Interviews Interview
Chris Byrd Interview
Noch vor wenigen Wochen trainierte ein enttäuschter Chris Byrd für einen Kampf gegen Adolpho Washington. Ursprünglich sollte Byrd in einem mit Spannung erwarteten Duell gegen den ungeschlagenen Olympiadritten Lawrence Clay-Bey antreten. Dieser erlitt jedoch eine Augenverletzung und so kam es zu der Ansetzung gegen den ehemaligen Weltmeister Washington, der Torsten May einst dessen "Trauma von Mallorca" zugefügt hatte.
Dann, ehe sich der aus Flint in Michigan stammende Byrd versah, war er auf dem Weg nach Deutschland, um gegen den bis dato ungeschlagenen Vitali Klitschko zu boxen.
Nun, der Ausgang dieser geradezu märchenhafte Geschichte ist bekannt: Obwohl durch deutsches Essen erkrankt, kam Chris in die neue Heimat des gebürtigen Ukrainers und gewann dessen WBO-Gürtel im Schwergewicht.
Während Mrs. Byrd im Hintergrund fröhlich "We are the champions" sang, sprach Marc Lichtenfeld von Boxingpress.com mit Chris Byrd über den Kampf und die nahe Zukunft.
Marc Lichtenfeld : Wie hat sich Ihr Training geändert, nachdem der Kampf gegen Klitschko feststand?
Chris Byrd : Es hat sich nicht geändert. Ich bekam den Anruf am Mittwoch. Ich bekomme häufig Anfragen gegen die Top-Leute der Gewichtsklasse zu boxen, aber daraus wurde nie etwas. Wahrscheinlich wurde ein wenig Druck ausgeübt, damit dieser Kampf zustande kam. Jedenfalls war ich bereit und wir unterschrieben den Vertrag am Samstag, am Sonntag flog ich nach Berlin. Es gab keine Zeit, sich auf einen so großen Gegner vorzubereiten.
ML : Wer soll diesen Druck ausgeübt haben? HBO?
CB : Ich glaube, ja. Mein Promoter hatte eine Menge Arbeit damit. Vermutlich hat Lou DiBella die Sache dann weiterverfolgt, er wollte mich anstelle von Ruddock in seiner Show haben und hat die Verhandlungen schließlich zum Abschluß gebracht.
ML : Hatten Sie Befürchtungen, daß Dan Goosen Sie nicht aus dem Kampf gegen Adolpho Washington herauslassen würde?
CB : Ja, ich war wirklich besorgt. Ich wollte nicht seine Show verderben, aber weil der Kampf gegen Klitschko eine so große Chance für mich war, mußte ich 'raus aus der Veranstaltung. Man wird Dan dafür entsprechend bezahlt haben, nehme ich an.
ML : Schulden Sie Dan Goosen nun entweder vertraglich oder moralisch etwas?
CB : Nein, wir sind quitt. Ich hatte unterschrieben, gegen Lawrence Clay-Bey zu boxen, bis er eine Netzhautablösung erlitt und durch Adolpho Washington ersetzt wurde. Ich war am Boden zerstört, schließlich hatte ich wochenlang wie ein Wahnsinniger speziell für Clay-Bey trainiert. Er ist ein guter Boxer, ein ungeschlagener Olympiadritter und dann bringen sie mir stattdessen Washington - einen Cruisergewichtler! OK, er war Weltmeister, aber er hat nicht dieselbe Qualität im Schwergewicht. Dieses Duell hätte mir nichts Positives bringen können, aber als plötzlich der Kampf mit Klitschko zustande kam, sah alles ganz anders aus.
ML : Dann kamen Sie nach Deutschland und wurden krank, wie kam es dazu?
CB : Nichts konnte meinen Magen beruhigen. Ich aß nicht anständig, schwitzte permanent und verlor Gewicht. Es wurde also schwierig für mich: Ich ging auf die Waage und wußte, ich hatte Gewicht verloren, aber ich ahnte nicht, daß ich nur noch 95,5 kg wog. Bei meinen letzten beiden Kämpfen wog ich ca.100 kg und als ich nun 95,5 kg sah, dachte ich "WOW!"
CB : Nein, ich weiß wie wohl ich mich gefühlt habe, als ich mit 100 kg gegen schwergewichtige Jungs geboxt habe. Ich wußte im Vorfeld, daß ich diesmal nicht so schwer sein würde und hatte vor, gegen Clay-Bey oder Washington mit 98 kg in den Ring zu steigen. Hätte ich gewußt, daß ich gegen Klitschko antreten würde, hätte ich 100 kg angestrebt. Stattdessen verlor ich weiter an Gewicht, ich aß nichts mehr und am Kampftag hatte ich nur 3 Scheiben Brot und eine Flasche Gatorade. Ich war wirklich ausgetrocknet. Als ich in den Ring stieg, wog ich wahrscheinlich 93 kg.
ML : Wie besorgt waren Sie deshalb, gerade weil dies der größte Kampf Ihrer Karriere werden würde?
CB : Das Einzige, um das ich besorgt war, war meine Verfassung nach dem Kampf. Vor meinem letzten Kampf verlief vieles ähnlich, ich aß nichts und nach dem Kampf war mir schwindlig und ich war dehydriert. Du bist besorgt, wenn du gegen so einen großen und schweren Boxer wie Klitschko antrittst. Du denkst: "Oh Mann, ich wiege weniger als ich sollte und fühle mich körperlich nicht fit". Das geht dir durch den Kopf. Aber wenn du in den Ring gehst, vergißt du alles. Das ist die Chance deines Lebens und du arbeitest mit dem, was du hast.
ML : Im Kampf hatte ich den Eindruck, daß Sie ungefähr ab der 4.Runde lockerer wurden.
CB : Ja, ich wurde warm. Ich mußte eine Strategie finden, an ihn heranzukommen und ihn zu frustrieren, damit er selbst offen werden würde. Dann dachte ich: "Vergiß' es, du kannst diesen Kerl nicht ausboxen." Also versuchte ich, ihn direkt zu attackieren, um zu sehen, ob er zurückboxen kann. Sie hatten einen engen Ring gebaut, weil sie dachten, ich würde weglaufen. Aber ich laufe vor niemandem davon. Ich bewege mich einfach gut. Der Ring war wirklich sehr schmal, aber das wurde zu seinem Nachteil, weil ich die Initiative übernahm und er nicht genug Platz zum Ausweichen hatte.
ML : Haben Sie während des Kampfes etwas von Klitschkos Schulterverletzung bemerkt?
CB : Nein, überhaupt nichts. Man schlägt einfach nicht, wenn die Schulter weh tut. Ich weiß das, weil ich mir selbst einmal die Schulter ausgekugelt habe. Dasselbe passierte meinen Brüdern, es liegt wohl in der Familie bei uns. Jedenfalls kennen wir jedes Schulterproblem, daß im Ring auftreten kann und wenn es eben dazu kommt, gibt man nicht auf. Das ist Boxen, wir sind Profis. Du boxt, bis sie dich aus dem Ring tragen.
ML : Wie war Ihre Reaktion, als Sie in der Ringecke waren und gesehen haben, daß der Kampf abgebrochen wird?
CB : Ich war überrascht, ich dachte: "Wow, der Kampf ist zuende!!" Es war ein unbeschreibliches Gefühl, insbesondere wenn im Ausland das Publikum hinter dir steht. Du versuchst, diesen großen Berg niederzuringen und dann wird der Kampf abgebrochen, weil er aufgibt. Ich war der neue Champ, es war ein fantastisches Gefühl!
ML : Wußten Sie in dem Moment, warum er aufgegeben hatte?
CB : Nein, ich merkte nur, daß er ziemlich müde wurde. Ich habe seinen Atem gespürt, er grunzte mehrfach, wenn ich Körpertreffer anbringen konnte. Ich wußte ganz sicher, ein bis zwei Runden später würde er es nicht mehr schaffen. So oder so. Ich habe einfach auf diesen Zeitpunkt gewartet und weiter permanenten Druck ausgeübt. Hinzu kam, daß die Luft im Ring ziemlich heiß war, daß muß ihm zugesetzt haben. Ich habe gemerkt, daß ich immer besser in den Kampf kam und ich wäre weitermarschiert, bis er völlig ausgelaugt gewesen wäre. Ich wußte sicher, bis zur 12. Runde hätte ich ihn geschlagen. Er hat sich schlecht bewegt, seine Schläge fühlten sich schwach an und er hat verzweifelt versucht, mich mit seiner rechten Hand auszuknocken. Wenn er mich mal getroffen hat und ich "Wooo!" rief, konnte ich in seinem Gesicht sehen, wie verzweifelt er war, daß ich nicht umfiel. Wenn ein Boxer mit so vielen Knockouts noch nie über die Distanz gehen mußte, daß kreist die ganze Zeit in deinem Kopf herum…
ML : Wie hart schlägt Klitschko denn nun wirklich ?
CB : Für mich schlagen alle Gegner recht annehmbar, aber Klitschkos Schlaghärte war nichts außergewöhnliches.
ML : Was steht für Sie als nächstes an? Es gibt Gespräche über einen möglichen Kampf gegen seinen Bruder Wladimir.
CB : Vielleicht kommt es dazu, es gibt eine Menge Möglichkeiten. Ein Kampf gegen Wladimir ist eine davon, aber es ist völlig unwichtig, denn jetzt habe ich mehr Zeit für die Vorbereitung. Außerdem sollte ich von nun an mehr Kämpfe als vorher bekommen…
ML : Wie Sie wissen ist Mike Tyson der Erstplatzierte in der WBO-Rangliste. Gibt es Hinweise von Seiten der WBO oder aus Tysons Lager, daß dieser Kampf stattfinden wird ?
CB : Er wird nicht gegen mich boxen, denn Mike kann dieselbe Summe gegen einen irgendeinen durchschnittlichen Gegner verdienen, ohne dabei in Verlegenheit zu geraten. Und genau das wird er tun. Dabei würde ich liebend gern gegen Tyson boxen, für mich würde ein Traum in Erfüllung gehen. Es wäre die perfekte Ansetzung, denn ich kann Tysons Power vermeiden. Den alten Tyson gibt es nicht mehr. Du denkst, Francois Botha hat gegen ihn 5 Runden gut geboxt? Vergiß' es!
Die internationale Boxszene ist nach dem letzten Sieg von Chris Byrd immer noch geteilter Ansicht, ob er in der Weltklasse des Schwergewichts bestehen kann. Aber selbst seine Skeptiker müssen anerkennen, daß Chris Byrd seine Gegner regelmäßig schlecht aussehen läßt. Nach seinem Sieg gegen Klitschko jedoch sollte Byrd endlich die Chance bekommen, um die er jahrelang gebeten hat - die anderen Top-Schwergewichtler schlecht aussehen zu lassen.
Marc Lichtenfeld ist der Präsident von Fantasy Boxing (Fanatic Games).