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Dariusz Michalczewski vs. Richard Hall - Das Rematch
Der Kampf des WBO-Weltmeisters Dariusz Michalczewski ( BP-Nr.2, Foto ) gegen Richard Hall ( BP-Nr.11 ) bot eine doppelte Brisanz: Zum einen war es vorher offen, ob Michalczewski diesmal besser mit dem unbequemen Hall zurecht kommen würde als in seinem letzten Kampf, den er zwar letztlich verdient gewann, aber bei dem er so manche Runde an den aggressiv boxenden Herausforderer aus Jamaika abgab. Zum anderen stellte sich die Frage, wie die deutschen Boxfans in Braunschweig die polnische Hymne und Flagge aufnehmen würden, unter denen Michalczewski, der die polnische Staatsangehörigkeit nie aufgegeben hat und der nach eigenen Angaben überwiegend in Danzig lebt, von nun an boxen will.
Der befürchtete Eklat blieb dann jedoch aus: Ein paar Buhrufe während des Einmarschs des Weltmeisters und einige vereinzelte Pfiffe während der polnischen Hymne, das war es dann auch schon. Offensichtlich interessierte die Zuschauer in Braunschweig, unter denen auch einige polnische Fans waren, mehr die sportliche Zukunft von Michalczewski als die private. Auch BoxingPress beschäftigt sich einzig und allein mit der sportlichen Leistung des "Tigers".
Vor diesem Hintergrund soll der Herausforderer aus Jamaika nicht vergessen werden: Als am 15.12.2001 der erste Kampf der beiden Kontrahenten in Berlin in der elften Runde wegen einer fast tennisballgroßen Beule über Hall's Auge ( Foto ) abgebrochen werden musste und Michalczewski dadurch Sieger durch TKO wurde, war so mancher Zuschauer unzufrieden, der in der zehnten und elften Runde einen aggressiv boxenden Hall gesehen hatte, welcher die Entscheidung suchte. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass Michalczewski zu diesem Zeitpunkt aufgrund der wesentlich häufigeren und klareren Treffer nach Punkten deutlich vorne lag.
So mancher äußerte dennoch den Verdacht, dass der "Tiger" noch KO gegangen wäre, hätte man Hall nur weiterboxen lassen. Wenngleich solche Überlegungen bei realistischer Betrachtung ins Reich der Spekulationen gehören und eine Fortsetzung des Kampfes aus gesundheitlichen Gründen sehr fragwürdig gewesen wäre, bleibt die Frage doch letztlich unbeantwortet. Umso interessanter war das Duell in Braunschweig: Würde der Weltmeister sich auf den Stil des Herausforderers eingestellt haben oder würde Hall diesmal in der Lage sein, Nägel mit Köpfen zu machen und dem "Tiger" seine erste Niederlage beibringen?
Um es vorweg zu nehmen: Die 22. Titelverteidigung des "Tigers" wurde auch seine schwerste - sieht man einmal vom ersten Kampf gegen Graciano Rocchigiani im Jahre 1996 ab. Gleich in der ersten Runde startete Hall einen furiosen Angriff und schlug die vollen drei Minuten unaufhörlich auf den WBO-Weltmeister ein. Dabei öffnete sich - durch reguläre Schläge - ein Cut am rechten Auge von Michalczewski und das linke Auge schwoll an. Der Weltmeister wurde vom Auftaktangriff des Herausforderers völlig überrumpelt und fand zunächst nicht zu seinem Stil. Eine klare Runde für den Jamaikaner. Die größere Aggressivität und Schlagfrequenz lag auch in den folgenden Runden bei Hall, wobei der "Tiger" ab der dritten Runde besser in den Kampf kam und mitschlug. So gingen die ersten beiden Runden auf dem BP-Punktzettel klar an Hall, die dritte und vierte knapp. Zu diesem Zeitpunkt mussten die "Tiger"-Fans um ihren Mann bangen, denn die Schwellung an Michalczewskis Auge wurde immer größer und es war ungewiß, ob er mit dieser Beule 12 Runden lang würde boxen können bzw. dürfen.
Doch dann vermochte der als notorischer Spätstarter bekannte Weltmeister ab der fünften Runde den Kampf zu drehen. Das Distanzgefühl des Weltmeisters wurde besser und er traf immer häufiger mit seiner linken Führhand. Die rechte Hand nutzte er kaum, was wohl damit zu erklären war, dass er auf eine solide Deckung seines noch einigermaßen intakten rechten Auges bedacht war.
Als der "Tiger" das Heft dann einmal in der Hand hielt, gab er es nicht mehr ab. Der Herausforderer konnte zwar konditionell noch mithalten, schaffte es aber nicht mehr, den Druck der Anfangsrunden aufrecht zu erhalten und kassierte immer häufiger schwere Kopftreffer. In der sechsten Runde geriet er in schwere Bedrängnis und wurde vom "Tiger" angeklingelt. Dennoch blieb der Kampf offen, weil niemand wußte, wie lange Michalczewski mit seinem inzwischen fast zugeschwollenen linken Auge noch weiterboxen könnte. Vermutlich sah der Tiger ab dem zweiten Drittel des Kampfes auf dem linken Auge nur noch wenig bis gar nichts.
Das für den Weltmeister und seine Fans erlösende, aber auch überraschende Ende kam in Runde 10: Ein linker Haken Michalczewski's brachte Hall sichtbar ins Wanken, worauf der Tiger mit einer Serie von Schlägen nachsetzte, die jedoch zum Großteil ihr Ziel verfehlten. Hall klammerte und machte einen leicht angeschlagenen Eindruck, blieb aber stehen. Der Ringrichter Rudy Battle entschied sich dafür, den Herausforderer aus dem Kampf zu nehmen. Eine Entscheidung, die man rechtfertigen kann, aber nicht muss. Denn weder stand Hall offen ohne Deckung, noch drehte er sich ab. Vielmehr klammerte er und versuchte, sich zu decken. Eine Verteidigungsunfähigkeit war nicht festzustellen. Insofern blieb auch bei diesem Abbruch ein fader Beigeschmack, weil es sich um keine, einen Abbruch zwingend erfordernde Situation handelte und zu diesem Zeitpunkt der "Tiger" aufgrund seines linken Auges jederzeit selbst in Gefahr war, aus dem Kampf genommen zu werden. Für Hall allerdings, der nicht erkennbar protestierte, ging der Abbruch dieses Mal anscheinend in Ordnung.
Dariusz Michalczewski bleibt damit WBO-Weltmeister im Halbschwergewicht durch TKO in der zehnten Runde nach einer für ihn sehr kompliziert verlaufenen Titelverteidigung. Michalczewski, der schon in seinen letzten Kämpfen nicht immer gut aussah, muss sich fragen lassen, ob er nicht möglicherweise seinen Zenit überschritten hat und langsam ans Aufhören denken sollte. Man will sich nicht ausdenken, wie ein "Tiger" in dieser Form gegen Roy Jones jr. aussehen würde.
Andererseits beeindruckte Michalczewski durch seine vorbildliche Kondition und seinen unbändigen Siegeswillen ebenso wie durch seine Schlagkraft und seine Fähigkeit, auch in kritischen Situationen die Nerven zu behalten und seine taktische Marschroute durchzufechten. Respekt daher nicht nur für die gute Leistung des Herausforderers, sondern vor allem auch für die des Tigers, der wieder einmal gezeigt hat, dass er ein Spätstarter ist, der Kämpfe umdrehen und schlußendlich vorzeitig gewinnen kann.
Im anschließenden Interview bewies der "Tiger" Humor, als er sich sein lädiertes Auge zuhielt mit den Worten: "Das habe ich nur für Euch, für’s ZDF gemacht. Denn mit dem zweiten Auge sieht man besser" . Promoter Klaus-Peter Kohl berichtete wieder einmal, man arbeite an einem Duell mit Sven Ottke ( BP-Nr.2) - ein für die deutschen Fans äußerst interessantes Duell. Am Ring in Braunschweig saß zudem Ex-Weltmeister Reggie Johnson ( BP-Nr.5), der von Peter Hanraths als nächster Gegner für den "Tiger" ins Gespräch gebracht wurde.
Ein kurzer Überblick über die sonstigen Kämpfe des Abends:
Daisy Lang holte sich den GBU-Titel im Bantamgewicht gegen die Amerikanerin Lisa Foster , also in einer Gewichtsklasse, die eigentlich über ihrer angestammten liegt. Sie siegte nach Punkten mit 98:92, 96:94 und 97:93. "König" Artur Grigorian ( BP-Nr.4, Foto ) verteidigte seinen WBO-Titel im Leichtgewicht gegen den Italiener Stefano Zoff ( BP-Nr.12 ) einstimmig nach Punkten (115:113, 115:113, 118:110). Zoff fiel durch eine Unsportlichkeit auf, als er direkt nach dem Kampf den Ring verließ und Zuschauer beschimpfte, ohne das offizielle Urteil abzuwarten. Das ZDF zeigte diesen Kampf nur in kurzen Ausschnitten, die den Eindruck erweckten, als habe Grigorian jede Runde dominiert. Das Punkturteil und sogar die Kampfbeschreibung der Universum-Presseveröffentlichung ( Grigorian, der von seinem unermüdlich angreifenden Herausforderer oftmals in starke Bedrängnis geriet... ) sprechen eine andere, erfreulich differenziertere Sprache.
Eine Sensation gab es dann auch noch in Braunschweig, von der das ZDF es aber nicht für nötig hielt, auch nur eine Sekunde zu zeigen oder sie auch nur zu erwähnen. Armand Krajnc , der frühere WBO-Champ im Mittelgewicht, wurde von seinem russischen Gegner Sergey Tatevosyan in der siebten Runde ausgeknockt. Der ehemalige Champion der WBO im Mittelgewicht ging im Laufe des Kampfes viermal zu Boden.
Die weiteren Ergebnisse: Stipe Drews besiegte Faustino Gonzalez im Halbschwergewicht über acht Runden nach Punkten, Adnan Catic alias "Felix Sturm" knockte den völlig überforderten Terry Tock im Mittelgewicht bereits in der ersten Runde aus und Konstantin Onofrei siegte über 6 Runden einstimmig nach Punkten gegen Sunday Abiodoun im Schwergewicht. Turhan Altunkaya kassierte gegen den Polen Andrzej Witkowski seine erste offizielle Niederlage als Profi.
So verlief eine sportlich gelungene, aber von der Präsentation her unerfreuliche Boxnacht. Es kann nicht im Sinne des Veranstalters Universum sein, dass der Hauptkampf des Abends, bedingt durch die Ausstrahlung des ZDF-Sportstudio's, erst nach 23:30 Uhr beginnt. Dies ist genausowenig im Sinne der Boxfans vor dem Bildschirm, wie auch die knappe Zusammenfassung des zweiten Hauptkampfes (immerhin eine Weltmeisterschaft). Das ZDF muss sich fragen lassen, warum nur der Hauptkampf live und in voller Länge gezeigt wird und dem Rahmenprogramm des Abends (so u.a. der Knockout-Niederlage von Armand Krajnc) so wenig Beachtung geschenkt wird. Der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz gelingt dies bei der Übertragung der Kämpfe aus dem Sauerland-Stall bislang weitaus besser. Dort bekommt der Boxfan regelmässig zwei Kämpfe in voller Länge, sowie eine umfassende Rahmenberichterstattung geboten.