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Schattenboxer - Folge 23 - Roman Greenberg - Stern oder Schatten?


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Am letzten Wochenende gewann der junge Schwergewichtler Roman Greenberg (Foto) gegen den russischen Journeyboxer Alex Vassilev seinen ersten Titel bei den Profis. Greenberg, laut seinem Manager der Terminator aus Tel Aviv, gilt als „jüdische Hoffnung“ und könnte vielleicht der erste israelische Boxweltmeister werden. Mit dem interkontinentalen IBO-Gürtel hat er jetzt den ersten kleinen Schritt in Richtung WM-Gold gemacht. Dennoch zieht Roman Greenberg einen langen Schatten hinter sich her und noch dürfen nach der gezeigten Leistung gegen Vassilev einige Zweifel an einer glanzvollen und ruhmreichen Karriere angebracht sein. „Stern oder Schatten?“ heißt daher die neue Schattenboxer-Folge, die von Greenberg und seiner größten Bürde handelt.

„ Max Schmeling wurde berühmt, weil in ihm stets mehr gesehen wurde als ein Boxer .“ Martin Krauss , Journalist und Boxautor

„ Man mag es mögen oder nicht, aber die Herkunft bzw. Abstammung ist ein entscheidender und wichtiger Punkt, was die Vermarktung und Verkaufbarkeit eines Boxers angeht. “ Lou Di Bella , US-Promotor und Boxverantwortlicher bei HBO

Roman Greenberg ist eines jener verkaufsträchtigen Boxtalente, von denen man sich in Zukunft in der Königsklasse viel verspricht. Nicht unbedingt allein wegen seines Boxkönnens und seines makellosen Kampfrekords, sondern vor allem wegen seiner Abstammung und seiner Lebensgeschichte, die ihn besonders macht und ein wenig herausragen lässt aus dem Heer der möglichen Champions von Morgen. Denn Greenberg ist jüdischer Herkunft und sein Markenzeichen, der sog. Davidsstern auf der schwarzen Boxerhose, gegenwärtig eine Seltenheit im Ring. Doch vielleicht wird gerade er irgendwann eine zu schwere Last und Bürde für den jungen Hoffnungsträger, was den Erfolg seiner Boxkarriere angeht.

„ Während das weiße Amerika nach einer White Hope Ausschau hält, so sucht die jüdische Welt nach einer blauweißen Hoffnung. “ Formulierung der israelischen Zeitung Ha’aretz

Roman Greenberg wurde 1982 in Russland geboren und spricht Deutsch, Englisch, Russisch und Hebräisch. Seine Familie emigrierte von Moskau über Wien nach Haifa (Israel), als er noch ein Kind war, mit der Zuversicht auf ein besseres Leben und mehr Heimat. Zunächst wurde die vierköpfige Familie im Land ihrer Ahnen jedoch von harten Zeiten willkommen geheißen. Mehrere Wochen waren sie obdachlos, lebten von der Hand in den Mund. Erst nach und nach kamen sie auf die Beine und Roman mit 12 Jahren das erste Mal im „Gordon’s Swimming Centre“ mit dem Boxsport in Berührung. Dort leitet der Russe Tolek Porat noch heute ein Boxgym. 2000 wurde Greenberg bei den Junioren Vizeweltmeister der Amateure und nach seinem Wehrdienst bei der israelischen Armee trat er 2001 ins Lager der Berufsboxer über.

Gegenwärtig lebt er überwiegend in London, der Sicherheit wegen: Zusammen mit einem Freund wollte Greenberg 2001 eine Disco in Tel Aviv besuchen, aber sie hatten damals nicht genügend Geld für den Eintritt. Stunden später jagte dort ein Selbstmordattentäter mit einer Bombe sich und 21 Jugendliche in die Luft. „ Man muss in Israel ständig aufpassen. Man weiß nie, wann oder wo etwas Schlimmes passiert “ erinnert sich Greenberg und meint, dass er lieber in England leben würde als in Israel.

Bislang ist Greenberg als Profiboxer ungeschlagen, dank seiner boxerischen Talente und seiner schnellen Hände, aber auch dank der umsichtigen Gegnerauswahl durch sein Management ( Robert Watermann und Jim Evans ). Kein Wunder, dass man bei seinem Aufbau Vorsicht walten lässt, denn jüdische Boxer sind rar geworden im Boxgeschäft und fast in Vergessenheit geraten. Wer kennt schon noch Benny Leonard , der als einer der besten jüdischen Boxer aller Zeiten galt?

Mit diesem Leonard hatte eine kurze und heute längst vergessene Phase begonnen, in der das Boxen von Juden dominiert wurde. Faktisch endet die Geschichte des Berufsboxens als überwiegend jüdischer Sport mit Kämpfern wie Solly Krieger , Abe Attell , Ruby Goldstein , Sid Terris , Bummy Davis , Barney Ross und Maxie Rosenbloom . Die Frage bleibt: Warum sind Boxer dieser Abstammung so plötzlich verschwunden? Liegt es tatsächlich daran, dass Juden nicht kämpfen können, wie es die Nazipropaganda früher behauptete? Oder hat die jüdische Trainerlegende Ray Arcel es einstmals treffender erkannt: „ Menschen auf den Kopf zu schlagen, ist nicht gerade die größte Aspiration für einen Juden .“

Wie auch immer, noch um 1925 herum gab es mehr prominente jüdische Boxer als in jeder anderen Bevölkerungsgruppe. So jedenfalls schreibt der Wissenschaftler Jeffrey T. Sammons in seinem Buch „Beyond the Ring“ und weiter: „ Der Erfolg war von den Iren zu den Juden übergegangen und sollte zu den Italienern, den Schwarzen und letztlich zu den Latinos weiterwandern, woran man die Aufstiegsstrategien der ethnischen Gruppen erkennen kann, die jeweils am Ende der sozioökonomischen Leiter angesiedelt waren .“ Eine andere Studie, „When Boxing Was A Jewish Sport“ von Allen Bodner , nennt als Grund für das jähe Ende der jüdischen Präsenz im Profiboxen die Tatsache, dass viele jüdische Boxer im Zweiten Weltkrieg in die US-Armee eintraten oder den Nazis zum Opfer fielen (*1). Da endeten dann die Sportkarrieren ganz einfach. Zum anderen aber erlebten, so argumentiert Bodner, die städtischen New Yorker Juden einen kulturellen Schock, als sie plötzlich das ländliche Amerika kennen lernten: „ Der Krieg verschaffte ihnen eine neue und unerwartete Erfahrung von Antisemitismus. “ Dieses Erlebnis hinderte nach Bodners Einschätzung die meisten Sportler daran, nach dem Krieg ihren Beruf wieder aufzunehmen.

In der Tat gibt es seit den vierziger Jahren kaum noch jüdische Profiboxer, und einen großen Weltmeister schon überhaupt nicht mehr. Als prominentester jüdischer Boxer ist den meisten Boxinteressierten auch nicht Benny Leonard in Erinnerung geblieben, sondern einer, der in Wahrheit gar kein Jude war: der Schwergewichtler Max Baer . So heißt es in nicht wenigen Boxpublikationen, Baer sei „Sprössling deutsch-jüdischer Einwanderer“ gewesen. Auch Robert Silverman listet Baer in seinem Buch „The Jewish Athlete's Hall of Fame“ auf. Wohl deshalb nahm man es mit der Authentizität von Baer im Kinoerfolg „Das Comeback“ ebenfalls nicht allzu genau und stellte ihn als eine eiskalte Knockout- und Killermaschine dar. Nach dem Motto, was nicht passt, wird eben passend gemacht. Dabei erlangte Max Baer in den Staaten viel Anerkennung und erfreute sich einer großen Beliebtheit, als er Max Schmeling ausknockte, der überall als Repräsentant Nazideutschlands wahrgenommen wurde. „ Obwohl Baer einen jüdischen Stern auf seinen Hosen trug, war er kein Jude “, schreibt Bodner. Andere Experten gehen noch einen Schritt weiter und glauben, dass Baer sich solcher Insignien wie des Davidsterns nur bedient hat, um seine Solidarität mit den Juden PR-wirksam und geschäftsträchtig auszudrücken. Bodner weiter: „ Was Baers Geschichte allerdings interessant macht, ist nicht die Frage, wie 'jüdisch' er war, sondern die Art und Weise, wie er andere ermutigte und wie sie ihn als Symbol gegen antisemitische Stereotype, egal ob sie aus Amerika oder von den Nazis herrührten, wahrnahmen .“

Sehr religiös ist Roman Greenberg jedoch nicht gerade. Er hatte seine Bar Mitzvah und wurde in seiner Jugend religiös unterwiesen, aber er befolgt die Regeln kaum. Dennoch sagt er: „ Ich fühle mich gut, wenn die Leute sagen, ich sei eine jüdische Hoffnung. Es heißt, die Juden könnten nicht kämpfen. Das stimmt nicht. In ihrer ganzen Geschichte mussten die Juden kämpfen. Und auch im Boxen gab es immer gute jüdische Kämpfer .“ Und schon etliche jüdische Weltmeister in der Boxhistorie, aber eben noch keinen im Schwergewicht. Dabei ist der jeweilige Champ in dieser Kategorie, wie es Noman Mailer einmal übertrieben ausdrückte, „ der große Zeh Gottes “.

Dennoch bleibt die Abwehr von Antisemitismus für Juden nicht mit dem Erlebnis vergleichbar, das die schwarze US-Bevölkerung hatte, als Jack Johnson oder Joe Louis ihre historischen Erfolge feierten. Johnson war der erste schwarze Schwergewichts-Weltmeister der Geschichte. Und Joe Louis hatte, durch seinen schnellen Knockoutsieg über Max Schmeling, die von den Nazis angekündigte Demonstration der überlegenen weißen Rasse blamiert. Während gegenwärtig die Dominanz der schwarzen US-Boxer im Profigeschäft anhält, sind weiße jüdische Boxer kaum noch vertreten und an einer Hand abzählbar: Yuri Foreman , Dmitriy Salita und eben Roman Greenberg heißen die bekanntesten Kandidaten im Rennen um einen Meisterschaftsgürtel.

Bleibt für die "jüdischen Boxfans" nur zu hoffen, dass diesen drei Kämpfern mit dem Stern nicht ein ähnliches Boxschicksal zuteil wird wie Dana Rosenblatt (*2) vor einigen Jahren. Rosenblatt war der Name des letzten jüdischen Hoffnungsträgers, dem man viel zutraute. „ Das könnte der Benny Leonard der neunziger Jahre werden “, behauptete 1996 ein Boxfachblatt euphorisch über den US-Kämpfer. Doch Rosenblatt konnte nicht an die große Tradition anknüpfen, die mit Benny Leonard begann und Ende der dreißiger Jahre endete. Verletzungen und entscheidende Niederlagen in wichtigen Auseinandersetzungen brachten ihn auf die Verliererstraße und verhinderten den Gewinn einer anerkannten Weltmeisterschaft. Ein anderer Fighter, Mike Rossmann , dessen Mutter angeblich Jüdin war, gewann zwar den Weltmeisterschaftsgürtel im Halbschwergewicht, aber ähnlich wie bei Max Baer gab es immer Unklarheiten hinsichtlich seiner jüdischen Abstammung.

„ Gute jüdische Boxer kann man ein wenig mit dem Auftauchen des Halleyschen Kometen vergleichen. Sie tauchen nur ungefähr alle 71 Jahre auf. Der letzte und richtig jüdische Weltmeister war Barney Ross in den 30ern. Aber jetzt ist es bald wieder soweit, denn wir haben Foreman, Salita und Greenberg! “ verkündete Boxmanager Bill Caplan im letzten Jahr verheißungsvoll, als er von der Presse auf die Zukunft der jüdischen Boxtalente angesprochen wurde. Nur der im Boxsport übliche PR-Gag bzw. „Hype“ oder wächst da tatsächlich ein neues Kapitel in der Boxhistorie heran? Spannend wird es auf jeden Fall weiter zu beobachten, ob sich hinter einem der genannten Boxer ein glühender Kometenschweif befindet oder ob sie alle irgendwann mit einem Knall wieder in der Versenkung, im Schatten, verschwinden.

1. Ein Opfer der Nazis war auch der Deutsche Johann Trollmann. Mehr über seine tragische Geschichte gibt es auf BoxingPress unter http://www.boxingpress.de/bp-historie-Sie-kommen-niemals-wieder.htm und http://www.boxingpress.de/bp-inside-trollmann-spezial.htm.

2. „Dangerous“ Dana Rosenblatt ist inzwischen vom Boxsport zurückgetreten und arbeitet heute sehr erfolgreich als Geschäftsmann, Analyst und Vermittler für Kredite und Immobilien.


Dieser Beitrag im Archiv

Der Beitrag stammt vom 17. Juni 2006 und steht in der Rubrik Berichte. Sie versammelt 32 Beiträge aus dem Archiv, 8 davon aus demselben Jahr. Der ursprüngliche Beitrag umfasst 1.594 Wörter Fließtext und liegt damit an 9. Stelle des Umfangs innerhalb dieser Rubrik. Die Einordnung folgt der Adresse, unter der er ursprünglich erschienen ist, und nicht einer nachträglichen Bewertung des Inhalts: Eine heute vorgenommene Zuordnung wäre eine Vermutung, und eine falsche Vermutung fiele später niemandem mehr auf.

Originalfotos sind zu diesem Beitrag nicht erhalten. Bei einem Teil des Bestands ließen sich die Bilddateien nicht mehr unter ihrer alten Adresse wiederherstellen, bei einem anderen Teil kam der Beitrag von vornherein ohne Bild aus. Die Aufnahme oben gehört entsprechend nicht zum Original, sondern ist eine eigene Aufnahme zur Rubrik Berichte.

Genannt werden in diesem Beitrag Max Schmeling. Ein vollständiger Kampfrekord ist zu keinem dieser Namen erhalten. Weitere Beiträge, in denen sie vorkommen, erschließt der Boxerindex, der die Namen quer durch alle Rubriken zusammenführt.

In der zeitlichen Folge seiner Rubrik steht der Beitrag an 24. Stelle von 32. Davor liegt Schattenboxer - Folge 19 aus 2006. Danach folgt Deutsche Meisterschaft der Amateure aus 2006. Diese Reihenfolge ist die des Erscheinens und nicht die der Bedeutung; sie eignet sich, um einen Zeitraum am Stück zu lesen, und weniger, um einen einzelnen Namen zu verfolgen. Dafür ist der Boxerindex der kürzere Weg.

In derselben Rubrik stehen unter anderem Schattenboxer Folge 20, Manuel Charr und Deutsche Meisterschaft der Amateure. Der Weg durch das Archiv führt entweder über die Rubrik, wenn ein Zeitraum gesucht wird, oder über den Boxerindex, wenn ein Name gesucht wird. Für die reinen Zahlen einer Karriere sind die Kampfrekorde der kürzeste Weg, und zwei davon lassen sich im Rekord-Vergleich unmittelbar nebeneinanderlegen.

Häufige Fragen zu diesem Beitrag

Wann ist dieser Beitrag erschienen und in welcher Rubrik steht er?

Er trägt das Datum 17. Juni 2006 und gehört zur Rubrik Berichte, die im Archiv 32 Beiträge umfasst. Aus dem Jahr 2006 stammen davon 8.

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Inhaltlich nicht. Entfernt wurden Navigation, Werbeflächen und Seitenfuß, hinzugekommen sind die Angaben zu Rubrik, Jahr und Umfang neben dem Text. Der Beitrag selbst gibt den Kenntnisstand von 2006 wieder und wird nicht an spätere Entwicklungen angepasst.

Welche Boxer werden in diesem Beitrag genannt?

Namentlich Max Schmeling. Zu keinem dieser Namen ist im Archiv ein vollständiger Kampfrekord erhalten. Weitere Beiträge zu einem bestimmten Namen erschließt der Boxerindex.

Welche Beiträge stehen im Archiv unmittelbar davor und danach?

Innerhalb der Rubrik Berichte steht dieser Beitrag an 24. Stelle von 32. Davor liegt "Schattenboxer - Folge 19" aus 2006. Danach folgt "Deutsche Meisterschaft der Amateure" aus 2006.

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