Kampfberichte Kampfbericht
Lamon Brewster vs. Luan Krasniqi - Der Bericht
Am hundertsten Geburtstag der im Februar dieses Jahres verstorbenen Ringlegende Max Schmeling veranstaltete die Universum Box Promotion in der Color Line Arena, Hamburg, ein Schwergewichtsevent, dessen Hauptinteresse der Weltmeisterschaft nach Version des Verbandes WBO zwischen dem US-Amerikaner Lamon Brewster (BP-Nr. 5, Foto oben) und dem Deutschen Luan Krasniqi (BP-Nr. 10 ) galt. Der mit Spannung erwartete Kampf stellte das Unterfangen dar, mit Krasniqi den ersten deutschen Weltmeister seit Max Schmeling zu stellen. Die bisherigen Versuche in Person von Karl Mildenberger , Axel Schulz und Willi Fischer waren allesamt gescheitert, wobei Schulz in seinem Kampf gegen George Foreman wohl nur durch drei unfähige Punktrichter um den Erfolg gebracht wurde. Mit dem 34-jährigen Krasniqi hatte man nun endlich wieder einen deutschen Anwärter, der das notwendige Rüstzeug für Kämpfe in der Weltspitze mit sich brachte. Ob es nun auch für einen WM-Titel reichen sollte, zeigte der gestrige Kampf. Das Rahmenprogramm wurde durch sieben weitere Schwergewichtskämpfe abgerundet, in denen unter anderem hoffnungsvolle Nachwuchstalente wie Alexander Dimitrenko , Ruslan Chagaev , Taras Bidenko und Denis Boytsov auftraten.
1. Kampf: Gbenga Oloukun gegen Vlado Szabo , angesetzt auf vier Runden
Einen neuen Mann im Schwergewicht stellte das Team der Spotlight Boxing Promotion mit dem Nigerianer Gbenga Oloukun vor. In seinem profesionellen Debüt hatte es der 22-Jährige mit dem bis dato in all seinen Kämpfen erfolglosen Slowaken Vlado Szabo zu tun. Dass Szabo auch in diesem Versuch nicht seinen ersten Sieg davontragen würde, konnte man bereits in der ersten Runde erahnen. Der massige Slowake war zwar mit einem Gewichtsvorteil von 13 Kg in den Kampf gegangen, allerdings war dies gegen den mit schnellen Beinen und Fäusten ausgestatteten Oloukun kein Vorteil. Von Beginn an nahm der gut austrainiert wirkende Nigerianer das Heft in die Hand und deckte seinen Gegner mit Schlägen sowohl zum Kopf als auch zum Körper ein. Auch Szabo realisierte schnell, dass es in diesem Kampf wenig für ihn zu holen gab. So verlegte er sich auf eine auf das Überstehen der Distanz ausgerichtete Strategie. Mit einer hochgezogenen Doppeldeckung marschierte er vorwärts und schob seinen Gegner immer wieder in die Seile. Mit dieser Taktik erreichte er zumindest einen Kräfteverschleiß bei Oloukun, so dass diesem letztendlich die nötige Kraft für einen Niederschlag in seinen Schlägen fehlte. So gewann der Neuzugang des Hamburger Boxstalles nur nach Punkten, dies allerdings einstimmig auf allen drei Punktzetteln mit 40:36.
2. Kampf: Valery Chechenev gegen Bagrat Ohanyan , angesetzt auf sechs Runden
Zwei wirklich schwere Brocken standen sich in einem stallinternen Duell gegenüber. Sowohl der Russe Valery Chechenev als auch der Armenier Bagrat Ohanyan wirkten dabei nicht voll austrainiert, was man allerdings auch in bisherigen Kämpfen der beiden hatte beobachten können. Den besseren Start erwischte der 24-jährige Ohanyan, dem es in der ersten Runde immer wieder gelang, trotz beachtlicher Reichweitenvorteile Chechenevs, die Distanz zu überbrücken und rechts wie links mit Haken durchzukommen. Auch in Runde zwei bot sich ein ähnliches Bild, wenngleich nicht ganz so deutlich. Erst im dritten Durchgang gelang es Chechenev, seine Führhand etwas besser ins Spiel zu bringen. Zudem setzte er nun häufiger eine Klammertaktik ein, wenn Ohanyan in die für ihn vorteilhaftere Nahdistanz gelangte. Runde vier konnte man aufgrund mangelnder klarer Treffer auf beiden Seiten wohl am ehesten unentschieden werten. Etwas mehr Aktion war dann in Durchgang fünf zu sehen. Bereits zu Beginn der Runde gelang es Ohanyan, mit einer Rechts-links-Kombination Wirkung bei Chechenev zu erzielen. Allerdings erholte sich der Russe schnell davon und gegen Ende des Durchgangs war es Chechenev, der seinen Gegner mit guten Treffern beeindruckte. Das zu diesem Zeitpunkt ziemlich offene Duell veranlasste beide Boxer in der Schlussrunde dazu, eine letzte Offensive zu starten. So entwickelte sich ein offener Schlagabtausch, bei dem Chechenev vielleicht die etwas klareren Aktionen auf seiner Seite hatte. Auf den Punktezetteln setzte er sich jedenfalls mit 58:56, 58:56 und 57:57 Punkten durch und bleibt damit weiterhin unbesiegt, während Ohanyan seine erste Niederlage kassierte.
3. Kampf: Kali Meehan gegen Tommy Connelly , angesetzt auf zehn Runden
Mit dem Neuseeländer Kali Meehan hatte man auf der Veranstaltung einen Boxer verpflichtet, der bereits seine Erfahrungen in einem WM-Kampf mit Lamon Brewster gemacht hatte. Meehan war dabei nur knapp und kontrovers in einer geteilten Punkteentscheidung gescheitert. Gegen den 24-jährigen US-Amerikaner Tommy Connelly war Meehan zu keiner Zeit in Gefahr. Nach einer aktionsarmen Auftaktrunde erhöhte Meehan in Durchgang zwei merklich das Tempo und variierte gut zu Kopf und Körper. Letzterer bot allerdings auch reichlich Trefferfläche, denn der US-Amerikaner war nicht gerade austrainiert in dieses Gefecht gegangen. Gegen Ende der Runde hatte Meehan seinen Gegner nach guten Treffern erstmals am Boden, jedoch verhinderte der Pausengong einen KO. Der folgte dann in Runde drei. Der 35-Jährige Meehan bereitete zunächst gut zum Körper vor und schloss dann mit einer rechten Geraden durch die Deckung zum Kopf ab. Connelly sackte in den Seilen zusammen und zeigte verständlicherweise keine große Lust, sich noch mehr Prügel abzuholen. So hieß der Sieger durch technischen KO in Runde drei Kali Meehan.
4. Kampf: Denis Boytsov gegen Janos Somogyi , angesetzt auf vier Runden
Erneut einen kurzrundigen KO-Sieg konnte der 19-jährige Russe Denis Boytsov feiern. Für den mit 39 Jahren mehr als doppelt so alten Ungarn Janos Somogyi war bereits in Runde eins, fast zeitgleich mit dem Pausengong, Schluss. Dabei schien es zunächst so, als könnte der von Laszlo Paszterko gemanagte Boxer Boytsov, dank seiner Rechtsauslage, vor Probleme stellen. Doch mit stoischer Gelassenheit marschierte Boytsov nach vorne und schlug seinen Gegner in der letzten Minute der Eröffnungsrunde das erste Mal zu Boden. Somogyi stellte sich zwar noch einmal dem Kampf, aber kurz vor Rundenende ging er nach einem Schlaghagel Boytsovs erneut herunter und wurde vom Ringrichter ausgezählt. Der Sieger durch KO in Runde eins hieß somit Denis Boytsov.
5. Kampf: Ruslan Chagaev gegen Jucimar Hipolito , angesetzt auf zehn Runden
Ebenfalls kurzen Prozeß machte der Usbeke Ruslan Chagaev (BP-Talent) mit seinem brasilianischen Kontrahenten Jucimar Hipolito . Der völlig überforderte Südamerikaner kam in Runde eins gleich zweimal zu der Erkenntnis, dass es nach Treffern von Chagaevs linker Schlaghand ratsam sei, sich erst einmal zu Boden zu begeben. Der zweite Bodenbesuch veranlasste den Ringrichter glücklicherweise dazu, den Brasilianer aus dem Gefecht zu nehmen. Chagaev gewann somit durch technischen KO in Runde eins. Einen Gefallen hat man ihm mit diesem Kampf aber nicht getan, zu offensichtlich war der Klassenunterschied zwischen beiden Boxern.
6. Kampf: Alexander Dimitrenko gegen Vaughn Bean , angesetzt auf zehn Runden
Seinen bis dato schwersten Test hatte der Ukrainier Alexander Dimitrenko (Foto) mit dem US-Amerikaner Vaughn Bean zu bestehen. Der 31-jährige Bean, der aufgrund seines äußerst unbequemen Kampfstils schon Michael Moorer , Evander Holyfield und Vitali Klitschko vor zum Teil erhebliche Probleme gestellt hatte, zeigte auch gegen Dimitrenko, dass man ihn besser nicht als Gegner verpflichtet. In einem äußerst unansehlichen Kampf präsentierte sich von Beginn an das gleiche Bild. Der US-Amerikaner machte sich klein, verkürzte geschickt die Distanz und arbeitete im Infight. Dass Dimitrenko hier mit seinen langen Armen klar benachteiligt war, lag auf der Hand. Gegen Andreas Sidon noch mit einer beeindruckenden Leistung aufwartend, hatte Dimitrenko dieses Mal keinerlei Ideen, wie er seinen Gegner auf Distanz halten sollte. Dabei waren ihm dank seiner physischen Parameter durchaus die Möglichkeiten gegeben, einen kleineren Mann wie Bean mittels der Reichweite auszuboxen.
Seine beste Runde hatte Dimitrenko in Durchgang drei, als es ihm stellenweise gelang, Bean mit seiner Führhand in Schach zu halten. Noch dazu erhielt Bean hier aufgrund einer Tiefschlagserie eine Verwarnung und einen Punktabzug, ebenso in Runde vier. Danach bot sich allerdings wieder das Bild, das man schon von den ersten beiden Runden kannte. Einen Vaughn Bean, der immer wieder in der Lage war, in den Infight zu gelangen und hier mit Treffern, wenn auch nicht mit harten, zu punkten und dann den Kampf im Clinch zu unterbinden. Dass dieser Kampfstil äußerst unattraktiv ist, steht auf der einen Seite, dass er aber effektiv ist und somit bei den Punkterichtern auch dementsprechend Berücksichtigung finden müsste, steht auf der anderen Seite. An diesem Abend jedenfalls neigten die Punktrichter dazu, Beans Treffer zu übersehen. Sie werteten den Kampf mit 95:93, 95:93 und 96:92 zu Gunsten von Dimitrenko, was ihnen ein gellendes Pfeifkonzert des Publikums einbrachte. Der Autor dieses Artikels hatte Bean mit 96:93 vorne.
7. Kampf: Taras Bidenko gegen Nuri Seferi, angesetzt auf zehn Runden
Erstmals richtig Stimmung kam im Kampf des Ukrainers Taras Bidenko gegen den Albaner Nuri Seferi um den Titel des Internationalen Deutschen Meisters im Schwergewicht auf. Die zahlreichen albanischen Anhänger feuerten ihren in der Schweiz lebenden Landsmann lauthals an und bejubelten jede seiner Aktionen, auch wenn sie in die Luft ging oder auf Bidenkos Deckung landete. Seferi, der erhebliche Reichweitennachteile zu kompensieren hatte, tat dieses vor allem in den ersten beiden Durchgängen sehr erfolgreich. Nur den Vorwärtsgang kennend gelangte er immer wieder in die für ihn wichtige Nahdistanz und konnte hier seine Hakenserien an den Mann bringen, ohne allerdings bei Bidenko Wirkung zu erzielen. Ab Durchgang drei fand der 25-jährige Ukrainer besser in das Gefecht und punktete hauptsächlich mit der Führhand und ab und an mit der nachgezogenen Schlaghand. Seferi verlegte sich darauf, zwei bis dreimal pro Runde an den Mann zu gelangen und seine Hakenserien abzufeuern. Bidenko pendelte viele dieser Schläge aus und ließ Seferi ein ums andere Mal ins Leere laufen. In der Schlussrunde gelang es Bidenko, seinen Gegner mit einer schönen Rechten zu Boden zu schicken. Allerdings konnte er daraus nicht mehr das Kapital für einen vorzeitigen Sieg schlagen, so dass der Kampf von den Punktrichtern ausgewertet werden musste. Dort hatte man Bidenko mit jeweils 97:92 einstimmig als Sieger gesehen, sehr zum Unwillen des Publikums und vielleicht ein wenig zu deutlich, aber der Sieg an sich ging in Ordnung.
Den Schlusspunkt setzte dann die Weltmeisterschaft im Schwergewicht nach Version des Verbandes WBO zwischen dem US-Amerikaner Lamon Brewster (auf Foto links) und dem Deutschen Luan Krasniqi . Brewster begann den Kampf, wie erwartet, sehr aggressiv. Er versuchte, ähnlich wie in seinem Kampf gegen den Polen Andrew Golota (BP-Nr. 12) , Krasniqi mit seinen überfallartigen Angriffen zu erwischen. Allerdings war der 34-jährige Rottweiler, unterstützt von einem frenetischen Publikum, darauf eingestellt und entging diesen Aktionen Brewsters auf schnellen Beinen. Krasniqi versuchte nun seinerseits, mit der Rechten Eindruck bei Brewster zu schinden und brachte im weiteren Verlauf der Runde seine Führhand zur Geltung. Gegen Ende der Runde erwischte Brewster, der viel zum Körper Krasniqis agierte, den Deutschen mit einem Tiefschlag, der Ringrichter Jose Rivera dazu veranlasste, das Gefecht kurzzeitig zu unterbrechen, um Krasniqi eine etwa zweiminütige Erholungsphase zu ermöglichen. Konfusion pur gab es dann nach dieser Unterbrechung. Zunächst marschierte Brewster wieder aggressiv nach vorne, um seine Hakenserien abzufeuern, dann schlug auch Krasniqi mit, sehr zur Freude des Publikums. Und dann überhörten sowohl beide Boxer, als auch der Ringrichter, die Pausenglocke und Krasniqi und Brewster verstrickten sich in einen munteren Schlagabtausch nach Ende der Runde. Bereits hier zeigte sich, dass Krasniqi offenbar wenig Respekt vor Brewsters Schlagkraft hatte, ein Fehler, der sich später rächen sollte.
Doch zunächst war es Krasniqi (Foto) , der das Gefecht in Durchgang zwei und drei beherrschte. Vor allen Dingen die Führhand des Deutschen kam sehr gut und immer wieder ließ er auch die Schlaghand folgen. Gegen Ende der dritten Runde konnte Brewster jedoch einen linken Haken zum Kopf landen, der augenscheinlich kurz Wirkung bei Krasniqi hinterließ. Brewster setzte nun nach, konnte jedoch keine klaren Treffer mehr landen. Dafür ließ Krasniqi in den letzten Sekunden noch einmal die Fäuste fliegen und machte Eindruck bei den Punktrichtern. Durchgang vier verlief zunächst etwas ruhiger, aber in der letzten Minute der Runde konnte Krasniqi sowohl mit der Linken, als auch mit der Rechten klare Treffer setzen. Dann jedoch, in den letzten Sekunden vor dem Rundenende, schlug der US-Amerikaner erneut zweimal tief. Daraufhin drehte Krasniqi ab, in der Hoffnung, der Ringrichter würde den Kampf unterbrechen. Doch da dieser die Aktion nicht als Foul ahndete, griff Brewster erneut an und landete einen Kopftreffer mit dem Pausengong. Auch wenn die Aktion Brewsters nicht ganz legal gewesen sein mag, Krasniqi hätte hier an die immer gültige Regel, jederzeit verteidigungsbereit zu sein, denken müssen.
Runde fünf sah erneut eine gute Runde für den Rottweiler, der nach einer starken rechten Geraden auch zum ersten Mal einen guten Treffer mit dem Aufwärtshaken landete und sich somit langsam einen Vorsprung sicherte, wozu auch der nachfolgende Durchgang beitrug. Die deutlicheren Treffer landete hier jeweils der Herausforderer. Noch klarer verlief Runde sieben. Hier schien es bereits so, als habe Krasniqi den Gegner im Griff. Ein trügerischer Schluss, denn im achten Durchgang zeigte sich der unbändige Kampfeswille des US-Amerikaners. Die ersten schweren Treffer Brewsters steckte Krasniqi zwar noch weg und setzte danach auch selber Treffer, aber am Ende der Runde ließ sich der Deutsche auf einen Schlagabtausch ein, in dessen Folge er schwer zu Boden musste. Eigentlich hätte hier bereits Schluss sein müssen, denn Krasniqi benötigte weitaus mehr als die vorgeschriebenen zehn Sekunden, bis er wieder stand, doch mit Hilfe des Ringrichters konnte sich der ehemalige Europameister in die Rundenpause retten. Was folgte, war eine der unglaublichsten Runden, die das Schwergewicht der letzten Jahre zu bieten hatte. Brewster, sich bewusst, dass Krasniqi immer noch angeschlagen war, versuchte, das vorzeitige Ende herbeizuführen. Erneut musste Krasniqi harte Schläge kassieren und seine Ringecke hatte bereits das Handtuch in der Hand, doch dann konnte der Deutsche selbst schwere Treffer landen. Auch Brewster schien jetzt angeschlagen und der Kampf wogte nun hin und her. Dann jedoch, wenige Sekunden vor Ende des neunten Durchgangs, landete der US-Amerikaner einen Treffer mit der Rechten, der Krasniqi in den Seilen zusammensacken ließ. Obwohl Krasniqi dieses Mal rechtzeitig wieder stand, hatte er genug und gab den Kampf auf.
Der Sieger durch technischen KO in Runde neun hieß somit Lamon Brewster. Doch dieses Mal, im Gegensatz zu seiner Entscheidung im Duell mit dem Polen Saleta, kann Krasniqi wohl niemand einen Vorwurf machen. Denn dass er Herz hat, das hat Luan Krasniqi mit diesem Kampf eindrucksvoll bewiesen. Allerdings wird Krasniqi seine Entscheidung wahrscheinlich selber bedauern, wenn er die Bilder des Kampfes im Nachhinein betrachtet. Denn dann wird ihm wohl auffallen, dass der Weltmeister physisch wohl noch angeschlagener war als er selbst. Respekt haben sich mit diesem Kampf auf jeden Fall beide Boxer verdient. Das war Werbung für das Schwergewicht.