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Schattenboxer 5 - Maurice "Mo Bettah" Harris
„ In den Augen der Promotor und Fernsehsender sind Boxer keine Menschen, sondern Filetstücke, Koteletts oder Suppenfleisch. Manche sind gut bekömmlich, manche eben weniger. Manchmal schmeckt es gut und ein anderes Mal muss man einfach nur Kotzen. “ Dave „TNT“ Tiberi, Exboxer
Maurice Harris (Foto oben) begann seine Profiboxkarriere bereits mit 16 Jahren. Seine Mutter Jacqulyn war gerade gestorben und sein Vater hatte schwere Alkohol- und Drogenprobleme. Als Ältester von fünf Geschwistern blieb die Verantwortung für die Familie somit an Maurice hängen. Er musste ständig Gelegenheitsjobs annehmen, um seine Anverwandten versorgen zu können. Angesprochen auf seine athletischen Fähigkeiten und seinen Ruf als Straßenkämpfer, wurde Harris eines Tages von dubiosen Managern dazu überredet, sich mit Berufsboxen ein paar schnelle Dollars nebenher zu verdienen. Eine Boxlizenz kann in manchen US-Bundesstaaten schnell beschafft werden und seine Minderjährigkeit stellte kein Problem dar: man machte ihn einfach zwei Jahre älter!
Die ersten Fights von „Mo Bettah“ verliefen alles andere als erfolgreich. Der noch boxerisch unbedarfte Heranwachsende wurde sofort gegen ältere und sog. „echte Männer“ aufgestellt. Und das meist in kurzen Abständen, ohne entsprechende Vorbereitung. Wegen der Familie blieb ihm zu einem vernünftigen Training ohnehin nur wenig Zeit. Auch dachte niemand ernstlich daran, den blutjungen Harris aufzubauen oder entsprechend zu managen. Er war nur „Notnagel“ und für kurzfristig angesetzte Kämpfe als „Lückenbüßer“ oder „Aufbaugegner“ vorgesehen.
So musste Harris das Boxen auf die harte Tour erlernen. Dennoch zeigte er stets Kampfgeist und Herz. Immer wieder schaffte er nicht einkalkulierte Erfolge und auch in seinen Niederlagen sah er alles andere als schlecht aus. Den späteren WM-Herausforderer Richard Frazier dominierte er zum Beispiel drei Runden lang, ehe er konditionell zusammenbrach und ins Reich der Träume geschickt wurde. Gegen den damals ungeschlagenen Vaughn Bean lief es ähnlich. Im März 1996 kreuzte dann David Izon , der Silbermedaillengewinner bei den Olympischen Spielen 1992, seinen Weg. Izon war zu diesem Zeitpunkt unbesiegt und galt als hochgehandeltes Boxtalent im Schwergewicht. Harris hatte einen Heidenrespekt vor dem Mann aus Nigeria und zum ersten Mal trainierte er im Gym „richtig“ für eine bevorstehende Auseinandersetzung. Diese Arbeit wurde belohnt und „Mo Bettah“ gewann den Fight sensationell und zudem eindrucksvoll nach einstimmiger Punktentscheidung.
Wohl deshalb war das Management seines nächsten Gegners vorsichtiger und Harris erfuhr von der Möglichkeit gegen Dayton Wheeler anzutreten erst einen Tag vor dem terminierten Boxabend im Juni 1996. Trotzdem nahm er das Angebot an, obwohl er kaum ernstlich trainiert hatte. Ihm blieb keine andere Wahl. Er brauchte das Geld für seine Familie. Und zwischen den Seilen gab Harris wieder einmal sein Bestes, doch es reichte nicht. Zumindest nicht in den Augen der Kampfjury. „Mo“ verlor nach Punkten, obwohl er glaubte, den Fight eigentlich gewonnen zu haben. Ähnlich behandelte man ihn im Juli 1996. Innerhalb kürzester Zeit musste er zweimal gegen ungeschlagene Boxer antreten. Kein Wunder, dass „Mo Bettah“ nur einmal siegreich aus dem Seilgeflecht kletterte und von Gerald Nobles ausgeknockt wurde.
Dann wurde Harris als Sparringspartner von Andrew Golota und David Tua verpflichtet. Im „Marcianos Gym“ in Jersey City kam es zu einer entscheidenden Wendung in seinem Leben: In einer Sparringssession prügelte er den Polen Golota förmlich durch den Ring, bis dessen Trainer und Manager Lou Duva dazwischenging und Harris daraufhin feuerte. Diesen Vorfall hatte auch James Ali Bashir beobachtet. Bashir war in seiner Freizeit als Boxtrainer und Manager tätig und von Harris boxerischer Vorstellung beeindruckt. Er erklärte sich bereit, „Mo Bettah“ zu betreuen. Bashir war auch Besitzer eines Restaurants, in dem sein Schützling mit seiner Familie umsonst essen konnte und regelmäßige Arbeit fand. Das befreite Harris von einer Menge Last und Verantwortung und er konnte sich endlich mehr auf das Boxen konzentrieren, was sich schon bald auf seine Leistung im Ring positiv auswirken sollte. Im Mai 1997 schaffte „Mo Bettah“ ein weiteres Upset (Überraschungssieg). Er vermasselte Jimmy Thunder einen bereits ausgehandelten und guten Zahltag gegen Tim Witherspoon , in dem er ihn in Runde sieben sensationell ausknockte.
Mit diesem Sieg wurde das Fernsehen auf Harris aufmerksam und man stellte ihn kurzfristig nur einige Wochen später gegen den erfahrenen Exweltmeister Larry Holmes auf. Es wurde eine enge Begegnung, in dem der legendäre Boxveteran einige Male hart getroffen und ausgeboxt wurde. Dennoch bekam Holmes mit einer nicht einstimmigen Richterentscheidung den sehr schmeichelhaften Sieg zugesprochen. Der „Youngster“ war enttäuscht und fühlte sich ein weiteres Mal um den sicheren Sieg gebracht, aber er blieb realistisch. Er wusste: Das Profilager ist ein Haifischbecken, in dem verschlungen wird, wer nicht verschlingt. Explizit oder implizit war ihm schon längst bewusst, dass er sich in eine untergeordnete, auf Überausbeutung basierende Position begeben hatte. Lediglich die Boxgagen machten es erträglich und er lernte das Beste aus seiner Situation zu machen.
Harris legte eine Pause ein, ohne jedoch inaktiv zu sein. Lennox Lewis und Mike Tyson engagierten ihn als festen Sparringspartner. So verdiente er Geld und konnte gleichzeitig seine Boxfähigkeiten verbessern. Prompt folgt eine längere Siegesserie, die ihren krönenden Höhepunkt erneut in einem „Upset“ hatte. 1999 wurde Harris, inzwischen überflüssig zu erwähnen, erneut erst eine Woche vor einem Kampf als Ersatzgegner gebucht. Er sprang für Ike Ibeabuchi und Hasim Rahman ein, die ursprünglich als Kontrahenten für Jeremy Williams vorgesehen waren und wies diesen mit einer überlegenen Boxvorstellung in die Schranken. „Mo Bettah“ war auf dem Weg nach oben.
Doch nach einem weiteren Sieg kreuzte noch im selben Jahr der unbesiegte Derrick Jefferson seinen Weg. Auch hier kam das Kampfangebot sehr kurzfristig und Harris hatte wenig Zeit sich, auf seinen Konkurrenten vorzubereiten. Dennoch entwickelte sich zwischen den beiden Fightern in einem „Anwärter auf den Kampf des Jahres“ eine wahre „Materialschlacht“. Die Auseinandersetzung wogte hin und her, beide Boxer waren mehrmals am Rande einer vorzeitigen Niederlage, bis Harris schließlich von einem spektakulären linken Haken in Runde sechs ausgeknockt wurde.
Die Boxfans waren von diesem Fight begeistert. Inzwischen sahen sie Maurice Harris gerne, weil er zwischen den Seilen alles gab und immer für eine Überraschung gut schien. Das merkte auch der Fernsehsender HBO und der Name Harris war oft auf den Listen zu finden, denen man den anderen Starboxern zur Auswahl vorlegte. Doch Boxer wie beispielsweise Shannon Briggs , Clifford Etienne , Michael Grant , David Tua, Oleg Maskaev bzw. deren Manager lehnten ihn alle als Gegner ab. Nicht verwunderlich, denn seit 1997 hatte Harris nur zwei Fights verloren, einen davon nur umstritten. Ein weiterer Grund: Niemand wollte gerne das Risiko eingehen, sich gegen einen Boxer mit einem durchwachsenen Kampfrekord zu blamieren, denn wer außer den Boxinsidern wusste schon, dass „Mo Bettah“ viel besser boxte als seine Biografie aussagte.
Trotzdem sollte er 2001 seine Chance bekommen. Dem heutigen Champion und schwer zu boxenden Rechtsausleger Chris Byrd ging es ähnlich wie Harris. Auch er war wegen seiner Art zu kämpfen lange Zeit schwer zu vermarkten und auch er wurde von den „geschützten Boxstars“ wie die Pest gemieden, weil er ein großes Risiko im Ring darstellte, zu verlieren. Die Auseinandersetzung war ein Teil eines Ausscheidungsturniers um den vakanten IBF-Weltmeisterschaftstitel, in der Chris Byrd den besseren Tag erwischte und zum Punktsieger erklärt wurde. Die Niederlage bedeutete vorerst das Aus für Harris im Rennen um einen WM-Titel. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, bereits vier Wochen nach Byrd schon wieder einem Kampf zuzustimmen. Der finanzielle Anreiz war zu groß und „Mo Bettah“ wurde von Exeuropameister Henry Akinwande schon in der ersten Runde ausgeknockt. Mit dieser Niederlage verspielte Harris einige Sympathien und nicht wenige Boxfans waren von ihm enttäuscht. Doch wenn man die Hintergründe kennt, kann man die Entscheidung von Harris nachvollziehen.
Nach einer längeren Kampfpause versöhnte er 2002 seine Fans erneut mit einem Sensationssieg. Diesmal musste der ungeschlagene Serguei Lyakhovic daran glauben, der von Mo in der neunten Runde KO geschlagen wurde. Diese Überraschung und auch sein Sieg bei einem Turnier namens „Fistful of Dollars“*(Näheres siehe unten) brachten ihm 2003 einen weiteren Ausscheidungsfight um die IBF-Weltmeisterschaft gegen Fres Oquendo ein.
Diesmal bekam Harris ausreichend Zeit, sich auf die Auseinandersetzung vorzubereiten und er war in guter Form. Die ersten Runden verliefen ausgeglichen, bis sich Harris in Runde vier plötzlich auf den Brettern fand. Nach diesem Niederschlag kam „Mo Bettah“ erst richtig in Fahrt und übernahm das Kommando. Zu Beginn der zehnten Runde führte er auf allen Punktezetteln. Doch dann erwischte ihn ein linker Haken und er musste zu Boden. Ausgeknockt wurde Harris aber nach eigenen Angaben nicht unbedingt von diesem „Heumacher“. Schlimmer bzw. schmerzhafter war der am Rande der Legalität ausgeführte Schlag, den er im Sturz auf den Hinterkopf einstecken musste. Erst dieser Punch verletzte ihn wirklich und man lieferte ihn nach diesem Fight umgehend in ein Krankenhaus zur Beobachtung ein.
Das sollte der vorerst letzte Kampf eines sehr talentierten Kämpfers gewesen sein, der vielen protegierten Boxern das Siegen zwischen den Seilen schwer machte, obwohl er bei der Vorbereitung und beim „Matchmaking“ oft benachteiligt wurde. In einem einflussreichen Team hätte er es sicher zum Weltmeister gebracht, denn über Talent, Können und Herz verfügte Mo unbestreitbar. Er steht beispielhaft für viele Boxer, die ihre Erfahrungen auf die harte Tour lernen müssen ohne jemals entsprechend dafür entlohnt bzw. gewürdigt zu werden. Auch heute noch gibt es viele Spitzenboxer, deren Kampfrekorde alles andere als berauschend sind, aber ihr wahres Boxvermögen nicht annähernd widerspiegeln.
Heute ist Maurice Harris verheiratet und Vater von vier Kindern. Er lebt in einem Haus, das er sich mit seinen Boxgagen finanzierte und hat sich mit seinem Vater wieder versöhnt, der inzwischen von seinen Drogenproblemen geheilt ist. Gelegentlich arbeitet er mit seinem Freund und Boxkollegen Jameel McCline zusammen im Gym. * Anmerkung:
Das Turnier "Fistful of Dollars" wurde 2002 von Cedric Kushner Promotions veranstaltet. Das Besondere daran: An einem Abend treten mehrere Profiboxer in drei Runden zu je drei Minuten im sog. KO-System an. Der Sieger erhält am Ende 100.000 Dollar in einem schwarzen Koffer. Die Kämpfe werden jedoch nicht im offiziellen Boxrekord gelistet. Maurice Harris gewann dieses Turnier durch Siege über Gerald Nobles, Israel Garcia und Anthony Thompson . Die weiteren Teilnehmer waren Jeremy Williams, Derrick Jefferson, Ray Austin und Tim Witherspoon.