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Schattenboxer - Folge 31- Frohe Weihnachten, Pedro Alindato
Die sog. Aufbaugegner im Profiboxen werden oft belächelt, wenn nicht sogar ausgelacht. Manchmal wegen ihrer mangelnden Boxfertigkeiten, manchmal wegen ihres untrainierten Aussehens und manchmal wegen ihrer scheinbar realitätsfremden Äußerungen wie: „Gott ist mein Trainer, der Herr mein Manager. Sie werden mich zur Weltmeisterschaft führen.“ Dieser Ausspruch stammte von einem Journeyboxer, der später in die Psychiatrie musste, was einen Spötter veranlasste, überflüssigerweise nachzutreten: „Dort hat er seinen Titel wahrscheinlich mehrmals verteidigt.“
Tja, Schattenboxer haben es wahrlich nicht leicht. Sie sind benachteiligt, wenn es um Kämpfe, Ranglisten oder Titel geht. Sie werden selten von einflussreichen Managern, Sponsoren und Veranstaltern protegiert. Und dann müssen sie bei Niederlagen auch noch mit Hohn und Häme unter der Gürtellinie fertig werden. Verständlich, wenn diese Kämpfer irgendwann zurückschlagen und den Aufstand proben, indem sie mit ihren bescheidenen Mitteln versuchen, das Beste für sich aus dem wirren Beziehungsgeflecht hinter den Kulissen herauszuschlagen.
Einer von ihnen ist der ehemalige Deutsche Meister im Schwergewicht Andreas Sidon (44), der den Mut zeigte und öffentlich in einem Boxforum über sich und seine Boxkarriere berichtete. Dabei nahm er kein Blatt vor den Mund, „plauderte“ Interna aus und versuchte das Internet als Plattform für sich und seine Zwecke zu nutzen. Ein gewagter Schachzug, denn damit machte er sich angreifbar und bei manchen Boxfunktionären und Boxoffiziellen nicht unbedingt beliebt.
Über Sinn oder Unsinn des gebrauchten Kommunikationsmittels kann man geteilter Meinung sein. Fakt ist, dass die Schattenboxer mangels Lobby bei ihren Waffen nicht wählerisch sein können. Erst recht nicht Andreas Sidon, dessen Lebenslauf sich liest wie ein Drehbuch für ein typisches Boxerdrama: Als Kind wird Sidon Vollwaise und wächst in Heimen auf. Später verschlägt es ihn nach Thailand und er verdingt sich als Thaiboxer für wenig Geld in Bars und Clubs. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland boxt Sidon als Amateurboxer in der Bundesliga. Als er mit 36 Jahren die Altersgrenze der Amateure erreicht, wechselt Sidon 1999 zu den Berufsboxern. Dort erlebt er ebenfalls Höhen und Tiefen. 2003 verunglückt der alleinerziehende Vater mit seinem Auto, seine Lebensgefährtin kommt bei dem Unfall ums Leben.
Doch auch was den sportlichen Bereich angeht, hat der Box-Opa einiges in petto. So endete sein zweiter Kampf gegen den späteren Schwergewichtsweltmeister Nikolay Valuev mit einem „No Contest“. Nach mehreren harten Schlägen von Valuev schien Sidon in der dritten Runde angeschlagen und der Ringrichter brach das Duell ab. Zu früh in den Augen der meisten Zuschauer. Die Stimmung in der Halle kochte, drohte zu eskalieren. Die beiden Kontrahenten einigten sich daraufhin weiterzukämpfen. „Mit Händen und Füßen“, wie Sidon sich später erinnerte. Beide Boxer fighteten unter chaotischen Zuständen die Distanz von sechs Runden zu Ende. Nach dem Schlussgong feierte die Menge beide Kämpfer. Feiern konnte der Boxoldie auch 2002 und 2005, als er sich als Stolperstein für die jungen Boxer Yalla Krüger , Marcel Beyer und Willi Fischer erwies und sich überraschend den DM-Titel im Schwergewicht erkämpfte, womit damals nur die wenigsten Leute angesichts Sidons Alter und Karriereverlauf gerechnet hatten.
Keine Frage, Andreas Sidon hatte es oft schwer. Im Leben und als Boxer. Doch nicht immer waren es nur die anderen, die ihm Steine in den Weg rollten. Sidon eckte gelegentlich auch gerne selbst an. Davon blieb sogar sein langjähriger Trainer Detlef Loritz nicht verschont. 2002 brach Sidon mit Loritz und versuchte es auf eigene Faust. Die Quittung: eine empfindliche Knockoutniederlage in der ersten Runde gegen Wayne Llewellyn . Reumütig kehrte Sidon zu Loritz zurück, doch die hohe Kunst der Diplomatie blieb weiterhin seine Achillesferse. Er sagte oft seine Meinung geradeheraus. Manchmal lag er damit richtig, manchmal eben falsch. Besonders, wenn er sich in Rage redete oder sich seine subjektive Wahrheit zurechtzimmerte, wie es die Boxer gerne tun. Meist immer dann, wenn sie sich von den Punktrichtern ungerecht behandelt fühlen oder vom Promotor schamlos ausgenutzt. Es ist der alte leidige Blues vom Treffer, den man eigentlich gar nicht richtig spürt, dem man durch eine entsprechende Bewegung oder eine Reaktion die Wucht genommen hat und den man nicht als Treffer empfindet. Außenstehende wie Zuschauer und Punktrichter bekommen jedoch von diesen Auffassungen und Gefühlsspielereien nichts mit. Sie registrieren nur, dass der Treffer ins Ziel gekommen ist. Aus, Ende, Basta!
Und ähnlich verhält es sich mit dem boxpolitischen Spiel im Hintergrund des Seilgevierts. Sidon sah sich oft als Opfer, fühlte sich nicht genug gewürdigt von den Boxverantwortlichen oder benachteiligt gegenüber anderen Boxern, die bei den großen deutschen Boxställen wie Sauerland, Universum & Co. unter Vertrag sind bzw. waren. Insider können sich noch daran erinnern, als der Bund Deutscher Berufsboxer (BDB) dem Oldieboxer die sportliche Qualifikation verweigerte und ihn zunächst nicht um den ausgeschriebenen DM-Titel gegen Yalla Krüger boxen lassen wollte. Erst als Boxer wie Luan Krasniqi , Timo Hoffmann , Willi Fischer, Rene Monse , Cengiz Koc , Ralf Packheiser oder Marco Heinichen sich nicht für den nationalen Gürtel interessierten, durfte Sidon ran.
Allerdings muss man zugeben, dass die boxerischen Mittel von Sidon begrenzt sind und er keine besonders zugkräftige Boxgeldmaschine für die wichtigsten Promotoren hierzulande darstellt(e). Sicher, seine Lebensgeschichte gibt einiges her, doch das Boxen verkauft sich ohne Sidon genauso prächtig. Die oberflächliche TV-Inszenierung mit Prunk und Promis reicht völlig aus. Ohnehin ist die Boxszene voll von Typen mit schwerer Kindheit oder bewegter Biographie. Knastbruder, Kubaflüchtling, armenisches Armenhauskind oder nackte Weltmeisterin - irgendwer findet sich immer, der beim Publikum einschlägt, Quote und Geld garantiert. In einer Welt, in der es dank vier Weltverbänden von internationalen Titeln nur so wimmelt, ist der DM-Titel einfach nicht mehr lukrativ und vermarktbar genug, leider.
Außerdem, so argumentieren einige Sidon-Kritiker, hatte der betagte Boxrebell ja seine Gelegenheiten. Beispielsweise 2005 gegen Alexander Dimitrenko , als er sich plötzlich als Hauptkämpfer um den interkontinentalen WBO- und IBF-Titel wiederfand und vor einem TV-Millionenpublikum seinen großen Auftritt hatte. Doch den Moment seines Lebens konnte er nicht nutzen. Er wurde „kalt“ erwischt, ging vorzeitig baden und war mit dem Druck bzw. der Situation schlicht überfordert. Nicht zuletzt, weil Dimitrenko an diesem Abend eine Klasse besser war. 2006 war es dann Taras Bidenko , der dem „Box-Opa“ in der Auseinandersetzung um die vakante WBA-Interkontinentalmeisterschaft keine Chance ließ und in der neunten Runde durch technischen Knockout gewann. 2007 bekam Sidon dann einen weiteren guten Zahltag, als man ihm kurzfristig den ehemaligen Amateurboxweltmeister und Olympiasieger Odlanier Solis als Gegner vor die Fäuste stellte. Solis machte mit Sidon kurzen Prozess und es kam, wie es kommen musste. Nach dem vorzeitigen Ende verhängte der Bund Deutscher Berufsboxer gegen den Altmeister durchaus regelkonform eine Schutzsperre, die mit einer Überprüfung des Gesundheitszustandes verbunden war.
Professor Dr. Wagner vor längerer Zeit in einem Interview: „ Vom Bund Deutscher Berufsboxer bekommt kein Boxer mehr, der älter als 35 Jahre ist, eine Erstlizenz als Profi. Ist ein Athlet jedoch erst einmal im Besitz einer Lizenz, ist sie ihm schwer wieder abzunehmen. Wenn ein Boxer alle medizinischen Tests besteht, käme es einem Berufsverbot gleich, ihn dann nicht boxen zu lassen. Es gibt bei uns medizinische Standards, die erfüllt sein müssen. Man kann nicht pauschal sagen, in welchem Alter ein Athlet diese nicht mehr erfüllen kann. Das muss man individuell beurteilen. Theoretisch kann auch ein 50-Jähriger noch boxen. Übrigens ist das Boxen auch für einen 20- oder 25-Jährigen kritisch, es gibt immer ein gesundheitliches Risiko.“ In Sidons Fall dagegen wirkt die Sache für Dr. Wagner ganz simpel. Seine Diagnose zielt ab auf eine mögliche Ablösung einer Ablagerung in der rechten Halsschlagader des Boxers, die unter bestimmten Umständen wichtige Hirn- oder Herzzugänge verstopfen kann. Die logische Konsequenz: Lizenzentzug und sozusagen Berufsverbot für Sidon. Ganz so einfach scheint es allerdings dann doch nicht zu sein, denn Andreas Sidon soll über mehrere medizinische Gegengutachten verfügen, die ihm ohne Bedenken Boxtauglichkeit attestieren. Man darf sich also durchaus die Frage stellen, ob der BDB wirklich um Sidons Gesundheit besorgt ist oder es sich bei dem Lizenzentzug um eine Art Retourkutsche für den unbequemen Sportler handelt. Sidon hatte schließlich die vom BDB angeordnete Untersuchung bei Professor Dr. Wagner schon vorher als Indiz für eine „Verschwörung“ gegen ihn aufgefasst und öffentlich angeprangert.
Trotz seiner erlittenen Niederlagen war er immerhin noch der amtierende Deutsche Meister im Schwergewicht. Verständlich, dass er diesen Titel nicht kampf- und vor allem honorarlos verlieren wollte, zumal die Arena-Box-Promotion ihm ein Kampfangebot um besagte Meisterschaft in Aussicht gestellt hatte. Grund genug für Sidon, die Öffentlichkeit zu suchen und gegen den BDB zu wettern. Zum Teil begründet, zum Teil bloße Stimmungsmache, denn die angeordnete Sperre und die Gesundheitsüberprüfung vom BDB sind nachvollziehbar. Zweifel kommen jedoch zumindest bei der Diagnose, dem Lizenzentzug und der Art und Weise der Aberkennung des DM-Titels auf. Der Titel wurde beispielsweise vom BDB bereits für vakant erklärt, ohne auf die Rechtskraft der Entscheidung zu warten. Und irgendwie klingt die plötzlich festgestellte Untauglichkeit durch den Verbandsarzt etwas weithergeholt, wenn man bedenkt, dass genau der gleiche Arzt einen Boxer mit Kieferbruch förmlich in den Kampf peitschte. Dass hier beim Betroffenen der Verdacht eines abgekarteten Spiels aufkeimt, kann man durchaus nachvollziehen.
Und genau dieses Misstrauen hat sich der BDB durch seine Praxis und vergangene Taten selbst zuzuschreiben. Denn sogar ein heikles Thema wie Gesundheitsschutz im Profiboxen wird bei Bedarf gerne als Trumpfkarte für oder gegen einen Boxer ausgelegt. Bestes Beispiel sind die berüchtigten Cutverletzungen, bei denen ein Gastboxer häufiger vom Ringarzt herausgenommen wird als der Heimboxer. Oder man denke nur an die vielen sportlich ungleichen Duelle, die unter Aufsicht und Segen des BDB stattgefunden haben. Wie oft schon sah man im Ring überforderte, ausgebrannte oder unerfahrene Aufbaugegner, die erst kurzfristig von ihrem Auftritt erfahren hatten und gegen Leute gestellt wurden, die ihnen in allen Belangen (angefangen vom Gewicht über Kampfanzahl bis hin zur Vorbereitung) haushoch überlegen waren. Hier spricht der BDB nur selten von Gesundheitsschutz oder verweist höchstens darauf, dass Sperren anderer Verbände oder die Boxlizenzen ausländischer Boxer den eigenen Verband nichts angehen. So hatte man kürzlich kein Problem damit, einen Boxer wie Thomas Hengstberger trotz laufender Sperre gegen einen kubanischen Olympiasieger und Weltmeister in den Ring zu schicken. Ganz zu schweigen vom sog. Fallobst der Szene, das regelmäßig bei den Boxveranstaltungen gepflückt und zerlegt wird, während der BDB seinen § 16 I links liegen lässt und beide Augen zudrückt, um seinen finanzträchtigen Lieblings-Promotoren nicht in die Quere zu schießen. Mit dieser gängigen Praxis kam einst selbst Dauerverlierer Mario Lupp schon zu Titelfights. Zum „Glück“ legte sich dieser in jenen K(r)ämpfen schnell auf die Bretter und hielt damit besagtes Gesundheitsrisiko für sich und den BDB in Grenzen.
Nicht zuletzt sind es vermutlich die ganzen Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen Boxoffiziellen und Boxpromotoren, die Kämpfern wie Sidon einen Strich durch die Rechnung machen. Der BDB und seine Mannen waren in der Vergangenheit schon einige Male für kleine Mauscheleien und scheinheilige Doppelmoral gut. Wen wundert es, dass das Boxgeschäft irgendwann Boxer wie Sidon produziert, die versuchen, soviel Geld wie möglich mit ihren Fäusten zu machen, koste es, was es wolle. In einer Zeit, in der sich milchschnittige oder selbstverliebte „Boxkings“ und exhibitionistisch veranlagte „Boxqueens“ eine Spur zu oft selbst inszenieren und für Siege gegen handverlesene Gegner verehrt und hochgelobt werden, braucht man sich nicht zu wundern, wenn die „eingekauften Verlierer“ ein größeres Stück vom Kuchen möchten bzw. sich so lange wie möglich am Büfett halten wollen. Solange Boxer der zweiten Garde als schlagbare Kontrahenten, Lückenbüßer oder schnelle Ersatzgegner gebraucht werden, schert es den BDB und seine Mannen wenig, wie es um das Gesundheitsrisiko eines Kämpfers bestellt ist. Erst wenn auf diese Leute mehrfach draufgehauen wurde oder bestimmte Veranstalter für sie keine Verwendung mehr haben, packt man die Gesundheitskeule aus. So erweckt der BDB den Anschein, dass es ihm weniger um den tatsächlichen Gesundheitsschutz eines Boxers geht, sondern mehr darum, bestimmte Interessen zu vertreten oder eine Art Exempel bzw. Denkzettel zu statuieren. Dabei wäre vielen mehr geholfen, wenn der BDB im Vorfeld öfter mal von § 16 I seiner Verbandsbestimmungen Gebrauch machen würde und mehr Wert auf sportlich gleichwertige und ausgeglichene Paarungen legte. Aber das wird wahrscheinlich Wunschdenken bleiben und es werden auch weiterhin die Boxer sein, die die berüchtigten Fehler im System ausbaden müssen.
- Fortsetzung folgt - Donnerstag, 11. November 2007