boxingpress Boxen · Wetten · Archiv

Berichte Bericht

Schattenboxer 11 - Joe "Gypsy" Harris


Schattenboxer 11 - Joe "Gypsy" Harris

" Einer der besten Boxer, die ich jemals gesehen habe, war Joe Harris . " Al Mitchell , Exboxer und Meistertrainer

"Man muss Evander Holyfield schützen. Am besten vor sich selbst. Seiner Gesundheit zuliebe." Das sagen viele Boxexperten seit der Demontage dieser großen Boxlegende in ihren letzten Kämpfen. Der Entzug der Boxlizenz aus Gründen der Gesundheit ist nur konsequent und vernünftig, meinen sie. Doch dieser Schutz in Form eines Arbeitsverbotes kann bisweilen wie ein Schlag ins Gesicht für den Boxer wirken und er kommt einer Entmündigung, einem Eingriff in die persönliche Freiheit gleich.

Bestes Beispiel: Joe Harris, "Zigeuner" genannt, ein Mann, der boxte wie eine Mischung aus Muhammad Ali , Pernell Whittaker und Prince Naseem Hamed . Ein Exzentriker, der sich bunt kleidete. Die kurzen Shorts über die lange Jeans und der Pullover unterm T-Shirt, daher auch dieser Spitzname "Gypsy".

Harris war einer jener berüchtigten Fighter aus Philadelphia und er hatte ein gutes Auge, ein Spitzenauge, im wahrsten Sinne des Wortes. Er war schwer zu treffen, gelenkig wie eine Gummipuppe und wenn sein Oberkörper nach dem Ausweichen nach vorne schnellte, machte es "BUMM" beim Gegner. Dazu arbeitete er gerne mit "Sidesteps" der Marke Jersey Joe Walcott , um die Kontrahenten zur Verzweiflung zu bringen. Im Weltergewicht empfahl er sich durch eindrucksvolle Siege über Stanley "Kitten" Hayward , Exchampion Curtis Cokes und Dick DiVeronica .

Viele sahen in Harris nach seinem Sieg gegen DiVeronica schon den ungekrönten Champion. Kein Wunder, auch DiVeronica galt in diesen Jahren als große Boxhoffnung, der im legendären 5th Street Gym von Miami mit Angelo Dundee und Luis Rodriquez trainierte. Und der Fight zwischen Harris und DiVeronica war ein echter Klassiker mit offenem Schlagabtausch und ständig wechselnden Vorteilen. Am Ende wurde "Gypsy" zum Punktsieger erklärt, doch diese Auseinandersetzung hatte ihn Substanz gekostet.

Joe Harris sah nicht nur aus wie ein Zigeuner. Er lebte auch so. Oft tauchte er im Hard Knock Gym von Philadelphia mit einer Whiskeyflasche in der Hand statt einer Trainingstasche auf. Trainer und Manager sahen das natürlich nicht gerne. Sie wussten, dass Harris für sie als Boxer immer ein Risiko darstellen würde und auch ihre Karriere gefährden könnte. Doch er hatte ein Riesenpotential, viele Fans und solange er siegte, war alles in Ordnung. Harris war einfach von der Sorte verrückter Boxer, die einzig und allein der Boxsport vor dem endgültigen Absturz bewahrte. Der bezahlte Faustkampf brachte ihm Geld, Freunde, Ruhm und Respekt. Genug Gründe, die dazu führten, dass sich "Gypsy" immer wieder zusammenriss.

Darum stellte man ihn ein halbes Jahr später zusammen mit dem legendären und starken Emile Griffith in den Ring. Aber dieses Mal enttäuschte Harris seine Anhänger, fiel mehr durch seine Clownerien auf, schien den Fight gar nicht richtig ernst zu nehmen. Kein Vergleich mit dem Harris aus dem DiVeronica Fight. Die Folge: er kassierte seine erste Punktniederlage und damit hatte er seinen Kredit bei seinen Managern Herman Taylor und Yank Durham verspielt. Mit einem Sieg wäre er ganz oben gewesen, die Niederlage war jedoch ein zu großer und zu herber Rückschlag, das Risiko für einen Neuaufbau zu groß.

Vor seinem "Comebackkampf" gegen Manny Gonzalez verlangte die Kommission plötzlich ein ausführliches augenärztliches Gutachten. Es wurde festgestellt, dass "Gypsy" auf einem Auge blind ist und man entzog ihm die Boxlizenz. Harris fiel aus allen Wolken. Jeder hatte gewusst, dass er ein einäugiger Boxer war. Er kämpfte schon immer damit. Niemand hatte es gestört und niemand hatte ihn je daran gehindert. Seit er elf Jahre alt war und sich die Verletzung am Auge bei einem Straßenkampf zugezogen hatte. Ein abgekartetes Spiel. Nicht ausschließlich zum Schutz des Boxers, sondern eher zum Schutz der Manager und Verbandsfunktionäre. Herman Taylor hatte Harris sozusagen zum Abschuss freigegeben, nachdem es sich finanziell nicht mehr für ihn lohnte. Im Hard Knock Gym gab es schließlich noch mehr und viele hoffnungsvolle Talente und der Zigeuner hatte seine Chance gehabt und sie verspielt.

Nach jahrelangem Kampf um die Lizenz musste Harris schließlich aufgeben. Sein Leben hatte keine Perspektive mehr. Im Hard Knock Gym war kein Platz für ihn. Jungen Boxern soll man Perspektiven geben. Alte Veteranen mit Bitterkeit und Vorwürfen in der Stimme sind da fehl am Platz. Es kam, wie es kommen musste. Joe "Gypsy" Harris versank in einem Strudel von Alkohol und Kokain. Die Quittung kam 1990, als er nach seinem dritten Herzinfarkt verstarb.

Joe Harris, am Ende verlassen und vergessen. Ein Schicksal, das viele andere gerade zur Weihnachtszeit auch teilen müssen. Denn die meisten Menschen haben zwar zwei funktionierende Augen, sehen aber bisweilen nur mit einem Auge richtig hin. Das andere Auge verschließen sie gern, um die Gestalten zu verdrängen, die im Schatten leben, am Rande der Gesellschaft, eigenwillige ausgebrannte Typen. Die im Leben scheiterten.


Dieser Beitrag im Archiv

Der Beitrag stammt vom 01. Januar 2005 und steht in der Rubrik Berichte. Sie versammelt 32 Beiträge aus dem Archiv, 6 davon aus demselben Jahr. Der ursprüngliche Beitrag umfasst 776 Wörter Fließtext und liegt damit an 25. Stelle des Umfangs innerhalb dieser Rubrik. Die Einordnung folgt der Adresse, unter der er ursprünglich erschienen ist, und nicht einer nachträglichen Bewertung des Inhalts: Eine heute vorgenommene Zuordnung wäre eine Vermutung, und eine falsche Vermutung fiele später niemandem mehr auf.

Zum Beitrag ist eine Originalaufnahme erhalten, sie misst 131 Pixel in der Breite. Das ist die Größe, in der Bilder im Web dieser Jahre ausgeliefert wurden, und sie setzt die Grenze für die Darstellung: Eine Aufnahme wird höchstens auf das Doppelte ihrer eigenen Breite gebracht, weil darüber hinaus nur noch Unschärfe entsteht. Deshalb steht sie klein neben dem Text und nicht über ihm.

In der zeitlichen Folge seiner Rubrik steht der Beitrag an 12. Stelle von 32. Davor liegt Schattenboxer 5 - Maurice "Mo Bettah" Harris aus 2004. Danach folgt René Weller erschließt neue Geschäftsfelder aus 2005. Diese Reihenfolge ist die des Erscheinens und nicht die der Bedeutung; sie eignet sich, um einen Zeitraum am Stück zu lesen, und weniger, um einen einzelnen Namen zu verfolgen. Dafür ist der Boxerindex der kürzere Weg.

Der ursprüngliche Beitrag gehört zu den kürzeren des Archivs. Das hat in der Regel einen von zwei Gründen: Entweder war er von vornherein knapp gehalten, etwa als Meldung, Tabelle oder Hinweis in eigener Sache, oder er verweist auf Inhalte, die außerhalb der Seite lagen und sich nicht mit ihr wiederherstellen ließen. Was hier unter dieser Überschrift steht, ist die Beschreibung des Dokuments und klar von ihm getrennt.

In derselben Rubrik stehen unter anderem Wem die Stunde schlägt - Aufstieg und Fall von Hector Camacho, René Weller erschließt neue Geschäftsfelder und Schattenboxer 8 - Marc Leduc. Der Weg durch das Archiv führt entweder über die Rubrik, wenn ein Zeitraum gesucht wird, oder über den Boxerindex, wenn ein Name gesucht wird. Für die reinen Zahlen einer Karriere sind die Kampfrekorde der kürzeste Weg, und zwei davon lassen sich im Rekord-Vergleich unmittelbar nebeneinanderlegen.

Häufige Fragen zu diesem Beitrag

Wann ist dieser Beitrag erschienen und in welcher Rubrik steht er?

Er trägt das Datum 01. Januar 2005 und gehört zur Rubrik Berichte, die im Archiv 32 Beiträge umfasst. Aus dem Jahr 2005 stammen davon 6.

Ist der Text gegenüber der ursprünglichen Fassung verändert worden?

Inhaltlich nicht. Entfernt wurden Navigation, Werbeflächen und Seitenfuß, hinzugekommen sind die Angaben zu Rubrik, Jahr und Umfang neben dem Text. Der Beitrag selbst gibt den Kenntnisstand von 2005 wieder und wird nicht an spätere Entwicklungen angepasst.

Welche Beiträge stehen im Archiv unmittelbar davor und danach?

Innerhalb der Rubrik Berichte steht dieser Beitrag an 12. Stelle von 32. Davor liegt "Schattenboxer 5 - Maurice "Mo Bettah" Harris" aus 2004. Danach folgt "René Weller erschließt neue Geschäftsfelder" aus 2005.

Wie umfangreich war der ursprüngliche Beitrag und sind Fotos erhalten?

Der ursprüngliche Beitrag umfasst 776 Wörter Fließtext; innerhalb seiner Rubrik steht er damit an 25. Stelle von 32. Erhalten sind 1 Originalaufnahme, die breiteste davon misst 131 Pixel. Es sind Webbilder ihrer Zeit; sie werden in der Breite gezeigt, die die jeweilige Datei hergibt, und nicht darüber hinaus vergrößert.