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Die zwei Gesichter des Roy Jones
Es gibt in der heutigen Zeit nur wenige Punkte, in denen sich ein großer Teil der Boxexperten und diejenigen, die sich dafür halten, einig sind. Denn während viele Angehörige dieser Randgruppe einen nicht zu unterschätzenden Teil ihrer Zeit in gepflegte Dispute über Punktwertungen, Kampfpaarungen usw. investieren, stimmen nahezu alle darin überein, daß US-Halbschwergewichtler Roy Jones der derzeit beste Boxer der Welt ist - Pfund für Pfund, wie man so schön sagt. Das Aufstellen einer inoffiziellen Rangliste für alle Boxer in allen Gewichtsklassen erinnert zwar ein wenig an den oft zitierten Vergleich von Äpfeln und Birnen, aber man muß Jones zugestehen, daß er tatsächlich diesen "Titel" am ehesten zu verdienen scheint.
Allerdings darf nicht verschwiegen werden, daß die Einschätzung von Jones als bester Boxer unserer Tage immer auch einen etwas schalen Beigeschmack hervorruft. Natürlich wird es wohl kaum jemanden geben, der Jones' phänomenales Talent anzweifeln wird. Seine athletischen Fähigkeiten, seine unglaubliche Hand-Augen-Koordination, seine Kondition und sein Speed sind in der Tat unerreicht. Außerdem ist er intelligent und kann sich sehr gut ausdrücken, wie er beispielsweise als Co-Kommentator der "Boxing After Dark" -Serie des US-Senders HBO immer wieder unter Beweis stellt. Diese Kombination könnte Jones normalerweise nicht nur zu einer Ikone seines Sports machen, sondern sogar zu einem weltweit bekannten Vorzeigeathleten vom Format eines Michael Jordan. Leider ist eher das Gegenteil der Fall. Der Grund dafür ist die Art und Weise, wie Jones seine Karriere verfolgt und organisiert.
Fast möchte man sich wünschen, daß es jemanden gäbe, der Roy Jones den Unterschied zwischen einem Titelträger und einem wahren, großen Champion erläutert - ein Unterschied, der gerade in der heutigen Zeit des inflationären Umgangs mit der Bezeichnung "Weltmeister" wichtiger denn je ist. Ein echter Champion wird nicht definiert über Dinge wie die Anzahl erfolgreicher Titelverteidigungen gegen längst vergessene Gegner, TV-Quoten oder Kampfbörsen. Solche Fakten taugen nach einigen Jahren zu nicht sehr viel mehr als zu Aufhängern für nette Diskussionen für Stammtischrunden. Im Gegensatz dazu gibt es für einen Boxer nur eine Möglichkeit, als "großer Champ" in die Geschichtsbücher einzugehen, nämlich durch große Leistungen oder Siege gegen starke Gegner, also Momente im Ring, die den Status eines Fighters definieren. Roy Jones' Problem ist es, daß ihm solche Momente bislang, von vielleicht einer Ausnahme (mit dem Namen James Toney ) abgesehen, fehlen.
Dies ist umso bedauerlicher, da Jones' reines Talent den Vergleich mit *allen* Größen aus der Geschichte des Boxsports zu keinem Zeitpunkt zu scheuen braucht. Viele der ihm freundlich gesonnenen Experten behaupten, daß es bislang einfach keinen Gegner gegeben habe, der in der Lage gewesen wäre, das Beste aus Roy Jones herauszukitzeln. Andere wiederum werfen ihm vor, fast ausschließlich gegen weniger gute Gegner anzutreten. In der Realität steckt in beiden Aussagen ein Körnchen Wahrheit, den Kern des eigentlichen Problems verfehlen jedoch beide.
Jones' großes Handicap scheint es zu sein, daß er nicht wirklich bereit ist, sein Herz in seinen Sport zu investieren und daß er den Status des "guten Geschäftsmannes" über den Status des "großen Champions" zu stellen scheint, denn es ist davon auszugehen, daß das vorhin geschilderte Konzept des "wahren Champions" Jones sehr wohl bekannt ist. Nicht zuletzt durch die Unterstützung seines "Haussenders" HBO ist es Jones gelungen, einen Punkt zu erreichen (durch Klauseln über Garantiebörsen zu ca. 3 Millionen Dollar je Fight etc.), wo er durch Kämpfe gegen beliebige Gegner viel Geld verdienen kann. Angesichts dessen scheint Jones das Streben nach höheren Ehren offenbar weniger erstrebenswert.
Was die Aussagen über seine bisherigen Gegner angeht, so kann man feststellen, daß Jones keineswegs nur gegen schlechte Gegner angetreten ist - Namen wie James Toney , Bernard Hopkins , Reggie Johnson , Virgil Hill und einige weitere mehr verdienen diese Einschätzung keineswegs. Das diesbezügliche Problem besteht allerdings darin, daß es zu fast jedem Zeitpunkt der bisherigen Karriere von Roy Jones immer Gegner gab, die *möglicherweise* fähig gewesen wäre oder es noch sind, mit Jones einen der vorhin angesprochenen "definierenden Fights" zu bestreiten - Gegner wie Gerald McClellan, Nigel Benn , Steve Collins , Chris Eubank oder eben Dariusz Michalczewski . Alle diese angesprochenen Fighter waren dazu bereit, zum jeweiligen Zeitpunkt gegen Jones anzutreten (aufgrund dieses Kriteriums wurde der Name " Henry Maske " nicht in diesem Zusammenhang erwähnt) - jedoch kam nicht einer der somit theoretisch möglichen Fights zustande. Nicht einer.
Die gewohnheitsmäßig guten Kritiken von HBO und vielen Journalisten, die permanent Lobeshymnen auf Roy Jones singen, sind wohl der einzige Grund dafür, warum die eben beschriebene Tatsache Jones' Karriere nicht viel mehr geschadet haben.
Ich möchte nicht mißverstanden werden, meiner Ansicht nach hätte Jones mit keinem der vorhin angesprochenen Boxer große Probleme gehabt - jedoch ist diese Einschätzung von rein theoretischem Wert. Unbestritten ist, daß Jones' kompletter Kampfrekord von absolut überflüssigen Matches gespickt ist, während potentielle Superfights nie zustande kommen konnten - und das ist mehr als bedauerlich.
Doch wie gesagt scheint es Jones vorzuziehen, für Zeitverschwendung gut bezahlt zu werden, anstatt zu versuchen, seinen Namen in die Geschichtsbücher eingehen zu lassen. Hinzu kommt der Fakt, daß er es wie kaum ein zweiter versteht, die Boxfans in aller Welt mit sich in schöner Regelmäßigkeit wiederholenden Ausbrüchen von Egomanie und Narzissmus zu verärgern, was gerade in den letzten Tagen wieder einmal deutlich wurde, als Jones wieder einmal laut darüber nachdachte, ins Schwergewicht aufzusteigen, um gegen Lennox Lewis zu boxen.
Angesichts solchen Größenwahns möchte man sich fast wünschen, daß er diesen Gedanken in die Tat umsetzt und dann herausfindet, daß auch ein Roy Jones den Gesetzen der Physik unterliegt, während er durch den Ring "geprügelt" würde, Pfund für Pfund, wie man so schön sagt.
Aber auch solche eigentlich überflüssigen Gedankenspiele sind weitaus interessanter als Fights gegen Ricky Frazier , David Telesco oder eben Richard Hall , gegen den Roy Jones am Samstag antreten wird. Zwar handelt es sich bei diesem "Kampf" um eine Pflichtverteidigung von Jones' WBA-Gürtel, aber es scheint fast so, als ob dies für Jones eine willkommene Gelegenheit ist, wieder einmal verschwendete Zeit bezahlt zu kommen, anstatt gegen würdigere Gegner anzutreten.
Fakt ist, daß es gegenwärtig nur einen logischen Kampf im Halbschwergewicht gibt, aber ehe ein Fight Jones vs. Michalczewski zustande kommen kann oder auch nicht, müssen wir uns vorerst mit einem Kampf Jones vs. Hall zufrieden geben, einem Match, daß weder einen der beiden Fighter noch einen Zuschauer in irgendeiner Form etwas bringen dürfte.
Hall, ein baumlanger Jamaikaner, ist ein Fighter, der den berühmt-berüchtigten Titel eines "Interimsweltmeisters" trägt. Ein Blick auf seinen Kampfrekord bringt jedoch sehr schnell die Erkenntnis, daß er eindeutig in die Kategorie "unwürdiger Gegner" fällt. Wer von einem Clubfighter wie Rocky Gannon ausgeknockt werden kann, sollte gegen einen Roy Jones nicht allzu viel erwarten dürfen. Kurz gesagt, Jones kann dieses Mismatch beenden, wann immer er will - wenn er in Stimmung ist.
Natürlich muß zu jedem Zeitpunkt damit gerechnet werden, daß der kommende Fight wieder einmal zeigen wird, daß Jones immer nur so gute Leistungen bringt, wie er dies selbst will. Wenn er konzentriert und fokussiert in ein Match geht, kann er wahrhaft beeindruckend sein (wie z.B. im Rematch gegen Montell Griffin - siehe Foto ) - wenn er dies nicht tut, gewinnt er zwar auch klar und deutlich, ohne jedoch seine Zuschauer zu begeistern (wie z.B. zuletzt gegen David Telesco).
Es ist nicht auszuschließen, daß diese mangelhafte Einstellung zu seinem Job und die Tatsache, daß er nicht mit dem Herzen bei der Sache ist, Roy Jones irgendwann einmal zum Verhängnis werden könnte, nämlich dann, wenn ihn ein Gegner wirklich einmal fordern kann. Wenn dann der Fighter in Jones und sein Herz erstmalig gefragt sind, kann niemand mit Sicherheit eine echte Überraschung ausschließen, denn während seiner gesamten Karriere mußte Jones noch *nie* mit einer solchen Situation umgehen.
Daß Dariusz Michalczewski dieser bewußte Gegner sein wird, möchte ich persönlich zwar stark anzweifeln, aber wer weiß - es sind schon seltsamere Dinge passiert.