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Andy Liebing zum zweiten Mal Deutscher Meister
Die Berliner Lokalboxevents entwickeln sich immer mehr zu gesellschaftlichen Ereignissen und gewinnen auch aus sportlicher Sicht zunehmend an Bedeutung. Ging es in den vergangenen Jahren in erster Linie um Talentschau und die ersten Kämpfe der Profi-Boxneulinge, geht es mittlerweile bei vielen lokalen Boxevents immerhin um "Weltmeisterschaften" der WBB oder, wie am vergangenen Sonntag im Berliner Sport- und Erlebniszentrum bei einem Event von Ralf Reiser, um die Deutsche Meisterschaft im Mittelgewicht. Auch die Vorkämpfe bargen einiges an Technik, Taktik und vor allem dem, was der Boxsportfan bei großen Veranstaltungen oft vermisst: Kampfgeist und Siegeswillen von beiden Kontrahenten.
1. Kampf: Marco Schulze vs. Marcen Gierke, Mittelgewicht, angesetzt auf 4 Runden
In einem von Anfang an mitreissenden ersten Kampf wurde Marcen Gierke bereits in der ersten Runde niedergeschlagen und angezählt. Der Profi-Debütant erholte sich jedoch gut und wehrte sich weiter tapfer, dennoch hatte er Marco Schulze (1-0-0) konditionell und technisch zu wenig entgegenzusetzen. Sieger nach Punkten: Marco Schulze
2. Kampf: Cenk Ulu vs. Oganes Owsepian, Weltergewicht, angesetzt auf 4 Runden
Der Berliner Türke Cenk Ulu (1-0-0), der durch seinen unsauberen Kampfstil sehr unangenehm auffiel, konnte dennoch die ersten beiden Runden für sich gegen den Routinier Oganes Owsepian verbuchen, der jedoch in den letzten beiden Runden durch seine Kondition den Kampf herumzureissen verstand. Die Kämpfer konnten mehrmals auch nach dem "Break"-Kommando nicht voneinander lassen und warfen sich selbst nach der Trennung durch Schiedsrichter und Trainerzurufe böse Blicke zu. Auf dem BP-Punktezettel stand es unentschieden, was dem tatsächlichen Punkturteil entsprach: Unentschieden nach Punkten. Dieses Urteil wurde von den aufgeheizten, eigens angereisten Fangemeinden mit Buh-Rufen aufgenommen.
3. Kampf: Serdar Akova vs. Cizicz Sladko, Halbschwergewicht, angesetzt auf 4 Runden
Serdar Akova, der leider mit dem falschen Kampfrekord von 1-0-0 annonciert wurde, (er kämpfte in seinem bisher einzigen Kampf unentschieden gegen Rene Hübner) dominierte den Bosnier Sladko, der sein Profidebüt gab, schon von Beginn an. Der Gastboxer wehrte sich durch unfaires Verhalten wie Kopfstoßen, Innenhände und Herumreissen des Gegners. Während der ersten zwei Runden wurde Sladko aufgrund von schweren Treffern an den Augen mehrmals vom Ringarzt untersucht. In der dritten Runde schliesslich setzte Akova dem Kampf durch einen krachenden Haken ein Ende. Der Bosnier wurde niedergeschlagen und von Ringrichter Joachim Jacobsen an- und ausgezählt. Das offizielle Urteil lautete: Sieger durch KO nach 2:15 der dritten Runde Serdar Akova.
4. Kampf: Timur Lavric vs. Gene Pukal, Schwergewicht, angesetzt auf 4 Runden
In einem wenig mitreissenden Kampf gewann Timur Lavric aus Moldawien wenig überzeugend gegen Gene Pukal aus Berlin nach Punkten. Die schwergewichts-typische Härte der Schläge führte zwar bei beiden Kämpfern zu stark blutenden Cuts, jedoch war der Kampf technisch gesehen wahrlich kein Leckerbissen. Sieger nach Punkten Timur Lavric.
5. Kampf: Ali "Tyson" Yildirim vs. Hradek Hrabak, H albschwergewicht, angesetzt auf 4 Runden
Der Kampf begann typisch für den Ex-Berliner- und Norddeutschen Meister der Amateure. Ali "Tyson" Yildirim (1-0-0, 1 KO) schlägt sehr schnell und hart. Der Gastboxer aus Prag, Hradek Hrabak (10-4-0), war mit diesem Tempo sichtlich überfordert und hatte seine Mühe, sich den aggressiven Türken vom Hals zu halten. Mit defensivem Konterboxen aus dem Rückwärtsgang überstand er die erste Runde. Am Anfang der zweiten Runde konnte Yildirim ( Foto ) seinen 10 Jahre jüngeren Gegner das erste Mal zu Boden schicken.
Dann jedoch setzten bei Ali Yildirim, der sich in den ersten zwei Runden total verausgabt hatte, ernsthafte Konditionsprobleme ein. Mit vielen nur halb kraftvollen, teilweise blind abgefeuerten Schlägen konnte er dennoch oft genug treffen, um den bis zu diesem Zeitpunkt wehrhaften Gastboxer aus Tschechien erneut zum Ringboden zu schicken und auszählen zu lassen. Sieger Ali Yildirim durch KO nach 1:36 der vierten Runde.
6. Kampf: Marian Lavric vs. Michele Hielscher, Schwergewicht, angesetzt auf 4 Runden
Mit dem Sieg seines Zwillingsbruders Timur Lavric am heutigen Abend als "gutes Omen" im Rücken betrat Marian Lavric den Ring. Mit seinen 95 kg war der Moldawier glatte 20 kg leichter als sein Berliner Gegner Michele Hielscher. Dabei wirkte der Deutsche keineswegs übergewichtig, sondern war einfach einen ganzen Kopf grösser als sein Gegner.
Michele Hielscher war zwar in seinen Bewegungen deutlich langsamer als Lavric, jedoch waren seine Schläge so kraftvoll, dass er den Moldawier bereits in der zweiten Runde stehend anzählen lassen konnte. Auch die restlichen Runden konnte der starke Deutsche aufgrund der deutlich besseren Technik für sich verbuchen. Sieger nach Punkten: Michele Hielscher.
7. Kampf: Rene Hübner vs. Pavel Zima, Cruisergewicht, angesetzt auf 4 Runden
Rene Hübner wirkte zwar mit seinen martialisch anmutenden und zahlreichen Tatoos sehr gefährlich, was aber auf den Berliner Pavel Zima wenig Eindruck machte. Zima war von Beginn an respektlos und permanent im Vorwärtsgang. Er zeigte ein breites und ausgereiftes Schlagrepertoire und brachte vor allem viele hart geschlagenen Geraden aus der Distanz schnell und sauber ins Ziel. Rene Hübner ( Foto ) war sichtlich überfordert und wirkte ideenlos, was zu einem Niederschlag in der dritten Runde nach einem kurzen Leberhaken führte. Verdienter Sieger nach Punkten: Pavel Zima.
8. Kampf: Sebastian Sylvester "Stallone" vs. Jury Saitzev, Mittelgewicht, angesetzt auf 4 Runden
Jury Saitzev ( Foto ), der schon auf dem letzten Berliner Kampfabend (von Eva Rolle ) durch sein sauberes und schnelles Boxen gegen Arthur Novak positiv auffiel, wollte es diesmal besser machen (er verlor damals den Kampf nach Punkten). Der Russe begann den Kampf sehr schnell und offensiv. Sebastian Sylvester "Stallone", der sein Profidebut gab, wurde mit einem krachenden rechten Haken zu Boden geschickt und konnte sich von diesem Schlag auch nicht mehr erholen. Sieger durch KO nach 1:34: Jury Saitzev, der sich durch diese Leistung für weitere Kämpfe empfehlen konnte.
9. Kampf: Andy Liebing vs. Jürgen Hartenstein, Deutsche Meisterschaft im Supermittelgewicht, angesetzt auf 10 Runden
In einem harten, ereignis- und abwechslungsreichen und von der ersten bis zur letzten Sekunde spannenden Kampf kämpften die beiden Kontrahenten um den vakanten Titel des Deutschen Meisters im Supermittelgewicht.
Der Berliner Lokalmatador und Ex-DDR-Nationalstaffelboxer Andy Liebing ( Foto ), der in seinem letzten Kampf gegen Attila Kiss eine sehr gute Leistung zeigte, marschierte wie gewohnt zur DDR-Nationalhymne ein, was wie immer zu unterschiedlichen Reaktionen im Publikum führte. Liebing (10-6-1), der seinen Deutschen Meistertitel im Super-Weltergewicht verletzungsbedingt abgeben musste, wollte sich jetzt den Titel (zwei Gewichtsklassen höher) zurückholen. Der Kampf wurde geleitet von Ringrichter Joachim Jacobsen .
Die erste Runde begann mit dem üblichen Abtasten. Beide Boxer kämpften verhalten und vorsichtig, waren darauf bedacht, keinen Fehler zu machen. Liebing, der Schützling vom langjährigen Profi-Trainer Hanne Seifer , boxte diesmal mit überraschend offener Deckung und leichtfüssiger als im Kampf gegen Kiss. Jürgen Hartenstein agierte hingegen in Rechtsauslage mit stabilerer Deckung, aber dafür schwerfälliger. Die erste Runde ging aufgrund der etwas klareren Treffer an den 32-jährigen Liebing.
In der zweiten Runde kam der Schock: Schon zu Beginn der Runde musste der Lokalmatador einen schweren Haken der linken Schlaghand Hartensteins an den Kopf einstecken, der einen stark blutenden Cut am rechten Auge Liebings öffnete. Sein erfahrener Trainer reagierte prompt und befahl seinem Schützling, die Runde sicher zu Ende zu bringen und verarztete ihn anschliessend selber. Die Runde ging mit leichten Punktvorteilen an Hartenstein.
In der dritten bis siebten Runde ändert Liebing die Taktik gekonnt. Durch lautstarke Kommentare seines Trainers geführt, zeigte Andy Liebing die alte DDR-Boxschule par excellence. Er traf, ohne getroffen zu werden und auch der tiefe Cut bereitete keinerlei Schwierigkeiten. Der 32-Jährige schlug lange Geraden aus der Distanz, präzise Kopf- und Körperhaken und war anschliessend direkt wieder ausserhalb der Schlagdistanz des ideenlosen Hartensteins. Der Kontrahent versuchte immer wieder, das rechte Auge noch einmal zu treffen. Dabei ging Hartenstein ( Foto ) teilweise sehr ungestüm nach vorne und wurde dafür von Ringrichter Jacobsen mehrfach ermahnt. Sein Ziel jedoch traf Hartenstein in diesen ganzen fünf Runden nicht ein einziges Mal. Der Ex-DDR-Spitzenboxer war einfach nicht zu treffen. Er tänzelte, pendelte und wich jedem Schlag gekonnt aus. Das Publikum war begeistert.
In der achten Runde kam es zum zweiten Schock: Der sichtlich unter Druck geratene Hartenstein stürmte nach vorne und stieß mit dem Kopf gegen das linke Auge gegen den bisher führenden Andy Liebing, woraufhin sich ein zweiter, sogar noch tieferer Cut öffnete und ebenfalls stark zu bluten begann. Ringrichter Jacobsen war sichtlich erbost und verwarnte den Kontrahenten lautstark mit einem Punktabzug wegen Kopfstoßens. Bei Trainer Hanne Seifer lagen jetzt, nachdem er seinen Schützling verarztet hatte, die Nerven blank. Allzu laute Zurufe des Publikums wurden von ihm mit sich überschlagender Stimme zurechtgewiesen, die Kommandos an seinen Schützling kamen im Maschinengewehrtakt und wurden immer detaillierter. Der gelernte Schornsteinfeger bewies seine Klasse und brachte die Runde sicher mit 10:8 zu Ende, ohne den Eindruck von Nervosität zu vermitteln.
In der neunten Runde rutschte der Ex-Superweltergewichts-DM kurz mit einem Fuß weg und strauchelte. Ein Aufschrei ging durch das Publikum, der Trainer fasste sich an den Kopf, aber der Kampf ging ohne Anzählen weiter. Liebing ( Foto ) befand sich danach auf der sicheren Siegerstrasse und ließ sich keinerlei Konditionsschwächen anmerken. Sicher und souverän boxte er die beiden letzten Runden zu Ende und riss siegesgewiss die Hände hoch. Das Publikum dankte den beiden Kämpfern für diesen würdigen Deutschen Meisterschaftskampf mit standing ovations.
Die Punktrichter werteten mit 100:89, 99:93 und 98:93 für Andy Liebing, der damit zum zweiten Mal den Deutschen Meistertitel innehat. Der 32-Jährige bot eine saubere Leistung, profitierte dabei jedoch von boxerischen Limitation seines Gegners, der seinen sportlichen Zenit schon eine Weile überschritten hat.
Im Rahmen des Kampfabends in Berlin hatte BoxingPress die Gelegenheit, ein sehr interessantes Interview mit Hauptkämpfer Andy Liebing zu führen. Der 32-jährige Deutsche hat eine bewegte Laufbahn hinter sich und kann sich als einer der wenigen Boxer weltweit mit einem Amateur-Sieg über Roy Jones rühmen. Gegenüber BoxingPress sprach Liebing u.a. über seine Kämpfe gegen Jürgen Hartenstein und Roy Jones , einen möglichen EM-Kampf gegen Danilo Häußler , die DDR-Hymne als Einmarschmusik, seine Trainingsmethoden und gibt jungen Boxern einiges mit auf den Weg ...