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BP-Kommentar: Boxen macht blöd - Über den Niveauverfall diverser Boxexperten


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Boxen? Da ist doch nichts dabei! Hauen und schlagen kann schließlich jeder, meinen viele und so plappern sie alle munter darauf los, wenn es um Boxer, Kämpfe und Können geht.

Ein Boxforen-User: „ Maske schwitzt schon beim Einmarsch wie 'ne Sau, ich geb ihm 'ne halbe Runde gegen den Hill. “

Ein gutbezahlter ZDF-Sportmoderator dagegen schwärmt von weithergeholten Schwingern und stuft solche „Anfängerfehler“ fälschlicherweise schon mal als Spezialität eines Boxers ein.

Einem RTL-Kollegen macht es nicht viel aus, wenn ein WM-Herausforderer durch den Ring stolpert und beim Angriff seine Balance verliert. Das passiert eben, wenn hinter Schlägen eine ganze Menge Wucht steckt, meint jener Boxexperte lapidar und verkennt dabei, dass das Halten des Gleichgewichts zu den elementarsten Grundlagen im Boxen gehört. Und eine Prominente, die vom Moderator verzückt als Boxexpertin vorgestellt wird, weil sie schon so viele Kämpfe miterlebt hat, weint gar bittere Tränen, wenn der Weltmeister um seinen verdienten Knockout gebracht wird, weil der Herausforderer in der Rundenpause freiwillig aufgibt. Was sollen da erst die armen Schaulustigen am Unfallort sagen, wenn es keine Toten oder blutüberströmten Schwerverletzten zu begaffen äh bestaunen gibt?

Ein Boxforen-User: „ Ich habe fast alle Runden mit 10:10 gewertet. Der Herausforderer war zwar besser, aber der Champion hat halt den Meisterbonus bei den Punktrichtern! “

Tja, die Boxregeln sind ja so einfach und passen auf eine einzige Schautafel, die vor dem Kampf im TV eingeblendet wird. Kein Wort über die zig Ausnahmen und Sonderfälle. Mitpunkten kann also jeder. Man muss schließlich nur die Treffer zählen. Wer die meisten hat, gewinnt. Und wenn ein Schlag daneben geht, drückt man eben ein Auge zu. Überhaupt sieht man auf einem Auge eh besser, wenn es nach dem bekannten ZDF-Slogan geht. Wen wundert es da noch, dass bald schon jeder Kampf strittig und jedes Urteil ein Skandal ist? Der eine hält den Rückzug eines Boxers für einen genialen Schachzug und höchste taktische Finesse, der andere sieht darin lediglich eine feige Flucht. Und genau das ist der springende Punkt. Beim Boxen kann jeder mitreden, selbst wenn er keinen blassen Schimmer von der Materie hat. Alles nur Auslegungssache und bis zehn zählen kann jeder! Ähnlich gehaltvoll und oberflächlich verlaufen dann auch die Kampfbesprechungen und Boxanalysen im Internet. Wenn es dem Prospect nicht gelingt, das Fallobst auf die Bretter zu schicken, zeugt das gleich von mangelnder Schlagkraft. Oder wackelt ein Boxer nach einem vermeintlich schwächeren Treffer spricht das automatisch für mangelnde Nehmerqualitäten.

Disput zweier Boxforen-User: „ Meiner boxt deinen schwindlig, bis deiner kotzt! “ „ Blödsinn, meiner haut einfach solange drauf, bis deiner kotzt !“.

Nicht so wichtig, ob der Boxbeobachter genau ins Schwarze trifft, ob er die individuellen Verhältnisse berücksichtigt, die von Kampf zu Kampf, von Boxer zu Boxer verschieden sind. Hauptsache, er wird schnell seine Bemerkung los, ob irgendeine Boxerweisheit, ein altkluges Besserwisser-Statement, eine abgedroschene Phrase oder einfach eine billige Provokation. Wichtig ist nur, dass man seine Meinung lautstark und mit hocherhobenen Händen „verkauft“. Manche lassen sich eben schon mit Halbwissen und bescheidenen Kenntnissen ins Bockshorn jagen oder beeindrucken. Da fällt es auch nicht so auf, wenn ein ZDF-Moderator nach der ersten Runde von einem gleichwertigen Fight eines Luan Krasniqi gegen Tony Thompson sprach. Ganz anders als der feige Lamon Brewster gegen Wladimir Klitschko , der nach besagter Moderatorenmeinung nur zum Abkassieren gekommen war und chancenlos aufgegeben hatte. Ein paar Runden später ereilte Krasniqi bekanntlich ein ähnliches Schicksal. Künstlerpech und fehlgeschlagene Konkurrenzschelte seitens des Kommentators.

Ein Boxmoderator: „ Der Boxer hat vom Ringrichter in der Rundenpause den Punktestand erfahren. “

Zum Glück trennt sich auf Dauer für gewöhnlich die Spreu vom Weizen und irgendwann rächt es sich, wenn angebliche Autoritäten inhaltslose Stammtisch-Parolen ohne fundiertes und sachliches Wissen zum Besten geben. Plötzlich schauen fanatische Groupies dumm aus der Wäsche, wenn ausgerechnet der Lieblingsboxer etwas macht, womit niemand gerechnet hat. Dann ist das Geschrei groß, man schüttelt fassungslos den Kopf und glaubt tatsächlich, dass Dramen wie das Abraham-Massaker, die Schulz-Posse oder die diversen Klitschko-Verschwörungs-Rachen-Fehden in der Boxhistorie einmalig seien. Dabei sind diese Geschichtchen so alt wie der Boxsport selbst und die echten Boxexperten wundern sich lediglich darüber, wie leicht die Leute immer noch zu beeinflussen sind, sich zottelige Bären aufbinden lassen und wie wenig sich im Grunde seit Dempsey & Co. geändert hat.

Seltsam, auf der einen Seite ist Boxen angeblich ein Sport der primitiven Leute und ebenso primitiv zu erlernen. Alles was man braucht, sind zwei Fäuste, Gerade, Haken und ein Halleluja. Auf der anderen Seite soll Boxen aber auch eine Metapher fürs Leben sein und Intellektuelle vergleichen die Ring-Schlägerei gerne mit Schach. Ganz zu schweigen von der ganzen Ästhetik, die ein schweißnasser Pugilisten-Körper versprüht. Obwohl der Insider weiß, dass die meisten Boxerfrauen erst auf eine Dusche bestehen, bevor sie ihren wackeren Kämpfer liebkosen. Also irgendwie scheint er doch nicht so einfach zu sein, der Boxsport, wenn sich so viele „kluge“ Geister daran streiten. Kein Wunder, dass der Ring im Boxgeschäft Ecken hat und ein Jab nicht unbedingt immer das Gleiche ist wie eine gerade Führhand.

Die Besserwisser, Groupies und andere Koryphäen allerdings gucken eifrig über die kleinen, aber feinen Unterschiede hinweg und reimen sich die Dinge zusammen, wie es ihnen am besten passt. Das hat schon fast etwas von „Speakers' Corner“ an sich, eine Ecke im Londoner Hyde Park, wo einst Henker ihres Amtes walteten und heute Redner und Zuhörer sich verbal und zur allgemeinen Belustigung an die Gurgel gehen. Eine Irrenanstalt oder der dynamischste Spiegel des menschlichen Bewusstseins auf dieser Welt? Vielleicht liegt die Antwort in der Mitte. Ein junger Mann kletterte dort einst auf einen Zaun und hielt sich an einer Laterne fest. Minutenlang plapperte er in einem Kauderwelsch, das keiner verstand und gestikulierte dabei besonders passioniert. In seiner Rede waren albanische, deutsche, russische und gelegentlich englische Worte auszumachen, auch mal ein lateinisches. „ Was sprichst du da überhaupt? “ brüllte ein Zuhörer. „ Du solltest Kloputzer werden bei dieser ganzen Scheiße, die du da verzapft “, schrie ein anderer. So viel über das Niveau des Publikums. Aber nun begann der junge Mann gänzlich Englisch zu sprechen. Er erklärte, dass er bisher nur Sprachsalat von sich gegeben hatte, weil er zeigen wollte, wie bedeutungslos die Kommunikation manchmal sein kann. Ein interessanter Ansatz, der sofort und jäh mit „Halt's Maul!“ unterbrochen wurde.

„Speakers Corner“ - einst sprachen hier die zum Tod Verurteilten ihr letztes Gebet bzw. ihr letztes Wort. Und um mehr als das letzte Wort scheint es heute bei den ganzen Diskussionen gar nicht mehr zu gehen. Schade eigentlich, denn das führt gelegentlich dazu, dass die wenigen echten Kenner sich allmählich zurückziehen und vor den ständig wiederkehrenden Worthülsen und Endlosschleifen kapitulieren. Kein Wunder, wenn Journalismus und Expertentum auf wirklich wichtigen Gebieten wie Gesundheit, Familie, Frieden etc. genauso funktioniert und kindergartengleich abläuft wie bei der Boxberichterstattung, den Boxdiskussionen und Analysen, dann ist ein „Time to say good-bye!“ wohl am angebrachtesten. Samstag, 11. August 2007


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Der Beitrag stammt vom 15. Oktober 2007 und steht in der Rubrik Kommentare. Sie versammelt 5 Beiträge aus dem Archiv, 2 davon aus demselben Jahr. Der ursprüngliche Beitrag umfasst 1.135 Wörter Fließtext und liegt damit an 2. Stelle des Umfangs innerhalb dieser Rubrik. Die Einordnung folgt der Adresse, unter der er ursprünglich erschienen ist, und nicht einer nachträglichen Bewertung des Inhalts: Eine heute vorgenommene Zuordnung wäre eine Vermutung, und eine falsche Vermutung fiele später niemandem mehr auf.

Originalfotos sind zu diesem Beitrag nicht erhalten. Bei einem Teil des Bestands ließen sich die Bilddateien nicht mehr unter ihrer alten Adresse wiederherstellen, bei einem anderen Teil kam der Beitrag von vornherein ohne Bild aus. Die Aufnahme oben gehört entsprechend nicht zum Original, sondern ist eine eigene Aufnahme zur Rubrik Kommentare.

Genannt werden in diesem Beitrag Wladimir Klitschko, Luan Krasniqi und Henry Maske. Ein vollständiger Kampfrekord ist zu keinem dieser Namen erhalten. Weitere Beiträge, in denen sie vorkommen, erschließt der Boxerindex, der die Namen quer durch alle Rubriken zusammenführt.

In der zeitlichen Folge seiner Rubrik steht der Beitrag an 5. Stelle von 5. Davor liegt BP-Kommentar: Felix Sturm - Ein Mann, ein Wort aus 2007. Diese Reihenfolge ist die des Erscheinens und nicht die der Bedeutung; sie eignet sich, um einen Zeitraum am Stück zu lesen, und weniger, um einen einzelnen Namen zu verfolgen. Dafür ist der Boxerindex der kürzere Weg.

In derselben Rubrik stehen unter anderem BP-Kommentar: Felix Sturm - Ein Mann, ein Wort, BP-Kommentar: Boxen im Zweiten und BP-Kommentar: Buuuh?. Der Weg durch das Archiv führt entweder über die Rubrik, wenn ein Zeitraum gesucht wird, oder über den Boxerindex, wenn ein Name gesucht wird. Für die reinen Zahlen einer Karriere sind die Kampfrekorde der kürzeste Weg, und zwei davon lassen sich im Rekord-Vergleich unmittelbar nebeneinanderlegen.

Häufige Fragen zu diesem Beitrag

Wann ist dieser Beitrag erschienen und in welcher Rubrik steht er?

Er trägt das Datum 15. Oktober 2007 und gehört zur Rubrik Kommentare, die im Archiv 5 Beiträge umfasst. Aus dem Jahr 2007 stammen davon 2.

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Welche Boxer werden in diesem Beitrag genannt?

Namentlich Wladimir Klitschko, Luan Krasniqi und Henry Maske. Zu keinem dieser Namen ist im Archiv ein vollständiger Kampfrekord erhalten. Weitere Beiträge zu einem bestimmten Namen erschließt der Boxerindex.

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