Interviews Interview
Interview mit Andreas Sidon
Ende August strahlte ein kleiner Berliner Fernsehsender namens Spreekanal Bilder vom Aufeinandertreffen zwischen Andreas Sidon und dem 2,17 Meter großen Russen Nicolay Valuev im Mai 1999 aus. Für den damals 36-jährigen Schwergewichtler aus Deutschland war es erst der zweite Fight seiner Profilaufbahn. Sein Kontrahent stieg mit der makellosen Bilanz von 19 Siegen als Berufsboxer in den Ring. Trotzdem endete die auf den ersten Blick ungleiche Auseinandersetzung ohne Sieger.
BoxingPress: Herr Sidon, vor über fünf Jahren standen Sie gegen Nicolay Valuev im Seilgeviert. Wie verlief das Ringgefecht aus Ihrer Sicht? Andreas Sidon: Das war damals in Prag erst mein zweiter Profikampf. Der Fight war auf sechs Runden angesetzt. Valuev brachte in der Anfangsphase gleich ein paar schwere Treffer ins Ziel, so dass ich angezählt wurde. Alles in allem habe ich aber die ersten Durchgänge ganz gut weggesteckt und wurde stärker. In der dritten Runde stoppte der Ringrichter dann die Auseinandersetzung ohne klar ersichtlichen Grund und wollte den Kampf beenden. Doch die Zuschauer waren mit der Entscheidung alles andere als zufrieden und fühlten sich um ihr Eintrittsgeld betrogen. Die Situation schien zu eskalieren, Gegenstände, wie zum Beispiel Sektflaschen und Bierbecher, flogen in den Ring. Daraufhin sprach ich Valuev an, er solle doch weiterboxen. Das tat er dann auch. Und so setzten wir die Auseinandersetzung, teilweise ohne Ringrichter, fort. Valuev schien konditionell Probleme zu haben, doch die Runden wurden zum Teil viel zu früh beendet, so dass sich Valuev über die Zeit retten konnte.
BP: Wie lautete das Resultat am Ende des Kampfes?
Andreas Sidon: Es wurde gar kein Sieger verkündet. Die EBU (European Boxing Union) wertete das Aufeinandertreffen später ohne Wertung als "No Contest".
BP: Sie äußerten im Gespräch mit dem Berliner Spreekanal, dass Sie gerne noch einmal gegen Nicolay Valuev in den Ring steigen würden und einen zweiten Kampf fordern. Ist das denn wirklich realistisch?
Andreas Sidon: Na klar, ich bin seit zwölf Kämpfen in Folge ungeschlagen, Deutscher Meister und WBB-Titelträger. Ich möchte auf jeden Fall noch einmal gegen Valuev antreten. Außerdem bin ich heute viel stärker und besser in Form als beim ersten Aufeinandertreffen.
BP: Manager Wilfried Sauerland erklärte vor einigen Wochen, dass es schwer sei, Gegner für Valuev zu finden. Wurden Sie denn gefragt, ob Sie gegen ihn antreten würden?
Andreas Sidon: Ich wurde nie gefragt, habe es aber von meiner Seite aus angeregt. Sauerland-Matchmaker Hagen Doering schlug mir daraufhin eine Kampfbörse vor, die absolut indiskutabel für mich war. Der Kampf wäre sicherlich in Deutschland von großem öffentlichem Interesse. Auch das Fernsehen könnte dabei mit guten Einschaltquoten rechnen. Deshalb ist es auch legitim, ein ordentliches Angebot und eine ausreichende Vorbereitungszeit zu fordern.
BP: Glauben Sie denn ernsthaft, dass Sie Valuev schlagen könnten?
Andreas Sidon: Wenn ich die ersten vier Runden überstehe und der Kampf über zehn oder zwölf Runden geht, kann Valuev diesen Kampf in meinen Augen nicht gewinnen. Außerdem habe ich den Vorteil, dass Valuev mich nicht mehr überraschen kann. Viele Gegner sehen ihn zum ersten Mal und sind durch seine Körpergröße verunsichert. Aber ich stand schon mit ihm im Ring. Für mich ist es deshalb kalkulierbar, was auf mich zukommt und welche Schläge auf mich warten. Zudem hätte ich den Mut, ihn auch mal an seinem Kiefer zu treffen und kann ihn vielleicht sogar zu Boden schicken.
BP: Zunächst einmal steht aber am 9. Oktober in Fernwald Ihre Verteidigung der Deutschen Meisterschaft im Schwergewicht gegen Alexander Kahl an. Wie stark ist Ihr Herausforderer einzuschätzen? Andreas Sidon: Er ist ein junger Mann, der über mich besser ins Geschäft kommen kann. Er hat von neun Profikämpfen nur einen verloren. Außerdem sind die Auseinandersetzungen um die Deutsche Meisterschaft eigentlich immer sehr hart umkämpft.
BP: Welche Pläne haben Sie danach? Andreas Sidon: Ende des Jahres soll es einen Rückkampf gegen Yalla Krüger geben. Im Juli 2002 gewann ich in Potsdam gegen ihn die Deutsche Meisterschaft.
BP: Sie sind inzwischen 41 Jahre alt. Wie lange werden wir Sie noch im Ring sehen können?
Andreas Sidon: Momentan werde ich jedes Jahr stärker. Früher dachte ich, mit 35 ist Schluss. Aber durch meine Trainingsweisheit fühle ich mich heute besser als vor fünf Jahren. Ich kann mir gut vorstellen, noch mit 45 im Ring zu stehen. Wenn ich aber merke, dass ich auf deutscher Ebene nicht mehr mithalten kann, wird es Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen.
BP: Wir bedanken uns bei Ihnen für das Interview und wünschen Ihnen viel Erfolg und alles Gute für die Zukunft!