Kampfvorschauen Kampfvorschau
Markus Beyer vs. Mikkel Kessler - Der Vorbericht
Sauerland und die ARD meinen es derzeit gut mit den deutschen Boxfans: Nach dem blutrünstigen Abraham-Kieferbruch-Massaker und dem monströsen Valuev-Amerika-Spektakel soll am kommenden Samstag der WBC-Weltmeister Markus Beyer (BP-Nr. 3, Foto oben) im dänischen Hexenkessel von Kopenhagen den WBA-Champ Mikkel Kessler (BP-Nr. 2) zur Titelvereinigung im Supermittelgewicht herausfordern (die ARD überträgt live ab ca. 23.00 Uhr). Dabei neigt sich die Karriere des Deutschen allmählich dem Ende zu und die Begegnung mit „Wikinger-Krieger“ Kessler soll voraussichtlich der letzte große Höhepunkt in Beyers Boxerleben werden. Schwanengesang trifft es allerdings vermutlich besser.
Denn früher hieß es: Wenn ein Schwan stirbt, singt er mit letzter Kraft noch mal ein wunderschönes, trauriges Lied. Gut, wie ein Schwan wirkte Beyer noch nie, sondern eher wie eine Art „hässliches Entlein“ mit einigen Höhen und noch mehr Tiefen. Passend dazu ist es ausgerechnet sein gutaussehender Gegner Kessler, der „groß, blond und blauäugig“ sowie ungeschlagen dem strahlenden Helden- und Gewinnertypus entspricht und dem die Zukunft gehört. Beyer dagegen verkörpert mehr das andere voreilige Klischee vom biederen und farblosen „Verlierer-Deutschen“.
Dabei enthält seine Boxkarriere viele Dramen in mehreren Akten, neben denen selbst alte germanische Heldensagen blass wirken. Grandiose Ringschlachten sind hier zu finden, wie der WM-Sieg 1999 in England gegen den Lokalmatadoren Richie Woodhall oder die „Kriege“ gegen Danny Green . Beyer hat seinen Fans sehenswerte „One-Punch-Knockouts“ geboten, z.B. 2000 gegen Leif Keiski oder 2004 gegen Cristian Sanavia . Manchmal gab es auch technisch hochklassige Leistungen wie aus dem Lehrbuch. Man denke nur an die Begegnung 2005 mit Omar Sheika . Nicht zuletzt musste Beyer auch tragische Niederlagen einstecken, so 2000 gegen Glenn Catley , ein Knockout ausgerechnet in der letzten Runde.
Immer jedoch war es Beyer in den letzteren Fällen gelungen, sich noch einmal zu fangen und seinen Gürtel zurückzuerobern. Seine besten Leistungen folgten meist dann, wenn er schon totgesagt wurde. Mit Disziplin, Härte und Fleiß kämpfte er sich nach den Desastern gegen Catley, Green oder Sanavia wieder nach oben und steht damit auch für typisch deutsche Tugenden wie Fleiß, Ausdauer und Bodenständigkeit. Wahrlich ein echter wackerer Germane und Weltmeister also, den Kessler nicht unterschätzen sollte. Erst recht nicht, weil der Deutsche einen krönenden Abschluss möchte und von vielen wieder einmal bereits abgeschrieben wird. Sein letzter Fight gegen Sakio Bika endete enttäuschend mit einem technischen Unentschieden. Der Kampf musste damals wegen einer Cutverletzung von Beyer gestoppt werden, auf Anraten des Ringarztes Dr. Wagner der Gesundheit wegen.
Der Gesundheit förderlich dagegen ist ein Kampf im Kessler-Kessel auch nicht gerade. Keine Frage, der dänische Boxsuperstar und Publikumsliebling geht als Favorit in die Auseinandersetzung. Er hat Heimvorteil und 40.000 Fans werden wie eine Mauer hinter ihm stehen und ihn nach vorne peitschen. Zudem ist Kessler (Foto) größer, jünger, stärker und hat das bessere Boxpotential. Wie soll der gelegentlich kränkelnde und mit sich selbst hadernde Beyer einen solchen Mann schlagen? Noch dazu im Ausland? Und noch dazu, wo der „Wikinger-Krieger“ bei seinem letzten Auftritt gegen Eric Lucas fast schon Boxen in Perfektion zeigte und kaum Schwächen entdecken ließ.
Selbst Beyers Trainer Uli Wegner war angetan von den Boxkünsten des Dänen Kessler und sprach schon fast von einer „Mission Impossible“. Gespannt darf man daher auch sein, wie Wegner seinen Schützling in den Rundenpausen diesmal anpackt. Beyer tickt anders als Abraham und die Kritik nach dem Abraham-Kampf ist sicher an dem alten Trainer-Fuchs nicht spurlos vorübergegangen. Eine wirklich schwere Aufgabe also für alle Beteiligten, denn Kessler scheint im Ring alles zu können. Er kann hart hinlangen, er kann punkten und technisch fechten. Sein Gesicht ist ungezeichnet, er boxt smart. Aber wie so oft im Leben und in Sagen: Jeder hat seine Schwachstelle.
So war es bei Siegfried, so war es bei Achilles und so ist es sicher auch beim dänischen David-Beckham-Verschnitt. Der Erwartungsdruck des heimischen und manchmal frenetischen Publikums wird immens hoch sein. Seine Fans werden viel verlangen und fordern, vielleicht eine Spur zuviel von dem jungen Hoffnungsträger. Vielleicht will Kessler es dann wirklich wissen und fängt an, zu viel zu riskieren. Wenn er sich zu sehr nach vorne treiben lässt, um seinem Publikum eine gute Show zu liefern, kann das schnell ins Auge gehen. Besonders gegen einen starken Konterboxer wie Beyer.
Ansonsten lässt der Boxstil der beiden Kontrahenten eher ein taktisch geprägtes Gefecht vermuten. Mit Rechtsauslegern hat Kessler nicht besonders viel Erfahrung. Entsprechend viel arbeitete er im Gym mit sog. „Southpaws“ wie zum Beispiel Sergey Tatevosyan und Eric Teymour . Auch sein Trainer Ricard Olsen gab zu, dass ihm die Rechtsauslage von Beyer nicht unbedingt behagt. Vermutlich auch deshalb nicht, weil er weiß, dass Kessler gelegentlich bei seiner rechten Schlaghand ein wenig verletzungsanfällig ist.
Wichtig für Beyer wird es daher vor allem sein, dass er seine Deckung und die Defensive nicht vernachlässigt und mit ihr im Ring „arbeitet“ und „agiert“. Dieses Mal kann er nicht vom sog. Heimbonus profitieren und die dänischen Fans werden jede Aktion ihres Lokalhelden stürmisch bejubeln. „Wischer“ können hier schnell zu Treffern und damit Punkten werden. Entsprechend klug, beweglich und schnell muss der Deutsche also boxen. Überhaupt muss er Tempo machen und flinker sein als sein Gegner. Manchmal agiert Kessler etwas langsamer, „hölzerner“ und wenn Beyer hier entsprechend reagiert, kurze Kombinationen zum Kopf und Körper bringt und sich konsequent „rein und raus“ bewegt, kann ihm die Überraschung durchaus gelingen.
Allerdings darf Beyer vor allem die ersten Runden nicht verschlafen. Er sollte den Kampf von Anfang an offen gestalten. Ein schneller Punkterückstand gegen den Dänen wäre fatal und kaum mehr aufzuholen. Der Deutsche gilt eher als ein langsamer Starter, was er sich gegen Kessler jedoch nicht erlauben darf. Umgekehrt hat der WBA-Weltmeister nur wenig Erfahrung damit, wie man mit einem Punkterückstand und dem daraus resultierenden Druck umgeht. Dafür kann der „Wikinger-Mann“ mit seiner Führhand gut umgehen und seine Rechte ist auch nicht von schlechten Eltern. Im Grunde braucht er Beyer nur mit der Linken zu beschäftigen, ihn auf Distanz zu halten und Platz für seine lange Schlaghand zu schaffen. Aber bekanntlich sagt sich das immer leichter als es in der Realität dann wirklich ist. Darum allein lohnt sich das Einschalten, denn Spannung, Dramatik und hochstehender Boxsport liegt in der Begegnung zwischen Kessler und Beyer durchaus in der Luft. Freitag, 13. Oktober 2006