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Schattenboxer - Folge 29 - Von Titanen, Tragödien und Kieferbrüchen
Im Oktober 2006 war ein neuer Held geboren: Weltmeister Arthur Abraham , der in der blutigen Ringschlacht von Wetzlar gegen Edison Miranda mit doppelt gebrochenem Kiefer nicht nur acht Runden lang durchhielt, sondern auch noch nach Punkten gewann.
O-Ton Abraham: „So ein Kieferbruch kann passieren. Im Ring muss man ein Kerl sein, das sagt mein Trainer immer. “
Wenn das Blut in Strömen fließt, der Boxer dennoch nicht aufgibt, dann brüllen viele Fans begeistert: „ Was für ein Krieger, ein echter Kämpfer mit Herz! “ Mit der Fortsetzung des Fights trotz seiner schweren Verletzung hat Arthur Abraham seine Tapferkeit und seinen Heldenmut eindrucksvoll bewiesen. Dafür wird er verehrt und respektiert. Gut, eigentlich hatte Abraham in der fünften Runde bereits mit dem Kopf geschüttelt, seine Aufgabe signalisiert, weil der Ringrichter ein Foul des Gegners angezeigt hatte und er dachte, vorzeitig zum Sieger erklärt zu werden. Doch der Schlag, der Abrahams Kiefer brach, war regulär, wie der Supervisor befand. Plötzlich wurde es hektisch, der Referee, der auf Anraten des Ringarztes die Begegnung schon beenden wollte, überstimmt. Es gab plötzlich die Qual der Wahl, den Kampf wegen Verletzung abzubrechen und Miranda zum t.K.o.-Sieger zu erklären oder Abraham als kampffähig einzustufen und ihn weiterboxen zu lassen.
O-Ton Dr. Wagner nach seinem Abbruch in der Auseinandersetzung zwischen Markus Beyer und Sakio Bika wegen eines Cuts: „ Die Gesundheit des Boxers geht immer vor! “
Nach der Entscheidung des Supervisors revidierte Dr. Wagner, der manchmal nicht unbedingt zu den unvoreingenommensten Ringärzten zählt, auf einmal seinen bereits getroffenen Befund über die Schwere des Gesundheitszustandes und drängte den leidenden Abraham sogar zum Weitermachen. Ebenso Trainer Ulli Wegner und der gesamte Sauerlandclan. Ganz und gar nicht heldenhaft fand sich Weltmeister Abraham plötzlich in der Rolle des unschuldigen Blutopfers. Gejagt von Gegner Miranda und förmlich in die Schlacht getrieben von egoistischen Boxoffiziellen, die eigentlich zum Schutz der Boxers agieren sollten. Aber die Gesundheit eines Faustkämpfers zählt in Wahrheit nicht viel, wenn es um Geld, Gold und Macht geht. So fightete Abraham einen Kampf auf des Messers Schneide zwischen Licht und Schatten und am Ende hatte er schlicht und einfach Glück, dem drohenden Abgrund gerade noch von der Schippe gesprungen zu sein.
O-Ton Billy Chapman 2003: „ Mein Kinn tut manchmal noch heute höllisch weh, aber irgendwann möchte ich noch einmal in den Ring steigen. “
Andere Kämpfer haben jene Portion Glück und Lobby nicht. Vor allem sog. Schattenboxer wie beispielsweise Billy „Butch“ Chapman aus Portland. 2002 führte der frühere „Golden Gloves“-Gewinner gegen Jeff Horan nach Punkten, als er plötzlich eine harte Rechte zum Kinn einstecken musste. Ab diesem Zeitpunkt spuckte Chapman Blut und rannte wie Arthur Abraham ums nackte Überleben. Ebenso heroisch wie der Weltmeister schaffte der damals 27-Jährige mit herunterhängendem Kiefer die angesetzte Distanz und erhielt die knappe Punktentscheidung zugesprochen. „Happy End“ könnte man meinen, doch erstens kommt es bekanntlich anders und zweitens als man denkt.
Denn die Begegnung zwischen Chapman und Horan fand lediglich als sog. „Walkout-Fight“ im Rahmenprogramm der Weltmeisterschaft zwischen Roy Jones Junior und Clinton Woods statt. Viele Zuschauer hatten die Halle nach dem Hauptkampf bereits verlassen und außer den „Hardcore-Boxfans“ interessierte die Auseinandersetzung zwischen Chapman und Horan niemand mehr so richtig. Schließlich gab es hier nicht viel Aufmerksamkeit und Medienrummel zu holen. Chapman war eben nicht der große Champion wie Abraham und genoss erst recht nicht dessen „Privilegien“. Während Abraham in der Kabine von der attraktiven Ringärztin Baroness Alexandra von Künsberg mit Schmerzmitteln behandelt wurde, erhielt Chapman nicht einmal die nötige Erstversorgung. In den Staaten sind nicht wenige Ringärzte der Meinung, dass ihre offizielle Schutzfunktion für die Aktiven ausschließlich am und im Ring gilt. In der Kabine nach einer Begegnung werden sie nur tätig, wenn der Boxer sie dafür bezahlt, sozusagen auf eigene private Rechnung. In Chapmans Fall hatten die anwesenden Ringärzte selbst darauf keine Lust, sondern sie empfahlen ihm lediglich eine Bahre für den Weg ins Krankenhaus.
Und so schleppte sich Chapman selbst zum Legacy Emanuel Krankenhaus. Die Diagnose dort war niederschmetternd und fast identisch mit Abrahams Fraktur. Chapman wurden Titanplatten in den Kiefer verpasst. Er musste wochenlang auf feste Nahrung verzichten und an Boxen war mehrere Monate lang nicht zu denken. Zu allem Überfluss verheilte die Verletzung schlecht, weil ein Antibiotikum zu früh abgesetzt wurde und die Wunde sich entzündete.
Oskar Beck in der „Welt“: „ Abraham hat seinen inneren Schweinehund und alle Schmerzen besiegt und diese blutige Nacht des Kieferbruchs zum Durchbruch genutzt in die Heldengalerie des deutschen Sports. Sobald König Arthur dann wieder halbwegs in der Lage ist, die 320.000 Euro Schmerzensgeld zu zählen und seinen ersten dicken Kampfvertrag in der Millionenliga zu unterschreiben, wird er allen danken, die ihn in dieser Nacht ohne Rücksicht auf seine Gesundheit zum Glück gezwungen haben. Das ist Boxen. “
Billy „Butch“ Chapman bekam für seinen Fight gegen Horan 1200 Dollar. Für die Behandlungskosten von über 20.000 Dollar musste der dreifache Familienvater einen Kredit aufnehmen. An einen weiteren Zahltag als Boxer war gar nicht zu denken. Er hatte Rechnungen zu begleichen, musste mehrere Jobs gleichzeitig annehmen. Er arbeitete tagsüber als Vertreter für Immobilien und abends als Schlachter. Zum Training und folglich zum Kämpfen blieb keine Zeit. Chapmans einst makelloser und aussichtsreicher Kampfrekord war mit einem Schlage wertlos geworden und seine Karriere zu Ende, noch ehe sie richtig begonnen hatte. Auf das ihm zustehende Geld der „Loomis Benefits West“, einer amerikanischen Versicherungsgesellschaft, die bei solchen Events die Krankenkosten der Boxer abdecken soll, wartet er noch heute. „Jones' Square Ring Promotions“ als Veranstalter, die Boxkommission von Oregon, der Versicherungsagent Lawrence Cole und andere Verantwortliche schoben und schieben sich den „schwarzen Peter“ gegenseitig zu, finden Ausreden und spekulieren auf den Faktor Zeit, denn sie wissen, dass Chapman nicht über die nötigen Mittel verfügt, um seine Ansprüche gerichtlich geltend zu machen. So steht Chapman immer noch vor einem riesigen Schuldenberg, angehäuft von Arzt- und Krankenhausrechnungen. Ein Comeback, vier Jahre später, scheiterte bereits nach einem siegreichen Fight.
O-Ton Abraham: „ Mein Motto lautet Leben oder Tod, aber niemals auf die Knie gehen .“
Chapman fightete unter dem gleichen Motto. Dennoch wurde er auf die Knie gezwungen, obwohl er gewonnen hatte und sich wie ein Titan, ein Held, verkauft hatte. Triumph und Tragödie liegen nahe beieinander. Das Drama um Abraham hätte auch ganz anders ausgehen können. Und vielleicht ist die Suche der Antwort auf die Frage „Was wäre gewesen, wenn?“ der härteste Fight in der Zukunft von Abraham, den er bestehen muss, um nicht auf die Knie gezwungen zu werden, durch „falsche Freunde“ etwa, oder durch rücksichtlose Boxmachenschaften, durch den übersteigerten Mediendruck und die damit verbundene Erwartungshaltung und letztendlich durch den Sport selbst. „Natürlich will ich wieder boxen, weil ich den Sport so liebe “, sagte Billy Chapman ein Jahr nach seinem Kieferbruch gegenüber einem Journalisten, „ aber ich kann es mir nicht leisten, noch einmal einen so hohen Preis für eine Verletzung zu zahlen. “
O-Ton Bernard Hopkins nach einem Treffen mit Pflegefall Gerald McClellan , dem heute schwer behinderten Exweltmeister: „ Ich könnte Gerald McClellan sein - nach jedem Kampf. Wer kümmert sich um mein Kind, meine Frau, meine Familie, wenn ich auch so ende? “ - Fortsetzung folgt - Sonntag, 25. März 2007