Kampfberichte Kampfbericht
Dariusz Michalczewski vs. Julio Cesar Gonzalez
Es sollte ein Abend der Rekorde werden. Geschichte sollte geschrieben werden, der große Name Rocky Marciano (49-0-0) geisterte schon seit Wochen durch die Presse. Man wollte sich ein für allemal in der Hall of Fame verewigen... doch es kam ganz anders.
Am vergangenen Samstag verlor der WBO-Weltmeister im Halbschwergewicht Dariusz Michalczewski ( Foto links, BP-Nr. 2 ) seinen 49. Kampf und die 24. Titelverteidigung in der fast ausverkauften Color-Line-Arena in Hamburg gegen den Mexikaner Julio Cesar Gonzalez ( BP-Nr. 5 ) in einem spannenden Kampf mit unerwartetem Ende: einer Split Decision für und nicht gegen den Gastboxer, der außerdem noch Herausforderer für den WBO-Titel war.
Bereits in der ersten Runde wurde überdeutlich, dass sich der Mexikaner hervorragend auf den Stil des Weltmeisters eingestellt hatte. Seine Meidbewegungen boten dem Polen kein stehendes Ziel, so dass dieser seine gefürchtete Führhand kaum effektiv einsetzen konnte. Der Weltmeister selber kämpfte zwar im Vorwärtsgang, bewies jedoch leider wieder einmal eklatante Deckungsschwächen. Selbst ideenlos geschlagene direkte Geraden des Herausforderers fanden ungehindert ihr Ziel am Kopf des Danzigers, was bereits in der ersten Runde zu einer leichten Schwellung an seinem linken Auge führte.
In der zweiten Runde öffnete ein unabsichtlicher Kopfstoß des Herausforderers einen Cut am leicht geschwollenen linken Auge des Polen. Die vielen Kämpfe und die Deckungsschwächen des Universum-Kämpfers sind offensichtlich nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Auch viele der letzten Titelverteidigungen des WBO-Champions wurden aufgrund seiner Cutanfälligkeit blutige Angelegenheiten. Nach dem Cut änderte sich der Stil des Mexikaners. Er konzentrierte sich auf die rechte Gesichtshälfte seines Gegners, ging öfter zum Körper und wich mehrmals einem Infight durch Abducken aus. Dies geschah zeitgleich mit einigen harten Schlägen, die der Herausforderer in dieser Runde hatte einstecken müssen. Es war daher nicht ganz klar, vor wem oder was Gonzalez mehr Furcht hatte: Den Schlägen des Tigers oder dem WBO-Kampfgericht, das sehr schnell einen bereits im Vorfeld von Experten befürchteten Abbruchsieg, eine Disqualifikation oder gar ein „technisches Unentschieden“ hätte entscheiden können.
Die zweite Runde ging somit an den WBO-Weltmeister ( Foto, mit Graciano Rocchigiani ), was auf dem BoxingPress-Punktezettel wieder zu einem Gleichstand führte. Auch in der dritten und vierten Runde blieb der Mexikaner - wie sich später herausstellen sollte - weit unter seinen Möglichkeiten. Er schlug so gut wie überhaupt nicht auf die Cutverletzung Michalczewskis, zog viele seiner Schläge nur halbherzig durch, wich Infights aus und ging viel zum Körper. Offenbar hatte er nicht nur seinen Gegner, sondern auch die internationalen Meisterschaftskämpfe in Deutschland der letzten Jahre gut studiert.
Ab der fünften Runde gab der Herausforderer deutlich Gas. Er schlug variabler, zielte jetzt auch auf das verletze linke Auge seines Gegners und legte mehr Gewicht in die Schläge. Es scheint also wahrscheinlich, dass der Mexikaner bis dahin einem technischen Unentschieden ausweichen wollte. Gonzalez traf häufiger, der Champion schlug jedoch kräftiger, was sich bei den wenigen Treffern auch gleich bemerkbar machte. Der Mexikaner steckte Treffer weit schwieriger weg als der „Tiger“.
Im letzten Drittel des Kampfes machten sich beim Herausforderer früher Ermüdungserscheinungen sichtbar. Die Deckung hing immer tiefer, die Schläge wurden etwas langsamer und auch die Workrate wurde geringer. Er blieb aber dennoch präziser in seiner Trefferquote. Der Champion fand immer noch kein wirkungsvolles Mittel gegen diesen für ihn sehr unbequemen Mann aus Kalifornien. Ob die vielen geschlagenen Luftlöcher an der schlechten Sicht des Tigers oder an den Meidbewegungen des Herausforderers lagen, ist nur schwer zu sagen. Tatsache jedoch ist, dass man die Linke Michalczewskis selten so wirkungslos sah wie in diesem Kampf. Selbst Universum-Chef Klaus-Peter Kohl ( Foto ) hatte man kaum einmal so verzweifelt erlebt. Er schrie und tobte mit sich überschlagender Stimme: „ Aufwärts! Aufwärts! Du musst mehr tun! “.
In der Rundenpause zur neunten Runde wirkte der WBO-Champion das erste Mal desorientiert und stellte sich in die verkehrte Ecke. Seine Beinarbeit wirkte in den letzten Runden hölzern. In der Rundenpause zur zehnten Runde wurde der Champion gar vom Ringrichter in die richtige Ecke geschoben. Selbst Universum-Chaftrainer Fritz Sdunek fragte seinen Schützling besorgt: „ Dariusz, bist Du okay? “
Trotz beharrlichem Vorwärtsgang, kraftvoll durchgezogenen Schlägen und der sichtlich besseren Kondition war Michalczewski nicht in der Lage, seinem Gegner Wirkungstreffer beizubringen, die sich noch in der letzten Sekunde kampfentscheidend hätten auswirken können. Es blieb auch in der letzten Runde beim gleichen Strickmuster: Gonzalez traf einfach viel häufiger, präziser, wenn er dabei auch keine Wirkungstreffer erzielen konnte und blieb leichtfüßiger auf den Beinen.
Die Punktrichter werteten den Kampf wie folgt:
Mike Glienna (USA): 116:112 (Gonzalez) Harry Davis (Kanada): 116:112 (Gonzalez) Joachim Jacobsen (Deutschland): 115:113 (Michalczewski)
Nach dem Kampf zeigte sich Dariusz Michalczewski als fairer Sportsmann und guter Verlierer. Er bedankte sich bei den Fans und ließ keinerlei Groll erkennen. Auch ließ er nicht den Eindruck aufkommen, er fühle sich ungerecht behandelt, sondern gratulierte seinem Gegner und dessem Trainer.
Der im Publikum anwesende Graciano Rocchigiani ( Foto ) hingegen vermutete wieder einmal Schiebung und Betrug. Für ihn hatte der nun Ex-WBO-Champion nicht eine Runde gewonnen und der Kampf hätte aufgrund der Desorientierung Michalczewskis schon früher abgebrochen werden müssen. Seine Abneigung gegen den Polen dürfte aber eher persönliche Gründe aus der Vergangenheit haben.
Es stellt sich nun die Frage, wie es mit dem „Tiger“ weitergehen soll. Es zeigte sich an diesem Abend, dass ein beharrlicher Vorwärtsgang, eine immer noch außergewöhnlich starke Kondition und gute Nehmerfähigkeiten manchmal eben nicht genug sind. Es ist ungewiss, inwiefern und in welchen Bereichen Michalczewski noch zulegen kann. Ein Rückkampf gegen Gonzalez ist zwar keineswegs aussichtslos, aber auch nicht mit den bisherigen Mitteln zu bewältigen. Eine neue Strategie müsste her. Die Cutanfälligkeit des Tigers hingegen nimmt von Kampf zu Kampf zu, was ihm die Sache bestimmt nicht leichter machen wird.
Es bleibt abzuwarten, wie Michalczewski und das Universum-Management entscheiden, jedoch scheint eines klar: Die Tage des attraktiv kämpfenden Dariusz Michalczewski, der seinen Fans und der Boxwelt einen Kampf gegen Roy Jones Jr. ( Foto ) leider schuldig geblieben ist, sind so oder so gezählt. Vielleicht wäre ein letzter Sieg gegen einen Gegner aus der zweiten Reihe ebenfalls ein würdiger Abgang, auch ohne sich dabei unbedingt mit Rocky Marciano auf eine Stufe stellen zu wollen. Die sportlichen Erfolge und attraktiven Kämpfe des Polen sind auch so unbestritten.