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Schattenboxer 8 - Marc Leduc
„Boxer verstehen etwas vom Lügen. Was ist eine Finte? Was ist eine Eröffnung? Was heißt es, an das eine zu denken und das andere zu tun?“ Jose Torres, ehemaliger Weltmeister im Halbschwergewicht
Boxen ist nur etwas für Männer, es handelt von Männern, es ist männlich. Männer, die Männer bekämpfen, um sich ihre Männlichkeit zu bestätigen. Eine Welt, wie geschaffen für Marc Leduc (Foto oben), der in einer Familie mit sechs Geschwistern geboren wurde und mit 12 Jahren zu boxen anfing. Sein Unglück begann, als sein einziger Bruder bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. An seinem Tod zerbrach die Familie, die Eltern ließen sich scheiden und Marc riss als Teenager von zu Hause aus. Er fühlte sich im Stich gelassen, hilflos und mit seinen Problemen allein. Niemand war da, der ihm zuhören wollte. Niemand war da, der ihn trösten wollte. Doch junge Männer wollen keine tieferen Gespräche, keinen Trost. Sie sind wild und stark. Sie wollen jagen und ihre Stärke demonstrieren.
So wurde Marc Leduc zu einem Jäger der Straße. Er hauste unter Brücken, lebte von Raubüberfällen, Einbrüchen und Drogen. Doch eines Tages wurde er von der Polizei geschnappt und erhielt die Quittung für sein raues Verhalten: sechs Jahre Gefängnis im „Collins Bay Penitentiary“ von Kingston, Ontario (Kanada). Collins Bay war kein Ort des Friedens. Es war ein Platz, in dem die gefährlichsten Männer des Landes ihr Dasein fristeten. Kein Platz für Gefühle, kein Platz für Schwächen und Ängste. Wer nicht stark und nicht hart ist, überlebt dieses Zuchthaus nicht. Hier werden Meinungsverschiedenheiten nicht mit Worten ausgetragen und Marc Leduc erinnerte sich an seine Zeit als Boxer. In der Gefängnisschneiderei fertigte er sich aus Stoffresten eigene Boxhandschuhe und einen Sandsack. Und zum Sparring fanden sich in einem Knast immer genug harte Kerle. So beschützte ihn der Boxsport hinter Gittern und er verschaffte ihn bei den anderen Gefangenen den nötigen Respekt, den man brauchte, um dort ungeschoren überleben zu können.
Nach zwei Jahren verbüßter Strafe wurde ein Gefängnisangestellter auf Leducs boxerische Fähigkeiten aufmerksam. Er setzte sich dafür ein, dass Leduc sogenannte Freigänge erhielt und in dieser Zeit in einem Amateurboxclub in Kingston trainieren durfte. In dieser Zeit setzte er seine Amateurboxkarriere fort, die er mit 12 Jahren begonnen hatte und bestritt insgesamt 184 Kämpfe, von denen er nur 26 verlor. Im Gegensatz zu seiner rohen Vergangenheit war Leduc kein wilder Schläger, sondern ein vorsichtiger Techniker und Taktiker. Er wusste, wie er klare Treffer setzen musste und Gegentreffer vermied. Sein Boxtalent brachte ihn 1992 schließlich bis in die Kanadische Boxstaffel und er durfte in Barcelona an den Olympischen Spielen teilnehmen.
Allerdings setzte niemand einen Pfifferling auf ihn. Er war krasser Außenseiter, international noch nie in Erfahrung getreten und der älteste Teilnehmer im gesamten Starterfeld. Zudem holte er sich während der Olympiade eine Verletzung an der Schulter und fing sich eine Infektion ein. Doch er kämpfte sich verbissen durch, überstand Runde um Runde siegreich, triumphierte unter anderem über den späteren Profiweltmeister Leonard Dorin und musste sich erst im Finale dem überragenden kubanischen Boxsuperstar Hector Vincent nach Punkten beugen.
1994 wurde er Profi. Doch trotz seiner Siege erkannte er, dass er zu alt und sein Boxstil für den Berufsboxsport eher ungeeignet war. Er hatte nicht den mörderischen Schlag und setzte mehr auf Punkte statt auf harte Treffer. Außerdem hatte er nicht das Glück wie einige Universum- und Sauerlandboxer heutzutage, darauf vertrauen zu können, dass technisches versiertes Punkteschinden manchmal zum Sieg im Profigeschäft ausreicht.
Leduc beendete seine Boxkarriere nach nur vier erfolgreichen Profikämpfen und dem Gewinn der nationalen Meisterschaft mit einem schonungslosen Geständnis: „ Ich war ein Problemkid “, sagte er. „ Und mit 12 Jahren wusste ich nur zwei Dinge, dass ich Boxen liebte und dass ich auf Männer stehe. “ Seine homosexuelle Neigung hat ihn früh aus der Bahn geworfen. Eine Zeitlang musste er als jungendlicher Ausreißer sogar seinen Körper als Strichjunge verkaufen, um überleben zu können. Dazu die ständige Angst, im Knast oder während seiner Boxlaufbahn als „Schwuler“ entdeckt, diskrimiert und „gebrandmarkt“ zu werden.
Sein Geständnis brachte ihm in seinem Heimatland viel Anerkennung ein, doch im harten Boxgeschäft war es weniger willkommen. Homosexuelle Neigungen, Gefühle haben hier nichts zu suchen. Auf solche Anspielungen hat man in dieser Männerwelt allergisch zu reagieren. Wer erinnert sich nicht an den Wutausbruch von Lennox Lewis , als seine Männlichkeit von Hasim Rahman angezweifelt wurde? Noch tragischer ergingt es dem Kubaner Benny Paret , der seinen Gegner Emile Griffith vor dem Kampf als „maricon“, das kubanische Äquivalent von „faggot“, titulierte. Griffith war außer sich vor Wut und Paret überlebte diese Auseinandersetzung nicht.
Das Beispiel Leduc zeigt, dass Boxen sehr viel mit Lügen zu tun hat. Vielleicht ist es das wichtigste Element dieses Sports. Man kultiviert beim Boxen systematisch eine doppelte Persönlichkeit: Leduc musste sich lange verstellen, bis er den Mut fand, sein „wahres Ich“ zu zeigen. Die meisten Jahre seines Lebens hat er in einer Welt verbracht, in der „machismo“ überlebenswichtig war und er hat sich angepasst. Dabei hätte er als gutes Beispiel vorangehen können. Leduc war hart im Nehmen, ein Kämpfer und er verlor nicht den Blick für die Realität. Er wusste, wann Schluss ist, sich und anderen ständig etwas vorzumachen. Und er konnte seine boxerischen Fähigkeiten rechtzeitig und realistisch einschätzen. Eine Fähigkeit, die heute vielen „alten“ Boxveteranen fehlt, die sich immer und immer wieder ihre Männlichkeit beweisen wollen, um jeden Preis. Bis zu Lasten ihrer Gesundheit oder sogar ihres Lebens.
Anmerkung: Leduc lebt heute mit seinem langjährigen Freund zusammen und arbeitet in der Filmindustrie als Bühnenbauer und Elektotechniker. Außerdem ist er Gründer und Besitzer des „Tony Unitas Gym“ in Toronto und sein Leben war mehrfach Gegenstand in verschiedenen Dokumentarfilmen und Zeitungsreportagen.