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Der BoxingPress-Kommentar:
Boxen
im Zweiten
von Thorsten
Fritsche
„Mit
dem Zweiten sieht man besser.“ So lautet der Werbespruch des
ZDF, der uns von allerhand Prominenz, ein Auge dabei zugedrückt,
in den letzten Jahren nähergebracht wurde. Allerdings muss man sich
als Boxfan fragen, was man denn „besser“ sieht, wenn es eigentlich
nicht viel zu sehen gibt? Nun ist man als Anhänger des Faustkampfs
nicht gerade vom deutschen Fernsehen verwöhnt und daher eventuell
geneigt, ebenfalls ein Auge zuzudrücken. Doch beim Vergleich mit
den Boxübertragungen speziell aus dem US-amerikanischen Ausland stellt
der Zuschauer unweigerlich diverse Mängel fest. Dort gibt es mehrköpfige
Kommentatorenteams, die sich sogar unterschiedliche Meinungen erlauben,
eigene und durchgehend geführte Punktwertungen und vor allem Übertragungen,
in denen mehrere vollständig und ungekürzt gesendete Kämpfe
die Regel sind. Während die Kollegen von der ARD dies zumindest teilweise,
wenn auch in abgespeckter Form, umzusetzen versuchen und vor allem in
ihren gelegentlichen Übertragungen aus den USA sehr viel Engagement
zeigen, herrscht bei der Sendeanstalt aus Mainz scheinbar Lieblosigkeit
bis Desinteresse am wirklichen Boxsport. Dabei sind die Kritikpunkte nicht
neu, es sind de facto seit Jahren die gleichen. Jedoch scheint dem Sender
nichts daran gelegen, diese zu verbessern, viel mehr werden sie teilweise
sogar noch schlimmer.
Dass dem Zuschauer interessante und international bedeutende Kämpfe
des Partners Universum Box-Promotion, in denen es zum Teil sogar um WM-Titel
geht, vorenthalten werden, wurde von BoxingPress schon mehrfach kritisiert,
zuletzt in der Jahresumfrage 2004. Dadurch, dass sich an dem Sachverhalt
bis heute nichts geändert hat, wird es aber weder besser noch vergessen.
Erst in den letzten Wochen hat sich das ZDF wieder zwei eklatante Patzer
in dieser Hinsicht erlaubt. Am 26. November ging in Leverkusen das stallinterne
UBP-Duell zwischen Andreas
Kotelnik und Mohamad
Abdulaev über die Bühne – allerdings weitestgehend
ohne den Fernsehzuschauer, da das ZDF den Kampf in einer wenige Minuten
langen Zusammenfassung abfertigte. Klaus-Peter Kohl und
Jean-Marcel Nartz von Universum sprachen auf der Pressekonferenz
von einem Kandidaten auf den Kampf des Jahres. Der Autor schließt
sich dem angesichts der Qualität der dargebotenen Leistung beider
Boxer gern an, bezweifelt aber, dass der Kampf in Zuschauerumfragen, wie
z.B. der BoxingPress-Jahresumfrage, wirklich gewählt wird, allein
deshalb, weil ihn nur wenige Boxfans zu sehen bekommen haben. Davon ganz
abgesehen versicherten die Herren des Hamburger Boxstalls, dass ihnen
der Boxsport in allen Gewichtsklassen am Herzen läge, egal ob bei
den schweren oder den leichten Athleten. Aber muss es dann nicht in der
Seele weh tun, wenn der Fernsehpartner derart lieblos seinen Job verrichtet
und dem zahlenden Publikum solche Kämpfe, die wirklich als Werbung
für Boxer und Boxstall angesehen werden können, weitestgehend
vorenthält?
Wladimir
Sidorenko, immerhin WBA-Weltmeister im Bantamgewicht, kam
an dem Abend noch vergleichsweise gut weg. Nach dem Ausfall Felix
Sturms als Hauptkämpfer wurde er zunächst als Nachrücker
benannt, musste aber letztlich Jürgen
Brähmer weichen. Eine Entscheidung des ZDF, das seinem
Publikum lieber den deutschen Boxer aus einer schwereren, vermeintlich
attraktiveren Gewichtsklasse bieten wollte? Sicherlich ein Zug, der auf
Vermarktbarkeit und Bekanntheit der beiden Boxer basiert. Letztlich hat
der Schweriner mit seiner Leistung gegen Henry
Porras den Sendeplatz rechtfertigen können und daher
sei es ihm gegönnt. Aber auch hier wurde der Weltmeisterschaftskampf
am Ende auf sieben Runden zusammengeschnitten. Es ist durchaus vorstellbar,
dass die Zuschauer noch weniger von dem Duell gesehen hätten, wenn
Brähmer nicht vorzeitig gewonnen hätte. Die Entscheidung, Sidorenko
als Hauptkämpfer durch Brähmer zu ersetzen, rechtfertigte Jean-Marcel
Nartz auf der Pressekonferenz damit, dass der Ukrainer noch nicht so bekannt
sei und daher würde man ihn in Zusammenfassungen dem TV-Publikum
näher bringen, bis er schließlich auch Hauptkämpfer werden
würde, vergleichbar mit dem Vorgehen beim Ungarn Zsolt
Erdei. Klingt soweit einleuchtend. Allerdings war der kleine
Ukrainer bereits in seinem Kampf gegen Julio
Zarate, als er sich im Februar dieses Jahres den WM-Gürtel
holte, als Aufzeichnung zu sehen.
Am 3. Dezember gelang es dem ZDF, diese „Leistung“ noch zu
toppen. Sergei
Dzindziruk, ebenfalls bei UBP unter Vertrag stehender Ukrainer,
nahm dem Titelverteidiger Daniel
Santos den WBO-Weltmeistergürtel im Superweltergewicht
ab und lieferte dabei die beste Leistung seiner bisherigen Karriere. Wer
in der Halle war, kann sich glücklich schätzen, den spannenden
Kampf gesehen zu haben, denn der Rest der Boxgemeinde bekam dank ZDF nur
eine kurze Zusammenfassung mit wenigen Highlights – von einem Weltmeisterschaftskampf
wohlgemerkt. Bei einem Felix Sturm oder Luan
Krasniqi wäre dies undenkbar. Aber warum wird Leuten
wie Dzindziruk die Aufmerksamkeit vorenthalten? Weil sie aufgrund einseitiger
ZDF-Berichterstattung unbekannt sind und in der Masse der in Zusammenfassungen
servierten Nachrücker als gesichtslose Nummer untergehen? Beisst
sich hier nicht die Katze selbst in den Schwanz? Man kann sich des Eindrucks
nicht erwehren, zumal auch einem Großteil des Publikums in der Halle
die beiden Boxer unbekannt zu sein schienen.
Sicher sind einige Boxer aus verschiedenen Gründen vermarktbarer
als andere und die Sendezeit für Live-Übertragungen begrenzt.
Aber im Nachtprogramm im Anschluss an das Sportstudio und die Live-Sendung
böte sich mit Sicherheit der Sendeplatz, um den Boxfans, die sich
für Leute wie Dzindziruk, Sidorenko, Kotelnik usw. interessieren
und sich die Kämpfe dankbar ansehen würden, das vom Mainzer
Sender ohnehin aufgezeichnete Bildmaterial in voller Länge zu präsentieren.
Dies käme auch dem Bekanntheitsgrad der Boxer zugute. Die ARD macht
in Kooperation mit dem MDR vor, wie es gehen könnte. Beim mitteldeutschen
Sender werden die Kämpfe aus dem Vorprogramm am nächsten Vormittag
als Aufzeichnung ausgestrahlt. Es bedarf sicher keiner Sendepartner, um
einen geeigneten Sendeplatz zu finden. Anscheinend hat das ZDF jedoch
schlicht kein Interesse daran. Anders ist es nicht zu erklären, dass
man bis heute nichts Vergleichbares auf die Beine gestellt hat. Stattdessen
feiert man in der zur Verfügung stehenden Sendezeit lieber einen
„fast- und irgendwie eigentlich ja doch- Weltmeister“ in nichtssagenden
Interviews ab oder befragt die anwesende Prominenz aus Funk, Fernsehen
und anderen Sportarten zu den Duellen im Ring und hofft auf ein wenig
Fachwissen und mit der eigenen Analyse übereinstimmende Kommentare.
Boxübertragungen als Berichterstattung einer VIP-Party? Lieber Rummel
und Show statt Sport? Nein, danke. Wie Kollege Jörg Lüdemann
bereits anlässlich der Jahresumfrage 2004 schrieb: Bei den
Mainzern „sendet man konsequent an den Bedürfnissen und
Kenntnissen der Boxfans vorbei.“ Das blieb auch 2005 so.
Es sei ausdrücklich angemerkt, dass sich die Kritik in erster Linie
auf den übertragenden Sender bezieht und nicht auf Universum Box-Promotion.
Der Hamburger Boxstall wird wahrscheinlich nur begrenzten Einfluss auf
die Kampfauswahl des Fernsehpartners haben und froh um jede Möglichkeit
der Fernsehpräsenz sein, die sich bietet. Dennoch muss man auch dort
zur Einsicht gelangen, dass man gegenüber der Konkurrenz Sauerland
Event-GmbH und dessen deutlich bemühterem Fernsehpartner ARD ins
Hintertreffen gerät. Es kann nur im eigenen Interesse sein, Abhilfe
zu schaffen. Bei den Spotlight-Veranstaltungen ist man dazu übergegangen,
die nicht auf Eurosport übertragenen Kämpfe dem Kunden als Stream
auf der eigenen Internetseite anzubieten. Eine löbliche Idee, die
man mit ausgesuchten Kämpfen der UBP-Veranstaltungen ausbauen könnte.
Oder hält das ZDF Bildmaterial unter Verschluss, das es niemals gedenkt
auszustrahlen?
Ein weiterer Kritikpunkt der Vergangenheit war die Besetzung des Kommentatoren-
bzw. Moderatorenpostens. 2004 wurde der in seiner Ahnungs- und Hilflosigkeit
schon bemitleidenswerte Marco Schreyl als Moderator durch
René Hiepen ersetzt, der seinerseits den Kommentatorenstuhl
für Günther-Peter Ploog frei machte. Ein zunächst
Besserung versprechender Zug, da Ploog zuvor schon durch kritischere Töne
aufgefallen war und besser vorbereitet zu sein schien, als sein Kollege,
der regelmäßig parteiisch kommentierte und zwischendurch mit
fehlendem Fachwissen, wie der „legendären zwölften
Runde zwischen Ali und Foreman“
glänzte. Doch lange währte die Hoffnung auf Besserung nicht,
denn inzwischen hat sich Ploog seinem Vorgänger in Stil und Aussagen
erschreckend angenähert.
Viel zu selten kommentiert Ploog tatsächlich das Geschehen im Ring
und geht auf Details ein. Wenn überhaupt, werden nur die taktischen
Vorgaben des Trainers aus dem Vorbericht wiederholt oder man bleibt bei
nichtssagenden Allgemeinheiten, wie etwa, welcher Boxer sich gerade im
Vorwärtsgang befindet.
Boxtheoretische Litaneien und Vorträge im Stil eines Teddy
Atlas vom amerikanischen Sender ESPN mögen nicht jedermanns
Geschmack treffen und für einen Großteil des deutschen TV-Publikums
schlichtweg des Guten zuviel sein, doch etwas mehr fachkundige Einblicke
zu den gerade gezeigten Aktionen im Seilgeviert wären auf jeden Fall
wünschenswert. Wenn dies die Fähigkeiten des Herrn Ploog übersteigt,
sollte sich das ZDF einmal darüber Gedanken machen, seinem Kommentator
einen Experten aus den Reihen (ehemals) aktiver Boxer oder Trainer zur
Seite zu Stellen. Positive Beispiele gab es in der Vergangenheit genug
und wurden von BoxingPress schon mehrfach namentlich genannt. Kandidaten
gibt es sicher einige. Allerdings tut sich in dieser Hinsicht beim Zweiten
Deutschen Fernsehen seit Jahren nichts. Angst vor Nonkonformität
des Experten? Die Befürchtung, er könne mit der Meinung des
angestammten Kommentators einmal nicht übereinstimmen und die besseren
Argumente haben? Für die Kollegen aus den USA kein Problem. Dort
kommt dies immer wieder vor und es entstehen interessante Diskussionen.
Aber die zumeist heile und stets in ihrer Sicht der Dinge gefestigte Boxwelt
des ZDF verträgt scheinbar keine zwei Meinungen. Denn auch Günther-Peter
Ploog ist mittlerweile dazu übergegangen, die Athleten des Hamburger
Boxstalls in schöner Regelmäßigkeit auch bei knappem Kampfverlauf
siegen zu sehen. Zuletzt wieder beim zweiten Duell zwischen Regina
Halmich und Elena
Reid am 3. Dezember. Sah der Kommentator zur Mitte des Gefechts
noch einen engen Kampf, so hatte er Halmich zwei Runden später plötzlich
uneinholbar vorn. „Wie das?“, fragt man sich und würde
zu gern einen Blick auf den Notizzettel mit der Punktwertung des guten
Manns werfen. Aber existiert der überhaupt? Punktet Herr Ploog wirklich
mit oder kommt er auf diese Behauptung nur, indem er den bisherigen Kampfverlauf
grob überschlägt? Oder hatte er zu diesem zeitpunkt den offiziellen
Punktestand erfahren und bemühte sich ab da, die Zuschauer schon
einmal darauf einzustimmen? Zuschauerwertungen sind ja ganz nett und schön
interaktiv, aber viel interessanter wäre da doch eine eigene Punktwertung
des ZDF-Kommentators nach dem offiziellen System, die durchgehend geführt
wird und somit nachvollziehbar ist. Dann wüsste man zum Beispiel
auch, wie die Herren vom ZDF darauf kommen, dass dies ein klarer Sieg
von Regina Halmich war, mit dem sie die Scharte aus dem ersten Duell angeblich
ausgewetzt hat, wie so überzeugt behauptet wurde. Und das möglichst
oft. Damit es wirklich jeder glaubt?
René Hiepen ist inzwischen auf dem besten Weg, seine schwache Darbietung
als Kommentator auf dem Moderatorenposten noch zu überbieten. Auch
hier herrscht bei ihm meist Einseitigkeit und was im und am Ring noch
an Kritik übrig blieb, wird von Hiepen dann endgültig glattgebügelt.
Selten genug erfährt man bei den Nachbesprechungen Neues, sondern
bekommt die Aussagen aus den Interviews und Analysen im Ring direkt nach
dem Kampf noch einmal als gestreckten Aufguss aufgewärmt.
Den ein oder anderen Totalausfall leistet sich Hiepen noch immer. So wollte
er von Schwergewichtler Luan Krasniqi nach dessen Niederlage gegen WBO-Weltmeister
Lamon
Brewster wissen, wie es sich anfühlt, wenn man schwer
KO geht. Leider stand es mit der Schlagfertigkeit des Ahleten zu diesem
Zeitpunkt nicht mehr zum besten. Anders hingegen Thomas
Ulrich, der spitzfindig konterte, dass er am Berg gegen seinen
Gegner keine Chance mehr gehabt hätte, nachdem ihn Hiepen mit "Jan
Ullrich" angesprochen hatte. Den Interviews mit den boxenden
Damen verlieh der schöne René zuletzt einen Hauch von "Anmache"
und damit eine weitere unsachliche Note. Wirklich glänzen konnte
Herr Hiepen zuletzt bei Stefan Raab in TV-Total mit seinem
Fachwissen über Fußball. Vielleicht sollte er besser bei dieser
Sportart bleiben.
Fazit: „Mit dem Zweiten sieht man besser?“ - In Bezug
auf den Boxsport definitiv nicht. Viel mehr muss man im Gegenteil Sehstörungen
oder gar komplette Blindheit attestieren. Unheilbar?
Samstag,
17. Dezember 2004
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