Berichte Bericht
Der Fall (des) Juan Manuel Marquez
Anfang der Woche entschied die International Boxing Federation (IBF), ihrem Weltmeister im Federgewicht, Juan Manuel Marquez (Foto oben) , den Gürtel abzuerkennen, da sich der Mexikaner nicht der Titelverteidigung gegen den Pflichtherausforderer Fahprakorb Rakkiatgym stellt. Gleichzeitig ist Marquez Super-Champion beim Verband World Boxing Association (WBA). Voraussetzung für diesen Titel ist es, neben dem Gürtel der WBA einen weiteren Weltmeistertitel bei einem großen Verband zu tragen. Ohne den IBF-Titel wird Marquez folglich in Kürze auch seinen WBA-Gürtel verlieren. Natürlich ist ein Weltmeister zur Verteidigung seiner Titel verpflichtet. Kommt er dem nicht nach, ist es nur richtig, ihm diese abzuerkennen. Also wo liegt jetzt genau das Problem im Fall Marquez? Auf den zweiten Blick sieht die Sache weit weniger einfach aus und man fragt sich, was der Boxer denn hätte tun können, um seine Titel zu behalten.
Tatsache ist, dass Marquez gar keine Möglichkeit hatte, seinen IBF-Titel zu verteidigen, da kein Promoter den Kampf ersteigerte. Als am 26. Juli bei der ersten Versteigerung des Kampfes zwischen Weltmeister Juan Manuel Marquez und Pflichtherausforderer Fahprakorb Rakkiatgym kein einziges Angebot einging, setzte die IBF für den 5. August eine zweite Versteigerung fest. Das Mindestgebot wurde auf die verhältnismäßig geringe Summe von US-$ 50.000 festgesetzt. Doch erneut gab es nicht ein einziges Gebot und somit fand kein Kampf statt. Daraufhin entschied die IBF, dem Weltmeister den Titel abzunehmen, da er nicht zur Pflichtverteidigung antrat.
“ Es ist nicht die Schuld des Boxers und jeder hier fühlt sich schrecklich ,” sagt Lindsey Tucker von der IBF. „Wir mögen Juan Manuel wirklich und er hatte unseren Titel eine lange Zeit gehalten. Wir haben versucht seinen Promoter [Top Rank] und seinen Manager [ Nacho Beristain ] zu erreichen, aber niemand hat geboten. Wir wissen, dass es nicht die Schuld von Juan Manuel Marquez ist, aber der Weltmeister hat die Pflicht, seinen Titel zu verteidigen. Was sollen wir tun? Wir erwarten vom Champion, der Pflichtverteidigung nachzukommen und würden es von seinem Promoter erwarten, den Kampf zu veranstalten.“
Aber was hätte der Boxer tun können, um seinen Titel zu behalten? Kann ihn der Verband wirklich dafür bestrafen, dass sein Promoter ihn anscheinend im Stich lässt? Wenn man die ganze Angelegenheit genauer betrachtet, ist es vor allem das Verhalten des Verbandes, das zu dieser Situation geführt hat.
Zunächst einmal ist es sehr verwunderlich, wie ein Boxer von der Qualität eines Fahprakorb Rakkiatgym bei einem großen Verband wie der IBF überhaupt zum Pflichtherausforderer ernannt werden kann. Die international aufsehenerregendste „Leistung“ des Thailänders im Ring war es bisher, gegen Manny Pacquiao in der ersten Runde schwer KO zu gehen, wobei er nicht weniger als viermal auf die Bretter ging. Seitdem hat Rakkiatgym Siege gegen Boxer eingefahren, die, nach ihrem Rekord zu urteilen, als Aufbaugegner einzustufen sind und zum Teil sehr wenig Kampferfahrung hatten. Angesichts eines solchen Match-ups wird man an diverse, total überforderte Herausforderer erinnert, die schlichtweg nichts in einem Titelkampf zu suchen hatten. Als aktuelles Beispiel sei Mzonke Fana genannt, der im Kampf um den WBC-Titel im Superfedergewicht gegen Marco Antonio Barrera absolut chancenlos in zwei Runden auseinandergenommen wurde und schwer KO ging. Führt man sich die schwachen Verkäufe vor Augen, die dieses einseitige Gefecht als PPV (Pay per view/Bezahlfernsehen) verbuchen konnte und die berechtigte Kritik, die es für diese Veranstaltung als PPV gab, kann man die Zurückhaltung der Promoter bezüglich Gebote für den Kampf zwischen Marquez und Rakkiatgym verstehen. Nur welches Interesse hat ein Verband dann an solchen Ansetzungen?
Allerdings wirft auch das Verhalten von Top Rank, Marquez' Promoter, Fragen auf. Warum hat man seinen Champion nicht vor dieser Ansetzung seitens des Verbandes beschützt, so wie man es sicher von einem einflussreichen Promoter hätte erwarten können? Abgesehen davon, dass es nicht die Regel ist, dass die Titelverteidigung eines namhaften Champions überhaupt in die Versteigerung geht, verwundert es genauso, dass Top Rank kein Gebot für den Kampf abgegeben hat. Selbst eine unattraktive Ansetzung wie diese hätte man für die relativ geringe Summe von US-$ 50.000 ersteigern und als Co-Event auf einer großen Card stattfinden lassen können, nur um an seinem Boxer samt Weltmeistertitel festzuhalten. Überlegungen dieser Art hat Todd duBoef, Präsident von Top Rank, sogar in einem Interview zugegeben. Der Grund dafür, dass nichts von all dem geschehen ist, ist zweifellos das mehr als angespannte Verhältnis zwischen Marquez und dessen Manager Nacho Beristain auf der einen Seite und Top Rank, vertreten durch Todd duBoef, auf der anderen Seite. In der Tat wäre dies der letzte Kampf des Mexikaners unter dem Banner von Top Rank gewesen. Die Zwistigkeiten entstanden, als Marquez es ablehnte, für US-$ 750.000 zum Rematch gegen Manny Pacquiao anzutreten, da er und Beristain der Überzeugung waren, der Kampf wäre eine höhere Börse wert und Top Rank diese Forderung abwies. Laut duBoef sollen Marquez und Beristain später sogar ein Angebot ausgeschlagen haben, für US-$ 1,5 Millionen gegen Erik Morales anzutreten. Beristain soll für seinen Schützling eine Börse von US-$ 3,5 Millionen gefordert haben, was höher als „El Terribles“ Gage gewesen wäre. Sicher ist es vor diesem Hintergrund verständlich, dass Top Rank nicht einmal US-$ 50.000 übrig haben, nur um Marquez die Titelverteidigung zu ermöglichen und ihn dann anschließend samt der Gürtel zu einem anderen Promoter wechseln zu sehen. Trotzdem haben sich duBoef & Co. bei ihrer Arbeit nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Auch wenn das Verhalten Beristains und Marquez' alles andere als clever zu nennen ist und beide somit eine Teilschuld an der Misere des Boxers haben, ist dies keine Rechtfertigung dafür, Marquez die Titel abzuerkennen.
Aber was ist mit Rakkiatgyms Promoter? Er hätte ebenso das Recht gehabt, den Kampf zu ersteigern. Wäre dies nicht vielleicht eine Chance gewesen, den Kampf gegen einen Weltmeister für vergleichsweise wenig Geld ins Heimatland des Herausforderers zu holen? Aber auch er gab kein Gebot ab. Warum? Wenn man ganz verwegen ist, könnte man jetzt über eine Absprache spekulieren. Darüber, dass vielleicht ein Boxer abgewatscht werden sollte, der sich über seinen Manager mit seinem Promoter verkracht hat. So etwas wäre zwar denkbar, wohl auch nicht neu, in diesem Fall aber etwas weit hergeholt.
Der Hohn ist jedoch, dass laut Auskunft von Lindsey Tucker von der IBF Fahprakorb Rakkiatgym keine Sanktionen durch das Ausbleiben eines Angebotes seitens seines Promoters zu erwarten hat. Nach dem aktuellen Stand der Dinge darf er zur Belohnung sogar gegen den Brasilianer Valdemir Pereira um den vakanten IBF-Titel boxen. Warum das so ist, dafür hat Tucker keine Erklärung.
Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt, dass Verbände wie die IBF selten schlüssige Erklärungen für ihre Entscheidungen brauchen. Jedoch zeigt sie auch, dass Boxer vor Gericht durchaus erfolgreich gegen diese Entscheidungen vorgehen können. Man denke nur an das Urteil zugunsten Graciano Rocchigianis gegen den World Boxing Council. Ob Juan Manuel Marquez diesen Weg gehen wird, bleibt abzuwarten. Wenn Nacho Beristain gegenüber der IBF eine ähnliche Einstellung an den Tag legt wie gegenüber Top Rank, scheint dies recht wahrscheinlich. Und sogar Todd duBoef hat offensichtlich Probleme damit, die Begründung der IBF nachzuvollziehen.
„I ch weiß nicht, wie er den Titel auf diese Weise verlieren kann. Ich weiß nicht, wie sie das schaffen. Weil niemand den Kampf [ersteigern] will? Das ist lächerlich. Ich habe so etwas noch nie in meinem Leben gehört “, so duBoef. “ Mir ist es peinlich in diesem Sport zu sein, wenn solche Dinge geschehen. Durch die Aberkennung des Titels erreicht man gar nichts. Er hat ihn sich im Ring verdient. “
Aber auch das hilft Juan Manuel Marquez nicht weiter, der nach seinem spektakulären Unentschieden im Kampf gegen Manny Pacquiao im Mai 2004 kurz davor schien, in die Liga der großen Stars im Boxen aufzusteigen. Er kann jetzt in sportlicher Hinsicht eigentlich nur hoffen, durch seinen Namen und seine sportlichen Erfolge in der Vergangenheit bei einem anderen Promoter unterzukommen und erneut eine Chance auf einen Titel zu bekommen. Ob nun im Federgewicht oder bei der IBF sei dahingestellt.
Bis dahin könnten sich die Ereignisse mit Juan Manuels Bruder, Rafael Marquez , Weltmeister der IBF im Bantamgewicht, wiederholen. Top Rank ist auch sein Promoter. Der Vertrag läuft Ende des Monats aus. Auch für ihn steht eine Titelverteidigung an und zwar gegen den wenig bekannten Südafrikaner Silence Mabuza . Bei der ersten Versteigerung des Kampfes am 9. August bot niemand das Minimalgebot in Höhe von US-$ 25.000. Die zweite Versteigerung war für Freitag angesetzt.
“ Er sitzt im gleichen Boot wie sein Bruder ”, meint Lindsey Tucker. „ Niemand hat beim ersten Mal geboten. Wenn niemand beim zweiten Mal bietet, gehe ich zum Vorstand und lasse abstimmen. “