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Lennox "The Lion" Lewis


Lennox "The Lion" Lewis

Lennox „The Lion“ Lewis (Foto oben, BP-Nr. 1), Weltmeister im Schwergewicht, hat seine Boxhandschuhe an den Nagel gehängt. Doch wie seine gesamte Boxkarriere spaltet auch sein Rücktritt die Boxfans und Boxexperten in zwei Lager. Die einen stufen Lewis als einen der ganz großen Boxer ein, die anderen sehen ihn ihm nur einen Feigling, der Angst vor einem Rematch gegen Vitali Klitschko (BP-Nr. 2) hat (BoxingPress berichtete). Grund genug für einen Rückblick auf die Laufbahn von Lewis und die Ursachen für die vielen gegensätzlichen Meinungen, die sich um den ehemaligen Champion ranken.

Lennox Lewis kam am 2. September 1965 in East London zur Welt. Seine Eltern waren aus Jamaika eingewandert. Er verbrachte die ersten zwölf Jahre seines Lebens in London, dann wanderte seine Mutter Violet nach Kanada aus. Der junge Engländer fand bald zum Boxsport und gewann 1983 die Junioren-Weltmeisterschaft in Santo Domingo. Dieser Erfolg qualifizierte ihn 1984 für die Olympischen Spiele in Los Angeles, wo ihn der spätere Goldmedaillengewinner Tyrell Biggs in der zweiten Runde stoppte. Vier Jahre später war es schließlich soweit und Lewis erkämpfte sich 1988 Gold in Seoul, als er Riddick Bowe (Foto) ebenfalls in der zweiten Runde stoppte.

1989 begann seine Rückkehr nach England (die genannten Meistertitel holte er alle für Kanada). Er wurde Profi und schlug im ersten Jahr sechs Gegner. 1990 waren es acht Siege, wobei der letzte Widersacher in jenem Jahr der zähe Europameister Jean Chanet aus Frankreich war. Chanet strich in der sechsten Runde die Segel und der Löwe nannte sich damit neuer Europameister im Schwergewicht. Mit einem Sieg über den damals starken Gary Mason verteidigte Lewis 1991 seinen Europameistertitel und gewann gleichzeitig die englische Meisterschaft.

1992 machte der Engländer auch international von sich reden. In Amerika dominierte er Mike Weaver , einen ehemals besonders starken Weltranglistenmann, der nur bis in die sechste Runde kam. Noch im selben Jahr dann die Revanche gegen Tyrell Biggs, jenen Ex-Amateurweltmeister und Olympiasieger, der ihn noch in Los Angeles besiegt hatte. Biggs wurde mehrmals zu Boden befördert und vernichtend geschlagen. Innerhalb drei Jahre hatte Lewis damit als Profiboxer bereits das erreicht, wofür heutige Fighter manchmal doppelt so lange brauchen. „The Lion“ war jetzt Stammgast in den Weltranglisten aller Verbände, holte sich 1992 noch die Empiremeisterschaft von Derek Williams und schaffte den endgültigen Durchbruch, als er in London Donovan „Razor“ Rudduck in knapp zwei Runden zerstörte - den Mann, der als stärkster Herausforderer galt.

Lennox "The Lion" Lewis

Damit schien endgültig klar, dass Lennox Lewis zu Höherem berufen war. Er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einige starke Leute gekämpft und besiegt. Er war in Amerika angetreten und hatte dort sein Können eindrucksvoll unter Beweis gestellt. An seiner Klasse gab es nichts zu bemängeln. Das sagte sich wohl auch Riddick Bowe, der gerade den damaligen und von allen großen Verbänden anerkannten Weltmeister Evander Holyfield entthront hatte. Der WBC bestimmte, dass ihr Spitzenmann Lennox Lewis, Finalgegner von Bowe in Seoul, sein erster Herausforderer sein müsse. Bowe lachte und warf symbolisch den WBC-Gürtel vor laufender Fernsehkamera in eine Mülltonne. Nach diesem Vorfall bestimmte der WBC den Engländer kampflos zum Weltmeister. Sicher nicht ganz zu Unrecht, auch wenn es das eherne Gesetz im Profiboxen gibt, dass Titel nur zwischen den Seilen und nicht am grünen Tisch verloren oder gewonnen werden sollen. Aber Geld steht im Boxgeschäft oft über der Ehre. Es entscheidet letztendlich darüber, welche Fighter gegeneinander in den Ring steigen.

Dennoch verdunkelte der geschenkte Meistergürtel das bislang so glorreiche Licht von Lennox Lewis ein wenig. Zumal er seinen Titel zuerst nur gegen Tony Tucker verteidigte, von dem man keinen großen Widerstand erwartete. Tucker, bereits 35 Jahre alt, war zwar Weltmeister, als er James "Buster" Douglas (Foto) schlug (der später Mike Tyson (BP-Nr. 6) entthronte), verlor aber gegen Tyson nach Punkten und sackte einige Zeit ab, als er dem Rauschgift verfiel. Doch sein Comeback verlief erfolgreich, und er machte Lewis viel Arbeit. Der hatte ihn zwar zweimal am Boden, aber bei seinem Punktsieg überzeugte er nicht.

Besonders die Engländer waren mit dem Herzen immer noch bei ihrem Lieblingsboxer Frank Bruno , einer wandelnden Kraftstation und ein sehr beliebter Zeitgenosse im Mutterland des Boxens. Bruno hatte lange Zeit die europäische Boxszene beherrscht, aber gegen James "Bonecrusher" Smith , gegen Tim Witherspoon und gegen Mike Tyson gelang ihm kein WM-Sieg. Den erhoffte er sich, als er 1993 gegen Lewis vor 30.000 Menschen in Wales antrat. Sechs Runden lang zeigte Bruno keinen Respekt. Der Champion hatte Mühe, lag nach Punkten zurück. Doch in der siebten Runde überfiel der "Löwe" seinen Herausforderer, schmetterte ihm linke Haken, rechte Uppercuts und Geraden an den Kopf, verfolgte ihn mit der Wildheit und Brutalität einer Raubkatze, so dass der Ringrichter richtigerweise abbrach.

Und das war die Stärke dieses Boxers, der sich selbst als einen „Mister Jeckyll and Mister Hyde“ bezeichnete. Er sah gegen Bruno eine Weile nicht absolut überzeugend aus, aber als er Schluss machte, konnte man seine Klasse erkennen. Das zeichnet einen Weltklasseboxer aus. Im richtigen Moment zuschlagen! Aber auch abwarten können, denn ein WM-Fight dauert lang und manchmal 12 Runden. Lennox Lewis war im Ring und außerhalb des Rings in erster Linie ein Taktiker. Jemand, der sich mehrere Türen offen hält und stets verschiedene Lösungen für ein Problem sucht. Doch selbst das genialste Programm stürzt hin und wieder ab. Beim Engländer passierte das 1994 gegen Oliver McCall , als er von seinem Gegner kalt erwischt und ausgezählt wurde. Ein Makel setzte sich damit in seinem Kampfrekord fest.

Nach zwei Aufbaugegnern, die Lewis schnell besiegte, kam es 1995 zum ersten Härtetest. Der Mann mit den Rastalocken traf auf den schlagstarken Tommy Morrison . Er bestand die Bewährungsprobe und kämpfte 1996 gegen den gefährlichen Ray Mercer (Foto) im legendären Madison Square Garden. Die Auseinandersetzung war sehr eng und am Ende wurde der Engländer zum knappen Sieger erklärt. Ein Jahr später war es dann endlich soweit. Lewis erhielt die Chance sich bei Oliver McCall für die Knockoutniederlage zu revanchieren. Es ging dabei um die vakante WBC-Weltmeisterschaft, doch McCall war nur noch ein Schatten seiner selbst. Er hatte Drogenprobleme, litt an Depressionen. Das Rematch geriet zur Farce. In der fünften Runde wurde McCall von Weinkrämpfen erfasst. Er wirkte apathisch, ließ die wenigen Schläge von Lewis ohne Gegenwehr über sich ergehen, drehte sich immer wieder weg und Lewis wirkte hilflos, wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Schließlich wurde der Fight zu seinen Gunsten abgebrochen, doch das „Wie?“ war mehr als unbefriedigend.

Auch sein nächster Kampf gegen Henry Akinwande verlief bizarr. Akinwande stellte sich nicht, suchte sein Heil im ständigen Clinch und wurde schließlich wegen Haltens und Klammerns disqualifiziert. Erneut fielen Schatten auf den Ruhm von Lewis. Doch dann ging es aufwärts. Mit Andrew Golota , Shannon Briggs und Zeljko Mavrovic stellte sich der Weltmeister würdigen und guten Gegnern, die er alle dank seines Könnens und seiner Technik besiegte. Alle Ansetzungen waren sehenswert und spektakulär. Mit Golota machte er kurzen Prozess, Briggs bezwang er in einem hin- und herwogenden Schlagwechsel und gegen Mavrovic konnten die Zuschauer hochklassigen und technisch perfekten Boxsport bestaunen.

Lennox "The Lion" Lewis

1999 stand Lewis schließlich zweimal Evander Holyfield (Foto) gegenüber, der vorher Mike Tyson und Michael Moorer förmlich zerstört hatte. Aber wie so oft im behandschuhten Faustkampf üblich, brachten die Duelle zwischen zwei Spitzenleuten keine uneingeschränkte Klarheit. Das erste Aufeinandertreffen endete umstritten mit einem Unentschieden, obwohl viele den Engländer vorne gesehen hatten. Das Rematch warf abermals Fragen auf. Diesmal hatten nicht wenige Evander Holyfield als Sieger erwartet, doch Lewis bekam eine eindeutige Punktentscheidung zugesprochen. Vertretbar, doch ein schaler Beigeschmack blieb erneut an Lewis kleben. Ihm war es nicht gelungen, Holyfield eindeutig zu dominieren. Es waren enge Duelle und wieder einmal hatte Lewis intelligente Technik und Taktik bewiesen. Das Herz jener unsterblich gewordenen Fighter und Champions jedoch ließ er erneut vermissen.

Im Jahr 2000 jedoch machte Lewis seinem Kampfnamen alle Ehre. Er zertrümmerte solide Boxer wie Francois Botha und Michael Grant schnell und spektakulär. Gegen die Knockoutmaschine David Tua bewies er kühlen Kopf und kaltes Kalkül. Er hielt den kleineren Tua meist auf Distanz, ließ sich auf keinen Schlagwechsel ein und holte sich so Runde für Runde. Viele Zuschauer waren trotzdem enttäuscht. Man hatte einen historischen Schlagabtausch erwartet, doch Lewis wollte keine Show bieten. Dazu schien Tua zu gefährlich und so ging er auf Nummer sicher, setzte die vorsichtige Taktik ein. Der Erfolg gab ihm Recht.

Jetzt war der Engländer durch seine boxerischen Glanztaten auf dem besten Weg unsterblich und zu einer lebenden Legende zu werden. Aber dann knipste er sich selbst sein strahlendes Licht aus. Seine Überheblichkeit und seine Arroganz wurden ihm 2001 zum Verhängnis. Eine krachende Rechte von Hasim Rahman ( Foto) schickte den Weltmeister ins Land der Träume. Die Sensation war perfekt und Lewis blamiert bis auf die Knochen. Er hatte sein Gold verloren. Doch diesmal zeigte er im Moment schlimmster Bitterkeit viel Herz und Mut. Wie man es von einem Boxer dieser Klasse erwartet, wollte er ein sofortiges Rematch gegen seinen Albtraum. Alles oder nichts hieß die Devise. Keine Aufbaukämpfe für das angeknackste Selbstvertrauen, volles Risiko! Und es wurde belohnt: In der Revanche bewies der Mann mit jamaikanischer Herkunft aus welchem Holz er geschnitzt ist. Nach vier Runden lag Rahman ausgeknockt auf dem Boden und Lewis hatte seine Titel in beeindruckender Art und Weise zurückerobert.

Nun fehlte nur noch ein Name in seiner Sammlung: Mike Tyson (Foto)! 2002 war es soweit und der Jahrhundertfight gegen den brutalen Knockouter brachte Lennox Lewis gegen Ende seiner Karriere den ewigen Ruhm als der beste Boxer auf dem Planeten ein. Der Gentleman mit den Rastalocken hatte das gefürchtete Monster seiner Ära eindrucksvoll besiegt. In diesem Kampf hatte Lewis alles demonstriert, was einen Königsboxer auszeichnet. Das Selbstbewusstein seines Auftretens, die Klugheit seiner Strategie, die Autorität seiner stechenden Linken und die Gewalt seines rechten Aufwärtshakens ließen einem tapferen, aber tapsigen Tyson keine Chance. Der treffende Zeitpunkt für einen geeigneten Schlussstrich schien da, doch Lewis war noch nicht dazu bereit. Kirk Johnson sollte der Nächste sein, der den Engländer auf die Probe stellen sollte. Johnson jedoch verletzte sich kurz vor dem geplanten Boxabend und so akzeptierte Lewis notgedrungen Vitali Klitschko als Herausforderer.

In einer brutalen Prügelei und ganz nach dem Geschmack des amerikanischen Publikums überraschte Klitschko alle mit seiner Courage und seiner Härte. Er brachte den Champion in Schwierigkeiten, traf einige Mal gut. Doch bei aller Begeisterung darf nicht vergessen werden: „Der alte Mann“ hielt dagegen, fightete mit und lieferte den Zuschauern so eine blutige Schlacht. Nach der dritten Runde prangte ein großer, blutender Riss auf Klitschkos Augenlid. Und der Weltmeister war clever und erfahren genug, um zu wissen, dass die Zeit für ihn arbeitete. Mit jeder Runde wurde der Abbruch wahrscheinlicher. Und es war ein taktischer Fehler von Klitschko, nach der Verletzung nicht alles auf eine Karte zu setzen und bedingungslos den Knockout zu suchen. Vielleicht wollte er es auch, doch konnte nicht. Wer kann das schon beurteilen außer dem Boxer selbst? Aber auch Lewis war mitgenommen. Nach Punkten lag er zurück, dennoch fand er augenscheinlich in den letzten Runden besser in den Fight. Plötzlich der Abbruch! Unbefriedigend wie jeder Abbruch wegen Verletzung gegen einen Führenden in einem offenen und begeisternden Fight. Niemand kann sagen, wie die Auseinandersetzung weitergegangen wäre, nur die nackten Fakten sprechen für sich: Lewis hatte sich erfolgreich gegen seinen Herausforderer gewehrt und war weiterhin Weltmeister geblieben. Der Vorteil der Champions! Sie müssen nur tun, was sie tun müssen. Wenn das reicht, hat der Meister seine Aufgabe erfüllt, auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen und nach einer zweiten Chance schreien.

Der Fight gegen Vitali Klitschko (Foto) sollte der letzte Auftritt des Engländers zwischen den Seilen gewesen sein. Rückblickend beweist seine geschilderte Boxhistorie: Wie einige seiner Fights hatte auch seine Karriere Höhen und Tiefen, Licht und Schatten. Das macht es so schwer, seine boxerischen Leistungen zu beurteilen. Der Kampfrekord des Löwen und sein manchmal arrogantes Verhalten bieten natürlich viel Gelegenheit zu Kritik. Nur: Welcher Rekord ist gänzlich unfehlbar? Selbst in der Fighthistorie von Muhammad Ali , dem Größten aller Zeiten, findet man umstrittene Punktsiege (zum Beispiel gegen Ken Norton ) oder Gegner mit großen Namen, die ihren Zenit zum Zeitpunkt der Auseinandersetzung bereits überschritten hatten ( Archie Moore oder Floyd Patterson ). Nicht einmal der ungeschlagene Rocky Marciano käme bei genauer Analyse seiner besiegten Kontrahenten mit seinem Heiligenschein der Unbesiegbarkeit ungeschoren weg!

Fest steht nur eins: Lennox Lewis hat zum größten Teil nur starke Leute geboxt. Leute, die man zum Kreis der Spitzenklasse zählen musste. Leute, die damals in jeder Rangliste weit oben zu finden waren. Leute mit völlig unterschiedlichen Boxstilen und körperlichen Voraussetzungen wie Tua, Mercer, Akinwande, Mavrovic, Klitschko, Holyfield, Tyson, um nur einige zu nennen. Der Engländer hat sie alle geschlagen, durch sein breitgefächertes Boxkönnen und mit verschiedenen Taktiken in die Schranken gewiesen. Mal mehr, mal weniger souverän. Seine Niederlagen hat er beide Male ausgemerzt. Er zeigte dem Publikum blutige Kriege, wilde Schlagwechsel, schnelle Knockouts und taktisch geprägtes Fechten mit der Faust. Daneben lebte er im Privatleben zurückgezogen, es gab keine Skandale, keine negativen Schlagzeilen à la Tyson. Das spricht für seine boxerische Größe, seine Vorbildsfunktion und belegt, das er einer der besten und würdigsten Schwergewichtsboxer gewesen ist, die jemals zwischen die Seile geklettert sind.

Bei dieser Betrachtung wirken der Vorwurf der Feigheit in einigen Aussagen von Vitali Klitschko oder seinem Manager Klaus-Peter Kohl zum Rückritt des Engländers völlig deplatziert und überzogen. Aber im Boxgeschäft gehören Lügen, Bluffs und Provozierungen zum Alltagsgeschäft und wenn man ehrlich ist und wirklich etwas vom Boxen versteht, dann weiß man, dass die Entscheidung von Lewis in erster Linie vernünftig ist. „The Lion“ hat einfach begriffen, dass Boxen wie eine unglückliche Liebesbeziehung ist - man erträgt den Schmerz und wartet auf den nächsten guten Augenblick. Und wie bei dieser Art von Liebe kommt es irgendwann zu dem Punkt, an dem man nicht mehr kann, an dem das, was einem ein guter Augenblick noch bringt, die ganze Mühe nicht mehr wert ist. Nicht mehr und nicht weniger.


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