursprüngliche Beitrag und sind Fotos erhalten?

Der ursprüngliche Beitrag umfasst 1.938 Wörter Fließtext; innerhalb seiner Rubrik steht er damit an 3. Stelle von 17. Erhalten sind 1 Originalaufnahme, die breiteste davon misst 190 Pixel. Es sind Webbilder ihrer Zeit; sie werden in der Breite gezeigt, die die jeweilige Datei hergibt, und nicht darüber hinaus vergrößert.