Berichte Bericht
Schattenboxer - Folge 26 - Sergei Kobozev, verschwunden am 08. November 1995
„1 990 hatten wir einen Traum. Wir holten mit Sergei Kobozev , Yuri Vaulin und Sergei Artemiev drei aussichtsreiche Berufsboxer aus Russland zu uns in die Staaten und wollten mit ihnen die US-Boxszene erobern. Doch es wurde ein Alptraum. Artemiev trug aus seinem Kampf gegen Griffith 1993 einen bleibenden Gehirnschaden davon und musste seine Boxkarriere beenden. Vaulin warf 1991 gegen Tommy Morrison den Sieg weg wie sein ganzes Leben. Obwohl er Morrison schon am Rande einer Niederlage hatte, gab er nach einem Körpertreffer auf. Vaulin war der Typ, der sich gerne mal gehen ließ, er verfiel dem Alkohol, arbeitete später als Wrestler und wurde schließlich zum Sozialfall. Das schrecklichste Schicksal aber ereilte wohl Sergei Kobozev .“ Lou Falcigno , ehemaliger Boxpromotor.
„ Der amtierende USBA-Champion und WM-Herausforderer Sergei Kobozev (31) ist spurlos verschwunden. Der Russe immigrierte 1991 von Sankt Petersburg in die Staaten. Dort lebte er in Brooklyn und galt nach seinen Siegen über John Ruiz, Robert Daniels und Andrew Maynard als große Boxhoffnung im Cruisergewicht. Erst vor wenigen Wochen kämpfte er in Frankreich um die WBC-Weltmeisterschaft. Dort unterlag er umstritten dem Argentinier Marcelo Dominguez durch eine nicht einstimmige Punktentscheidung. Die Umstände seines Verschwindens sind bislang sehr mysteriös. In seiner Freizeit arbeitete der Boxer regelmäßig in einem angesagten Club namens „Paradise“ im russischen Viertel „Sheepshead Bay“. Insider berichten, dass der gutaussehende Kobozev seinen Nebenjob nicht wegen Geld, sondern vor allem „für die Bräute“ machte. In der Vergangenheit wurde sein Name häufig mit Affären und Frauengeschichten in Verbindung gebracht. Von seiner Verlobten Lina Cherskikh gibt es hierzu keine Stellungnahme... “
„Livingston, New Jersey. Auf dem Anwesen von Mafiaboss Spitchenko fand das FBI bei einer Razzia in einem versteckten Grab die Überreste einer Leiche. Bei dem Toten handelt es sich um Sergei Kobozev, einem früheren WM-Boxer, der seit 1995 vermisst wurde. Kobozev fiel vermutlich einem Gewaltverbrechen zum Opfer. Sein verwester Körper weist Schusswunden im Rücken auf, das Genick ist gebrochen. Dem Verdächtigen Alexander Spitchenko werden Verbindungen zur „Brigade“ nachgesagt, einer Art Russenmafia, die durch Schutzgelderpressung, Prostitution, Raub und Betrug ins Visier der Bundespolizei geraten ist...“
„Ich war geschockt, als ich hörte, dass Sergei ermordet worden ist. Ich habe das Gefühl, dass da mehr dahintersteckt, als es den Anschein hat. Der Junge war ein Geldbringer in der Boxszene.“ Tommy Gallagher , Kobozevs früherer Manager und Trainer im Gleason's Gym, Brooklyn
Obwohl 2001 mit Alexander Nosov, Vasiliy Ermichine und Natan Gozman drei Mitglieder der Verbrecherorganisation „Brigade“ des Mordes an Kobozev für schuldig gesprochen wurden, konnte der Fall nie restlos aufgeklärt werden. Immer wieder gab es zum Teil widersprüchliche Aussagen über den genauen Hergang und das Motiv. Gerüchte über eine Bandenfehde oder Spionagetätigkeiten seitens Kobozev machten die Runde. Sicher ist nur, dass Sergei Kobozev seinen letzten Kampf in einer Brooklyner Autowerkstatt verloren hat:
Kobozevs letzter Kampf - die Chronologie seines Verschwindens
3. November 1995 Im „Paradise“ kommt es zu einer Schlägerei, in die der Clubangestellte Kobozev verwickelt wird und dabei zwei Gäste des Hauses verweist. Bei den Randalierern handelt es sich um Alexander Nosov (24) und Vasiliy Ermichine (22), die beide der sog. „Brigade“ angehören, einer Gruppe des organisierten Verbrechens mit mafiaähnlichen Strukturen. Diese Auseinandersetzung erweist sich später als tödliches Verhängnis für den aufstrebenden Boxer.
8. November 1995 Kobozev will seinen Wagen aus einer Werkstatt in Brooklyn abholen, als die besagten Alexander Nosov und Vasiliy Ermichine plötzlich dort auftauchen. Natan Gozman, dem die Autowerkstatt gehört und der ebenfalls Mitglied der „Brigade“ ist, sagt bei der Gerichtsverhandlung 2001 aus, dass der Boxer nicht sehr überrascht über diesen Besuch schien. Kobozev soll es sogar zugelassen haben, dass Nosov freundschaftlich den Arm um seine Schulter legt und ihn in die Innenräume der Werkstatt geleitet. Dort kommt es aus ungeklärten Gründen zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung, in der Nosov plötzlich einen Revolver zieht und Kobozev in den Rücken schießt. Anschließend verfrachten die drei Gangster den schwer verletzten Boxer auf den Rücksitz ihres Geländewagens und fahren einige Stunden ziellos in der Stadt umher. Den sicheren Tod vor Augen fleht der schwerverletzte und blutüberströmte Kobozev um sein Leben, doch Nosov meint dazu spöttisch, er solle seine letzten Atemzüge nicht derart sinnlos vergeuden. Schließlich bringt man den so gequälten Boxer zum Anwesen von Alexander Spitchenko, einem hochrangigen Anhänger der „Brigade“. Dort stirbt Sergei Kobozev grausam, als Vasiliy Ermichine ihm brutal das Genick bricht.
Kobozev begann als Jugendlicher mit dem Boxsport und war als Amateur Kapitän der russischen Armeemannschaft. Seine größten Erfolge waren der mehrfache Gewinn des nationalen Armeegürtels, 1987 die Militärvizeweltmeisterschaft und 1989 Bronze bei den Europameisterschaften. Bei der Olympiade 1988 in Seoul allerdings bekam sein Teamkamerad Nurmagomed Shanavazov den Vorzug in der Halbschwergewichtsklasse und Kobozev musste sich mit der Nominierung als Ersatzmann begnügen. Shanavazov holte später Silber, als er im Finale dem US-Amerikaner Andrew Maynard nach Punkten unterlag.
1990 knockte Kobozev als Berufsboxer seinen einstigen Konkurrenten Shanavazov und 1994 den ehemaligen Olympiasieger Maynard aus. Im gleichen Jahr gewann der Russe den USBA-Titel im Cruisergewicht gegen Exweltmeister Robert Daniels . Einen Sieg über den späteren Schwergewichtsweltmeister John Ruiz hat Kobozev ebenfalls zu verzeichnen.
„Ich bin sicher, dass Kobozev es irgendwann zum Champion gebracht hätte, keine Frage.“ Teddy Atlas , Extrainer von Kobozev
- Fortsetzung folgt - Mittwoch, 16. August 2006