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Schattenboxer Folge 20
„Fighter, gegen die ich gekämpft habe, sind anschließend nicht mehr dieselben. Ich gehe in sie hinein und hinterlasse bleibende Schäden. Es gibt Boxer, die als Verlierer geboren wurden, ihr ganzes Leben Verlierer bleiben und als Verlierer sterben. Ich gehöre nicht dazu, aber ich habe schon viele dazu gemacht!" Thomas „The Hit Man“ Hearns
Die Macht der (Box-)Mafia stützt sich manchmal einfach auf reine Menschenkenntnis und nüchternen Boxsachverstand, weniger auf pure Gewalt oder billigen Betrug. Ein Beispiel dafür ist Frankie Carbo , der früher das amerikanische Berufsboxen kontrollierte. Carbo war sozusagen der Pate im International Boxing Club, einer Promotervereinigung mit dem Monopol im Profiboxen und den seinerzeit besten und bekanntesten Fightern wie Joe Louis , Sugar Ray Robinson oder Jake La Motta .
Und Jake La Mottas WM-Kampf im Juli 1950 gegen einen italienischen Europameister namens Tiberio Mitri war es, der von Carbo hinter den Kulissen geschickt inszeniert und bereits im Vorfeld entschieden wurde. Carbo wusste nicht besonders viel über den jungen Tiger von Triest. Nur dass Mitri, der Tiger, seinem Kampfnamen alle Ehre machte, nie aufsteckte und gut fighten konnte. Eine echte Herausforderung für den Champion, könnte man meinen. Doch noch etwas wusste Carbo. Mitri fehlte einfach die Schlagkraft und körperliche Substanz, um einem physischen stärkeren „Nehmer“ wie La Motta gefährlich werden zu können. Im Grunde also war der Tiger nur ein gefundenes Fressen für den wilden Stier.
Nicht umsonst hatte sich Carbo wenige Wochen vor der Weltmeisterschaft in Mitris Auseinandersetzung gegen einen gewissen Dick Wagner selbst davon überzeugt. Mit dem Debüt des Italieners in Amerika schlug Carbo sprichwörtlich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Wagner war La Mottas Sparringspartner und „Stallkollege“, hatte auch schon einmal gegen den Weltmeister selbst im Ring gestanden. So konnte er dem Team La Motta aus erster Hand berichten, was es mit dem Tiger wirklich auf sich hat. Gleichzeitig diente Mitris Kampf gegen Wagner im Mai 1950 der WM-Promotion.
Carbo erkannte schnell den besonderen Reiz einer Begegnung zwischen einem Italiener und einem Italo-Amerikaner, doch er musste auf der Hut sein. Das FBI sah ihm genau auf die Finger. In diesen Jahren war der New Yorker Madison Square Garden im korrupten Boxbusiness völlig aus der Kontrolle geraten. Die Ratten bissen die Raubkatzen in den Schwanz, wann immer sie Lust hatten. Darum ermittelte die US-Regierung gegen Carbo und hatte den heiligen Boxtempel zeitweise sperren lassen. Der Fight Jake La Motta gegen Tiberio Mitri war aber als so bedeutend und sportlich gleichwertig eingestuft und vermarktet worden, dass es Carbo gelang, ihn trotzdem im Garden austragen zu lassen. Und noch mehr: Der Fight wurde sogar landesweit im Fernsehen ausgestrahlt. Wegen des großen Interesses und dem FBI konnte sich Carbo bei dieser Auseinandersetzung keine offensichtliche Schiebung oder Manipulation leisten, aber eine solche Maßnahme war nicht einmal notwendig. Selbst wenn der Tiger den wilden Stier bei den Hörnern gepackt hätte, wäre Carbo als Gewinner hervorgegangen. Er hatte im Vertrag mit Mitri eine Rückkampfklausel eingebaut. Die Bahn für eine lukrative Revanche wäre frei gewesen. Wieder im Garden, wieder zur besten Sendezeit. Soweit sollte es jedoch gar nicht kommen.
Nach den ersten Runden stand für Carbo endgültig fest: Tiberio Mitri war ein geborener Verlierer, der tapfer einen Traum kämpfte, der den Titel "Tragödie" trug. Immerhin, sein Geld war er wert. Er verkaufte seine Haut teuer, steckte Runde um Runde ein, aber nie auf. Am Ende verlor er gegen den Weltmeister nur nach Punkten. „Meine Schläge waren wie Streicheleinheiten, seine waren wie ein einziger Vorschlaghammer“ , sagte Mitri später über La Motta. „Von diesem Fight hat er ständig geschwärmt“ , erinnerte sich ein alter Freund des Italieners und berichtete von Mitris Stolz, nicht zu Boden gegangen zu sein, und vom nicht verarbeiteten Groll, diese eine einmalige Chance seines Lebens nicht genutzt zu haben.
Kurz vor der Auseinandersetzung gegen La Motta hatte Tiberio Mitri sogar noch geheiratet, was der Werbetrommel für die Weltmeisterschaft sehr entgegen kam: Fulvia Franco , eine „Miss Italia“, die von einer Schauspiel-Karriere in Hollywood träumte. Sie hoffte, dass sie mit Tiberio Mitri ihre Eintrittskarte in die Glamour- und Glitzerwelt des Showbusiness lösen könnte. Während sich Mitri in den USA auf seinen wichtigsten Kampf vorbereitete, besuchte sie ihn häufig in seinem Trainingscamp und sorgte dafür, dass dies genügend Reporter mitbekamen. Mitris Scheitern bedeutete jedoch auch das Scheitern ihrer eigenen Pläne. Sie erhielt keine Hollywood-Rollen, sondern einen Job in einer Bar in Rom, die Mitri gehörte. Die Bar ging bald pleite, Fulvia ließ sich scheiden. Sein Cousin Massimo Mitri dazu: „Die Heirat war die Katastrophe seines Lebens, die ihn ruinierte. Sie hat ihn nicht nur den Titel und seinen Traum gekostet. Schlimmer, sie kostete ihn seinen Stolz und sein Selbstvertrauen. Sie zehrte von ihm wie ein Parasit und fraß ihn innerlich auf.“
Vorher gelang Mitri aber noch einmal ein kleines Comeback. 1954 boxte er erneut um die Europameisterschaft, nachdem er diesen Titel 1950 wegen eben seiner WM-Chance niederlegen musste. Beinahe unerwartet und spektakulär gewann er bereits in Runde eins durch Knockout gegen den Engländer Randy Turpin , der sogar einmal über den legendären Sugar Ray Robinson siegen konnte. Genau 64 Tage hielt Turpins Triumph an, dann besiegte ihn Robinson in der Revanche. Viel länger dauerte Mitris Aufbäumen auch nicht. Etwa vier Monate nach seinem Titelgewinn verlor er gegen den starken Franzosen Humez vorzeitig. Dreimal in der dritten Runde beförderte Humez den Italiener auf die Bretter. Dann wurde der Kampf gestoppt. Drei Jahre später war Mitris Boxkarriere vorbei.
Alle guten Dinge sind drei, dachte sich Mitri. Nachdem er sich erfolglos als Gastronom und Maler versucht hatte, wollte er unbedingt Schauspieler werden, weiter im Rampenlicht stehen, bewundert und anerkannt. Aber seine Karriere als Darsteller lief genauso schlecht an. Er ergatterte zwar eine Nebenrolle in „Ben Hur“ als badender Römer. Sogar ein paar bessere Nebenrollen in italienischen Produktionen bekam er, schließlich stellte der kräftige, blauäugige und durchtrainierte Mitri einen damals gefragten Typ dar. Als ihm ein Regisseur aber die Hauptrolle in „Il Gridon“ anbot, lehnte ein gebrochener Mitri undankend ab. Es war die Rolle eines „Cornuto“, eines Gehörnten, und sie erinnerte ihn zu sehr an sein eigenes Leben. An sein Scheitern im Ring, an sein Scheitern im Alltag und an das Scheitern seiner Ehe.
Ab 1970 wurden die Rollenangebote rarer und Mitris Geldbeutelinhalt ebenfalls. Er hatte dauernd über seine Verhältnisse gelebt. Aus seinem verschwenderischen Luxus- und Party-Leben blieb nicht viel übrig. Es fingen die traurigen Tragödien an im Leben des Tiberio Mitri. Sein Sohn, den er aus erster Ehe mit Fulvia Franco hatte, starb in den achtziger Jahren an einer Überdosis Heroin. Seine Tochter, die aus irgendeiner seiner zahlreichen Affären stammte, starb an Aids. Bei Mitri selbst wurde Alzheimer diagnostiziert. Er verfiel dem Alkohol und verarmte immer mehr, geistig und körperlich. Seine zweite Frau Mariella Caiazzo ertrug das Ganze mehr als zehn Jahre, bis sie es nicht mehr mit ihm aushielt. 1998 trennte sie sich von ihm, denn er wurde im Suff zunehmend jähzornig und gewalttätig. Umgerechnet 300 Euro Rente bezog er gegen Ende seines Lebens und lebte in einer kleinen Wohnung, die seiner Exfrau Mariella gehörte. Ein Journalist und begeisterter Boxfan startete einen letzten Aufruf in seiner Zeitung: „Mitri benötigte ein Netzwerk an Hilfe. Wir probierten es mit der Organisation und Durchführung, aber es war schon vorher ein verlorener Kampf gegen die Zeit.“
Im Jahr 2001 dann der Schlussgong: Nur bekleidet mit einem alten Mantel über seinem Schlafanzug schleppte sich Tiberio Mitri wie ein müder Stier barfuß auf den Schienen in Richtung Süden. Wohin er wollte, ist unbekannt. Jemand vermutete, er wolle zurück zu seinem Geburtsort, weil er glaubte, man bereite ihm dort einen ehrenvollen Empfang. Doch alles was ihn erwartete, war ein Zug, der auf ihn zuraste, näher und näher kam. Der 74 - jährige Mitri reagierte nicht auf die Alarmsignale, schien sie gar nicht zu hören. Der Lokführer konnte nichts mehr machen und der Tiger von Triest wurde überrollt. Den Helfern bei der Bergung seiner Leiche sagte der in seinem Pass eingetragene Name Tiberio Mitri nichts. Wie es Frankie Carbo ein halbes Jahrhundert vorher treffend erkannt hatte: Tiberio Mitri war ein Loser. Ein gestorbener Verlierer.