Leserforum Forumsbeitrag
Das Diskussionsforum für Sportfans! : Regina Halmich vs Stefan Raab
Sie ist die Pionierin des professionellen Frauenboxens in Deutschland. Regina Halmich ist aber mehr als die Blonde mit flinken Fäusten. Die 24-Jährige ist eine Weltklasse-Athletin. Am Sonnabend steigt sie in der Wandsbeker Sporthalle gegen die unbesiegte Ungarin Szilvia Csicsely in den Ring. Im Abendblatt-Gespräch zieht sie auch Parallelen zum Film "Girlfight", der momentan in den Kinos läuft.
ABENDBLATT: Frau Halmich, in den Kinos läuft derzeit der Film "Girlfight". Eine fast erwachsene Schülerin namens Diana, die ihre Konflikte mit der Faust regelt, ist vom Boxen fasziniert und erlernt sauberes Kämpfen in einem New Yorker Gym - gegen den Willen ihres Vaters. Was haben Sie aus dem Film gelernt? REGINA HALMICH: Wohl nichts. Aber ich kann nachempfinden, wie sie denkt. Warum sie boxen muss, warum sie nicht zum Aerobic geht. All diese Fragen gab es bei mir auch vor sechs Jahren. Der Film ist spannend, man fiebert mit, wie sie sich vorbereitet, wie sie in den Ring geht. Das Feeling kommt rüber. ABENDBLATT: Aber ist die Darstellung realistisch? HALMICH: Sie boxt später gegen ihren eigenen Freund. "Rocky" war auch nicht realistisch und ist trotzdem ein Kultfilm geworden. ABENDBLATT: In "Girlfight" geht es vor allem um die Entwicklung des Charakters . . . HALMICH: . . . Wer boxt, hat einen starken Charakter. ABENDBLATT: Hat man den vorher, oder entwickelt man den erst? HALMICH: Die einen fangen mit dem Boxen an, weil sie selbstbewusster werden möchten, und sehen das aus Selbstverteidigungsgründen. Ich war immer selbstbewusst, ich musste mir nichts beweisen. ABENDBLATT: Was müssen Sie bei der 21 Titelverteidigung Ihres Weltmeistergürtels im Junior-Fliegengewicht beweisen? Oder ist das alles Routine? HALMICH: Routine hin und her, es kommt der Tag, da werde ich auch geschlagen. Dass man die Gegnerin unterschätzt, das ist beim Boxen Gift. ABENDBLATT: Haben Sie im Dezember Alina Schaternikowa aus der Ukraine unterschätzt, die Sie in Essen gehörig unter Druck gesetzt hat? HALMICH: Nein, nein. Natürlich bin ich routinierter im Ring, aber deswegen bin ich genauso aufgeregt, genauso angespannt. Jeder Kampf läuft anders. ABENDBLATT: Man lernt also im Kampf noch was? HALMICH: Ich nehme aus jedem Kampf irgendwas mit, jede Gegnerin ist anders . . . ABENDBLATT: . . . aber alle kennen Sie und wissen, wie Sie boxen . . . HALMICH: Niemand ist unschlagbar. Nicht dass ich den Titel am Sonnabend verlieren möchte, aber es wird irgendwann passieren, dass jemand besser ist. Dann gibts einen Rückkampf, dann wirds richtig spannend. Es ist nicht so, dass mich eine Niederlage zum Aufhören zwingt. ABENDBLATT: Haben Sie richtig Angst zu verlieren, oder ist das nur ein stetes ungutes Gefühl? HALMICH: Ich bin realistisch, aber Angst vor einer Niederlage habe ich nicht. Man geht mit dem Gedanken in den Ring: Ich werde heute gewinnen. Eine Niederlage wäre zu verkraften, weil ich mich damit schon auseinander gesetzt habe, dass es passieren kann. ABENDBLATT: Würde es das Frauenboxen in Deutschland zurückwerfen, wenn eine Pionierin wie Sie, wenn die Galionsfigur ihren Weltmeistertitel verliert? HALMICH: Ach! Leute interessieren sich nicht für Titel. Hauptsache, sie sehen gute Kämpfe. Max Schmeling hat auch verloren, und sie haben ihn gefeiert. Bei guten Kämpfen sind die Leute zufrieden, dass sie nicht verarscht werden. Dass nicht zwei ungleiche Gegner im Ring sind, wo man schon beim Reingehen weiß, wer der Sieger sein wird. ABENDBLATT: Und für diesen fairen Kampf müssen Sie so hart trainieren und immer wieder Gewicht abkochen? HALMICH: Vor einem Kampf ist es jedes Mal dieselbe Prozedur, die einem schon fast zum Halse raushängt. Aber man muss fit sein. Der Kampf soll ja nur das Sahnehäubchen sein. Du machst über 100 Sparringrunden in der Vorbereitungszeit. Du kletterst die Berge hoch, musst laufen, machst Kraftübungen - das ist Wahnsinn. ABENDBLATT: Macht das noch Spaß? HALMICH: Nicht wirklich. Boxen ist kein Spaß. Aber in dem Moment, wo man im Ring steht und gewonnen hat, weiß man, wofür man sich gequält hat: Ich habs geschafft, ich habe einen guten Kampf gemacht. Na ja, nicht immer, ich hatte auch schlechte Tage, wie man weiß. Aber trotzdem: Das ist wie eine Erlösung. ABENDBLATT: Ist das nicht auch beim Tennis so, wo sich zwei gegenüberstehen, und nur einer kann gewinnen? HALMICH: Boxen ist körperbetont. ABENDBLATT: Aber beim Tennis wird entschieden mehr verdient. Werden Sie da neidisch? HALMICH: Neid ist falsch, jeder von meinen Kollegen hat sein Geld verdient. Gerechtigkeit in der Bezahlung gibts nicht. Ich verdiene nun mal nicht so viel wie Dariusz Michalczewski. Aber das hat sich schon geändert, ich habe jetzt gute Sponsoren, die einem auch Anerkennung bringen. Das ist ein Verdienst meiner Arbeit. ABENDBLATT: Das war aber auch ein langer Weg mit 35 Profikämpfen seit 1994 Manche Boxer brauchen nur eine Hand voll Kämpfe und sind in aller Munde. HALMICH: Die Fernsehquoten sind bei mir besser als bei den meisten Männern. ABENDBLATT: Und doch hat Ihr Hamburger Promoter Universum andere Boxer besser vermarktet als Sie. HALMICH: Meine Fangemeinde ist erstaunlich groß, der Zuspruch ist unglaublich. Seit meinem zwölften Lebensjahr bewege ich mich in Männerdomänen. Da lernt man den rauen Ton. Es ist nur manchmal so, dass ich auf Universum Druck ausüben muss. Damit man nicht nach hinten gedrängt wird, muss man schon ab und zu auf sich aufmerksam machen. Das ist so, wenn man 20 Profis im Gym hat. Jeder ist ein Individuum. Mein Werbevertrag mit Müllermilch kam von Universum, der mit Alex von meinem Berater Werner Köster. Um manche Dinge kümmere ich mich selbst. ABENDBLATT: Hat eine Frau, die sich schlägt, es schwerer in der Werbung als erfolgreiche Boxer wie die Klitschkos? HALMICH: Für die Sponsoren ist wichtig: Wenn 'ne Frau boxt, muss sie gut aussehen. Das ist einfach so. Die wollen, dass sie weiblich rüberkommt. Michele Aboro zum Beispiel ist Weltklasse, aber sie wird die Chancen nicht haben, weil sie maskulin aussieht. ABENDBLATT: Das ist aber doch ein Klischee: Sie ist hart, aber sie ist blond - wahlweise umgekehrt. HALMICH: Das ist mein Vorteil. Ich trage diesen Gegensatz in mir, dass ich weiblich bin, obwohl ich diesen harten Sport betreibe. ABENDBLATT: Ist Boxen eine Frauenbewegung oder Teil der Frauenbewegung? HALMICH: Das kann man alles vergessen, das ist alles Quatsch. Ich boxe, weil es eine Leidenschaft ist. Ich habe weder emanzipatorische Gründe, noch habe ich mir irgendwas dabei gedacht. Es gab mal ein Mädchen, das ist in ein Gym gekommen, hat einen Sandsack gesehen, das hat ihr Spaß gemacht. Und das war ich. ABENDBLATT: Sind die Frauen im Sport, in der Wirtschaft, in der Gesellschaft auf dem Vormarsch? HALMICH: Frauen sind benachteiligt, aber sie sind trotzdem auf dem Vormarsch. Leistung wird sich durchsetzen. Man kann jemanden auf Dauer nicht ignorieren. Das ist wie bei mir, wo sie gesagt haben: Muss das sein? Ich habe gute Kämpfe gemacht. Dann haben viele angefangen, ihr Urteil einzuschränken: Wir mögen es nicht, aber Regina HALMICH ist in Ordnung. Es hat längst ein Umdenken stattgefunden. ABENDBLATT: Können sich Boxerinnen auch gehen lassen wie Männer, wenn die Ring-Schlachten geschlagen sind? HALMICH: Wir sind alle nur Menschen. Nach dem Kampf kann ich gerne was trinken und ausgehen. Man würde ja sonst verrückt werden, immer nur dieses Leben zu führen wie ein Asket. Nach dem Kampf hat man zwei Wochen Narrenfreiheit. ABENDBLATT: Was motiviert Sie noch für den Ring? HALMICH: Einen richtigen Schub bringt mir die Anerkennung. Schulterklopfer brauche ich nicht, aber dass die Leute die Leistung anerkennen, das reicht. ABENDBLATT: Was deprimiert Sie? Ist es so ein Satz wie der des Kiewer Bürgermeisters Alexander Omeltschenko, der bei Ihrem Auftritt im Dezember 1998 gesagt hat, die Frau sei "von Gott für das Haus und das Bett bestimmt" und könne allenfalls in der Oper oder im Ballett auftreten? HALMICH: Das hat mich an dem Abend schon berührt, weil ich nicht damit gerechnet habe. In Kiew habe ich gegen die Viktoria Pataki einen sehr guten Zehnrundenkampf gemacht. Die Kritik ist einfach nicht fair, wenn ich da auf eine Frau reduziert werde. ABENDBLATT: Es gibt da ein Lied der "Ärzte" über Frauen, die ab und an etwas Haue ganz gern haben . . . HALMICH: (singt) Manchmal, aber nur manchmal . . . Ich finde die Ärzte cool. Das ist schön ironisch. ABENDBLATT: Was hat in dem Film "Girlfight" der Charakter Diana, was Sie auch haben? HALMICH: Der Wille ist wichtig, der Biss. Alles andere kannst du dir antrainieren. Talent ist gut, aber wenn man den Biss nicht hat, lernst du ihn nicht. ABENDBLATT: Spielt die soziale Herkunft eine Rolle? HALMICH: Ich komme aus einem gutbürgerlichen Elternhaus. Es ist nicht so, dass ich boxen musste, um aus den Slums herauszukommen. ABENDBLATT: Im Film schlägt Diana ihren Freund im Ring. Ist das der heimliche Wunsch einer jeden Boxerin? HALMICH: Es reicht, wenn man mit Männern im Sparring boxt. Männer sind physisch einfach stärker. Ich habe auch schon Männer k.o. geschlagen, so ist das nicht. Aber hier in Hamburg im Gym, das sind Profis, da lässt sich keiner die Butter vom Brot nehmen. Außerdem ist da keiner in meiner Gewichtsklasse. ABENDBLATT: Wird ein Kampf in den USA, wo Frauenboxen große Aufmerksamkeit erzeugt, ein Traum für Sie bleiben? HALMICH: Jetzt ist noch nicht die Zeit, weil das Geld, das ich möchte, noch nicht geboten wurde. Aber ich werde in den USA boxen, und wenn es in fünf Jahren ist als Abschluss meiner Karriere.